weiter waldrop

Ich schreibe so langsam, dass die Welt sich manchmal zwischen zwei Sätzen oder noch bevor ich mich für eine von zwei Wendungen entscheiden kann, eine ganze Runde um sich selber dreht.

Kommen und Gehen, so symmetrisch sie scheinen, haben nichts miteinander gemein. Eine Reihe von Bäumen links verspricht Schatten, so dass ich den kürzeren Weg verlasse und in die Nebenstraße einbiege. Sie ist wie ein Tunnel nach Hause. Sonnenlichtflecken auf dem Gehsteig steigern das Gefühl für mein Entkommen.

Daraus ist nicht zu schließen, dass in kurzen Spurts zu lesen wäre oder im Versuch die Schichten von Mühe und Zögern wiederherzustellen. Schreiben und Lesen, wenngleich sie sich einen Text teilen, haben keine weitere Beziehung zueinander – weil geboren zu sein über das Sterben nichts aussagt.

Sonne befleckt den Tisch, hartnäckig.

***

Mein zweiter linker unterer Backenzahn war nie auch nur im Ansatz für mich brauchbar. Er entspringt meinem Zahnfleisch, ragt schräg nach innen und zerkaut überhaupt nix. Jahrzehnte quälte meine Zunge sich um seinen Grat herum.

Nun schmerzt er, und mein Zahnarzt behauptet, der Hauer sei faul.

Er hat mir wenig eingebracht, der kleine Gott, mein zweiter linker unterer Backenzahn beschert mir allenfalls Schmerzen. Trotzdem, dessen bin ich mir gewiss, werde ich ihn vermissen, wie alles, das verloren geht, nachdem es mein Leben kurz gestreift hat, ganz zu schweigen von einem so intimen Ding, das mir täglich ins Bewusstsein ragt, um Ärger zu bereiten.

Wenn ich all den Ärgernissen Ausdruck geben wollte, diesen rauhen oder zarten Punkten auf der sonst so unscheinbaren Oberfläche meiner Erdenzeit, müsste ich eine Liste von allen Dingen erstellen, die ich, wie es heißt, einmal nicht mit mir nehmen kann. Und zu jener Totalität, die ich zurückließe, zählte auch mein Vermögen etwas zu bedauern. Also muss ich jetzt oder nie die ganze Welt betrauern, die vergeht.

Und tatsächlich, ich bedauere im Voraus – die umfassende, sich unkontrolliert ausbreitende, undurchdringliche, harte, schwere, unbegreifliche Gegebenheit. Von allen Christlichen Tugenden nehme ich nur diese eine für mich in Anspruch: ich liebe meinen Feind.

***

Es gibt Dinge, die scheine ich nur vollbringen zu können, wenn ich schlafe, bedeutende Sachen vielleicht.

Wenn ich mich doch nur daran erinnern könnte.

Manchmal im Erwachen ist das letzte Traumbild noch da, ganz schwach, und es verblasst sogleich, wenn ich es halten will, in den Sonnenstrahlen, die durchs Rollo dringen.

Aber auch an die Stunden, in denen ich wach war, kann ich mich natürlich nicht komplett erinnern, und am wenigsten an jene Dinge, für die ich zurückkehren, zurückblicken muss .

(Einige Souvenirs trage ich in meinen Händen wie Waffen.)

Aber Träume gehen oft schon im Entstehen verloren.

Im Traum werde ich dazu gebracht, etwas vorzuführen. Ohne Text und ohne Publikum. Vor eine übervollen Leere soll ich spielen.

Ich schlafe schlecht.

***

Die großen Geigenbauer – Guaneri, Stradivari — wussten genau, dass das Holz vibrieren und ein Instrument erst einige Zeit gespielt werden muss, bis es zu sich selbst kommt und die Qualität, die in ihm steckt, Klang wird.

Am Ende ihres Lebens schnitzten sie die Böden dicker, die Rippen stärker, um eine lauteren Ton zu erreichen, eine brillantere Technik – damit verschob sich das Erblühen der Instrumente um achtzig bis hundert Jahre. Sie haben ihre Geigen selbst nie in vollem Klang erlebt.

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5 Antworten zu weiter waldrop

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Ich liebe es, wie er im letzten Absatz im Grunde vom Schreiben, im Grunde von jeder Kunst spricht.
    Und solche Sätze: „Schreiben und Lesen, wenngleich sie sich einen Text teilen, haben keine weitere Beziehung zueinander – weil geboren zu sein über das Sterben nichts aussagt.

    Sonne befleckt den Tisch hartnäckig.“

    Nicht allein für Sätze, wie den obigen, die ich für gleichmaßen wahr wie falsch halte, sondern für die Anreicherung, Erweiterung, Kontrastierung (all das sind nicht die wirklich treffenden Worte) solcher Gedanken mit der anschließenden Beobachtung, liebe ich Waldrop. Obwohl es zutreffender wäre, zu schreiben, ich liebe die Art, wie das Lesen von Waldrop, mein Denken in Aufruhr versetzt.

  2. Clarknova schreibt:

    Reblogged this on Nova Station.

  3. muetzenfalterin schreibt:

    Schade, mit Waldrop geht es wohl nicht weiter hier.

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    am liebsten wäre es mir, einen verlag zu finden, der sich darauf einlässt. aber bei gelegenhet werde ich wieder einen teil posten, ich brauche lang für die übersetzung.

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