stattwerk erweitert

Das ganze Leben im Kasten, das war unsere Vorstellung. Das eigene Leben, das Leben der anderen, das Leben überhaupt und dessen Theorie.

Holger Heiland und ich hatten ein Projekt entwickelt, nachdem eine Zusammenarbeit im Proberaum daran gescheitert war, dass ich nicht singen konnte und kein Instrument spielen. Der Versuch eine Band zu gründen, endete also wie alle früheren Versuche auch.

Ich konnte auch nicht texten, doch das hatte Brecht für mich besorgt.

„Herr im Himmel, wenn sie etwas vor hätten, dann wär es heute Nacht.“

Aber was nützt ein Text, wenn man nicht singen kann. Brecht konnte zwar auch nicht singen, aber auf seine Art war er schamlos. Wie Eisler, wie Adorno, von denen es Tonaufnahmen gibt, auf denen sie singen. Damals fand ich es ganz außergewöhnlich, wie sie sangen, und ich meinte, dass man überhaupt nicht singen können müsse, wenn man singen wolle. Das denke ich natürlich auch noch heute, aber man sollte sich überlegen, was man vor Publikum tut, schon des Publikums wegen. Ach, was ist schon das Publikum. Höre ich mich sagen und runzele die Stirn. Ich habe einfach keine Lust, mit mir über derartige Sachen zu diskutieren.

Ich hatte noch nicht einmal eine Brille damals, musste also im geliehenen Wagen auf der Autobahn an jedem Hinweisschild abbremsen, um es lesen zu können, denn ich konnte mich nur vage an den Namen der Ausfahrt erinnern. Irgendwo vor Frankfurt am Main Richtung Hanau. Gewerbegebiet. Es grenzte an ein Wunder, dass es keinen Auffahrunfall gab. Und die Geräusche der Hupen, wenn die Wagen „voll Speed“ an mir vorbei zogen.

So etwas hatte ich vorher nur einmal erlebt. 1990 auf dem Weg nach Nürnberg. Irgendwann hatte ich damals den Trabant meiner Mutter soweit eingeklemmt zwischen Schwerlastzügen die noch eine Art Sicherheit boten. Eine Sicherheit, die man aus dem eigenen Verschwinden zieht. Und aus den Stapel Flugblättern, die mir die Zeugen Jehovas ins spaltbreit offene Autofenster steckten wie in einen Briefkasten. Hätten sie das auch getan, wenn die Scheiben nicht beschlagen gewesen wären, wenn sie mich also gesehen hätten, wenn sie meine Ähnlichkeit mit Gott hätten feststellen müssen, der den Menschen ja nach seinem Ebenbilde schuf? Aber theologische Spitzfindigkeiten brachten uns nicht weiter, damals nicht, und jetzt auch nicht.

Zwei Tage nach der Fahrt ins Gewerbegebiet bei Hanau bin ich bei einem Optiker gewesen, der mich überhaupt nicht an meinen Vater erinnerte, und ich erfüllte mir einen lang gehegten Wunsch: randloses Gestell, die Gläser sechseckig und leicht getönt. Als Schüler hatte ich schon einmal eine kleine vergoldete Nickelbrille getragen, obwohl ich gar keine Brille gebraucht hätte. Aber sie entsprach meinem Ideal und hatte zur Folge, dass ich mir, wenn ich nach unten blickte, vorkam, als würde ich zwanzig Zentimeter über dem Boden schweben.

Es waren die späteren Frankfurter Jahre aber Jahre gesteigerter Eitelkeit, und die Kleiderordnung schien wichtiger als die Gesinnung, die sie zum Ausdruck bringen sollte. Ich trug schwarz, und achtete auch noch auf die Farbe der der Unterhosen. Das Unsichtbare sichtbar machen. Und ich hoffte am Morgen immer, nicht zu wissen, was der Abend bringen würde. Dunkle Baumwolle, an dieser Stelle war ich nicht ganz so dogmatisch. Und wir führten Debatten, welche Graustufe man noch als Schwarz durchgehen lassen konnte.

Ich war Mitte Zwanzig, in einem Alter also, in dem meine Eltern schon lange verheiratet waren. Ich hätte, wenn ich mein Vater gewesen wäre, mein Sohn sein können. Aber ich war ohne das Wissen meines Vaters auf den Weg in ein Gewerbegebiet, wo es eine Kartonagenfabrik gab. Wie firmieren sie? hatte der Mann am Telefon gefragt, und ich hatte geantwortet, dass ich privat sei. Ja, aber wie firmieren sie, fragte der Mann. Kroll! Meine Antwort. Der Name ging mir damals wie heute im Kopf herum, sollte der Name einer Figur sein, des Protagonisten in einem Roman.

Wir hatten die Kartons bestellt. Holger und ich, fünfhundert Stück A5 1,7 cm hoch. Flacher geht nicht, hatte der Mann am Telefon gesagt, das gäben die Maschinen nicht her, und Sonderanfertigungen würden zu teuer werden.

Soweit das Projekt. Stattwerk, die Verschränkung der Biografien, und wir hatten an der ganzen Universität Flugblätter verteilt. Lest die Manifeste von… Wir nannten das Dekonstruktion. Heut scheint mir der Strukturalismus als Erkenntnismethode doch um einiges hilfreicher als der Poststrukturalismus und letztlich hat Levi-Strauß sie doch alle überlebt, auch physisch. Ich verabscheue das Reisen und Reiseberichte! als ich den ersten Satz aus den Traurigen Tropen das erste mal las, musste ich lachen, heute, so kurz nach dem hundertsten Geburtstag des Autors weiß ich, wohin eine solche Aussage führt, zumal Levi-Strauß sich schon vor Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, und sein Alter genoss. Inzwischen ist er leider verstorben, seine Renaissance steht in den nächsten Jahren an.

Die Idee war ganz einfach. Jeder schrieb kurze Texte über Situationen in seinem Leben, die er bemerkenswert fand. Namen durften nicht auftauchen, Erzählperspektive: personal. Das Erkenntnisziel: ließen sich Ostbiografie und Westbiografie miteinander verschränken, und: was passiert, wenn man sie mischt? Und für mich war es ein Weg, sollte einer sein, den autobiografischen Raum zu verlassen. Kam ich mir doch nicht wie ein rechter Schriftsteller vor, wenn ich immer nur von mir schrieb.

Das war Damals so ein Gedanke. Wasser und Öl vermischen sich wenn Seife die Wassermoleküle öffnet und dem Öl Zugang verschafft. Ein Gemisch, das als schmutziger Schaum an der Oberfläche schwimmt. Aufruhr, Widerstand, es gibt kein deutsches Vaterland.

Wir stellten also Rohmaterial für 500 Kästen her. Texte 50 Stück pro Objekt. Einige Texte, die wir für zentral hielten und die so etwas wie eine Anleitung zum Gebrauch der Blätter bargen, tauchten in jedem Stapel mehrfach auf. Sie kamen in den Karton samt einen Zettel mit Dank an die Eltern und andere Komponenten, die uns zu dem werden ließen, was wir waren.

Und dann mussten noch die Zeichen auf die Kassetten.

stattWERK 1, ein Freund der Grafikdesign studierte hatte uns ein Logo entworfen und eine Schablone gefertigt. Wir knieten in der Garage von Holgers Eltern, wo wohl auch heute noch der übergroße Teil unserer Produktion lagert, trugen Atemschutzmasken wie Japaner während der Hauptverkehrszeit und sprühten mit Autoreparaturlack und mit Hilfe der Schablone den Schriftzug auf die Kartons.

Gedacht war es so: der Leser öffnet seinen Karton und wirft die Blätter in die Luft, sammelt sie in beliebiger Ordnung wieder ein und schaut was sich ergibt. Als Vorlage hatte uns das Kartenspiel gedient bei dem auf den einzelnen Karten jeweils ein Tierkopf, Körper oder Schwanz abgebildet ist. Ich glaube in allen Kartons, die wir verkauften oder verschenkten, liegen noch heute die Blätter in der ursprünglichen Reihenfolge.

Nachsatz:

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3 Antworten zu stattwerk erweitert

  1. amruthgen schreibt:

    Zum Nachsatz: Humor – aber nichts zum ‚beißen‘?
    Einladung: Möchten Sie sich der „Vereinigung gegen den Hypostasierungswahn“ in der deutschen Sprache anschließen?

  2. Thomas schreibt:

    Es gibt einen georgischen Autor, dessen Name ich jetzt vergessen habe, der mit „Santa Esperanza“ vor ein paar Jahren ein ähnliches Projekt gewagt und sich auch an Spielkarten orientiert hat. Bei ihm kann man zwar nicht einzelne Blätter durch die Luft wirbeln lassen, aber immerhin ein paar Dutzend kleine Heftchen, die dann in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können.

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