Schuber

Ich bin mir nicht sicher, ob die anderen mehr gelesen hatten als ich, ob sie mehr kannten, als dieses eine Gedicht, das auf dem Schuber gedruckt war. Im Schnee. Ich selbst kannte nur das eine damals, wenn überhaupt, nicht mehr, damals nicht, jetzt schon. Aber, was heißt schon kennen? Kenne ich etwas oder jemanden wenn ich dessen Namen weiß? Und was muss ich noch über es oder ihn wissen? Nichts vielleicht, oder auch etwas, von dem ich nicht weiß, dass ich es wissen muss. Und besteht der Zauber nicht in der Unkenntnis, also in der Begegnung, im Kontakt mit einer Kenntnis, die noch nicht die meine ist? Wahrscheinlich mochte ich damals deshalb Bücher in Schubern. Außerdem kamen sie mir edel vor. Ein Inhalt, den es zu schützen gilt mit herausragenden Mitteln. Ein Paperback hätte es nicht getan, auch kein Schutzumschlag. (Später dann die Ernüchterung: Schuber und Schutzumschlag seien Gratisbeigaben des Verlages, sagte der Verkäufer im Buchladen in der Warschauer Straße/Berlin Ost, als wir Rabatt verlangten, weil der Schuber fehlte und der Schutzumschlag eingerissen war. Es ging um ein großformatiges Buch über Majakowskis Rosta-Fenster, das mein Kumpel trotz der Rabattverweigerung des Händlers kaufte, um es mir zum Geburtstag zu schenken. Da steht es.) Aber zurück zum ersten Buch, dem mit dem Schuber. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich die einzelnen Teile heraus bekommen hatte. Ein oder mehrere Jahre und dann lagen sie erst einmal herum. Ok. hin und wieder betrachtete ich eine Tuschzeichnung von Egon Schiele, bzw. deren Reproduktion. Ein magerer Männerkörper, fast am Verhungern und wahrscheinlich resultierte meine Faszination dafür genau aus jener Versehrtheit. Eine Versehrtheit, die ich nicht kannte, oder nur vom sehen kannte, von Bildern, die mir gezeigt würden, um mein Mitleid zu erregen, oder die mein Mitleid erregten, obwohl sie es gar nicht sollten. Aber Schieles Bilder erregten mein Mitleid nicht, sollten es nicht, waren würdevoll. Würde? Mittlerweile habe ich mich sattgesehen. Etwas später, (Jahre?) kaufte ich eine ähnliche Kasette mit Texten und Bildern von Bruno Schulz, auch im Schuber. Es kommt mir plötzlich vor, wie eine Schuberzeit, als wollten sich die Ereignisse um diese Pappen herum gruppieren. Zurück zu Tralkl und Schiele. Eine knapp bemessene Hülle, aber ziemlich kompakt, in der die Bücher eher klemmten als steckten. Ich weiß nicht, ob ich dieses Gedicht (Im Schnee) kannte, weil ich es gelesen hatte, vom Schuber abgelesen, im Buch danach gesucht hatte, oder irgendwo anders gelesen, vielleicht ist es mir aber auch aufgesagt worden, lange bevor ich das Buch gekauft hatte, von einem Angetrunkenen am Nachbartisch rezitiert, während der Kellner mit einer kleinen Bürste die Asche von der Tischdecke entfernte (sehr akkurat, wie es nur mit dieser speziellen Bürste möglich war), Asche die aufgrund ihrer Leichtigkeit nie vollständig im Aschenbecher landete. Die Bücher steckten in Schubern und die Tische in den Kneipen hatten Tischdecken. Weiße! Ich sah dem Kellner zu und hörte gleichzeitig auf das Gedicht, das zu mir herüberklang stoßweise die Verse eher versehentlich als Verse gesprochen. Aber Stoßseufzer waren es nicht. Im Gegenteil. Man hörte, dass der Sprecher schon einiges getrunken hatte, und dass er sich Mühe gab, den Alkoholpegel auszugleichen. Aber statt deutlicher zu artikulieren, wurde er nur immer lauter und die Luft, die er angestrengt zwischen seinen Lippen herauspresste, wurde von Speicheltropfen begleitet. Ich hörte es, ich hörte die Tropfen wie einen entfernten Regen, oder ich bilde mir nur ein, dass ich sie hörte. Ich hätte es nicht sehen mögen. Im Schnee. Regen eher. Und wahrscheinlich ist auch erst November gewesen. Das Schuljahr in vollem Gange, die Zeit aber, die noch kommen sollte, schien endlos, selbst in diesem Jahr. Endlos bis zum Abitur. Das mir letztlich auch nichts nützte, denn ich hatte mich für einen langen Wehrdienst verpflichtet, wollte der Schuber des Sozialismus sein, eine Gratisbeigabe der Geschichte im Weltbuchhandel. Die Anwesenheit der Texte in Büchern war mir damals eher ein Versprechen, das in eine lichte Zukunft wies. Du wirst lesen! Gut. Noch war es eher anstrengend, weil ich oft den Faden verlor und mein Verständnis vom Verstehen sich eben an den Fäden ausrichtete, die angeblich die Bücher durchzogen. Sicherungsseile. Wegmarkierungen. Ich werde lesen, da wir alle, also meine Freunde und ich, dieses Buch besaßen, vielmehr diese drei Bücher: Schiele Fühmann Trakl. Klar: wir sind visuell geprägt, könnte man jetzt behaupten, aber ich glaube, mein Geist hatte damals eben nicht die Zeit, sich wie eine Glucke auf den Texten niederzulassen und Sinn auszubrüten. Grauer Schuber, braunes Leinen. Ich könnte nachsehen, aber ich habe mir vorgenommen, aus der Erinnerung zu berichten. Also ganz sicher: grauer Schuber, braune Schrift und braunes Leinen: Der Wahrheit nachsinnen, viel Schmerz. Ich weiß auch nicht, ob ich in Erfahrung brachte, wie dies mit dem Ende zusammenhing: der Mondnacht, der bleichen Göttin, aber der Ausdruck hatte mich (wie soll ich sagen?) nachhaltig erschüttert. Trakl for ever! (Ah. So ist das mit dem Wissen: man muss es in Erfahrung bringen. Je mehr ich über diesen Ausdruck nachdenke, umso unheimlicher wird er mir, und umso mehr Dinge fallen mir ein, die ich aus meiner Erfahrung liebere heraushalten wollte. Viel Schmerz. Und wir pflanzten einen Baum vor das Schulhaus, in dem wir nie einen Text von Trakl präsentiert bekommen hatten und zitierten im kleinen Chor (Thomas, Thilo und ich) diese Verse. Vielleicht war das der Anfang, oder er liegt länger zurück, in einer Bauschuttphase der Erinnerung, begraben unter Texten, die es nicht Wert sind, an dieser Stelle erwähnt zu werden, die ein anderes Thema verlangen, ein anderes Tempo, einen anderen Text, irgendetwas Politisches im engeren Sinn. Nach Jahren kam ich zufällig an diesem Chemnitzer Schulhof vorbei, mit dem Schulgebäude, das inzwischen gute dreißig Jahre auf dem Buckel hatte, das also etwas jünger war als ich selbst und dennoch wie provisorisch in der Gegend herumstand.

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