Die Illuminaten

Im späten achtzehnten Jahrhundert konstituierte sich im Süddeutschen Raum ein Geheimbund von jungen Intellektuellen, der sich den Namen „Illuminaten“ gab, und es sich zum Ziel gemacht hatte, durch untergründige Arbeit den Intellekt der Bevölkerung derart zu heben, dass diese sich im entmündigten Zustand nicht mehr aufgehoben weiß und deshalb nach Demokratie sehnt. Die Illuminaten gaben sich selbst und den Städten, in denen sie tätig waren, griechische Namen, in Erinnerung an die ersten europäischen Demokratien. „Die Demokratie wurde in Athen geboren, als Solon die Schulden der Armen gegenüber den Reichen stornierte.“ Daran erinnert auch der Komponist Mikis Theotorakis in einem Aufruf im Oktober 2011 an die Bevölkerung Europas, eine neue, eine europäische Solidarität zu entwickeln, deren Ziel nicht der Erhalt von Banken, sondern der Wohlstand der Bürger ist.

Dass letztlich die Demokratisierungswellen, die um 1800 von Frankreich ausgingen und über Europa hinwegrollten, gewaltsame waren, widerlegt das Konzept der Illuminaten nicht. Aufklärung im kantschen Sinne, die die Unmündigkeit des Bürgers hinwegarbeitet, braucht dessen Bildung, eine Bildung, die den Bürger geradezu hervorbringt. Fraglich ist allerdings, ob diese Bildung von Geheimbünden organisiert werden sollte. Wie mir scheint, sind Bildungseinrichtungen und Massenmedien in Deutschland im Augenblick nicht dazu geschaffen oder nicht daran interessiert, einen mündigen Bürger der Europäischen Union mit dem nötigen Wissen auszustatten.

Dazu braucht es aber entsprechende Institutionen. „Schließlich unterliegt auch die staatsbürgerliche Solidarität einem Formwandel. In unserem Szenario müsste auch diese sich von der nationalen Ebene lösen, wenn die Bürger in ihrer Rolle als Unionsbürger, die das Straßburger Parlament wählen und kontrollieren, tatsächlich in die Lage versetzt werden sollen, an einer gemeinsamen, über nationale Grenzen hinausreichenden politischen Willensbildung teilzunehmen.“ schreibt Habermas im Handelsblatt.

Da die europäischen Nationalstaaten, wie es aussieht, derzeit nicht in der Lage sind, ihren Bürgern derartige Institutionen zur Verfügung zu stellen, hat sich in einigen europäischen Ländern (z.B. Spanien und Griechenland) die Diskussion auf die Straße verlagert, und auch außerhalb der EU, in den USA beispielsweise, kommt es derzeit zu einer breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Mit etwas Optimismus könnte man von einer erwachenden Weltgesellschaft sprechen. Die Debatten verlaufen dabei weitgehend friedlich, was angesichts der Problemlage beeindruckt.

Dass es in Deutschland ruhig ist wie immer, kann man nur bedingt dem schlechten Sommerwetter und den beginnenden Herbst anlasten. Vielleicht operieren ja irgendwo neue Illuminaten im Geheimen der deutschen Hinterzimmer oder in Passwortgeschützten Chatrooms. Es wäre Zeit, dass die Erleuchteten ans Licht treten, und auch hierzulande offen debattierten.

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