Vom Sterben russischer Dichter

Gerade fiel mir eine Anthologie in die Hand: Solang es dich mein Rußland gibt. Russische Lyrik von Puschkin bis Jewtuschenko. Sie ist 1961 erschienen. Also kurz nach dem 20. Parteitag der KPdSU, auf dem mit den stalinistischen Vebrechen „abgerechnet“ worden war. Außerdem verkündete Chruschtschow wenig später den Aufbau des Kommunismus. In Berlin stand noch keine Mauer, aber die Betonplatten waren wahrscheinlich schon in der Produktion.

aus dem Vorwort zur Anthologie:

Doch schwer war der Weg, scheinrevolutionäre Phrasen trieben die jungen Dichter in die Arme zahlloser ihrem Wesen nach meist bürgerlicher Strömungen. „Neue“ originelle Formenexperimente wurden als „Revolution der Kultur“ ausgegeben. Nur die dem Proletariat am nähsten Stehenden, Gorky und Demjan Bedny wehrten sich erfolgreich gegen den zersetzenden Einfluß  dieser Strömungen, konnten dann auch andere vor dem Abgleiten bewahren und mit ihnen gemeinsam die formalistischen Theorien überwinden.

Am wirkungsvollsten allerdings „überwand“ man diese Theorien, in dem man ihre Protagonisten vertrieb, diffamierte und mundtot machte.

Die russischen Dichter waren, mit ganz wenigen Ausnahmen, konsequente Kämpfer für den Fortschritt, für das Glück der Menschen. Dementsprechend auch ihr Schicksal. Es lohnt, sich ihr Leben und auch ihr Sterben zu vergegenwärtigen. Eine grauenvolle Bilanz zaristischer Politik offenbart sich hier. Der Dekabrist Rylejew fiel als einer der ersten, Puschkin wurde ermordet … Nekrassow wurde durch eine übermenschliche Arbeitslust erdrückt. …  Auch nach der Revolution setzte die Reaktion ihre Mordanschläge gegen die ihr verhaßten Dichter fort. Gorki wurde ermordet, Majakowski in den Tod getrieben.

Abgesehen davon, dass Puschkin in einem Duell starb und Majakowski sich selbst tötete, findet sich im Vorwort kein Wort über die Gulags, und die Dichterinnen und Dichter, die dort den Tod fanden. Auch nichts über Charms, der im Gefängnis verhungerte, oder Vvedenskij, der auf einem Gefangenentransport starb. Und schon gar kein Wort fällt über den zweiten Weltkrieg.

Dennoch enthält das Bändchen einiger Gedichte, die mich sehr berühren. Zum Beispiel einige Texte Kolzows (1809-1842)

Rausche nicht, o Korn

mit dem reifen Halm,

Schnitter, singe nicht

von der Steppe, schweig!

Brauche gar nichts mehr,

weder Hab noch Gut,

brauche gar nichts mehr,

auch kein rotes Gold …

Mühte sich der Bursch,

trug auch manches heim,

tat es nicht für sich,

tats für sie allein.

Oh, wie schaut ich gern

in die Augen ihr –

ihre Augen hell

blickten Liebe nur …

Jene Augen klar

jetzt erloschen sind,

und den Todesschlaf

schläft das liebe Kind.

Ach, und bergeschwer,

dunkler als die Nacht,

legt aufs Herz sich mir

schwarzer Gram …

(1834)  Deutsch von Wanda Berg-Papendick

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