für kim jong il (Passendorf)

Eins

Vielleicht hat man einfach vergessen, daß dort einmal ein Sumpf war. Es ist kaum noch vorstellbar. Eher hügelig, hügelig trocken würde man das Gelände beschreiben. Grautrockner Rasen und Goldruten hier. Ein wenig karstig vielleicht aber nur, wenn man sich noch nie an den Stränden Jugoslawiens gesonnt hat. Vorbei ist vorbei. Dies nun sei der letzte Kommentar eines vorlauten Erzählers, der sich manchmal in Zeiten zurücksehnt in denen man von Tito und von Faschismus sprach. Es geht hier um Stötzer und wie er sich selbst sehen könnte: Dreiteiler, offene Jacke die Daumen im Ärmelausschnitt der Weste verhakt. Standbild. Stötzer als Lenin vielleicht.

Zwei 

Auf den Brachflächen neben dem Tunnelbahnhof wächst Kraut. Schotterkraut, als sei es mit dem Zug gekommen, als hätte sich der Samen in den Jacken der Arbeiter bis hierher an den Rand des Wohngebiets Halle Neustadt gerettet, an den Rand der Geschichte. Die Vorstellung von einem Sumpf erinnere ihn doch allzusehr an eine naive Betrachtung der Natur; sagt Stötzer und doch sei hier einmal ein Sumpf gewesen.

Drei

… dann stellt er sich Barbaras Namen vor. Das Blonde im preußischen, ein harter Klang. der an eine Laubharke erinnert mit beweglichen Zinken, eine Harke, die Kinder benutzen, um das Spielen auf einer Harfe zu imitieren. Der Name paßt weder zu ihr, noch paßt er nicht. Wenn sie vor ihm stünde vielleicht, wenn sie sich versonnen eine Locke drehte. Barbara. Die Fremde.

Platte machen

Oder man hat einfach nicht damit gerechnet, dass sich etwas ändert, denn Utopien wollen das Finale, sagt Stötzer, den Abschluss, die Ewigkeit, deshalb hätten wir ihnen vertraut. Wir waren es einfach gewohnt, ihnen zu trauen. Keiner will schließlich spurlos verschwinden Himmelsdom, Sternenzelt, und auch der Stadtraum. Wer habe da noch irgendwelche Zweifel am Kommunismus haben können. Selbst Parkbänke wollte man beheizen, einen kleinen Abzweig schaffen aus Fernwärmeleitungen, diesen grauen Ungetümen, hin zu den Ruheplätzen für Rentner und Halbwüchsige, nachts in wachsender Landschaft.

Fünf

Nur dass er kommen würde, war gewiss. Wir standen an einer Schwelle. Hinter der verglasten Front des Tunnelbahnhofes und hinter dem Eingang verlieren sich Rolltreppen im Schacht. Sie laufen nicht. Alles hier ist stumm und sieht aus, als wäre es neu. Als müsse nur einmal richtig geputzt und benutzt werden. Bilderbuchwetter. Aber Utopien wollen die letzte Veränderung sein, sagt Stötzer und blickt sich um. Er zeigt auf eine Efeuranke, die von einem Balkon wächst im siebenten Stock und die Ranke hat den Boden fast erreicht. Das macht sie so konservativ, sagt Stötzer.

Sechs

Im Kies vor dem Einkaufszentrum verstauben Reifenspuren. Double Fantasy in Leuchtbuchstaben über einem Jeansladen. Hinter der Schaufensterscheibe tote Wespen. Mindestens sieben. Als kämen sie ohne Bewegungen aus, sagt Stötzer. Lange schon haben die Auslagen nicht mehr gewechselt. Der Staub, und die ausgebleichten Stoffe, das handgemalte Schild mit Ausrufungszeichen. Paradies. Arbeiterparadies, Stötzer muß lachen. Im Paradies gäbe es keine Zeit. Wer hätte gedacht, dass diese Platten altern könnten, in einer Zeit, einer Neubaublockzeit. 

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