Kaiseralbum 1

Kaiserreise1 (vom Ende her gedacht2)
für Durs Grünbein3
Aria:
Das Ziel eines jeden Kaisers ist es, bei sich/selber zu sein4. Immerhin das unterscheidet/die Monarchie von der Demokratie. Die Mitte5/ zu suchen, den Ausgleich, in sich zu wohnen.6/Freunde und Tiere am Ort ihres Todes7/ bestatten. Und Städte zu gründen nach ihnen.
Bariton:
Schlachtfelder vor der Stadt. Hier starben/ Ottos Hahn und Ochs. Dahinter stehen/ noch immer blickdichte Wälder. Gehen/ Bauern durch Hecken. Geschulterte Garben/ Windschutz. Mundschutz. Augenschutz. Hier/ halten die Wurzeln von Pflanzen den Schmutz
an den Boden gebunden, geschunden. Auch wir/ warten mit Cäsar, dass hier der Wind sich legt/ und wir auslaufen können mit unseren Schiffen.
Chor:
Weil es dann wirklich weitergeht. Seemanns Braut ist die See und das Meer/ Gibt keinen von uns wieder her. O Himmel Konstantinopolis. Persepolis. Tripolis./ Hier wurde geliebt und gelitten. Strahlender Azur10. Hier wurden/ die Zähne der Ahnen verstreut, zerstreut auch die Zweifel der Welt,/ die Zweifel der Welt an der Welt. Die Zweifel an Gott und letztlich/ die Zweifel an der Gewissheit des Todes, ein Versprechen, das hält.
1 Ursprünglich: per Anhalter durchs Mittelalter. Aber die zeitliche Einschränkung ließ mich den Titel verwerfen. Auch die Widmung hätte dann nicht mehr hingehauen. „Die Zicke aus der Spätanticke“ klingt zu sächsisch. Vielleicht „Die Ziege aus der Spätantieke“. Ach Gott… Tack, Tack, Tack Stechuhr… heißt es in einem Gedicht von Shanghai Drenger, das Jandl sehr mochte, als er am Deutschen Literaturinstitut unterrichtete. Er hat Schankhai gesagt. Ach und Stechbart hieß der letzte NVA Armeegeneral. Geht’s preußischer?
2 Geht ja auch gar nicht anders. Wer denkt heute schon an Kaiser, die noch unterwegs sind. Und der Tenno kommt, soweit ich weiß, aus seinem Palast nicht raus. Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Vielleicht Barbarossa, dessen Grab noch immer leer ist. Aber machen wir uns nichts vor. Der kommt nicht mehr. Die Fische haben ihn gefressen, oder sie haben zumindest die Maden verspeist, die an der Zersetzung seines Körpers beteiligt waren. Was soll‘s. Ich esse ohnehin nur Seefisch. Wegen der Gräten.
3 Der davon nichts weiß. Hab ich gestern doch zwei Sätze Seneca übersetzt und vergessen. Ich erinnere mich aber an das wohlige Gefühl von Stolz, das mich angesichts meiner intellektuellen Leistung durchströmte.
4 Von Wilhelm II. wissen wir, dass er dieses bei sich sein etwas übertrieben hat. Er trug das Kaiserliche gewissermaßen in die Welt hinaus, passte die Welt seinen Bedürfnissen an, verband Natur und Kaiserlichkeit, und weil er die Jagd liebte und die Bequemlichkeit, ließ er eine Eisenbahnstation mitten in den Wald bauen, die sogenannte Kaiserrampe. Davon lernten die ebenfalls aufs Weidwerk versessenen DDR- Oberen, denen schwerfälliges müdes überfressenes Wild vor die Flinten getrieben wurde.
5 Als „Kampf um die Mitte“ kann man die erste Dekade des 21. Jahrhunderts politisch beschreiben. Allerdings weniger im Sinne Senecas. Die Mitte hier ist nicht definiert. Ist kein Schwerpunkt, weder im physikalischen noch im übertragenen politischen Sinn. Mitte meint heute nicht Ausgleich. Mitte meint Masse. Wählermasse. Menge. Schlicht: Akklamation. In der Mitte kommen die konservativen Vorstellungen Carl Schmitts zu sich. Nach ihm ist Demokratie nicht nur Einschluss der Gleichen, sondern vor allem Ausschluss der Ungleichen. Siehe auch: Festung Europa. Tugend nach römischer Ansicht wäre wohl eher, die Ungleichen zu Gleichen zu machen. Integration durch Assimilation. Auch das scheint mir nur bedingt ein gangbarerer Weg. Und irgendwo ist auch Schluss mit lustig. (Burka, Zwangsheirat und dergleichen).Und von Repräsentanz kann keine Rede sein. Das Volk konstituiert sich als Claqueur. Wenn es das nicht schon immer tat. „Wir sind das Volk“ in dem Moment wo der Ruf erschallt. Ist er verklungen, ist das Volk gleichsam mitverschwunden. Sartre hat daraus eine Theorie gebastelt, der es sich nachzugehen lohnt. Überhaupt Sartre: Wird mal wieder Zeit.
6 Insofern sind es die Kaiser die westliches und fernöstliches Denken zusammenbringen. Leider nicht in Persona. Waren doch deutsche kaiserliche Truppen am Ende daran beteiligt, das chinesische Kaiserreich gleichsam zu tranchieren. Und als die Deutschen abzogen, kamen die Japaner. Metzelten wie die Deutschen. Mao brachte es zusammen, nachdem die Japaner abgezogen waren: deutschen Militarismus und Konfuze. Kommunismus und Kahlschlag. In dem Japanischen Comic Dragon Balls gibt es ein Schwein mit Maomütze. Aber das Schwein steht ja in der fernöstlichen Tiersymbolik gar nicht für Schmutz, habe ich gehört.
7 An unserer Schule in Karl-Marx-Stadt gab es einige spätere Medizinstudenten, die fakultativ Latein belegten. Also Oberschüler war mir schleierhaft, was das sollte. Mittlerweile ärgere ich mich ein wenig über meine Ignoranz. Die Lateiner jedenfalls, oder eine kleine Gruppe von ihnen, übersetzten Seneca. Sie haben sich Senecisten und wir haben sie Schnecken genannt.
10 Brecht: Ballade von den Seeräubern. Vom Sturmwind toll und Finsternissen … Kann man auch mal wieder lesen. Lieder zur Klampfe. Und wir stellen uns den Macho vor, der jung an Jahren von Gefahren singt, die andere fürchten. Er nicht. Denn er weiß, was ihm nicht droht. Von dem, was ihm droht, weiß er noch nichts. Vielleicht dachte er sich, dass es keinen Zweck habe, das Unausweichliche zu fürchten, weil es dann nicht weniger unausweichlich ist. Aber auf das Unausweichliche zu vertrauen, ist wohl genau so falsch. Dass morgen die Sonne aufgeht, ist eine Hypothese, das heißt, wir wissen nicht, ob die Sonne morgen aufgehen wird. Diese Einsicht Wittgensteins aus seinem Traktatus macht mir Angst, gerade weil ich diese Position teile.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Freiheit, Kunst, Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Kaiseralbum 1

  1. amruthgen schreibt:

    „Dass morgen die Sonne aufgeht, ist eine Hypothese, das heißt, wir wissen nicht, ob die Sonne morgen aufgehen wird. Diese Einsicht Wittgensteins aus seinem Traktatus macht mir Angst, gerade weil ich diese Position teile.“

    Gregory Bateson beschrieb dazu folgendes Verhalten eines Südseevolkes: Jeden Abend, wenn die Sonne unterging, traf sich dieses Volk am Ufer des Meeres und sang ein „Sonnenaufgangslied“. Auf seine Frage: „Wieso singt ihr?“, sollen sie geantwortet haben: „Damit die Sonne morgen früh wieder aufgeht!“ Als er bemerkte, dass die Sonne bisher noch jeden Morgen aufgegangen sei, meinten sie: „Unser Volk pflegt diesen Brauch seit es auf dieser Welt lebt!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s