Vorbemerkung zur Prosa

Biografie und Erkenntnis

Vielleicht sollte ich keine dicken Bücher mehr kaufen, ich lese sie ohnehin nicht bis zum Ende, doch ich kann mich kaum vor ihnen schützen. Zu verlockend klingen die Ankündigungen, zu verlockend die guten Rezensionen und zu sehr regt sich mein Widerspruchsgeist, wird ein Text einmal verrissen. Man sollte ihn retten, denke ich, und dass da nichts sei, woran man sich halten könne, habe ich irgendwo gelesen, bei Brecht wahrscheinlich, dem alten Nihilisten, der seinen Nihilismus derart gut verbarg, dass sogar meine Tante Ruth sich guten Gewissens zum Brechtfan erklären konnte (Brechtanhänger wäre wohl ihre eigene Wortwahl gewesen, mit der sie sich dem imperialen Zugriff des amerikanischen Englisch zu entziehen suchte.) Zu mir sagte sie immer, ich soll nicht so negativ sein. Wie nennt man ein Interesse, das sich einer Erfüllung verweigert, ein schwebendes Interesse, dessen Gegenstand sich ihm beständig entzieht? Ein Gegenstand, vollkommen verschieden von Gott; dessen Wege ergründlich, aber nicht zu ergründen im Grunde. Wer hat schon die Gelegenheit, Welten zu schöpfen und wer hat die Geduld dazu? Zumindest seit Nietzsche werden die Weltbilder verworfen, kaum dass sie formuliert worden sind, nachdem man alle Gewissheit aus den Schreinen gerissen hat, und sie im Naturlicht verfielen. Die Schreine stehen nun offen wie Schlafzimmermöbel in verlassenen Häusern, wenn die Flut dann doch nicht hereingebrochen ist, oder die Feuersbrunst nicht kam. Möbel wie offene Münder, eingefroren im Moment größten Schreckens. Schränke und Kommoden wie die offenen Fragen angesichts der ausgebliebenen Apokalypse. Oder war gerade das Ausbleiben der Katastrophe die Katastrophe?

Später trifft man nur noch auf Geste. Was hat die Bewohner dazu getrieben, die Wohnstatt Hals über Kopf zu verlassen, und was haben sie mitgenommen? Wie sehen die Gebäude aus, die sie jetzt bewohnen und wo wohnen sie jetzt? Vielleicht sind genau das die Fragen die sich fremde Raumfahrer einst stellen werden, wenn sie eine verlassene Erde vorfinden. Und sie werden versuchen, die Inschriften zu entziffern, die mit Lippenstift oder Rasierschaum auf die Spiegel geschrieben worden sind.

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3 Antworten zu Vorbemerkung zur Prosa

  1. muetzenfalterin schreibt:

    „Möbel wie offene Münder, eingefroren im Moment größten Schreckens.“ Ein schönes apokalyptisches Bild.
    Aber was hat das alles mit dicken Büchern zu tun?

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      Man könnte annehmen, das die immr drohende Apokalypse ein Schreibanlass/motor ist. Dass also die drohende Entvölkerung der Welt zur Bevölkerung mit oder durch Figur führt. Je gründlicher also die apokalyptischen Gedanken, umso dicker die Bücher. Wäre aber eine Literatur denkbar, die ohne die Drohung auskommt?

  2. muetzenfalterin schreibt:

    Wunderbar philosophische Antwort.
    Danke

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