nach dem Roman 5

Der neunmalkluge Hegel sagte, dass der Roman die Apotheose der bürgerlichen Gesellschaft sei. Er kannte den Film nicht. Vor allem nicht die Filme der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, er kannte Paul Kemp nicht, und sah nicht, wie Kemp den Götterboten Hermes spielte, dem es im Film oblag, Neid und Missgunst zwischen Göttern und Griechen auszugleichen. Die Götter und Griechen trugen zumindest auf der Leinwand dieselben süßen Herrenkleidchen und stellten spärlich behaarte Männerbeine zur Schau. Dies jedoch derart kokett, dass von einem selbstverständlichen Umgang mit derartiger Bekleidung keine Rede mehr sein kann. Es war ein unaufhörliches Hüpfen über die Leinwand. Ein putziger Umgang mit  Begierde und stets an der Grenze zur Pornografie. Eine Grenze, die man jedoch nie überschritt, um den sogenannten Volkskörper nicht zu schockieren. Der Film setzte fort, was der Roman begann: eine Verbürgerlichung aller Zeiten, nicht nur der aktuellen, sondern gewissermaßen rückwirkend bis in die Antike. Leider muss ich an dieser Stelle thesenhaft bleiben, möchte aber auf den Ökonomen und Sozialtheoretiker Alfred Sohn-Rethel verweisen und seine Studien zu Warenform und Denkform, und an den sehr erhellenden Essay von Eske Bockelmann: “Im Takt des Geldes. Zur Genese des modernen Denkens”. Es gibt Wissenschaftstexte, die lesen sich besser als jeder Roman. Zumal sie Realismus nicht nur behaupten.

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