zum Tag der Einheit

Abdankungskantate (Vielleicht eine Freiheitskantate)
Chor und Sopran:
Was ist ein Kaiser, welcher im Bette
aus dem Amt scheidet nach Jahren
gelungenen Regierens, nach Jahren
voller Verehrung und Freude im Volk.
Chor:
Ein Weichei, ein Weichei, ein Weichei.1
Bariton (Rezitativ):
Die Massen weinten nach Stalins Tod. Sie lagen
Auf den Straßen in Sofia, Moskau und Ostberlin
Und sie haben geheult um das Väterchen Stalin.
Angst um sich selbst hatte sie gefügig gemacht.2
Unter anderen Umständen vielleicht hätten sie gelacht
Gegenseitig sich einen Vogel gezeigt. Aber jetzt:
Voll Trauer sehen sie hinter sich und finden sich
Selbst wie sie hinter sich sehen3, und sich finden.4

Sopran:
Bis über den Tod des Herrschers hinaus. Dass sie
Nicht merkten, was ihnen eine Befreiung war
Die die Natur ihnen schenkte. Im Grunde gratis
Eine Befreiung mit der man hatte nicht gerechnet.
Bariton:
Erst viel, viel später Witze. Radio Eriwan.5
Weil Stalin noch im Tod wirkte, als sei er lebendig
Und man legte den Leichnam neben einen anderen
Den Leichnam Lenins nämlich. Auch der war verreckt
Aber in seinem Haus sah er aus als würde er schlafen.
Daneben legte man Stalin. Und das Volk
Zog vorbei und dankte dem Schlächter ohne Eile.
Sopran:
Genau das wollte Stalin erreichen. Dass man leise
An ihm vorbeigeht und über sich nachdenkt. Über den
Verrat, den man im Begriff ist, zu begehen, wenn man ihn
für tot hält. Und tot war der Kerl allemal wie ein Stein.
Bariton:
So ein Schwein.
Chor:
Und sie wussten mit der Freiheit6 nicht allzu viel auch
Anzufangen. Sie standen auf und sahen auf in den Spiegel
Sahen die verschmierten Wangen und die verweinten
Augen. Und lachten und machten weiter wie immer.
Sopran und Bariton:
Die Strukturen gaben ihnen Wärme und Halt. Väterchen
Stalin hatte auch hier gewonnen. Vivat. Sein Name sich,
wie er wollte, in Brücken verwandelt, in Hauser, in Stein
und in Holz. Stand er zu lesen in den Gesichtern allen.
Chor:
Das Land funktionierte in seinem Sinne wie eine Maschine
kam erst zum Halt als ihm irgendwann der Brennstoff7 ausging.
Zwischenspiel8 (instrumental)
Chor:
Dem Kaiser, was des Kaisers ist. Schon lange
Glauben wir an diesen Mist. Und bange dem
Der ihn vergisst. Anarchie ist machbar9
Countertenor:
Der Mandschukaiser hat im Handschuh Lorberreiser
Das hat er nun davon, Fontane, Birnen wachsen jetzt.
An der Platane löst sich sacht die Rinde und Wilhelm
Schmollt und grollt und greift zur Tinte. Zum Verdruss
Verschwindt der Kaiser weil er jetzt Abdanken muss.
Chor:
Noch immer imitierend das Volk. In die Schranken
Verwiesen den Kaiser. Nach Holland am Rande des Meeres
Nun steht er, versucht mit den Möwen einen Disput. Nun
Sie sprechen nicht mehr zu ihm, die Tiere. Heute eine verschwiegene
Meute. Ca ira. Was immer das heißt. Es braust ein Ruf wie?
Wie Donnerhall. Verschleißt er unsern Kaiser. Der gern gereist.

Finale10:
Alle zusammen:
Jetzt ist er heiser, der Kaiser
Gott betritt die Welt, will heißen
Das Feld. Das Schlachtfeld Welt
Aber:
Als lustiges Finale das Defilee der Gottkaiser
Wankende Gestalten. Ritterlich. Vollkommen
Bekifft. Und jeder Schritt, unbenommen, trifft.

1 Und natürlich eine kaiserliche Hypothese. Sehr beliebt waren sie alle nicht und Feinde gab es immer: der Papst, die Könige, Revolutionäre, Anarchisten, der liebe Gott und zuweilen gar das Volk. Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet, schreibt Carl Schmitt. An dieser Stelle ist das vielleicht noch zu früh. Aber um über den Ausnahmezustand zu entscheiden, braucht es eine Situation, die einen Ausnahmezustand nötig macht. Also denken wir nur in der Krise über unsere Regierungsform nach. Soll der Kaiser also als Souverän handeln, muss seine Regentschaft schon im Argen liegen. Aber nur durch dieses Handeln macht er sich als Kaiser sichtbar. Das heißt aber auch: Ein Kaiser stirbt nicht, er fällt. Nach dieser Schmittschen Ansicht, wäre die Demokratie in einem permanenten Ausnahmezustand, der sich aller vier Jahre zu den Wahlen, und manchmal auch zwischendurch eruptiv entlädt.
2 Was logisch ist. Die Sorge um das Selbst rückt nicht von ungefähr ins Zentrum der Philosophie des späten Foucault. Dass er sich dabei auf vorchristliche antike Texte beruft, war mir lange Zeit einsichtig. Aber mir schien solange auch die Frage nach der Freiheit geklärt. Auf dem Kopfkissen las ich Hegel, und unter dem Kopfkissen lagen Nietzsche und die Franzosen. Das sorgte für Ausgleich und ich legte es nicht darauf an, eine Entscheidung herbei zuführen.
3 Die Praxis der Selbstanzeige: vielleicht die perfideste Form der Unfreiheit. Um die Strafe zu mildern, bezichtigt man sich selbst einer Straftat, der Staat lässt dann Milde walten. Oder die Partei, nachdem der Genosse eine Selbstkritik formulierte, eingestand, dass er bewusst oder unbewusst dem Klassenfeind zugearbeitet hatte. Nicht immer hat der Geständige überlebt. Hexenprozesse.
4 Nach der Post-moderne ist vor der Postmoderne Ist es verboten Systeme zu schreiben?/Den Einklang zu schreiben Symphonien/Zu entwerfen als gäbe es keine/Erfahrung. Als wäre da eine Einheit/Zwischen mir und der Welt als wäre/kein Riss in der Geschichte als fügte/Sich fügsam Baustein zu Baustein/Wir bauten gemeinsam das Haus /Gemeinsam bauten wir einig Europa./fällt mir Napoleon des Winters /vom Pferde der Weltgeist und Urgroßvater /lächelt mir zu und winkt mit den drei/verbliebenen Fingern der rechten Hand.
5 Vielleicht sind diese Witze auch nur retrospektiv auf Stalin angewendet wurden. Jedenfalls gibt es sie über jeden Ostblockdiktator. Wir berühren hier die schwierige Frage, ob ein Diktator frei sein kann. Nach Carl Schmitt wohl schon. (Zur Erinnerung: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet). Nach Kant wohl nicht. Der Kategorische Imperativ lässt wohl diktatorisches Verhalten nur zu, wenn Diktatorenwille und Allgemeinwille identisch sind. Da aber ein einzelner nie identisch mit einer Gruppe sein kann, ist dieser Zustand nicht denkbar. Dieser Zustand wäre der eigentliche Ausnahmezustand, man bräuchte dann aber die Souveränität des Souveräns nicht extra betonen. Und wenn das Volk der Souverän wäre, müsste es sich als Volk nicht bestimmen. Der Schlachtruf „Wir sind das Volk“, der die DDR zusammenbrechen ließ, sagte ja nicht die Wahrheit, sondern forderte eine Wahrheit ein, und führte zu Wechsel des Souveräns. Was nun Radio Eriwan betrifft: In einem Witz kommt die prekäre Beziehung von Körper und Freiheit zum Ausdruck. Das Radio meldet um 5 Uhr 30 den Stuhlgang des Diktators, um 6 Uhr 30 seine Blasenentleerung und dass er sich 7 Uhr 30 aus dem Bett begibt. (Ich weiß: Aufgeschriebene Witze sind Scheiße)
6 Kommt die Freiheit doch mit dem Christentum, das heißt mit den Christlichen Kaisern in die Welt, und zwar als Problem und Anspruch. Der erste Freiheitsgedanke ist das Konstatieren von Unfreiheit, das Bewusstsein von Unfreiheit. Überhaupt scheint mir der Freiheitsbegriff nur als problematischer Begriff denkbar, der Zwang über Freiheit zu sprechen, schließt die Freiheit aus. Für das Christentum, hier vertreten durch das katholische ist Freiheit die freie Entscheidung für Gott. Freiheit wäre also Akzeptanz einer übergeordneten Instanz oder wie für Hegel eben Einsicht in die Notwendigkeit. In der Operette Die Fledermaus heißt es dann: Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Aber Freiheit als Akzeptenz von Unfreiheit zu denken, scheint mir von der Freiheit soweit entfernt wie die Unfreiheit selbst. Das war es wohl auch, was Nietzsche abschreckte an aller Dialektik: diese Akzeptenz einer Instanz, die einen bestimmt. Wahre Freiheit wäre demnach: vollständige Selbstbestimmung, absolute Autonomie. Aber das ist doch nicht möglich, höre ich alle meine Lehrer und mich selber sagen, weil es nicht denkbar ist. Vielleicht sollten wir doch noch einmal bei Schelling nachlesen. Dieses Sichselbstbeschränkende, das ins Unendliche will, das sei das ich. Aber wir dürfen eben diese Selbstbeschränkung nicht als Freiheit denken. Da denke ich ganz undialektisch, Beschränkung kann niemals Freiheit sein, auch wenn ich selbst es bin, der mich beschränkt. Das Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit sei, war immer auch ein Schlachtruf der Stalinisten. Nein! Vielleicht ist Freiheit der Prozess alle Einschränkungen niederzureißen, das Hinwegarbeiten über die Begrenzung. Ich will unendlich sein!!! Dass ich es nicht bin ist ein Makel, den ich an mir konstatiere, keine Freiheit. Und der Tod ist, verdammt noch mal, ein Skandal. Herr Gott. Denken Sie bitte darüber nach, und dann schöpfen sie nochmal. Man soll einen alten Menschen nicht aus seiner gewohnten Umgebung reißen.
7 Das Ende des Kommunismus war den Ökonomen schon am Anfang der Achtziger sichtbar, weil die Akkumulationsmittel für die Achtziger Jahre in den Siebzigern in den Konsum gesteckt wurden (einige Volvo, Phillipsplattenspieler, dann und wann Pepsi Cola und Dorschleber, ein griechischer Brandy namens Helios! Den in Griechenland keiner kannte und der ein wenig nach Seife schmeckte. Der Brandy wurde später durch einen albanischen Weinbrand ersetzt (Skenterboy). Zur Hochzeit meines Onkels brachte Skenterboy mich fast um.
8 Post/Spätestens seit Foucault ist die Freiheitohnehin kein Gegenstand irgendeiner persönlichen Planung mehr.Vergilbte Seiten. Rosa weißPaperback. Reclam Leipzig.Eingegangen im nächsten Jahrzehnt.Abgeschickt in einer Vergangenheit, die ihrem Namen alle Ehre macht, dann passte das Päckchennicht einmal in den Postkasten. Nur ein blauer Benachrichtigungszettel war darin und ich musste zum Postamt, das gar kein Amt mehr war sondernEin neues Lied ein besseres will ich euch… Vergessen. Ist besser zu züchten.
9 Exkurs vor vollem Aschenbecher Und wie war das mit Schelling? Das etwas ins Unendliche strebt, sich selbst begrenzt eine Grenze also herstellt und das ist die Grenze. Die Gesellschaft als Spekulatives Borderlinesyndrom. Das Ende der Demut, Gefangene der eigenen Bescheidenheit, wobei das Wort Bescheidenheit schon eine Falle ist, denn niemand ist bescheiden, nur aus einer bescheidenen Maxime. Eine Maxime, die allgemeines Gesetz werden will, kann gar nicht bescheiden sein. Und überhaupt markiert Kant das Ende der Bescheidenheit das Ende der Demut. Der Freiheit Beginn, des Strebens nach Unendlichkeit eben. Nabucco, Fidelio überall tönt der Gefangenenchor als sei Freiheit die Erfindung von Komponisten. Mauern, Schallmauern, Schalmeien? Unsichtbar wenn einer durchgeht, dann knallt es.
10 Hier sollte Brecht zu Worte kommen. Ein Disput. Kongress der Weißwäscher oder so. Nein besser: Der Teewurzellöwe. Nicht war? Aber der Kerl ist noch nicht lange genug tot. Die Rechte sind nicht frei. Kafka könnte gehen.
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