Konstantin Waginow

Григорию Шмерельсону

Но знаю я, корабль спокоен,
Что он недвижим средь пучины,
Что не вернуться мне на берег,
Что только тень моя на нем.
Она блуждает ночью темной,
Она влюбляется и пляшет…

5 марта 1924

an Grigori Schmerelson

aber ich weiß, da es ruhig liegt, das schiff
da es regungslos liegt in der tiefe
dass es mich nicht ans ufer zurückbringt
und nur von meinem schatten bedeckt ist.
sie wandert durchs nächtliche dunkel,
sie verliebt sich und tanzt …

5. März 1924

Variante und Kommentar von Yevgeniy Breyger

an gregori schmerelson

ich weiß aber, das schiff liegt ruhig,
dass es sich in der schlucht nicht regt,
dass ich nicht zurück kann ans ufer,
nur mein schatten bedeckt es.
sie irrt durchs nächtliche dunkel,
sie verliebt sich und tanzt, tanzt

die vierte zeile kann das schiff sein oder das ufer, das vom schatten bedeckt ist. die doppeldeutigkeit ist im russischen impliziert und in der vorletzten zeile wird das wort stark mit sich verirren verbunden, ein verirrendes wandern (herumirren). die schlucht ist natürlich eine schlucht in der tiefe, bei celan war es die weltenschlucht sogar.

das doppelte tanzt schlage ich vor, weil das russische wort nicht mit tanzen, sondern mit fröhlich tanzen, allerdings ernsthafter als tänzeln übersetzt werden kann

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6 Antworten zu Konstantin Waginow

  1. Vera Kurlenina schreibt:

    Für mich als Russisch-Muttersprachlerin ist es relativ eindeutig, dass in der vierten Zeile der Ufer gemeint ist. Der Schatten (des ertrunkenen Schiffsbrüchigen) ist / befindet sich auf dem Ufer. Die Metapher kann auch als ein Bezug auf die Revolution gelesen werden, die große Katastrophe, nach der die russische Boheme nur noch einer prekäre Schattenexistenz führen konnte (siehe Waginows „Bocksgesang“; „И мне от голода легко и весело от вдохновенья“ – „Und ich fühle mich leicht wegen des Hungers und heiter wegen der Inspiration“, Chodassewitsch). Der Schatten irrt herum in der dunklen Nacht, ist also nicht sichtbar, ist eine Art Gespenst. Deshalb hört sich für mich das „bedecken“ in der Übersetzung zu aktiv und besitzergreifend. Oder ist es die einzige geläufige Wendung im Deutschen in Verbindung mit „Schatten“?
    Ist es für den Leser der Übersetzungen klar, dass das „sie“ in den letzten zwei Zeilen sich auf den Schatten bezieht? Auf Russisch ist der Schatten weiblich, aber ich würde vielleicht doch eher „er“ schreiben. Natürlich geht dabei etwas verloren – bei Waginow würde man von einem männlichen lyrischen Ich ausgehen, und so entsteht eine geschlechtliche Differenz, vielleicht auch ein Flirt mit dem eigenen Schatten / der eigenen Seele, die auf Russisch ebenfalls weiblich ist. Aber diese Nuance ist es mir nicht wert, wenn dadurch klare semantische Bezüge, die im Original bestehen, nicht wiedergegeben werden.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      liebe frau kurlenina, vielen dank für ihre hinweise. für mich ist dieser autor eine große entdeckung, die ich letztlich einem gedicht in der anthologie „als gruß zu lesen“ von felix fillpp ingold zu verdanken habe, und ich lese mich langsam ein. den bocksgesang habe ich gerade in einer übersetzung gelesen. leider gibt es keine übersetzungen von waginows gedichten, so dass ich und ein freund beschlossen haben, dass eben selbst zu machen. es ist für mich natürlich auch ein herantasten an die russische sprache, nachdem ich in meiner schulzeit ein doch eher gefärbtes russisch zu lernen aufgefordert war. vielleicht sollten wir unsere übersetzungsversuche immer wieder auf diesem blog veröffentlichen, um uns solche hilfreichen kommentare wie den ihren abzuholen. vielen dank also noch einmal.

      • Vera Kurlenina schreibt:

        Lieber Herr Kuhlbrodt, ich finde es toll, dass Sie sich mit Waginow beschäftigen! Das Gedicht habe ich nicht gekannt, es war eine echte Entdeckung für mich. Es würde mich freuen, weitere Übersetzungen von Ihnen und von Herrn Breyger zu lesen.
        Den Bocksgesang habe ich ganz begeistert angefangen zu lesen und irgendwann doch weggelegt, weil das Buch eigentlich als ein Schlüsselroman für Freunde und Zeitgenossen geschrieben wurde und ich mich ständig über mein fehlendes Insider-Wissen ärgern musste…

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        auch auf deutsch erschienen ist waginows roman „auf der suche nach dem gesang der nachtigall“ in der biblithek suhrkamp, den hatte ich zuerst gelesen, gleich nach be bekanntschaft mit dem einen gedicht in der anthologie, dass mich sofort nach waginows texten suchen lies. auf russisch finden sie sich im netz: http://az.lib.ru/w/waginow_k_k/
        anfang des jahres werden wir eine auswahl treffen an texten, die wir übersetzen wollen. erst einmal eine hand voll, denke ich.
        p.s. leider ist waginow in den tagebüchern von charms (die kunst ist ein schrank) nur am rande erwähnt. wir werden also über die übersetzung hinaus weiter nach dokumenten suchen

  2. Yevgeniy Breyger schreibt:

    wie wäre es eigentlich mit: „nur mein schatten liegt auf ihm“ dann hätten wir mehr dieses: er/sie spiel von schatten und ufer, sowie das passive moment des schattens, das frau kurlenina richtigerweise bemerkt hat

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ja, am besten finde ich ja, alle varianten sukzessive vorzustellen, die überarbeitung und die überarbeitung der überarbeitung. auch um die freude mitzuteilen, die man bei der arbeit hat.

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