Westberlin oder Das Ende des Romans als Form

Christian, ein langhaariger Blonder aus Konstanz, hatte uns herumgeführt, erklärte uns geduldig, was ein Börek und was ein Döner ist, und wie man Weizenbier trinkt. Wir folgten ihm wie die gerade geschlüpften Enten im Tierversuch einem Ball, dem ersten, was wir in unserem neuen Leben erblickt hatten, es hätte auch ein Fuchs sein können. Aber es war ein Ball. Ein Ball aus Konstanz, der Christian hieß und Philosophie studierte. Vegetarier. Die Verhaltensforscher wären stolz auf uns gewesen. An der Oberbaumbrücke ein leichtes Stolpern. Wir suchen die Stelle, an der die verpackten Leichen von Liebknecht und Luxemburg ins Wasser geworfen wurden. Merkwürdig, dass es diesen Ort gibt, diesen Schulbuchort. Als sei die Geschichte eine reale Gewesen. Als habe es Berlin schon immer gegeben.

Christian war über unsere plötzliche Anwesenheit genauso erstaunt gewesen wie wir. Als seien wir zum Erstaunen der Bevölkerung, die uns gar nicht erwartet hatte, auf einem fremden Planeten gelandet, offen gelandet, nicht heimlich, nachdem wir ihn über Jahrzehnte beobachtet hatten, wir waren aus dem Himmel gefallen, oder besser, nach einer Jahrzehnte dauernden Reise ins Ungewisse, wieder daheim angekommen. Unsere Verzagtheit, unsere Ratlosigkeit. Waren wir Pioniere und weit in die Zukunft gereist, oder hatten wir einfach einiges nicht mitbekommen, die Musik zum Beispiel nach Neil Young und Pink Floyd? Etwas von beiden wahrscheinlich. Wir wären aber wie immer auch hier Avantgarde gewesen, hätten den Kollegen gerne so einiges erklärt. Was wir am Abend auch taten im philosophischen Seminar. Wir sprachen über formale und reelle Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Über den frühen Marx und den späten, und man ließ uns gewähren. Man hörte uns zu. Fieberphantasien Erfrierender.

Überraschende neue Geschmäcker und Gerüche um uns herum, die letztlich auch nicht schuld daran waren, dass ich in Frankfurt und nicht in Berlin studierte. Fachschaftstreffen. Dann war Schluss mit lustig. Arbeitsgruppen und die Unterstellung, wir würden das Treffen mit veralteter marxistischer Theorie zu unterminieren suchen. Florian, der immer wippte und nickte, Haschisch rauchte und lächelte. Humorforschung als Gegensatz zu unserem Kram. Lachen in Auschwitz.  Und ich hatte am Morgen enorme Kopfschmerzen, weil ich auf dem Boden schlief und die Fußbodenheizung über Nacht nicht ausgeschaltet wurde. Ein paar Jahre vorher die Vereidigung: Irgendwo lag ein hellbraunes Bändchen herum: Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Wieder mal etwas, was man nicht zu lesen brauchte. Allein der Titel bestätigte meine Gefühle und kam meinen Anschauungen entgegen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Freiheit, Kunst, Literatur, Philosophie, Theorie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s