nach dem Roman 4

Wir hatten Kartons bestellt, Holger und ich, fünfhundert Stück A5 1,7 cm hoch. Flacher geht nicht, hatte der Mann am Telefon gesagt, das gäben die Maschinen nicht her, und Sonderanfertigungen würden zu teuer werden.

Soweit das Projekt: Stattwerk, die Verschränkung der Biografien, und wir hatten an der Universität Frankfurt Flugblätter verteilt. Lest die Manifeste von… Wir nannten das Dekonstruktion. Heute noch scheint mir der Strukturalismus doch um einiges hilfreicher als der Poststrukturalismus, und letztlich hat Levi-Strauß die Poststrukturalisten doch alle überlebt, auch physisch. Ich verabscheue das Reisen und Reiseberichte! als ich den ersten Satz aus den Traurigen Tropen das erste mal las, musste ich lachen, heute, so kurz nach dem hundertsten Geburtstag des Autors weiß ich, wohin eine solche Aussage führt, zumal Levi-Strauß sich schon seit Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, und sein Alter genoss. Inzwischen ist er leider verstorben und seine Renaissance steht in den nächsten Jahren an.

Die Idee war ganz einfach. Jeder schrieb kurze Texte über Situationen in seinem Leben, die er bemerkenswert fand. Namen durften nicht auftauchen, Erzählperspektive: personal. Das Erkenntnisziel: ließen sich Ostbiografie und Westbiografie miteinander verschränken, und: was passiert, wenn man sie mischt? Für mich war es ein Weg, sollte einer sein, den autobiografischen Raum zu verlassen. Kam ich mir doch nicht wie ein rechter Schriftsteller vor, wenn ich immer nur von mir schrieb. Das war damals so ein Gedanke. Wasser und Öl vermischen sich wenn Seife die Wassermoleküle öffnet und dem Öl Zugang verschafft. Ein Gemisch, das als schmutziger Schaum an der Oberfläche schwimmt. Aufruhr, Widerstand, es gibt kein deutsches Vaterland.

Wir stellten also Rohmaterial für 500 Kästen her. Texte 50 Stück pro Objekt. Einige Texte, die wir für zentral hielten und die so etwas wie eine Anleitung zum Gebrauch der Blätter bargen, tauchten in jedem Stapel mehrfach auf. Sie kamen in den Karton samt einen Zettel mit Dank an die Eltern und andere Komponenten, die uns zu dem werden ließen, was wir waren. Und dann mussten noch die Zeichen auf die Kassetten.

stattWERK 1, ein Freund der Grafikdesign studierte hatte uns ein Logo entworfen und eine Schablone gefertigt. Wir knieten in der Garage von Holgers Eltern, wo wohl auch heute noch der übergroße Teil unserer Produktion lagert, trugen Atemschutzmasken wie Japaner während der Hauptverkehrszeit und sprühten mit Autoreparaturlack und mit Hilfe der Schablone den Schriftzug auf die Kartons. Gedacht war es so: der Leser öffnet seinen Karton und wirft die Blätter in die Luft, sammelt sie in beliebiger Ordnung wieder ein und schaut was sich ergibt. Als Vorlage hatte uns das Kartenspiel gedient bei dem auf den einzelnen Karten jeweils ein Tierkopf, Körper oder Schwanz abgebildet ist. Ich glaube in allen Kartons, die wir verkauften oder verschenkten, liegen noch heute die Blätter in der ursprünglichen Reihenfolge; ob gelesen oder nicht.

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