Erich Fried

Eine Zeitlang galt es als schick, und vielleicht ist es auch heute noch so, Erich Fried wegen seiner Einfachheit abzutun. In den achtziger Jahren las ich in einer Tageszeitung in der DDR Frieds Gedicht „Was bleibt“ und war sehr beeindruckt.  Es beginnt mit dem Vers:

Die Lage im Bett zu finden, in der der Schmerz ein wenig nachlässt

Es geht hier um realen körperlichen Schmerz eines alten Menschen. Als ich Frieds Gedicht las, Ende der Achtziger mit Anfang 20, der Anlass war Frieds Tod, waren wir, ich und meine  Freunde zumal in der DDR darauf trainiert, in allem eine Doppelbedeutung, überall eine Metapher zu sehen. Zwischen den Zeilen zu lesen. Fried aber ließ einen direkten Weg zu. Ich war sehr beeindruckt und dankbar. Diese Dankbarkeit hält an. Insofern ist mein Text ein Bekenntnistext.

Ivonne Dippmann hat ihn ins Bild gesetzt. Und ich bin verblüfft, wie einverstanden ich mit dieser Umsetzung bin:

friedtext

ein Text von mir, der nicht auf diese Zeit reflektiert, sondern aus dieser Zeit (ca. 1988) stammt, lautet in all seiner Unbeholfenheit so:

Lesen Sie zwischen den Zeilen!

Zwischen den Zeilen steht nichts.
Zwischen den Zeilen ist das Papier weiß und unbefleckt.
Lesen Sie zwischen den Zeilen?
Es ist eine Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen.
Die Worte stehen auf den Zeilen.
Zwischen den Zeilen kann man nicht lesen.
Zwischen den Zeilen kann man nicht lesen?
Was dennoch zwischen den Zeilen steht, hat jemand Hineingekritzelt.
Oder Sie sollten es hineinkritzeln.
Oder zwischen den Zeilen steht nichts.
Oder zwischen den Zeilen ist leeres Papier.
Lesen Sie zwischen den Zeilen, aber vergessen Sie ihre Brille nicht.

ein paar Jahre später, ich studierte inzwischen in Frankfurt am Main, hört sich anders an:

beschrieben

dieses Blatt
ist weiß gewesen
diesen Baum
war grün war braun
war weiß
diese Straße
hatte Bäume an den Seiten
zwischen den Autos
manchmal
Menschen
Zwischen den Bäumen
mit Taschen und
Kindern, Gesichter
waren vergessen im Selbst
an der Seite der Straße der Bäume
manchmal
dieses Blatt ist weiß gewesen
beschrieben die Bäume an der Straße
kindertragende Menschen zwischen den Autos
manchmal
war weiß gewesen dieses Blatt

Ist beschrieben die Straße,

Weinert – Automobile
Lassen keinen Platz,
Selbst die Straßenbahn
Trägt schon das Handelsblatt.
Wohin mit dem abfallenden Satz aus der Mühsamsammlung?
Neben Reifen-Knöpfel vielleicht
Zwischen Grundig und Toyota
Oder unter die Marlboroschachtel?

Dieser Satz, der keinem
Auf der Stirn geschrieben steht:
Flüsterpropaganda.
Wie bitte, was sagten sie?
FLÜSTERPROPAGANDA!
Dieser Satz aus der Sammlung.
Wie
Das Unbewußte,
Die nicht benannte Abscheu,
Suchen wir nach dem Wort,
Das nicht nach Staub schmeckt.
Und der Mann aus der Wüste,
Der doch nur Wasser wollte,
Sieht sich plötzlich der Frage konfrontiert,
Was das denn sei: Wasser.

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Eine Antwort zu Erich Fried

  1. apfelesserin schreibt:

    ich mag die gedichte von ihm auch sehr.

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