Broch, Gedichte

so, das Buch ist da, und mit diesem Text beginnt es: (S. 147. ein Gedicht ohne Titel und Jahr, genau die Mitte also.)

Das Überlieferte ist ans Ende gelangt,

es hat aufgehört, des Menschen Spiegel zu sein,

und der Blick, welcher in die blinden Scherben schaut,

erblindet.

Wer in diesen Zeiten sich vom Überlieferten

nicht losreißen kann,

der ist verloren;

wer sich seines Anfangsnicht besinnen kann,

der geht unter.

Spiegellos nackt ist die Welt,

spiegellos du selber.

Aber der Segen der Nacktheit ist inmitten des Grauens

dir geschenkt worden;

einem hilflosen Kinde gleich darfst du täglich

aufs neu

in die spiegellos gewordene Welt schauen,

in ihre aufgebrochene Nacktheit,

und täglich aufs neu verkündet sie dir

deine Wahrheit,

die Wahrheit deines einsamen Sterbens.

das Gedicht als Gegenentwurf per se. Als Gegenentwurf zu Dichtung, Philosophie, Aufklärung und Wissenschaft, und damit das Gedicht als Essenz all dessen. Hier kann man einsetzen.

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5 Antworten zu Broch, Gedichte

  1. mickzwo schreibt:

    Es reicht nicht die Wahrheit zu hören. Oder zu sehen. Man muß die Zeichen verstehen können. (Oder wollen.)

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ich glaube, broch spricht von einer abwesenheit der zeichen, einer leere, die eine deutung nicht ermöglicht. eine abwesenheit der wahrheit auch. das ich ist ganz auf sich zurückgeworfen.
    bei brecht heißt es: „als er alles aufgegeben hatte, blieb ihm nur noch sein leben. gib mehr auf, sagte der denkende.“ Und an anderer stelle: „in seiner kleinsten größe überstand er den sturm.“ texte aus den dreißiger jahren des vergangenen jahrhunderts. die westliche zuvilisation hatte sich als unbrauchbarer schutzschild gegen die barbarei erwiesen.

  3. Rainer Rabowski schreibt:

    Hätte man tatsächlich endlich die Wahrheit – welche auch immer: Wozu dann noch die Zeichen? (Und sogar beim „Sterben“? Wären sie nicht eher nur noch quälerisch?)

    ***

    Ich weiß nicht, heraus welcher Verfasstheit Broch das formuliert hat, aber sämtliche Statements von irgendeinem dräuenden „Ende“ haben sich bisher als allzu Ich-schwere Verfrühtheiten erwiesen. Diese Versuchung „Nullpunkte“ zu setzen (der Zivilisiertheit, der Literatur, der Aufklärung… ) ist doch immer auch ein bisschen selbstherrlich.
    Es geht weiter! Die „Barbarei“ maskiert such nur anderswie.

    (Trotzdem natürlich ein schönes Gedicht. Und diese Nacktheit an der Sache interessierte mich: Dass man sie sich auch wieder als „kindlich“ denken dürfte.)

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    klar dass man des ende des einen nich als ende des gazen fassen kann, aber anerkennung der eigenen endlichkeit gewissermaßen als durchgang. ich bin froh dieses gedicht in der mitte des bandes zu finden und nicht etwa an anfang oder ende.

  5. penwithlit schreibt:

    Reblogged this on penwithlit and commented:
    This poem is not easy to grasp, I think but appears to raise an important question for our times.

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