Sonnenblumenkerne

aus:

Platon und die Spülmaschine

Sonnenblumenkerne

Ich wurde einfach in die Eigenschwingung der Arbeit versetzt und bin ihres verborgenen Gesetzes im Grunde gar nicht mächtig. Martin Heidegger

Mit acht Jahren war ich mit meinen Eltern in den Sommerferien in Bulgarien. Wir hatten Freunde in Varna, bei denen haben wir gewohnt haben und sind köstlich verpflegt worden, mit bulgarischen Würsten, Salat und jeder Menge leckeren Melonen. Hinterm Haus war ein kleiner Stall, in dem ein Esel stand. Morgens packten wir meist Joghurt, Brot und Melonenstücke in eine Kühltasche und gingen zum Strand. Es gab einen breiten Sandstrand in Varna, und das Schwarze Meer war meist sehr ruhig. Ich konnte durchs seichte Wasser waten und nach Schnecken, Muscheln und anderem Getier suchen, das ich in einem kleinen Plastikeimer sammelte. Manchmal fand ich einen Einsiedlerkrebs, der im Gehäuse einer Schneckenmuschel wohnte. Dann freute ich mich.

Da wir, zumindest meinten das meine Eltern, nicht jeden Tag am Strand herumliegen, Eis essen und Limonade trinken konnten, unternahmen wir kleine Exkursionen durchs Land. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wo wir überall waren, ich hätte die ganze Zeit am Strand bleiben können. Es störte mich eher, wenn ich morgens in unseren Trabant steigen und mit meinen Eltern zu irgendeinem Kloster fahren mußte.

Es war heiß in Bulgarien. Die Luft im Auto wurde bald stickig, und da mein Vater Angst hatte, daß wir uns im Zug erkälten könnten, blieben die Fenster zu.

Die Bulgaren, die an uns vorbeifuhren, hatten anscheinend keine Angst, sich im Zug zu erkälten. Sie fuhren Moskvitsh oder Lada, hatten alle Fenster heruntergelassen und ein Handtuch über die gebräunten Schultern gelegt.

Einmal fuhren wir zum Kap Kaliakra. Es befindet sich an einer zerklüfteten Steilküste und auf die Klippen hatten die alten Bulgaren eine Burg gesetzt, um sich gegen die Osmanischen Eroberer zu verteidigen. Die Burg nützte ihnen wenig und fiel bald in die Hände der Türken, die sie zerstörten. Heute ist die Ruine ein beliebtes Ausflugsziel mit einem recht teurem Restaurant. Von den Klippen könne man Delfine beobachten, hatten meine Eltern gesagt, und ich war deshalb nicht allzu ungern mitgekommen.

Wir hielten auf einem kleinen Parkplatz vor der Ruinenanlage. Ich hatte es eilig, sprang aus dem Auto und lief schnell zum äußeren Rand der Burg, um auf das Meer schauen zu können. Da stand ich nun, nirgends war Schatten, und das Meer lag unter mir, dunkel, an manchen stellen fast schwarz. Auf den kleinen Wellen gab es hier und da kleine Schaumkronen, nur Delfine waren keine zu sehen.

„Wo sind denn nun die Delfine?“, fragte ich meine Eltern, die mir langsam nachgelaufen waren. Mein Vater zuckte mit den Schultern. „Die kommen schon,“ sagte meine Mutter. Wir standen da und schauten; die Delfine kamen nicht.

„Ich warte am Auto,“ sagte ich nach einer halben Stunde. Meine Eltern wollten sich noch etwas umschauen, die steinernen Kanonenkugeln betrachten und wahrscheinlich über die Osmanen oder irgend etwas anderes nachdenken. Enttäuscht ging ich zum Parkplatz zurück und setzte mich auf einen flachen Stein neben unserem Auto.

Gegenüber lehnte ein Taxifahrer an seinem Wolga. Er hatte sich ein Handtuch über den Kopf gelegt, sah wie ein Beduine aus und aß Sonnenblumenkerne. Es war erstaunlich. Er warf sich ein paar Kerne in den Mund, kaute etwas und spuckte dann die Schalen aus, und zwar nur die Schalen. Irgendwie gelang es ihm, die Dinger im Mund von den Kernen zu lösen. Nach einer Weile kam ein recht nobel gekleideter Mann, dunkle Hose, weißes Hemd, das schwarze Sakko trug er über dem Arm, und setzte sich auf die Rückbank des Wolga. Der Taxifahrer stieg ein, warf sich noch ein paar Sonnenblumenkerne in den Mund und fuhr davon. Ich sah ihm nach. Die Schalen spuckte er durchs offene Fahrerfenster.

Als er weg war, ging ich dahin, wo er vorher gestanden hatte. Tatsächlich lagen da nur die Schalen der Sonnenblumenkerne.

Meine Eltern kamen, und ich bat sie, mir an dem kleinen Stand am Rande des Parkplatzes eine Tüte Sonnenblumenkerne zu kaufen. Sie hatten nichts dagegen und mit einer kleinen Tüte, die aus Zeitungspapier gefaltet war, stiegen ich ins Auto. Wir fuhren mit geschlossenen Fenstern davon.

Ich steckte mir ein paar Sonnenblumenkerne in den Mund. Es schmeckte salzig. Mit den Backenzähnen knackte ich sie. Außer den Schalen allerdings zermalmte ich auch die Kerne und so daß ich ein hartes ungenießbares Gemisch aus Kernen, Schalen und Speichel im Mund hatte.

Ich spuckte das Zeug in meine Hand, die Schalen schmeckten bitter. „Wo soll ich das hintun“, fragte ich meine Mutter und hielt ihr das kleine Häufchen, das auf meiner Handfläche lag, vor die Nase. Mein Vater ließ sich überreden für einen kurzen Moment das Fenster zu öffnen. Dazu hielt er am Straßenrand und ich warf die angekauten Sonnenblumenkerne samt zerstückelter Schalen aus dem Auto.

Als wir wieder fuhren, versuchte ich noch einmal, einen einzelnen Sonnenblumenkern im Mund zu schälen. Es gelang mir nicht. Ich ließ daß bißchen Brei, daß dabei entstand, unter den Autositz fallen und puhlte dann mit den Fingern die Kerne aus ihrer Schale. Da die Fenster geschlossen waren, legte ich die Schalen zurück in die Tüte. Nach sieben oder acht Sonnenblumenkernen ließ ich mir von meiner Mutter ein Salamibrötchen geben.

Der einzige Delfin übrigens, den ich in diesem Urlaub zu sehen bekam, hatte sich bei einem aufziehenden Gewitter ganz nah an den Strand von Varna gewagt. Ich stand reglos neben unserem Sonnenschirm und sah, wie sich seine Rückenflosse aller paar Sekunden aus dem Wasser hob.

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