Realismus Weltanschauung Grundlosigkeit

Schestow in einem Essay über Turgenjew, der im Januar 1870 Toppmanns Hinrichtung besucht und unter diesem Titel schildert:

„Die Menschen vermögen ja kaum in Worte zu fassen, was sich an Schrecknissen um sie herum abspielt; doch es gibt Minuten, in denen wir unsere barbarische, empörende und beleidigende Situation jäh mit unabweislicher Klarheit vor Augen haben, so dass wir gezwungen sind, uns selbst zu betrachten. Und dann verlieren wir den Grund unter den Füßen. Nicht für lange allerdings. Das Entsetzen vor dem Gefühl der Grundlosigkeit wirkt auf den Menschen rasch ernüchternd.“ (a.a.O.)

die schestowlektüre versetzt mich irgendwie in ein jugendliches leseverhalten zurück. ständig möchte ich passagen unterstreichen, um sie als zitat parat zu haben, und dabei denke ich dann an professor alfred schmidt aus frankfurt, der uns mahnte, die philosophischen texte nicht als steinbruch zu benutzenn und an foucault, der genau das vom rezipenten verlangte.

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8 Antworten zu Realismus Weltanschauung Grundlosigkeit

  1. muetzenfalterin schreibt:

    „Das Entsetzen vor dem Gefühl der Grundlosigkeit wirkt auf den Menschen rasch ernüchternd.” Ich bin mir fast sicher, dass ich diesen Satz nicht verstehe. Die Grundlosigkeit der Gewalt, der Grausamkeit wirkt ernüchternd? Inwiefern? So, dass kein Mitleid mehr empfunden wird, weil das Grauen über das, wozu Menschen fähig sind, überwiegt?
    Neben dem nur sehr bruchstückhaften Verständnis für diesen Satz, erinnert er mich an das Buch von Henning Ritter „Die Schreie der Verwundeten“, das ich gerade lese. Dort führt Richter im Vorwort Stendahl an, und die Auswirkungen einer Gesellschaft, in der die Leidenschaft fehlt, also das unpersönliche, das grundlose und darum um so barbarischere Töten und Quälen…

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      schestow bezieht diese grundlosigkeit auf die existenz überhaupt. also eher in einem nietzscheanischen sinne. ich glaube für gewalt würden beide (sowohl nietzsche als auch schestow) gründe erkennen, die im wollen der gewalttätigen zu suchen sind und deren willkür. die gewalt kommt also durch die gewaltätigen in die welt. aber deren dasein und auch das unsrige, sofern wir nicht zu ihnen gehören, hat keinen grund (sinn). dieser schestowtext über turgenjew gehört zu vorarbeiten einer längeren arbeit, „apotheose der grundlosigkeit“, an deren übersetzung, wie ich hörte, ingold gerade arbeitet.

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        vielleicht noch dazu, dass die stoßrichtung von schestows kritik im grunde (auch hier wie die nietzsches) die klassische philosophie, vor allem der hegelianismus ist, der und dem
        er unterstellt, alles erklären zu wollen, und weil sie es nicht kann, dialektische argumentative haken zu schlagen. (ganz spannend in diesem kontext sind auch nietzsches thesen über sokrates.

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    das ist ein ganz guter text über nietzsche in diesem kontext. eine schestowrezeption gibt es in deutschland bislang leider nicht
    http://www.hunter.cuny.edu/jns/research/philosophizing-against-philosophy-nietzsche2019s-provocation-of-the-philosophical-tradition

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    sehr schön bei nietzsche auch hier in vom nachteil und nutzen der historie:
    http://www.nietzschesource.org/eKGWB/search/single_result

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    der link funktioniert nicht. es ist kapitel 8. in aqngegebenem werk

  5. muetzenfalterin schreibt:

    vielen dank, jan, für die weitreichenden erklärungen.

  6. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    danke für die frage!

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