Schestow, Dostojewski, Kierkegaard

Nachdem Schestow in Dostojewski – Prophetengabe den Autoren in der Talkshow hat beobachten können, und ihn verabschiedet hat als Ratgeber in Sachen Politik, finden wir ihn jetzt (den Autoren aber auch Schestow selbst) im Zwiegespräch mit Hegel, oder besser mit der Venunft und der Vernunftsphilosophie, an deren Grenzen die Erfahrung uns immer wieder führt. Von beiden Seiten übrigens. Schestow zeigt, wie Dostojewski der Hegelschen Philosophie misstraut, wie Kierkegaard sich ihr entwindet.

Unsere Vernunft strebe, sagt Kant, begierig nach dem Allgemeinen und Notwendigen, Dostojewski wiederum, inspiriert von der Schrift, verwendet all seine Kräfte darauf, sich der Macht des Wissens zu entwinden. Verzweifelt bekämpft er, wie Kierkegaard, spekulative Wahrheit und menschliche Dialektik, für die „Offenbarung“ bloße Erkenntnis ist. Wenn Hegel von „Liebe“ spricht – und Hegel spricht von „Liebe“ nicht weniger als von Einheit der göttlichen und menschlichen Natur – , sieht Dostojewski darin einen Verrat: Verraten werde das göttliche Wort. „Ich behaupte,“ so schreibt er in seinen letzten Lebensjahren im „Tagebuch eines Schriftstellers“, „dass das Bewusstsein des eigenen vollkommenen Unvermögens, der leidenden Menschheit zu helfen oder ihr zumindest irgendwie nützlich zu sein – und dies bei gleichzeitiger vollkommener Einsicht in ihre Leiden – , in unserem Herzen die Liebe zur Menschheit sogar in Hass verwandeln kann.

Markige Worte an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Aber die Geschichte ließ auf das philosophisch zumindest in Kontinentaleuropa durch Vernunftglauben und Hegelianismus dominierte 19. Jahrhundert das 20. folgen. in dem sich die industriell entfaltetetn produktiven Kräfte in die zerstörerischsten verwandelten, die die Erde bis dahin kannte.

Abgesehen davon ist die hier zitierte Arbeit Schestows eine zwingende Einführung der Existenzphilosophie:

Wie bei Belinskij wird also auch hier Rechenschaft gefordert für jedes einzelne Opfer des Zufalls in der Geschichte, d.h. für etwas, das in seiner Ereignishaftigkeit und Endlichkeit in der spekulativen Philosophie prinzipiell keine Bedeutung erhält, für etwas, dem niemand in der Welt – das weiß die spekulaive Philosophie mit Bestimmtheit – abzuhelfen vermag.

Und da sind wir auf Freiheit noch gar nicht zu sprechen gekommen.

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