Erste Rezeption

Das Zimmer hat eine Tapete, die in den fünfziger Jahren schön gewesen wäre. Aber auch die vertrauten Motive an den Wänden können seine Beklemmung nicht lösen. Das ist also das berühmte Zimmer 103. Alle wissen von seiner Existenz und erwähnen es beiläufig. Manchmal aus Spass. Pass auf oder du musst in die Hundertdrei zum Vaunuller. Als käme von da niemand zurück, zumindest nicht so, wie er hinging. Ein Ort der Verwandlung. – Er selbst hatte nie damit gerechnet, das Symbol des Ministeriums für Staatssicherheit im Holzrahmen hier in eben jenem Zimmer zu Gesicht zu bekommen. Das Bild des Generalsekretärs ist das gleiche, das im Speisesaal für Unteroffiziere und im Fernsehraum hängt. Es ist etwas älter als das im Clubhaus. Honecker über Presspappe gezogen. In Gedanken beißt er sich auf die Lippen. Am Tisch aus den fünfziger Jahren sitzt ein etwas jüngerer Hauptmann. Dieser Mann, heißt es, habe mehr Macht als der Regimentskommandeur. Grüß dich, hört er ihn sagen. Er ist verwirrt über den vertraulichen Ton. Ob er rauche, wird er gefragt. Er steckt sich eine Zigarette an. Das Streichholz springt neben den Aschenbecher. Der Hauptmann nimmt es auf und schnipst es in den Papierkorb. Er zittert mehr als sonst. Das Interieur des Zimmers unterscheidet sich nicht von dem anderer Amtsstuben. Das Tonband aber auf dem Tisch ist ein sowjetisches Mira mit eingebautem Mikrofon. Könnte in jede Jackentasche passen. Es läuft auf Aufnahme. Der Hauptmann erzählt von der internationalen Lage. Es fänden gerade die Herbstmanöver der NATO statt, sagt er, in unmittelbarer Grenznähe. Grenznähe! Der Krieg könne jeden Augenblick beginnen. Ob ihm an der Stimmung der Truppe irgend etwas aufgefallen sei, wird er gefragt. Er weiß nicht, was Irgendetwas ist und verneint. Der Hauptmann legt ihm ein Papier vor. Er erkennt seine eigene Schrift. Ein Gedicht aus der Zeit, als er Offiziersschüler war, sechs Wochen lang, bis er aufgab. Er hatte es niemanden gezeigt. Man könne das analysieren lassen, sagt der Hauptmann.

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