Bedingungen

1.

Er ging zum Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Oft ist er von hier abgefahren. Immer zu irgendetwas zurück: zur Schule, zur Armee, zum Studium. Hier in Berlin hatte er Kraft gesammelt, in der Wohnung des Freundes im Friedrichshain. Simon Dach Straße. Das sich hinter dem Namen der Straße ein schlesischer Dichter verbarg, wusste er nicht, und er hätte mit dessen barocken Formen recht wenig anzufangen gewusst. Alles was er mit Schlesien verband, war das rollende R seines Onkels aus Magdeburg und Weißwurst mit Fischsoße, die es dort zu Weihnachten gab. Auf der Bank, auf die er sich setzte, saß bereits ein Mann unbestimmten Alters und trank den Rest aus einer Flasche Doppelkorn. Bekanntschaften hatte Hans auf Bahnhöfen noch nie gemacht. Der Mann bat ihn um eine Zigarette und Hans schüttelte eine Caro aus seiner Schachtel, nahm sich selbst auch eine und war froh, dass es zu keinem Gespräch kam.

2.

Am folgenden Montag war Parteiversammlung und Hans war zum Parteigruppenorganisator seiner Seminargruppe gewählt worden. Man verstand sich als oppositionell. In seinem Internatszimmer stand die Tasche mit der scharf formulierten Resolution zu den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Er würde auch dieses Mal den Mut nicht fnden, sie abzugeben. Stattdessen wird er mit anderen Genossen die Prüfungen des letzten Semesters auswerten und feststellen, daß es noch sehr viel zu tun gäbe.

2.

Hans Hektor war sehr groß. Er musste sich andauernd bücken. Das wirkte sich auf seinen Gang aus.

3.

Ich glaube, der Sommer ist vorbei. Der Regen der letzten zwei Tage hatte nichts mehr vom erfrischenden Sommerregen. Die Leute laufen schneller, um sich vor den kalten, sprühenden, kleinen Tropfen in Sicherheit zu bringen. Der Regen macht die Klamotten unangenehm klamm, und Kälte zieht in alle Glieder. Es besteht keine Hoffnung mehr, sich danach in die Sonne zu stellen und nach wenigen Sekunden wieder trocken zu sein.

4.

Endlich hatte er es geschafft. Er war mit dem Knoten seiner Krawatte zufrieden. Der Binder war schwarz mit einem leichten Grünschimmer. Auf der breiteren vorderen Seite war ein filigranes weißes Muster. Hans hatte die Krawatte von seinem Urgroßvater geerbt. Wennschon, dennschon, hatte er gedacht als er erfuhr, daß zur Prüfung Anzug oder FDJ-Hemd getragen werden sollte.

5.

Noch sind nicht alle Früchte geerntet, die Wiesen und Bäume grün, doch die Natur beginnt langsam mit dem herbstlichen Sterben. Die Zugvögel sammeln sich, um Wege zu gehen, die ihm verwehrt bleiben. Feldmäuse und Hamster arbeiten schneller. Sie legen Vorräte an. Wenn sie im Winter einmal erwachen, wollen sie sich mächtig die Bäuche vollschlagen. Der Himmel und die Hummeln sehen traurig aus. Es bleiben Flugzeuge und das nasse Beton der neuen Häuser.

6.

Am Wochenende hat er gemerkt, daß es so nicht weitergeht. Man sollte das nicht einfach so hinnehmen. Er glaubt, sein Fehler sei, von abstrakten Denkmodellen auszugehen und sich von realen Problemen kaum tangieren zu lassen. Und sie hat ihm ihre kleine Hand auf den Kopf gelegt, und er schaute verwundert auf die Tochter seines Freundes.. Er lachte zurück, nahm seine Tasche und ging.

7.

Es war das fünfte Bier. Er kann nicht sagen, daß er es nicht gewußt hätte. Morgen werden sich nur die Freunde noch daran erinnern, dass er die Tür verfehlte und gegen die Wand lief. Er hält eine Rede. Reform tue Not. Die Freunde nicken. Wenn wir wollten, daß dieses Land überlebe, müssen wir es Dezentralisieren. Die Innovationskraft einer zentral geleiteten Wirtschaft sei gleich Null. Die Produzenten seien räumlich getrennt und die Plankommission könne diese Trennung nicht überwinden. Seine Zunge war schwer. Noch ein Bier. So lange uns aber senile Greise regierten, würde sich nichts ändern. „Hallo Ulf. Setz dich! Was, Cola? Bist du krank? Prost und wir müssen die Opposition an der Parteibasis organisieren“.

8.

Sie lagen im Park und küssten sich. Der Park lag mitten in der Stadt. Es ist eigentlich übertrieben, angesichts der zwanzig Bäume, von einem Park zu sprechen. Es gab ein Stück Wiese, und dort lagen sie und küßten sich.

9.

Plötzlich hingen je drei Männer in den Armen der beiden Frauen. Wir begrüßten gerade die Gewerkschaftsjugend eines großen Betriebes der Schwerindustrie. Sie waren dabei, ihr Transparent zu entfalten. Der Text entsprach nicht den Vorschlägen der Partei- und Gewerkschaftsführung. Hans Hektor konnte den Text kaum entziffern, aber Staatsfeinde waren die Frauen wohl nicht. Nach einem kurzen Handgemenge brachten die Männer das Transparent in ihren Besitz. Dies war die einzige Kampfszene während der Kampfdemonstration.

10.

Diese und andere Bilder gehen mir durch den Kopf, während ich in der Mensa warte. Ab und zu klingelt der Kaffeelöffel am Einheitsporzellan. Fraglich ist vor allem, ob dieses Warten aufhört wenn sie kommt. Wir sehen uns vielleicht morgen. Gesagt mit dem Ton eines Menschen, der viel lieber irgendwo sein will, aber nicht in dieser Stadt, in diesem Land. Zum Glück war ich einem Freund begegnet, und wir lenkten unsere Schritte über den Campus. Wir trafen vereinzelt auf Menschen, die uns alle wie Bewohner einer Kleingartensiedlung erschienen. In der Casino-Bar beschlossen wir, irgendwann ein Cafe mit dem Namen Agonie zu eröffnen.

11.

Vor der Nikolaikirche wurden jeden Montag Polizeieinheiten zusammengezogen. In der Nähe gab es eine Musikalienhandlung mit einem sehr netten alten Verkäufer. Hans informierte sich dort gern über Neuerscheinungen. Die Polizisten störten.

12.

Hans war müde. Er hatte sich in eine der hinteren Reihen gesetzt. Die Vorlesung interessierte ihn nicht sonderlich. Neben ihm saß der, der sich als sein Freund betrachtete und den die anderen als seinen Schatten bezeichneten. Links neben ihm saß Hoß. Dieser Mensch bewachte die Kommilitonen und führte Anwesenheitslisten. Hans ließ sich aber von diesen Listen nicht mehr beeindrucken, da sie noch nie zu ernsthaften Konsequenzen geführt hatten. Hoß schrieb jedes Wort des Professors mit. Es sei ihm egal, ob der Arbeiter im westlichen Ausland mit einem Cadillac zur Arbeit führe, er würde ausgebeutet. Hoß fährt einen Trabant, den er sehr liebt. Hans gab sich einem Spiel hin. Es ging darum, auf kariertem Papier, von einem Kästchen anfangend, das Blatt mit Zahlen zu bedecken. Die Position der jeweils folgenden Zahl wurde durch Rößleinsprung ermittelt. Er hatte es in einer vorangengangen Vorlesungen geschafft, das Blatt so zu füllen, daß nur fünf Kästchen frei blieben. Diese Zahl galt es zu unterbieten.

13.

Wir dachten oft darüber nach, warum die Leute sind, wie sie sind. Mit diesen hier jedenfalls, ist nichts anzufangen. Die rennen morgens zur Arbeit und heulen sich abends am Biertisch aus.

14.

Die Straßenbahn war voll, wie immer um diese Zeit. Hans hatte keinen Blick für die Leute. Immer neue Wellen bewegten sich vom Magen durch die Speiseröhre in Richtung Mund. Sorgenvoll war er aus dem Seminar gekommen, in dem er wieder einmal festgestellt hatte, daß es so nicht weitergeht. Eigentlich wollte er in die Bibliothek gehen. Auf den Weg dorthin aber war er auf einen Freund mit ähnlich sorgenvollem Blick gestoßen. Sie befanden, daß es möglich sei, gemeinsam einen Weg zu finden, und sie fanden den Weg in den Studentenclub. Leider gab es im Cafe keine freien Plätze, so daß sie in der Tagesbar Bier trinken mußten. In der Sowjetunion hatte ein Arbeiter geäußert, daß das Proletariat auch siebzig Jahre nach der Revolution immer noch nur seine Ketten zu verlieren hätte. Das fanden sie auch. Solange die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel in den Händen des Staates liege, handele es sich nur um eine modifizierte Form des Privateigentums, sagte Hans, also um Kapitalismus. Sein Freund stimmte ihm zu. Die beiden mußten es wissen. Sie studierten Politische Ökonomie. In ihren Köpfen wuchs der Plan, der dieses Land aus der Krise führen würde. Die Revolution gehe weiter, hatte Gorbatschow gesagt. In den Mägen sammelte sich das Bier, und es verging der späte Vormittag, der Mittag und der frühe Nachmittag. Als sich die Bilder verdoppelten befanden sie, daß es an der Zeit sei, zu gehen. Hans Hektor stieg mit einem leichten Brechreiz in die Straßenbahn.

15.

Es roch nach frischem Moos. Hans hatte sich auf den Waldboden ausgestreckt. Er wollte die Stadt vergessen, die Freunde, die Partei, dieses bescheuerte Land. Er wollte einfach so daliegen, den Blick in den Himmel, einfach so, wie er es schon oft gelesen hatte. Am Himmel bildeten die Wolken Figuren. Hans versuchte sich darauf zu konzentrieren. Eine sah wie ein Kamel aus, annähernd. Ein Insekt kroch unter Hans´ Pullover. Der Boden war hart und kalt. Hans versuchte eine bequeme Lage zu finden. Es mißlang. Nach zehn Minuten gab er auf.

16.

In diesem Jahr ernteten die Bäuerinnen und Bauern einer LPG vier komma neun Prozent mehr Weizen als im voran gegangenen.

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