pfingsten

In der Wohnung meiner Eltern, erzählte ich, hatte es manchmal nach einem weichen Plastik oder Wachs gerochen. Süßlich. Es war ein Geruch, den ich als Parfüm schön gefunden hätte, weil er mich an Momente erinnerte, Moment in denen ich als Kind in etwas anderes versunken war, als in mich selbst, in denen ich spürte, daß es ein Leben gab, an dem ich teilhaben konnte, ohne selbst darin zu verschwinden. Und ähnlich wie er, Willi, sich den Anblick der Zeitung und des Teeglases jederzeit herbeirufen könne, gelinge es mir, jenes weltnahe Gemisch zu riechen, wenn ich die Augen schließe.

Aber ich schloß ich die Augen nicht, wie es Willi getan hatte, sondern achtete selbst auf den Weg. Soweit reichte mein Vertrauen dann doch nicht.

An den Tagen jedenfalls, erzählte ich weiter, an denen jener Duft in den Zimmern hing, spielte ich nicht wie sonst draußen auf der Straße mit den anderen Jungen und kein Versprechen hätte mich dazu bewegen können; ich saß still in der Küche oder im Wohnzimmer neben meinen Vater und sah ihm zu, sah zu, wie er modellierte, wie er mit Nasenflügeln und Ohrläppchen hantierte, wie er sie vorsichtig einem Behälter aus Blei oder Zinn entnahm, der einige Zeit dicht verschlossen in siedendem Wasser gestanden hatte.

Mein Vater fertigte künstliche Gesichtsteile, Nasenflügel und Ohrläppchen aus fleischfarbenem Wachs. Zuerst fertigte er eine Matrix aus Gips, darin wurden die Epithesen geformt, die er der Haut des Kunden gemäß färbte. Die Teile befestigte er an Brillengestellen, mit deren Hilfe man sie aufs Gesicht setzen konnte, wo sie Narben oder Unfallschäden ausglichen, oder fehlende Teile ganz ersetzten. Mich hätte es damals nicht gewundert, wenn jemand mit der Brille sein halbes Gesicht abgesetzt hätte.

Daß ich aber nie ein künstliches Ohrläppchen außerhalb unserer Küche sah oder kein Ohrläppchen als künstlich erkannte, rechnete ich der Kunstfertigkeit meines Vaters an.

Willi zuckte mit den Schultern. Ach, sagte er nur, und wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Literatur, Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s