noch ein wenig Keith Waldrop

Über Jahre hinweg hab ich nach unausgesprochenen, vielleicht unerkannten Maßgaben bestimmt, was ich beispielsweise lesen werde und was nicht. Ohne des einen oder anderen Kunst in Frage zu stellen, höre ich nun auf, nach mehr Text von jenem zu suchen. Aber ich werfe seine Bücher nicht weg, sondern nehme sie einfach nicht mehr zur Hand, und suche nach anderen Lektüren. Man kann unmöglich allen, oder auch nur vielen Dingen mit ganzer Aufmerksamkeit begegnen.

Nun habe ich einen Punkt erreicht, an dem mir all meine Urteile fragwürdig scheinen, sowohl jene, die ich verpackt in einem Satz weitergeben kann, als auch jene, die mich instinktiv an einem nur halb wahrgenommen Regal voller Bücher entlang führen, hin zu jenem einen Buch, das sich dann plötzlich in meiner Hand befindet. Diese Urteile können alle falsch sein, schlechte Ausschlussgewohnheiten oder vereinfachte Bezüge.

Gewohnheiten können schlechte Resultate zeitigen, auch wenn sie in gewissem Sinne gute Gewohnheiten sind.

Ich habe den Drang Bücher (und ich bleibe bei diesem Beispiel, obwohl es nicht nur oder auch nur größtenteils eine literarische Angelegenheit ist), die ich vor langer Zeit gelesen habe, wieder zu lesen, um zu sehen, ob sie so gut oder schlecht sind, wie ich einst dachte, ob sie schlicht das sind, was sie mir einmal schienen. Dass mein neuester Eindruck bald genauso hinfällig ist, wie die früheren, stört mich dabei nicht.

Alles was mich heute stört, ist das immer schnellere Vergehen.

Li Po, den höchsten Berg erklimmend, wurde von übernatürlich zarten Mädchen angesprochen, sie luden ihn ein, aus einer völlig fremdartigen Tasse zu trinken. Wehmütig und beschämt erklärte er, nicht bereit zu sein für die Unsterblichkeit.

***

Mir wurde oft gesagt, dass es nicht richtig ist, von verschwendeter Zeit zu sprechen, denn wenn es mir scheint, als täte ich nichts, bereiten sich in mir neue Formen vor — der eine nennt es Brutzeit, ein andrer spricht von Schwangerschaft.

Ich wünschte, ich könnte ihnen glauben.

Oft habe ich das Gefühl, dass Zeit bei mir kaum andres tut, als verschwendet zu werden, wenngleich ich kein Beispiel dafür geben kann, jeder Bericht würde ein Überleben hervorrufen.

***

Schlaf umgibt mich. Während ich hinein sinke, quillt er an allen Seiten empor. Es ist, als ob Wachsein ein tiefer Schacht wäre, ein Schacht, der in den Schlaf hineinreicht, dahin, wo die Gravitation eine andere ist, — ich sinke, ich schwebe manchmal auf einer zufällig sich ergebenden Ebene.

Und ich schlafe schlecht, nicht weil ich mich qualvoll hin und her werfe, nicht weil ich von Sorge befallen wäre, ich bin einfach wach, oder teilweise wach, ein hin und her zwischen Schlafen und Wachen, unbestimmt in den Stunden des Schlafes.

Die Luft ist dickflüssig, Luft, die einem Sirup gleicht, schwer und immer schwerer zu atmen, bis sie zu leben scheint, und ich ihr eigener Atem werde.

Botschaften, von Ohr zu Ohr weitergetragen, entfernen sich von ihrer Botschaft. Der Inhalt sickert heraus, und abstrakte Qualitäten beginnen zu dominieren, wie es in Erinnerungen geschieht. Das Licht steigert sich ins Irreale. Die gröbsten Illusionen, so scheint es, die ärgerlichsten, schmutzigsten Lügen, kommen als Erleuchtung daher.

***

Manche gehen in die Wüste — die Eremiten von Thebais zum Beispiel – und versuchen verzweifelt, den Schwierigkeiten einer unseligen Welt zu entfliehen, deren trüben Rätsel, deren Unsicherheiten, die wie Treibsand sind.

Andere gehen noch weiter weg, weit hinter den Ort, an dem Antonius gegen die Versuchung kämpft, sich wappnend gegen Bilder, wie die Begierde sie hervorbringt.

Und bevor sie sich zerstreuen, in dieser, sagen wir, Wüste hinter der Wüste – dieser unermesslichen, unkultivierten inneren Wüste – schwören sie, dass Gott ihre einzige Hoffnung sei, und sie würden von nun an keine Hilfe annehmen, es sei denn, sie käme aus seiner Hand, nichts von den Menschen würden sie nehmen, weder Nahrung noch Unterkunft. Sie sind die seinen, Er würde sie versorgen.

Dann gingen sie, einer nach dem anderen, getrieben von einem Drang, dessen Art und Natur sie nicht erkannten.

Und natürlich kamen sie um, einer nach dem anderen, jeder allein in der Wildnis. Sie wurden vom Hunger vernichtet, vom Durst und von der unerbittlichen Sonne. Sie wurden, so hungrig sie waren, von wilden Tieren zerfleischt. Sie wurden, wenn sie verhungert, zum Futter für Geyer.

Und einer von ihnen stolperte, ausgetrocknet und verrückt vom gleißenden Mittagslicht, in einen notorisch blutdurstigen und ungastlichen Nomadenstamm hinein, direkt auf den Kultplatz.

Und die harten Herzen der Barbaren wurden von seinem Zustand auf einmal derart zu Mitleid gerührt, dass sie ihm Brot und Tee anboten – dürftiger Luxus eines Feldlagers.

Aber er war ohne Verständnisdafür; und vergessend, das alle Dinge von Gott kommen, wies er Brot und Wasser ab und starb.

***

Aus der Sicht der Ewigkeit , sind Odyssee, die Wasser von Atlantis und mein fauler Zahn nahezu von gleicher Dauer – balancieren am Rand eines Augenblicks..

Ich fahre wie vorgeschrieben links ab, am Schild DER TOTE SOLL IN CHRISTUS AUFERSTEHEN vorbei und parke dort wo steht: FALSCHPARKER WERDEN ABGESCHLEPPT. Wir sind nur Wellen. Wir wissen nichts vom Wasser.

***

und Schwester Josepha, die in die Hölle wollte – sie war eines jener „Heiligen Opfer“, die in sich selbst die Sünden eines anderen aufnahmen und unschuldig untergingen in den Qualen der Verdammnis. In der Hölle wurde sie für Sünden bestraft, die zu begehen, ihr nie in den Kopf gekommen wären.

Ich versuche mir vorzustellen wie sie das Alltägliche erfahren hat. Denke darüber nach, was ihr ein gewöhnlicher Raum bedeutete: ein Schritt in irgendeiner Richtung muss für sie wie aus dem Nirgendwo ins Nirgendwo gewesen sein, war sie nicht von dem Ewigen bestimmt, der sie aufhebt oder fallen lässt?

Um ein ordentliches Opfer zu sein, braucht man keine Vergebung, sondern man muss unschuldig sein von Anfang an. Das heißt: niemals einen körperliche Genuss erfahren zu haben. Und die Heilige hat am ganzen Leib gelitten, als sie in die Hölle hinab stieg, Stück für Stück, innen und außen, von den Haar bis in die Zehen spitzen. Und sie ertrug es, während Dämonen wüteten – sie konnte sie bezwingen, weil kein Teil ihres Körpers, nicht das kleinste Stück Fleisch an ihr, jemals der Lust gedient hat.

Ich sehe den Satan, wie er jede Faser, jede Synapse prüft auf Durchlass für ihn – er mag unsterblich sein, aber seine Welt ist begrenzt — und er konnte keinen Eingang finden.

Eine furchtbare Inventur.

***

Inzwischen hat mein Zahnarzt meinen zweiten linken unteren Backenzahn noch einmal untersucht und entschieden, dass er das Ding nicht selber ziehen kann. Er ist schließlich ein sensibler Mann.

Vor zehn Jahren drohte die Arthritis, ihn zu lähmen, drohte ihm vielleicht den Lebensunterhalt zu nehmen und sogar den Sport. Wissend dass das Gift der Honigbiene Heilmittel für diese Krankheit ist, provozierte er systematisch vorbeifliegende Tiere, ihn zu stechen.

Es wirkte so gut — ein Stich jeden Tag für die angegriffenen Gelenke — dass er begann eigene Schwärme zu züchten, in seiner Wohnung im obersten Stockwerk, er wohnte über der Praxis. Im Sommer hingen die Bienenkörbe in der Feuerleiter und das Unkraut in der Nachbarschaft wurde prächtig befruchtet.

Er hat nun Angst, dass, wenn er mit kräftigen Griff meinen Zahn packt, der Zahn… nun sein Ausdruck ist „explodiert“. Er sagt, dass er keine Schwester beschäftigt, und dass seine Frau streng genommen nur Bürokraft sei, und gibt mir die Adresse eines Kiefernchirurgen, der auch am Samstag operiert

***

Ein Garten, ja, aber komplett umringt von einer dicken Mauer, hoch, rau und oben mit Glasscherben bewährt. Und die Mauer hat keine Lücke, keinen Durchgang.

Im Traum geht man oft durch Mauern, aber nicht durch diese, weil sie eine Traummauer ist, undurchlässig für Träumer.

Wenn ich in diesen Garten zum Schlafen komme, muss ich auf nackten Felsen klettern, den Scherben von zerbrochenen Flaschen trotzen, und, zerkratzt und zerschnitten, wie auch immer, mich in unbekanntes Grünzeug fallen lassen, wo niemand auf mich wartet.

***

Ich versuche, mich zu erinnern, was ich sein werde.

***

Wir fangen ein, was wir nur können, indem wir es in Worten ausdrücken, aber dann, ob wir sprechen, schreiben oder denken, bleibt es nur Wort, niemals wird es wiederhergestellt, um- oder zurückübersetzt, außer in andere Worte. Ein Code, der nicht zu knacken ist, eine One-way-Verschlüsselung.

Kommen und gehen, die doch so symmetrisch scheinen, stehen überhaupt nicht im Einklang.

***

Man könnte die ganze Welt herschenken – und einige haben es getan – für ein Gefühl des Wohlergehens.

***

Es ist, als ob jemand in mein Ohr flüstern würde: „ Schlaf, wiege dich in völliger Sicherheit, in ungestörtem Vertrauen. Wir töten dich erst, wenn du aufwachst“

***

Angenommen (und einige nehmen das an) dass das der Genuss ein Nachlassen der Anspannung ist, ein Krampf der Ruhe nach höchster Belastung; weiter angenommen, dass so ein orgastisches Modell von Erregung und Ruhe, die Lust und den Schmerz erklärt; ist es dann nicht der Tod, der am stärksten ersehnt wird.

Andererseits: entlang der Mitternachtsstraße höre ich manchmal – so leise, dass ich stehenbleibe um zu lauschenn und den Atem anhalte, ein leichtes, zögerliches Klingeln…von irgendjemandens Windspiel. Ein wenig Wind steht an.

vielen dank an rosemarie waldrop für die hilfe bei der übersetzung (j.k.)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Freiheit, Kunst, Literatur, Philosophie abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu noch ein wenig Keith Waldrop

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Ich habe gesehen, dass das Buch bereits 1997 erschienen ist. Warum ist ein so wunderbares Buch nicht längst übersetzt? Jedenfalls Danke für die Bekanntmachung mit Keith Waldrop und für das Angebot, mit einen Teil des Originals zu senden.

  2. muetzenfalterin schreibt:

    Ja, Zeremonie woanders meinst du. Ich glaube, ich werde es mir besorgen.

  3. Pingback: Wasser | muetzenfalterin

  4. Graugans schreibt:

    Unglaublich wunderbarer Text, herzlichen Dank für das „eindeutschen“!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s