Walter Benjamins erste Geschichtsthese

Es ist ein Prozess. Wie oft habe ich diese Thesen gelesen. Zum ersten Mal bin ich in den Achtzigern darauf gestoßen. Ich liebte sie. Fand sie schön, auch wenn mir die erste stets uverständlich blieb. Ich hätte sie nachzeichenen können, aber nicht nachdenken. Trotz dieser These war mir der historische Prozess immer als ein mechansischer Ablauf erschienen, wie der Schachautomat also. Den Zwerg betrachtete ich immer als putziges Accessoir. Langsam beginne ich zu verstehen, zumindest hatte ich gerade eben, als ich an meinen Krücken durch die Gegend hinkte, dieses Gefühl. Vielleicht muss man etwas von diesem Zwerg haben, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Es muss etwas mit der Lektüre von Lew Schestows SIEGE UND NIEDERLAGEN und Jacob Taubes‘ ABENDLÄNDISCHE ESCHATOLOGIE  zu tun haben, dass sich da etwas in mir klärt.

Über den Begriff der Geschichte

I
Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ´historischen Materialismus´ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.
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