Sötzer Outtakes1

Der Zoo im Winter

Spatzen, die durch alle Gitter schwirren und sich am Futter der Exoten dick fressen. Die sibirischen Tiger, die sich angeblich im neuen Gehege wie zu Hause fühlen. Kaum zu sehen. Am Ende der Taiga schien Stötzer sich ein wenig zu langweilen.

Was soll ich im Zoo, hatte er schon gefragt, als ich den Vorschlag unterbreitete. Meine Tochter will hin, sagte ich, und ich fand es fair, dass er uns begleitet, einmal rauskäme aus seinen Kopfkäfig.

Also ein Käfigwechsel. Hatte Stötzer gekichert. Der Zoo, im Winter zumal. Weil dort einiges zusammenkommt, sagte ich, er soll eine Minaturversion der Welt sein, und von Afrika bis nach Sibirien wären es nur ein paar Schritte.

Stötzer bleibt stehen und schaut in die Luft. Meine kleine Tochter aber zieht mich weiter. Wahrscheinlich hatten wir schon zu lange und gedankenversunken vor der Tigeranlage gestanden, und sie hatte kalte Füße bekommen. Denn von den Tieren war in der weittläufigen Anlage kaum etwas zu sehen. „Was dem Tiger guttut, ist für den Menschen noch lange nicht artgerecht.“ sagte Stötzer. Meine Tochter: „Papa Komm!“. „Ich komm ja schon.“ sagte ich. Und Stötzer kommt auch.

Zwischen entlaubten Bäumen taucht das Affenhaus auf. Ich habe das Gefühl, daß die niedrigen Temperaturen die Welt um mich immer mehr verkleinern, als zögen die Atome sichtbar engere Kreise. Im Sommer haben meine Tochter und ich durch Löcher in der sonst dichten Vegetation immer nur Ausschnitte des Gebäudes gesehen.

Erst von der kleinen Brücke aus, die über einen künstlichen Bachlauf führt, ergab sich so etwas wie ein Gesamteindruck der Architektur. Übergroß kam es mir vor, als wäre Noah mit einem Raumschiff gelandet, um all die Tiere zu retten, vor allem die Affen. Und der Silberrücken, der sich einen Weidenzweig durch die Zähne zog, wie unsereins Zahnseide, schien gar nicht erfreut darüber.

Gorillas machen immer den Eindruck, als ob sie weinten, sagt Stötzer. Das sei nicht nur in Zoos so, habe er sich sagen lassen, und überhaupt handele es sich bei dem Gesichtsausdruck der Gorillas nicht um Trauer, man solle das nicht verwechseln, dem Affen keine menschlichen Regungen zuweisen und dergleichen. Stötzer machte einen sehr Oberlehrerhaften Eindruck jetzt. Er sprach als ob er zitierte. Als ob er ein Regelwerk wiedergab, an das er nicht glaubte, das man ihm aber als wichtig dargestellt hatte. Die Wissenschaftler vom Max Planck Institut müssen es ja wissen. Na ja, sagte ich, zu Selbsterkenntnis gehöre eben auch, dass man sich im anderen erkenne.

Derrida habe in dem Buch „Das Tier, das ich also bin“ über seine Scham berichtet, die ihn über kam, als seine Katze ihn nackt im Bad erwischte. Stopp, sagte Stötzer, ich bräuchte mir keine Mühe geben, er werde sich niemals in so einem Macho, wie diesem Gorilla, der hier residiere, erkennen.

Im Winter liegt das Außengelände der Affenanlage verlassen, ein riesiger Tummelplatz für Krähen, und man sieht das Haus schon von weitem. Es steht wie eine Traglufthalle der fünfziger Jahre, kein Raumschiff. Und meine Tochter zieht mich über den festgetretenen Schnee hinein in das Affenhauses, in dem meine Brille beschlägt. Die Sorgen des Klimawechsels im kleinen, sagt Stötzer.

Als ich wieder klar sehen kann, erkenne ich den Chef der Gorillas mit dem Rücken an die Scheibe gelehnt. Regungslos. Wahrscheinlich war der Ortswechsel vom Außen- in den Innenbereich über das Jahr seine einzige Bewegung. Und das erste Mal im Leben fühle ich mich dem Affen wirklich verwandt.

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Eine Antwort zu Sötzer Outtakes1

  1. Clarknova schreibt:

    yeah! jetzt kommen die b-seiten.

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