aus gegebenem anlass

Requiem in Rom

Zur Erinnerung an Beatrix Haustein und Henze

Hinterher ist man klüger, mein Gott
sagt man, als gäbe es ein Hinterher
das dem identisch wär was der Erkenntnis vorausgeht.
Was wusste Gott vor der Schöpfung?
Wäre sein Wissen nicht,
wenn es vorher gewesen wäre, eine andere Welt?
So nehmen wir an:
er war selbst überrascht über seinen
Imaginationsraum, jetzt
kriechen da Fliegen am Fenster
trotz Fliegengitter und Schnürenvorhang.
Fliegen über Fliegen auch
wenn man nicht hinschaut,
Fliegen in Sauce, Fliegen im Bauch, nicht
Hummeln, das wäre die bessere Alternative.
Ich muss aber gestehen, schreibt Augustinus,
dass ich nicht weiß, weshalb Mäuse
und Frösche, Fliegen und Würmer
erschaffen wurden. Ich sehe jedoch,
dass alle in ihrer eigenen Art schön sind …
wenngleich viele uns
wegen unserer Sünden widrig erscheinen.
Gott wenn es ihn gibt
braucht kein Erinnerungsvermögen
denn das, was er denkt, geschieht
im Augenblick, wenn er es denkt.
Wenn er sich erinnert, verdoppelt
die Zeit sich.Setzt sich nichts zu
geschieht als wär es noch niemals geschehen
was wiederkehrt erscheint uns wie neu.
Aber das würde nichts ändern.
Wer will schon Misslungenes
noch einmal senden. Das Gleiche
auf immer und ewig
Gott war auch ein wenig enttäuscht,
was da gedacht war… und
er hatte ja nur diese eine Option.
Die Welt keine Strichfassung
Leider kein Stück für das Theater
Auf eine erträgliche Länge gebracht
Die Welt kein Libretto, kein Bild
von der Welt bleibt die Welt
als Welt nur wir selbst
werden Verschwundene sein.
Eine rote Krawatte mit weißen Punkten in Rom
Römische Reliquie.
Ich habe sie nur einmal getragen
vor antiker Kulisse, am Abend
ist das Staunen dahin, ist das Staunen
andrer Natur. Nicht mehr so steinern
Auch an die Gulliedeckel hatte ich mich gewöhnt
So dass mir die lateinischen Beschriftung
gar nicht mehr auffiel.
Man geht durch den Abend
wie man im Sommer durch einen Abend geht.
Nur eben in Rom und mit Beatrix Haustein.
Ihre Sehnsucht hielt ich für Attitüde,
ein wenig auf Bachmann machen.
Trauer und dicke Schichten Kajal
ein wenig rauchen im Bett in der Hoffnung
dass die Feuerwehr heute pünktlicher ist
als vor dreißig Jahren und Baumwolle
ein wenig mehr schützt als Dederon.
Wer will schon verschwinden von selbst.
Der Kajal sollte die Kindheit verdecken.
Als gäbe es Glück nur jenseits der Kindheit
als sei Glück das Gegenteil von Erinnerung.
Bloß nicht weinen, es würde aussehen wie …
Ein Film in den sechziger Jahren .
Über unsere Eltern sprachen wir nicht.
Auch nicht über den Ort unserer Herkunft
Es verbot sich in Rom über Chemnitz zu sprechen

als gäbe es diese Stadt.

Engel in Oel.
Beatrix. Am Tiber war sie
die einzige der Literaten
die mit mir ins Konzert ging.
Neue Musik und ernste Gesichter.
Die Stimmung im Saal aber
aufgeräumt heiter, man kennt sich
verneigt sich und winkt hinauf
in den Balkon.
Wie oft hätte man noch die Gelegenheit
diesen Mann dort lebend zu sehen?
(ich hatte mit Zappa und Cage meine Erfahrung gemacht
Jahre lang mein Unvermögen beklagt
einen Portugalurlaub abzubrechen.) Es war
die letzte Gelegenheit im vergangenen Jahrhundert
dem vergangenen Jahrhundert selbst zu begegnen.
Am Abend dann tritt der charmante
Komponist und eine Flotte von Damen
und Herren stilsicher aus der Akademie.
Wir wunderten uns
über das, was da ablief. Jahre
nach seiner Entstehung. Dass das kein
Film war. Nicht einmal ein Storyboard.
Wir selbst hielten uns unsicher
unbemerkt hinter Betonsäulen auf.
Botschafter je einer eigenen Gegenwart.
Wie sollen wir einem, dem wir niemals begegnet
begegnen. Wie Kinder.
Es gab Henzes Requiem, als wollte man
etwas vorwegnehmen, das sich doch niemals realisiert.
Frei schwebende Trauer zum Beispiel
Und dieser Dieselgeruch in der Luft.
Auch weil Beatrix starb
eine Hand voll Jahre nach Rom
einen Wimpernschlag später
erschwert von Kajal. Erschwert
vom Ehrgeiz sich selbst zu verlassen
Ein Ehrgeiz, der eine Not war.
Nicht eine Sekunde
Ein Hundejahr. Das Jahr einer Dogge, um ein Haar
hätten wir uns selbst überlebt und Gott
sieht verwundert der Kausalkette zu.
Aus den Gedanken geschüttelt und vorgelegt.
Weil sie es mitschleppte, das Buch
das eine Abrechnung war. Das notwendig war
und notwendig ein Scheitern. Wie jedes nötige Buch
notwendig scheitert, und aus
Zwang Sklaven entstehen. Notwendig.
Wie entzieht man sich denn, mein Gott, der Gewalt
des eigenen Vater. Weil sie es nicht
einfach liegenlassen konnte. Wie ein Buch.
Wie wird man ein Ich jenseits fremder Gedanken
und Taten. Wie wird man Engel. Der Komponist
in Rom jedenfalls verbeugt sich. Es brandet
Applaus und die Damen
Winken, und Fausto, sein geliebter Großgrundbesitzer
winkt auch.

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