Schestow, Jabotinski und Bloch

Utopie

Merkwürdigerweise werde ich mich in den nächsten Tagen wieder mit Utopien beschäftigen müssen, und wahrscheinlich auch mit Bloch, den ich oft schon beiseite gelegt habe. Doch Bloch will einfach nicht verschwinden, hält sich hartnäckig unter dem Beschuss der Argumente. Ein Kämpfer. Und wenn auch manche Dinge krude scheinen, in seiner Hegelrezeption zum Beispiel, so macht die Leidenschaft der Formulierung den Irrtum produktiv. Und kein anderer hat leidenschaftlicher über Hegels Philosophie der Religion geschrieben als Bloch in Subjekt-Objekt.

Müssen ist vielleicht das falsche Wort, ind diesem Zusammenhang, aber es drängte sich mir nun einmal mal auf. Vielleicht könnte ich auch etwas ganz anderes machen, vielleicht aber geht morgen die Sonne nicht auf, oder schon heute nicht mehr unter, Letzteres wäre mir im Grunde lieber.

Anlass für die Utopiebeschäftigung sind zwei (mindestens zwei) Bücher, die ich gerade lese und die ich zu besprechen habe (besprechen will und werde). Zum einen Schestows Siege und Niederlagen und zum anderen Jabotinskis Die Fünf. Die Autoren der beiden Bücher haben gemeinsam, dass sie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Russland geboren sind, beide sind Juden und beide sind weitab ihrer Heimat gestorben. Schestow in Paris und Jabotinski in New York. Eigentlich beschreiben beide einen Niedergang, Schestow weniger direkt (schließlich handelt es sich bei ihm vordergründig um Essays zur Literaturgeschichte). In Jabotinskis „Die Fünf“ wird vom Verschwinden eines Lebens in Odessa am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt. Eindringlich und überraschend. Zum Beispiel läßt Jabotinski die Veränderung des Klimas der Stadt sich im Verhalten eines Hausverwalters spiegeln. Diese Passage habe ich gestern gelesen, im Zug von Chemnitz nach Leipzig, und war etwas enttäuscht, als ich von der Lektüre kurz aufblickte und schon das ehemalige Universitätsgebäude sah. Es regnete noch immer.

Wahrscheinlich ist Utopisches Denken das Formulieren des Bewahrenswerten im Untergang und damit wird dieses Bewahrenswerte zumindest als Vorstellung festgehalten. An anderer Stelle kam ich auf Fejtö und Hessel zu sprechen. Auch bei der Lektüre von deren Büchern enteickelte sich eine ähnliche Vorstellung.

Schestow: Siege und Niederlagen. Deutsch von F.P. Ingold. Matthes und Seitz 2013

Jabotinski: Die Fünf. Deutsch von Ganna-Maria Braungardt Die andere Bibliothek 2.Auflage 2013

Bloch: Subjekt-Objekt. Verschiedene Ausgaben. Ich lese in der Ausgabe der Reihe stw.  Suhrkamp Verlag

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5 Antworten zu Schestow, Jabotinski und Bloch

  1. mickzwo schreibt:

    Es gibt Tage (oder Nächte), da muß man sich mit Utopien beschäftigen. Dann wieder gibt es Zeiten, da muß man einfach nach draußen, und da spielt das Wetter nur eine Nebenrolle. So hat eben alles seine Zeit.

    • muetzenfalterin schreibt:

      „Wahrscheinlich ist Utopisches Denken das Formulieren des Bewahrenswerten im Untergang und damit wird dieses Bewahrenswerte zumindest als Vorstellung festgehalten.“ Das klingt für mich resignativer als es vermutlich gemeint ist, oder vielleicht hänge ich auch nur noch immer zu sehr, an einem kruden Fortschrittsgedanken, dass alles neu und besser werden kann.

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        Ich denke, das ohne utopisches Denken keine Bewegung möglich ist. Wir brauchen die Vorstellung des Anderen, um nicht im Gegenwärtigen zu verharren. Aber mit jeder Veränderung verädert sich auch eine mögliche Zukunft. Und mit jedem Verschwinden einer Gegenwart verschwindet auch ihre Zukunftsvorstellung. Wenn wir uns der Geschichte zuwenden, sollten wir auch nach der vergangenen Zukunft/Utopie schauen. Vielleicht zeigt sie ja Alternativen auf, die uns helfen könnten, selbst heutige Alternativen zu entwickeln. Historische Forschung könnte auch Zukunftsforschung sein.

      • muetzenfalterin schreibt:

        Besten Dank für diese schöne Antwort, die mir neue Perspektiven eröffnet. Die Veränderung der Zukunft durch das Verschwinden gegenwärtiger Utopien, in dieser Art und Weise habe ich noch nie über Utopien nachgedacht.

  2. Rainer Rabowski schreibt:

    Anyway … hielte man Fort- oder Niedergänge denn je auf? Für mich liegt die Bewegung zunehmend im Wechsel der Perspektive – je öfter je besser.

    Neulich, bei einem weiteren schnellen Überfliegen mit den Augen, kriegte ich eben noch so mit, wie einer einwandte, dass die, die an Utopien hängen, ja eigentlich immer woandershin streben oder gar schon anderswo sind (in Wolkenkuckucksheimen?) – zumindest sind sie nicht hier. Das brachte sofort einen Moment Gegenwart.

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