Neue Bedingungen

so dacht er:

Neue Bedingungen

1.

Auf diesem Bahnhof war Hans Hektor angekommen. Frankfurt hatte ihn nicht erwartet und erwartete wohl auch nichts von ihm. Sicherlich wurde er einigermaßen erdrückt von der newyorkelnden Skyline, als er zum ersten Mal aus der Halle trat, den Rucksack rücklinks. Er ließ sich auf einer Bank nieder, die auf dem Bahnhofsvorplatz stand. Zuerst galt es, sich zu orientieren.

Neben ihm auf der Bank. saß ein alter Mann mit aufgequollenen entstelltem Gesicht. Er fragte Hans Hektor nach einer Zigarette.

„Ich habe aber nur Caro.“ sagte Hans. Der Mann nahm sie wortlos . Feuer hatte er selbst. Mit zitternden Händen steckte er sich die Zigarette an und schien weiter nichts wahrzunehmen. Hans Hektor war es recht. Er hatte keine Lust auf ein Gespräch.

2.

Hans liest in einer Zeitung einen Bericht über eine Auktion in Zürich: Die Quittung über die Aufführungsrechte von Schillers „Die Braut von Messina“ wurde versteigert. Der Zuschlag erfolgte bei 8000 Schweizer Franken. Schiller erhielt für die Aufführungsrechte 100 Preußische Taler.

3.

Er war nach Ausflügen ins postmoderne Labyrinth auf die Erde zurückgekehrt. Woher er wisse, was die Erde sei, wird Hans gefragt.

4.

Auf den Buchrücken in U-Bahnen stehen amerikanische Filme. Verbücherte Streifen aus neuester Zeit bewegen die Hirnrinde seines Gegenüber. Eine Bekannte behauptet, nachdem sie erklärt hatte, daß sie einer Arbeiterfamilie entstamme, es sei ihr egal, was die Leute lesen, woher er die Vermessenheit nähme, sich dafür zu interessieren, und Arno Schmidts Anspielungen seien ohnehin unverständlich und Pluralität und überhaupt.

5.

Hans saß seit langen wieder in einem Seminar. Es wurde von einem Professor geleitet, den er wegen seines kritischen Denkens und seines gewaltigen Wortschatzes geschätzt, dessen suggestive Ausdrucksweise und übergroßes Wissen ihn beeindruckt hatte. Er kannte ihn bis dahin nur aus Büchern.

6.

Der verlängerte Arm der letzten Tage gießt sein Glas immer wieder voll. Die Sprache wird zum Geräusch. Sie umschwirrt dich wie Vogelgezwitscher. Und da ist der, der dir seine Hand auf den Rücken hämmert und sich ausschüttet vor Lachen. Ab und zu ist da auch ein Wort, das du erkennst wie die Form einer Wolke, die dich an irgendetwas erinnert.

7.

Der Ort, wo zusammenfließt, was diese Stadt zu bieten hat. Ein Rachen des Urmundtieres, der verschlingt und ausspeiht, unabdingbares Moment des Stoffwechsels. Güterverkehr und Heroin. Transport der Produkte zum Verzehr in die Stadt und das Nichtverbrauchte auf die Halden in aller Welt.

Ein Supermarkt, noch geöffnet, wenn der letzte Laden längst geschlossen hat. Über dem Eingang die Uhr bewegt sich im Takt der Fernzüge und S-Bahnen. Nachts, wenn keine Passanten hetzen und kein Zug zu verpassen ist, scheint sie sich auszuruhen, etwas langsamer zu laufen. Oft kommt er an diesen Ort. Hier fühlt er das Leben der anderen. Dieses Leben pulsiert vor der riesenhaften Halle mit dem monumentalen Vorbau, es drängt sich auf den Bahnsteigen, zieht seine Schleifen, strömt in alle Richtungen, in die Wagenwürmer und aus ihnen heraus.

An den Ecken stehen die Sicherheitsleute mit ihren Gummiknüppeln und Pistolen. Sie kontrollieren die Eingänge. Sie kontrollieren die Fahrkarten. Das betreten des Bahnhofsgebäudes ist seit kurzem abends nur noch mit Fahrkarte erlaubt. Man will allerlei Volk fernhalten: die Junkies und die Penner, die hier herkamen, um sich auszuruhen, die den bürgerlichen Reisenden schrecken. Auch Hans Hektor hatte anfangs ein Gefühl der Beklemmung wenn er auf die Menschen mit abgetragenen Klamotten und eingefallenen Gesichtern blickte, die hier und da herumlagen, bettelten oder schliefen. Nie hatte ihn einer angesprochen oder gar bedroht, aber das Gefühl der Bedrohung war da. Es schien, als produzierte der Anblick die Angst, ebenso zu enden, als wäre die Armut ansteckend.

So mochte es den bürgerlichen Reisenden gehen. Sie sahen in den Heruntergekommenen das, was sie wären, ohne ihren beschränkten Reichtum. Das entkleidete Kleinbürgeridyll lag vor ihnen, in abgetragenen Sachen, schmutzig, stinkend und mit einer Flasche Schnaps in der Hand. Die Gesellschaft mochte Angst haben vor ihrer Nacktheit und muß ihre Häßlichkeit verstecken. Deshalb stehen jetzt die Uniformierten in den Eingängen des Bahnhofes und wachen über korrekte Kleidung.

Hans Hektor hatte keine Probleme, in die Bahnhofshalle zu kommen. Er sah frisch gewaschen aus. Ein Sicherheitsmann hatte ihn zwar ins Auge gefaßt, wahrscheinlich ob seiner langen Haare, aber dann doch nicht nach einer Fahrkarte gefragt. Hans Hektor stellte keine Gefahr dar, die Ruhe der Reisenden zu gefährden. Er gehörte zu ihnen, war aufgenommen in den Kreis der Bemittelten, derer also, die etwas zu verlieren hatten und sich deshalb gern den Konventionen dieser Gesellschaft tätig und hervorbringend unterwarfen.

In der Bahnhofshalle war es laut und betriebsam. Lautsprecher informierten mit sonorigen Männerstimmen über Änderungen der Bahnsteige und Verspätungen. In kurzen Abständen rasselte die Anzeigetafel und gab Informationen über die Abfahrt der Züge in der nächsten Stunde.

8.

Die Freunde stehen in seinem Zimmer. Er hat sie seit zwei Jahren nicht gesehen. Die Erinnerungen an die gemeinsame Leipziger Zeit kommen zaghaft. Er liest in ihnen, wie in einem Buch. Er kann nur interpretieren, wie er einen Text interpretiert. Hans Hektor erzählt von dem, was er jetzt tut. Die Leute, die seine Freunde waren, hören eher gelangweilt als verwundert zu. Sie sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Letztlich reden sie doch wieder von Leipzig: Weißt du noch …?. Die ehemaligen Freunde sitzen jetzt auf seinem Bett, beide ein Bier in der Hand. Sie werden drei Tage in diesem winzigen Zimmer bleiben und melancholisch sein. Ihren Schilderungen entnimmt er, daß sie in Leipzig auch nichts anderes tun. Er ist froh, weggegangen zu sein. Er denkt, daß diese Melancholie wohl immer dagewesen ist. Plötzlich merkt er, daß er seine alten Freunde lächerlich findet. Für sie hat sich nichts geändert. Drei Tage werden sie in seinem Zimmer sitzen und ihn stören. Er holt noch ein Bier aus dem Kühlschrank.

9.

Verwickelte Ströme im verstädterten Kleinhirn Hans Hektors. Wohl überlegt und relativ unpraktisch läßt es das große einen Fuß vor den anderen setzen. Dabei löst der Gruß des Unbekannten, gebräuntes Gesicht in lederne Falten gelegt, mit Schubkarre und Mistgabel Verwunderung aus. Als Hans sich entschließt, zurückzugrüßen, sind die Bauernstiefel schon zu weit gegangen, als daß der Gruß ungebrüllt noch ankäme. So denkt er sich das rötlichbraune Feld in gelben Stoppeln irgendeines Getreides. Das Gras ist gräulich zwischen Pinienzapfen mit den schwarzen Kernen.

10.

Der zweite Tag in Kreuzgängen verschiedener Epochen. Sicher, die Frau am Einlaß spricht portugiesisch. Kleine Kreuze leuchten an den Revers deutscher Reisegrüppler. Sie ruhen sich in den unverwüstlichen Mauern aus von den Nachrichten brennender Flüchtlingsheime. Die Hände finden Ruhe an den Stätten stiller Meditation. Von den Autodafés steht nichts im Reiseführer, auch nichts von der Synagoge, die der christliche Wahn übergangen hatte.

11.

Zögernd stellt Gleichmut sich ein. Nicht mehr jeder Satz entstammt einer Verteidegungsrede. Hans kann mit ihr vorwurfslos in Cafés verweilen. Das Programm ist abgelaufen. Da steht noch ein Mensch, sich selbst überhebend, indem er die Angelegenheiten der Anderen für belanglos erklärt und in jeder südländischen Frau eine Hausmutter sieht. Er ist das Zentrum. Er ist die Bedingung seiner Freiheit, die einzige, so scheint es. Zwar lassen die Nebelschwaden der Betonfabrik Regen aus violetten Nachthimmeln fallen, zwar hält der Reisende den Paß bereit, daß sich niemand einschleicht mit Hunger in das Land, zwar beginnt die Arbeit um sieben, doch mit dem Kopf kann er machen was er will.

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