Maix Mayer

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder des Geraer Kunstvereins, liebe Freunde, sie sind heute hier zusammengekommen, um eine Ausstellung des Leipziger Künstlers Maix Mayer zu eröffnen und zu feiern. Sie können mir glauben: ich wäre gerne unter ihnen. Und ich bin mir sicher, es lohnt sich.

Raumpatrouille G.

Wie der Titel schon andeutet, finden wir uns in einem Zwischenreich, einem Raum zwischen Architektur und Science Fiction, zwischen dem, was als Zukunft angelegt war, angebaut und verbaut wurde und wird, und einer Gegenwart, die , wenn wir der Hirnforschung glauben können, nur wenige Millisekunden dauert.Alles Künftige ist schneller vergangen, wird schneller vergangen sein, als wir denken.

Maix Mayer hat den Neubau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig in einem Zustand gefilmt, in dem es ihn im Grunde nicht gibt und nie gab. In einer Zwischenzeit. Im Moment zwischen baulicher Fertigstellung und Nutzung. Die Kamera dabei kennt keine Schwenks und hat eine Festbrennweite. Natürlich ist ein Bau solcher Größe nicht gleichzeitig in allen seinen Bereichen soweit. Und er wurde in einzelnen Abschnitten aufgenommen. Zur realen Zeit tritt eine gewissermaßen imaginäre hinzu. Auf dem Splitscreen finden sich nun die einzelnen Momente kombiniert und rhythmisiert gegeneinandergesetzt. Die Zeit scheint aufgehoben. Weil Mayer auf Außenaufnahmen verzichtet und ausschließlich mit Kunstlicht arbeitet, entsteht aus dem Gebäude eine Art eigenes und neues Universum als raumzeitliches Metabild.

Maix Mayer ist auch als Archäologe tätig, aber eben nicht als Scherbensammler oder Rekonstrukteur vergangener Kochrezepte und Brettspielregeln, sondern als Archäologe der Zukunft. Einer Zukunft, die sich im Rückblick verzweigt. Wenn im Video der Weg eines Buches auf dem Förderband gewissermaßen aus der Sicht des Buches selbst gezeigt wird, ist dies ein Blick in die Vergangenheit der Zukunft. Zeitdokument und Vision zugleich. Telelift. Eine futuristische Technik für die in den Katakomben der Gegenwart kein Platz mehr ist, und die dem Neubau weichen musste.

Die Zukunft der Vergangenheit wird ersetzt durch Gegenwart, die uns quasi im Moment ihrer Geburt gezeigt wird. Raumpatrouillen als Entdeckungsreisen. Das entstehen neuer Galaxien. Daneben Räume, die leer bleiben werden, weil der Chronist und Archäologe sie in diesem Zustand aufgenommen hat und mit einander konfrontiert, Räume, die außerhalb der Vorstellung nie leer waren. Regale voller Vorstellung. Verschiedene Zeitebenen, die ineinandergleiten. Frozen Moments.

Und Maix Mayer ist ein Analytiker des Blicks. In der Zeit von 2009 bis 2011 hat er über 5000 Fotos vom Neubau der Nationalbibliothek gemacht. Seine grafischen Arbeiten basieren auf diesen Aufnahmen. Nach speziellen Algorithmen werden die Fotos ausgewertet und die Informationen neu formiert. Ähnlich arbeitet unser eigener biologischer Wahrnehmungsapparat, wenn er aus der Überfülle, der auf uns einprasselnden Informationen, die für uns relevanten auswählt und die Welt zu jenem Bild gruppiert, als das sie uns dann erscheint.

Die entstandenen Grafiken Mayers verweisen auf die Schönheit des Wahrnehmens überhaupt, indem Parameter verschoben werden und gewissermaßen ein Bild des Sehens selbst entsteht. In diesem Bild finden sich sowohl der Gegenstand der Betrachtung, sein Bild und die Reflexion auf die Betrachtung repräsentiert. Dass das schön ist, sehen sie selbst.

Ich schaue ihnen aus dem Netz zu, und nehme damit die Position ein, die der Künstler selbst gern einnimmt. Wie schon in anderen früheren Arbeiten, in denen er seine eigene Abwesenheit thematisierte und durch seine Arbeiten um so präsenter war. Dass ich also heute via Skype zu ihnen spreche, ist weniger Ausdruck einer (meiner) verhinderten Anwesenheit, sondern der einer forcierten Anwesenheit. Und wer kann denn mit gutem Recht behaupten, dass es mich selbst außerhalb der Kunst von Maix Mayer überhaupt gibt? Ich jedenfalls, bin mir da nicht sicher.

Wie mit der An- und Abwesenheit von Personen spielt Maix Mayer in seiner Kunst auch mit der An- und Abwesenheit von Dingen, Gegenständen und sogar Gebäuden. Es ist Derridas Spur der Spur, die von den Dingen und ihrer Wahrnehmung kündet.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen und anregenden Abend.

http://kunstverein-gera.de/

http://www.eigen-art.com/

http://maix.be/

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