geballter Buchmann

1.

Irgendwann kam ich in ein Alter, in dem die Frage danach, was ich als nächstes studieren sollte, merkwürdig klang und ich brachte fortan viel Energie auf, sie zu überhören. Dabei hatte ich mich schon lange damit abgefunden, dass ein Studium für mich hinsichtlich der Berufsperspektive ohne Belang ist und hatte mich im Stand eines Wissenssammlers eingerichtet. Eine Unikarriere hatte ich nicht angestrebt, denn ich dachte in Rhizomen und fand überall nur Pfahlwurzeln.
  Um den Müßiggang zu strukturieren, hielt ich mich an die Grenzen meiner letzten Disziplin, der Philosophie, nicht ohne hin und wieder Ausflüge auf die zuvor beschrittenen Felder zu unter­nehmen, der Soziologie und Ökonomie. Nicht paradiesisch, aber auszuhalten, dachte ich. Ab und an öffnete ich die Datei, die den Anfang meiner abge­brochenen Dissertation über Wittgenstein und Schelling enthielt, und betrachtete das mir inzwischen fremde Vokabular mit einer gewissen Verwunderung.
  Um mich in einem Zustand relativer Zufrieden­heit zu halten, sollte ich die Türen vernageln, den Kontakt zu Menschen gänzlich meiden, das Telefon abstellen, und offline gehen, wie es so schön heißt. Unmöglich also, denn schon der Pizzabote erscheint einem in Zeiten der Einsamkeit wie eine Litfaßsäule, auch wenn er nur ein einziges Wort auf seiner Jacke stehen hat zu allem Überfluss das Wort Uno.
  Und schon sind wir im Kern des Problems. Das sprechende Tier wird sich der Schönheit der Sprache bewusst, indem es sie nicht gebraucht, sondern betrachtet.
  Die Begegnung mit Buchmanns Text (auch anderen Texten von Philologen, die ich in letzter Zeit in die Hände bekam), sind dazu geeignet mein Wissenschafts- und Welt­bild auf den Kopf zu stellen. (sic!) Nicht der Gebrauch lässt mich die Dinge erkennen, sondern deren Betrachtung. Und die Betrachtung des Gebrauchs. Der Philologe als solcher ist Müßiggänger, so scheint es. Und aus seinem Müßiggang heraus entstehen ihm Sätze über den Gegenstand den er liebt, über die Sprache.
  In Buchmanns Buch wird die Sprache aber nicht wie sonst üblich in ein national­sprachliches Korsett gepresst, und auch nicht als Phänomen betrachtet, das sich mehr oder weniger organisch durch die Zeiten hindurch zu einer Nationalsprache geformt hat, dass gleichsam der natürliche Ausdruck eines Kulturraums ist.
  Andererseits erscheint Sprachen dem Leser auch nicht als Referenz irgend­eines Vor­sprach­lichen. Natür­lich rennt man mit derlei Gedanken bei Strukturalisten und Poststrukturalisten und Post­post­struk­tura­listen die offenen Türen ein, aber die Art in der das geschieht ist an Eleganz nicht zu überbieten. Und Eleganz hat einen Erkenntniswert, wie Schönheit die Wahrheit erst ins Licht rückt. Und schön ist der Text allemal.

2.

Durch die Augen eines sprachmächtigen Schweines kommt die Welt in ihrer sprach­lichen Ver­fasst­heit ins Schillern.
  Jürgen Buchmann lässt uns an den Lehr- und Wander­jahren eines solchen Tieres, das das Tierische hin zum Humanen verlassen hat, teil­haben und lässt uns mit jenem jugend­lichen Eber eine der letzten Grenzen, die zwischen Tier und Mensch, überwinden. Im Grunde löst er so ein Ver­sprechen der Humanitas und der Auf­klärung ein, nach dem jedes vernunftbegabte Wesen dem Kate­gori­schen Imperativ unter­liegt.
  Buchmanns Text ist dabei mehr als eine Fabel, weil er sich nicht damit begnügt, einem Tier mensch­liche Charak­ter­eigen­schaf­ten zu unter­stellen, an die es starr ge­bun­den ist, sondern im Grunde auf wenigen Seiten einen Ent­wick­lungs­roman ent­wirft, dessen Held nunmal ein Schwein ist, das von einem un­erbitt­li­chen Onkel in Deutsch und Latein unter­wie­sen wurde, nicht ohne auf Fehler hin mit aller Macht ins Schweini­sche zurück­geworfen zu werden.
  Das Erlernen der Sprache als zivili­sato­rischer Prozess ist eben gepaart mit einem unzi­vili­sierten Straf­verhalten. Wer kennt solche Situa­tionen nicht aus eigenem Erleben: „Ich war jedoch kaum über mensá-grunz! und menáe-grunz! hinaus­gekom­men, als mich der samsoni­tische Zement­sack seiner Kinn­backen traf und mich auf quie­kendem, vier­beinig strampeln­dem Flug in den Morast der nahe­gelegenen Suhle beför­derte.“
  Und wer will es einem fühlenden Wesen verübeln, wenn es aus dieser Um­klam­merung von Schwei­nen und Latein­drill das Weite sucht? Als Bauer ver­klei­det gelingt dem Helden die Flucht. Aber der Weg durch die Menschen­welt hält für ein Jung­schwein, auch für ein ver­kleidetes, allerlei Gefahren bereit.
  Das alles hier von mir eher launig Dar­gestell­te wird aller­dings einem Buch­mann­text nicht gerecht. Buchmann ent­wickelt die Geschichte vor dem Hin­ter­grund seiner Sprach­liebe, und die redu­ziert sich weiß Gott nicht auf eine Nei­gung zum Lateini­schen. Dem Schwein als dem Frem­den wird eine etwas geküns­telte, weil über­nom­mene oder gelernte Sprache ver­liehen, in seinem Weg durch die münster­länder Welt aber trifft es auf Ungarisch, Französisch, Akzen­te und Dialekte, und natürlich auf Hoch­deutsch in den ver­schie­densten sozia­len Aus­for­mun­gen. Eine durch Sprache struk­turierte Welt eben, die ihre eigene Bild­lichkeit entfaltet.
  Der Buchmannfreund wird dieses im neuen Greifs­walder freiraum-verlag er­schie­nene Büch­lein sehr mögen, aber auch allen Anderen sei es anempfohlen.

3

Jürgen Buchmann ist ein Phänomen, ich möchte fast sagen, eine Speerspitze der Romanischen Sprachen und vielleicht des Roman­ischen Sprechens und Denkens im deutschen Gelände, wenn dieser eher belli­zistische Ausdruck nicht an der Art vorbei zielte, wie Buchmann Sprache zelebriert und feiert.
  Man kann sich diesem Autor mittlerweile Dank der Verlage Frei­raum aus Greifs­wald und Rei­necke & Voss aus Leipzig auf ver­schiedene Art nähren; entweder greift man zu seinen Über­setzungen (aus dem Franzö­sischen, dem Italie­nischen oder dem Ka­tala­nischen zum Beispiel) oder eben zu seinen traum­haft schönen eigenen Texten. Und egal wofür man sich entscheidet, denke ich, wird deutlich, wie das, was Benjamin in seinem Text Die Aufgabe des Über­setzers als Gespräch zwischen den Sprachen ein­fordert, eine Wir­kung entfaltet, weit über ein momen­tanes Über­setzungs­projekt hinaus. Es entsteht, ohne das explizit aufs poli­tisch Utopische abge­zielt würde, die Vision eines welt­weiten Babel, in dem die Vielsprachigkeit keine Last, sondern einen Reichtum darstellt, und zumindest in der Lek­türe für mich eine Quelle der Leselust.

Nun legte also im Januar 2013 der Greifswalder Verlag Freiraum mit der Lüne­burger Trilogie ein weiteres Buch mit Texten Buchmanns vor. Wie schon die anderen Bücher des Autors keine dicke Schwarte sondern eine kleine Publikation von knapp ein­hundert Seiten. Sie enthält die Teile Ein­schif­fung nach Cythera, Phantastische Topografie der Hanse­stadt Lüneburg und Logbuch vom Meer der Finsternis.
  Die Anordnung der Texte, die inhaltlich keinem so genann­ten Roten Faden folgen, die narrativ also nicht miteinander verwoben sind, scheint formale Gründe zu haben. Man kann das Buch als eine Art Medi­tation über Prosa und Prosa­gedicht lesen und viel­leicht eben als ein­sickern eines franzö­si­schen Gedan­kens in einen deut­schen Text. Während im ersten Text die Sprache im Gestus noch zwischen lyrischer Beschrei­bung und Hand­lungs­prosa chan­giert und die ent­sprechenden Passagen auch voneinander ab­gesetzt sind, werden sie im Fortgang des Buches immer weiter enggeführt, bis so etwas wie ein gera­dezu barockes Sprach­muster entsteht, das auch ein Sinnmuster ist.
  Diese Vorstellung breitetet sich wahrschein­lich auch deshalb in mir aus, weil ich kurze Zeit vorher Buch­manns Über­setzung von Bertrands Gaspard de la Nuit gele­sen habe. Eine Sammlung von Prosa­gedich­ten aus dem Frankreich des neun­zehnten Jahr­hunderts, die man als Initial zur franzö­sischen Moderne bezeich­nen könnte, die unter­gründig wirkte und formal auch schon Struk­turen der Post­moderne vorweg nahm.
  Ähnlich wie Bertrand in seinem Text Dijon beschreibt, stellt uns Buchmann im zweiten, der mitt­leren Tafel des Tripty­chons, in Lüne­burg ein Stadt vor, die dem Raum und der Zeit ent­hoben ist, in der Geschichte sich aber sedi­men­tiert hat und als sirrender Nach­hall in den Mauern und Gebäuden zum Klingen kommt.
  Und zitternd verzeichneten die Turmspitzen der Kathedralen in den Wolken die Beben in der Tiefe, die Aus­laugung der Anhydris und den Einbruch der Höhlen vierzig Meter unter der Stadt.
  Dabei wirkt der Text an keiner Stelle wie ein senti­mentaler Rück­griff auf ver­gangene Formen, son­dern in seiner Ver­spielt­heit als zeit­gemäßer litera­ri­scher Aus­druck. Geschichte ist hier Gegen­wart, auch die Literatur­geschichte.
  Im Logbuch der Finster­nis letzt­lich findet die Entgren­zung einen Höhepunkt, der formal wahr­schein­lich nicht zu über­schreiten ist:
  Die Dinge wirkten nicht länger wie getrennte eigen­ständige Körper, sondern wie Muster auf einer ein­heit­lichen Ober­fläche, auf der sie sich wie durch feinste, elek­tro­sta­tische Ladungen in einem span­nungs­vollen Gleich­gewicht der An­ziehung und Ab­stoßung verteilten.

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2 Antworten zu geballter Buchmann

  1. mickzwo schreibt:

    „Überprüfen sie das mal auf seine Allgemeingültigkeit.“ Hans Dieter Hüsch.
    Danke, großartig. Der Buchmann wird gelesen; und der Blog hier sicher auch 🙂

  2. Pingback: Lüneburger Trilogie | Alles mit Links.

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