Reim

Ich sehe mich bei der Übersetzung einiger russischer Gedichte mit dem Reim konfrontiert, und zwar nicht mit der verschämten Form des Binnenreims, der hier und da als Zeichen großer Eleganz betrachtet wird, sondern mit knallhartem Endreim. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese russischen Gedichte unelegant wären. Vielmehr holpern meine Übersetzungen, was eine Entscheidung verlangt. Zunächst habe ich auf den Reim verzichtet, nur dem Sinn nach übersetzt: aber auch die Form ist ein Sinnspeicher, und ich versuchte in der Überarbeitung, den Reim in die Übersetzung zu retten, was einerseits zu Kosten des Wortsinns ging, aber andererseits dem Kunstsinn (wenn man das so sagen kann) entgegenkam. Wahrscheinlich sollte man zuletzt alle Varianten präsentieren. Vielleicht ist ja diese Sinnverschiebung ein Vertändnisgewinn.

hier ein Beispiel

das Original ist Igor Bulatoysky:

  • Вот оно и оказывается:
    говорить проще, чем подумать просто.
    Прозой и ты, оказывается,
    говоришь, но с прозы теперь и спрос-то
    невелик. А думать — что Пушкина
    черновик: смотри, золотая рыбка
    в эти водоросли запущена,
    как систематическая ошибка.

erste Variante

  • Dort hakt es und es bleibt dabei:
    Gesagtes einfach wie gedacht,
    ist Prosa, und was du auch sagst,
    in Prosa bleibt doch das Verlangen
    klein. Und zu denken – Puschkin
    habe Tiefe: schau die Goldfischlein,
    in diesem Gewirr aus Algen
    sind sie systhematische Fehler.

zweite Variante

  • Schau, ich sags dir ein für immer:
    sagt man’s so hin, wie man es denkt
    ist ’s Prosa, und bleibt Prosa, nimmer
    wächst aus der Prosa dies, geschenkt,
    Verlangen. Und Puschkin, in Gedanken
    hat Tiefe, sieh, wie diese Schwimmer,
    die golden Fischlein in den Algenranken.
    Systemfehler sind es, nur Schimmer.
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12 Antworten zu Reim

  1. Rainer Rabowski schreibt:

    Spontan:
    Also in der ersten Variante das „hakt es / Gesagtes“ finde ich doch sehr elegant – es scheint eine Kurzform überhaupt des zu sagen Versuchten. (Bin aber nicht sicher, was gemeint ist: Was das Bild mit den Algen und dem Fischlein bezweckt geht mir zwar ungefähr auf, aber in Zusammenhang mit den behandelten Text/Formen finde ich es eher nicht gelungen.

    Und zu den Reimpaaren immer – nimmer / Schwimmer – Schimmer (die also allzu überraschungslos sind) fällt mir gleichfalls nur das Erwartbares ein: Sie scheinen mir allzu erwartbar.

    Das Wort System (und was dran hängt) finde ich reizvoll, und, kann es aber auch in der ersten Variante nicht ganz integrieren, macht es doch wach und die Sache hell.

    Das zweimal „Prosa“ ist für mein Gefühl reizvoll. Allerdings müsste es auf das Wort „Fehler“ meinen Anklangsnerven nach irgendeinen Binnen-Response geben – es steht da etwas arg vorwurfsvoll „über“ und allein.

    (Ich muss allerdings zugeben, dass mir Endreime sowieso oft zu konventionell erscheinen – außer, wenn es mit ihnen ein eigenes Spiel gibt, etwa bei dem gescholtenen, aber eben darin doch meist einfallsreichen Rühmkorf.)

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    danke, es geht mir ähnlich, dennoch würde ich gern den reim transportieren.
    vielleicht als anklang hin und wieder

  3. Bernd Lüttgerding schreibt:

    Könntest Du eine Interlinearübersetzung dazusetzen? Dann würden auch jene, die kein Russisch können, mitüberlegen…
    Die 2. Version verstehe ich inhaltlich besser; „ein für immer“ allerdings ein bißchen zu vergewaltigt. Und „Systemfehler“ ist ein Wort, daß sich glaub ich nur sehr selten einem Versrhythmus einfügt… — Aber wie gesagt, anhand einer Interlinearübersetzung könnte man konstruktiveres sagen..

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    dort ist es und bleibt dabei
    einfach sprechen wie denken ist prosa
    und du sprichst prosa, es bleibt dabei
    jetzt ist die nachfrage nach prosa
    klen. aber denken – nach puschkins
    entwurf – sieh die goldfische
    die zwischen algen ausgeführt werden
    als systematische fehler.

    im grunde müsste man aber noch ein klangbild liefern, und varianten
    ,

  5. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    der text ist bestandteil eines aus vierzig teilen bestehenden textes/zyklus an dem ich mich versuche. zuerst ungereimt, dann gereimt, im letzten durchgang habe ich versucht auf rhythmisierende füllwörter zu verzichten.

  6. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ich such auch noch eine treffende übersetzung des titels:
    квадратики/ kwadratiki klar läge quadrate nahe, aber es handelt sich um rechteckige innerstädtische plätze (ähnlich dem karlsplatz in berlin)

  7. Bernd Lüttgerding schreibt:

    kwadratiki funktioniert also ähnlich wie englisch „square“? – Vielleicht wäre „Gevierte“ ein Kompromiss. Aber Quadrate fände ich auch nicht schlecht; man denke an die Mannheimer Quadrate…
    (Auf die Reime versuche ich mich ein bißchen wacher am Wochenende zu konzentrieren…)

  8. Vera K. schreibt:

    Lieber Jan, aber warum übersetzt Du „Und zu denken – ist wie eine Rohschrift von Puschkin“ mit „Und zu denken – Puschkin habe Tiefe“? Ich muss an dieser Stelle ganz konkret an Puschkins Manuskripte denken. Er hat viel durchgestrichen und viel gezeichnet. Seine Entwürfe sind deshalb nicht nur ein gefundenes Fressen für Philologen, sondern auch optisch sehr schön.

    Hier ein paar Beispiele:


    Ich verstehe das Gedicht so (soweit hier von Verstehen die Rede sein kann): Das alltägliche, prosaische Reden fällt einem leicht, im Gegensatz zum Denken, das eine kreative Leistung erfordert. Das Denken ist wie Puschkins Konzept – die Zeilen sind undurchdringlich wie ein Algenwald, durch die vielen Durchstreichungen ist die lineare Bewegung aufgehoben, und es treffen darin verschiedene Kodes aufeinander, das Sprachliche und das Visuelle (die Zeichnungen, der Goldfisch).
    Der Goldfisch kommt übrigens aus Puschinks Märchen „Vom Fischer und dem Fischlein“
    http://en.wikipedia.org/wiki/The_Tale_of_the_Fisherman_and_the_Fish
    Warum er ein systematischer Fehler ist? Weil er den Einbruch des Märchenhaften in den Alltag verkörpert und die Fehler des Fischers und seines Weibes offenlegt? Aber vielleicht liegt es auch ein bisschen an dem Reim, рыбка — ошибка.

    Ich würde diese Interlinearversion vorschlagen:

    Und es stellt sich also heraus:
    es ist einfacher zu reden, als einfach zu denken.
    Und du redest auch mit Prosa, stellt es sich heraus,
    Aber nun kann man von Prosa nicht viel verlangen.
    Und zu denken – ist wie Puschkins
    Rohschrift: Schau, ein Goldfischlein
    wurde in diese Algen hineingelassen
    wie ein systematischer Fehler.

    Das mit dem Reim ist so eine Sache … Mir gefällt eigentlich Deine gereimte Version (vielleicht weil ich es im Russischen schon so gewohnt bin), obwohl sie sehr weit weg vom Original führt. Aber ob man dem deutschen Gedicht einfach so den Reim wieder aufdrängen kann? Vielleicht geht es gerade bei Bulatovski, weil er eine demonstrativ einfache Sprache hat, die sich oft der Wiederholungen bedient? Er reimt ja schon mal in der 1. und 3. Zeile оказывается auf оказывается.

  9. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    vielen dank, liebe vera, ja die interliniarversion trifft den inhalt natürlich viel besser als meine, die von einer gewissen sturköpfigkeit zeugt. dazu kommt noch, dass jeder der 40 texte aus dem zyklus mit sieh/schau oder hier beginnen muss. ich habe mich in der erstübertragung zuweilen sehr weit vom original entfernt (entfernen müssen) habe aber das gefühl, dass ich mich über reim und schema ihm von hinten gesissermaßen wieder nähere. ich komme allerdings immer mehr zu dem schluss, das die übersetzung im endemble aller möglichkeiten liegt, also eher ein textfeld ist.
    aber ich tendiere auch stark zum reim.

  10. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    aber was das wichtigste ist: es macht mir spass zu reimen

  11. Vera K. schreibt:

    Das merkt man 🙂 Ich hatte ja in der Interlinearversion auch nichts anderes vor, als so nah wie möglich an dem Original zu bleiben. Dadurch habe ich mich natürlich im gewissen Sinne viel weiter davon entfernt, als Du.

  12. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    es ist allerdings auch ganz hilfreich, wenn man jemand mit dem lasso kommt und die ausgebrochnen pferdchen wieder einfängt. 😉
    viellen dank also noch einmal.

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