Das Stockholmsyndrom (Auszug)

Licht fiel aus einer Öffnung am Ende des Ganges, die Kroll keinesfalls als Durchgang bezeichnen wollte. Es kam aus einem großen Keller der sich, ohne dass eine Wand zu sehen gewesen wäre, im Ungefähren verlor. Ratten, dachte Kroll, der sich, der Lage des Kellers gemäß, nun direkt unter der Straße befinden musste, es wird hier Ratten geben.

In einiger Entfernung machte er eine menschliche Gestalt aus und stellte im Näherkommen fest, dass es nicht Schroth sein konnte. Auf einem massigen Oberkörper saß ein Kopf mit einem dicken Gesicht. Schroth! rief Kroll vorsichtshalber aus einer sicheren Entfernung. Keine Antwort. Sieben bis acht mal, klang der Name des Schülers leiser werdend durch das Gewölbe. Der Dickgesichtige saß auf einer Holzkiste, wie Gemüsehändler sie benutzten, und wandte sich Kroll zu, als das Echo verhallt war. Er trug eine Hose, die einmal weiß gewesen sein musste, und Schuhe aus Segeltuch. Die Jacke war offen und wahrscheinlich marineblau. So genau konnte Kroll das im schwachen Licht nicht erkennen. Doch, sie muss einmal marineblau gewesen sein, dachte er. Es war eine Jacke wie sie gut auf den Beifahrersitz eines Sportwagens gepasst hätte. Unwillkürlich tasteten Krolls Augen den Boden nach einer Kapitänsmütze ab.

Ich muss ihm forsch entgegentreten, dachte er. Sie verstecken sich hier? Kroll konnte das Zittern in seiner Stimme fast vollständig unterdrücken. Wir leben hier, sagte der Dickgesichtige. Kroll blickte sich noch einmal um, sah aber zu seiner Erleichterung niemand anderen. Ich sehe nur sie, sagte er. Die Anderen sind nicht da. Sie arbeiten. Und im Grunde lebe auch nur ich hier, die Anderen kommen hin und wieder vorbei.

Kroll bemerkte, dass das Gesicht des Mannes nicht eigentlich dick war. Die Wangen waberten wie schwere Theatervorhänge. Es war ein Gesicht, das einmal dick gewesen sein musste, es hatte nun nur die Aura eines dicken Gesichtes. Warum leben sie hier unten, fragte Kroll, haben sie gegen ein Gesetz verstoßen, müssen sie fürchten erkannt zu werden?

Der Dickgesichtige sah ihn verständnislos an. Warum leben sie hier? wiederholte Kroll. Es ist bequem, sagte der Dickgesichtige. Das Wetter ändert sich nicht, und niemand beneidet uns um unser Leben, kaum jemand kennt es. Frank, rief Kroll. Frank Schroth kennt ihr Leben. Ich habe ihn beobachtet. Er hat mich gewissermaßen hierher geführt. Frank Schroth muss ihr leben kennen, und der Rumäne.

Wir sprechen uns nicht mit Namen an, sagte der Dickgesichtige. Mich zum Beispiel nennen die Anderen immer nur den Dickgesichtigen. Und woran sollte ich einen Rumänen erkennen? An der Wortwahl, sagte Kroll. Er würde zum Beispiel das Wort Hundsfott benutzen. Ach so, sagte der Dickgesichtige.

Und? Und?? Können sie sich an ihn erinnern?An wen? Den Rumänen!

So lange ich hier sitze, hat keiner das Wort Hundsfott benutzt.

Und wie lange sitzen sie schon hier?“ fragte Kroll. Wie lange? Der Dickgesichtige schien die Frage nicht zu verstehen. Wochen, Monate, Jahre? Wie lange leben sie schon hier. Wir messen die Zeit nicht in Stunden, Tagen usw., sagte der Dickgesichtige. Dazu fehlt uns der Anhaltspunkt. Aber, fragte Kroll, wie messen sie die Zeit?

Wir könnten, sagte der Dickgesichtige, die Wassertropfen zählen, die vorn am Eingang von den Stahlrohren fallen.

Die Vorstellung, die Zeit in unsicheren Tropfendekaden zu messen, bereitete Kroll Unbehagen. Er schwieg eine Weile und dachte darüber nach wie lang „eine Weile“ denn sei, und ob es zwei drei oder auch vier Weilen geben könnte.

Vor einer Weile habe ich versucht, mir vorzustellen, es gäbe keine Schwerkraft, sagte der Dickgesichtige in diese Überlegung hinein.

Dann würden wir schweben, sagte Kroll, Straßen wären vollkommen nutzlos dann. Und er musste an seinen Vater denken. Das war auch mein erster Gedanke, sagte der Dickgesichtige, aber er ist oberflächlich. Wie hätten sich unsere Gliedmaßen entwickelt, könnte man fragen und wären wir nicht eher rund dann, statt langgezogen, vielleicht dienten uns auch die Ohren zum Steuern und die Füße nicht zum Tasten und Gehen, sondern die Füße wären vollkommen nutzlos. Kroll blickte auf seine Schuhe. Bislang war er nicht auf den Gedanken gekommen, dass man Füße zum Tasten benutzen könnte. Überhaupt schienen die seinen nur auf Kälte und Schotter sensibel zu reagieren. Fragen über Fragen, sagte der Dickgesichtige. Wir könnten die Zeit auch mit der Dauer der Beantwortung von Fragen messen. Ein anderes Mal, sagte Kroll, ich muss zum Unterricht. Sie sind Lehrer? fragte der Dickgesichte. Mathematik und Geografie, sagte Kroll. Der Unterricht beginnt, wenn sie zurück sind. Der Unterricht beginnt um halb elf, sagte Kroll. Er betätigte die Lichttaste der Uhr. Es war bereits zehn Uhr fünfunddreißig. Der Dickgesichtige legte seine Stirn auf die Handrücken und schien zu überlegen. Er kicherte.

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