zum experiment

thesen zum experiment:

entweder ist jedes kunstwerk experimentell, oder keines

ich tendiere zu letzterer annahme, denn ein experiment setzt die möglichkeit eines scheiterns voraus, was ein künstler aber präsentiert, sieht er nicht als gescheitert an.

„experimentell“ ist nicht das gegenteil von „konventionell“

ein experiment setzt eine these voraus, die durch das experiment überprüft wird, verifiziert oder falsifiziert.

beides macht kunst nicht (auch die dichtung nicht)

die kunst bedient sich verfahren. ist verfahren. tradiert oder neu

was uns bisweilen als experimentell scheint, ist die sprödigkeit, die in unserer wahrnehmung angesichts eines neuen verfahrens entsteht, sie verschwindet in der gewöhnung.

wenn etwas aus der zeit gefallen ist, kann ein altes verfahren gleichermaßen irritieren wie ein neues

was uns als experimentell erscheint, ist also gestörte gewohnheit oder irritiertes ästhetisches empfinden.

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19 Antworten zu zum experiment

  1. umtriebe schreibt:

    und andernseits ist schreiben doch auch ein erkunden, bei dem man oft nicht weiß, worauf es hinausläuft, welche ergebnisse es zeitigt – das macht es ja interessant …

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      aber es kommt immer im text an

      • umtriebe schreibt:

        das ist doch bei physikalischen oder chemischen experimenten nicht anders, deren resultate verbleiben auch im jeweiligen kontext …

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        aber dort werden aussagen, thesen, die dem experiment vorausgingen verifiziert oder falsifiziert. das experiment ist ein instrumenteller zugriff auf das material.

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        kunst ist aber freiheit. das heißt nicht, dass der künstler nicht esperimentiert, aber nur sein gelungenes erscheint im produkt.

      • werkmaschine schreibt:

        ich habe den verdacht, dass der fokus auf das fertige produkt gedicht irgendwie die rezeptionsdimension vergessen macht, mir will nämlich scheinen, dass es, wenn man auch den diskursiven kontext, in dem ein gedicht steht, als zum gedicht gehörig versteht, durchaus gedichte gibt, die, selbst wenn man (wie das, wenn ich mich jetzt nicht täusche, auch ron silliman irgendwo tut) die enge naturwissenschaftliche definition als massstab nimmt, als experimentell gelten dürfen – experimentell ist ein gedicht, das lesegewohnheiten testen will. als beispiel eines gescheiterten experiments (nb gerade weil die gedichte als gedichte nicht scheitern) drängt sich mir etwa ern malley auf (die these übrigens, dass „experimentell“ nicht das gegenteil von „konventionell“ sei, scheint mir durch dieses beispiel, da es sich um gemäss einer konvention verfasste gedichte handelt, bestätigt zu werden).

  2. muetzenfalterin schreibt:

    vielleicht geht es nur um den unterschied zwischen dem experiment als ergebnis und dem zustand des experimentierens, als etwas erkunden, versuchen, zweifeln und in frage stellen. in dieser hinsicht verstehe ich experimentieren (so verstanden, als zweifeln und ausprobieren, erkunden) als grundsätzlich für jede art von kunst, wobei ich dir naturgemäß recht gebe, dass für gewöhnlich lediglich, die als geglückt verstandenen ergebnisse einer weiteren öffentlichkeit präsentiert werden.

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    das stützt eventuell den ersten teil der these, die als alternativansatz behauptet, dass alle kunst experiment ist. hier wird das verhältnis von der produktionsseite her betrachtet. das heißt es gibt vom moment der arbeitsaufnahme an keine gewähr für das gelingen. insofern ist jede prodution ein test des spezifischen verfahrens, das zum werk führen soll.
    aber auch dieser gedanke lässt eine gattungsteilung in experimentelle und nichtexperimentelle kunst nicht zu.
    das experiment im naturwissenschaftlichen sinn zeitigt aber immer ein ergebnis.

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    werkmaschine: aber kann denn eine rezeption getestet werden. sie ist nicht wiederholbar. und gerade ein experiment zeichnet sich (auch) durch wiederholbarkeit aus. das experiment setzt den rahmen fest. das gedicht entspringt dem diskurs den es umbildet

    • werkmaschine schreibt:

      ev. könnte ich mich retten, indem ich behaupte, dass das experiment selbst durchaus wiederholbar ist, reproduzierbar sind nur die ergebnisse nicht, d.h. rezeption kann getestet werden, es lassen sich bloss keine rezeptionsgesetze ableiten.

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        worin aber besteht dann der test? wenn wiederholbarkeit unmöglich ist, gibt es nur einen versuch. außerdem ändert sich ja die diskursive umgebung. ein text wird immer anders aufgenommen oder verstanden. er braucht, ist er erstmal veröffentlicht, keinen autor mehr, um sich zu verändern im veränderlichen kontext. wer wäre also das souverän des experimentes.

  5. Clarknova schreibt:

    vielleicht bedienen wir uns einfach eines heuritischen tricks und trennen das „wissenschaftliche experiment“ vom „ästhetischen experiment“.
    demnach verstehen wir also wiss. experimente als wiederholbare versuchsanordnungen, die auf ein erkenntnisinteresse angerichtet sind/sein können, deren ausgang aber unbestimmt ist.
    ein ästhet. experiment stellt einen gegenentwurf zu konventionellen darstellungen in der kunst dar. was nicht ausschließt, dass eine experimentelle darstellung durch eine abfolge von ergebnisoffenen versuchen (i.s.d. wiss. experiments) erreicht werden kann.
    ist doch ganz einfach, oder? 😉

    • Clarknova schreibt:

      es muss natürlich „heuristischer trick“ heißen.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      aber das was du ästhetisches experiment nennst kommt doch nur in unserem diskurs, weil es ästhetischen genuss erzeugt, und deshalb schon gelungen ist.
      ein experiment folgt einer formalen, also wiederholbaren anordnung und zeitigt vergleichbare ergebnisse.
      esperimentelle kunst aber versucht sich verbal abzusetzen, nicht inhaltlich.

      • lyrikzeitung schreibt:

        experimentelle kunst ist meistens nicht selbst- sondern fremdzuschreibung. wenn man irgendwie probleme hat nennt mans experimentell.

  6. lyrikzeitung schreibt:

    wenn das werk „die totenmaske der konzeption“ ist, kann das experiment auch schiefgelaufen sein

  7. lyrikzeitung schreibt:

    „das ist mein leben, mit dem ich experimentiere“ (bert papenfuß)

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      das hat carlfriedrich claus auch gesagt (notizen zur experimentellen Arbeit) aber gerade diese beiden autoren sind ja beispiele dafür dass die produkte, wiewohl man sie im feld iherer produktion (als lebenexperiment) betrachten kann, jenseits des versuchsfelds ein eigenleben entwickeln. es ist aber eine spannende frage ob wir es innerhalb des labors mit einem anderen werk zu tun hat als außerhalb und wie sie sich unterscheiden.

  8. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    man stilisiert sich aber auch gern. experimentell funktioniert als abgrenzung in beide richtungen

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