Vorbemerkung zur Prosa 2

Vielleicht liegt das eigentliche Verdienst seiner dicken Bücher gerade darin, den Rezensenten durch gedankliche Breite eine dieser kurzen Besprechungen abzuringen, die voller Versprechen sind. Vielleicht ist ihre Leistung vor allem das: einer Verheißung Raum gegeben zu haben, die der papierne Quader birgt, der auf meinem Tisch lastet. Die Verheißung und die Hoffnung, dass es ein Ensemble möglicher Welten gibt, ein Ensemble von Wirklichkeiten. Freiheit mithin. Und vielleicht ist genau das der Sinn eines jeden Buches: Nicht dass es gelesen wird, sondern dass es lesbar ist. Und die Lesbarkeit erweist sich anhand exemplarischer Lektüre weniger.

Ich sollte mir keine dicken Bücher mehr kaufen. Ich lese seit Jahren eigentlich immer nur erste Sätze und Gedichte und auch wenn ich ein Buch an irgendeiner Stelle aufschlage, bleibe ich am ersten Satz hängen, den ich zu Gesicht bekomme. Ich beziehe mein Wissen aus vergangenen Lektüren. Lektüren aus einer Zeit, als mir ein Buch gar nicht dick genug sein konnte, weil ich mit ihm die Zeit tot geschlagen, mithin tote Zeit ausgefüllt habe.

Am meisten habe ich gelesen, als ich Soldat war. Mehrere Bücher die Woche (unter anderem Pynchons „Versteigerung von Nummer 49“, das einen Satz enthielt, den ich erst vergessen habe, als ich ihn in meiner Magisterabeit zitierte ). Denn Soldat sein hieß warten. Sinnlos in Militärstuben herumsitzen und warten. Ich glaube, die Militärführung versprach sich davon, dass man einen Krieg als willkommene Abwechslung begriffen hätte. Das man bereit gewesen wäre zu töten, nur um der Langeweile zu entgehen. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn während ich Wache stand, jemand in meinen Postenbereich eingedrungen wäre. Ich war ausgerüstet mit sechzig Schuss scharfer Munition und dem Befehl, nach dreimaliger Ansprache zu schießen. Einmal, während einer Nachtwache hätte ich den Befehl beinahe ausgeführt. Stehen bleiben! Der erste Ruf. Stehen bleiben, oder ich schieße! der zweite. Jetzt hätte ich durchladen müssen, und ich hätte die Hoffnung gehabt, dass das eindringliche Ladegeräusch, das klicken des Schlosses der Kalaschnikow den Eindringling davon abgehalten hätte, sich meinen Rufen weiterhin zu widersetzen. Im trüben Schein einer Postenlampe wühlte sich ein Igel durchs Unterholz, und ich beließ es beim zweifachen Rufen. Den Rest meiner Zeit auf Wache zitterte ich wie Espenlaub. Mensch, was hatte ich dort zu suchen gehabt.

 

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