Silvester

Ob er die Stadt liebe, habe ich Stötzer gefragt. Es war um die Jahreswende 2000/2001 und ich erinnerte mich daran, wie wir als Studenten zu Silvester Briefumschläge mit unseren Erwartungen in eine alte Geldkassette gesteckt hatten, um sie ein Jahr später wieder hervorzuholen. Stötzer machte eine weit ausladende Armbewegung, als wolle er alles um uns herum in diese Geste einbeziehen. Eine erste Regung, die abrupt abbrach, und er bedachte mich mit einem Seitenblick, in dem etwas lag, was ich nicht einzuschätzen wußte, was aber ein wenig wie Weisheit aussah. Die Stadt sei immer öfter eine andere geworden. Er brauche zwar noch keinen neuen Stadtplan, aber er könne sie wieder und wieder durchstreifen und etwas entdecken, woran er bislang nicht einmal gedacht habe, und das sei doch das Wichtigste. Dabei, im Umherschweifen also, habe er, ein Verhältnis zur Stadt entwickelt, das vielleicht an eine Freundschaft erinnere, eine tiefe Freundschaft, wenn mann so wolle. Denn Freundschaft heißt doch so etwas wie das Wiederentdecken des Vertrauten im Fremden. Er nickte zwei, drei Mal, als würde er sich selbst bestätigen. Trotzdem, sagte er, je länger er darüber nachdenke, ja, er liebe die Stadt.

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