Schokokaiser

Chor:

Leicht ist es zu sterben durch Messer und Gift

oder auch auf dem Schafotte.

Schwer ist es zu geben, was Kaiserlein trifft,

zu sterben durch die Karotte1.

Sopran:

Gutes Essen. Guter Sex. Mein guter Gott. Das Ruder rumzureißen. Rum. Nächtelang in Rom. Mein Sohn. So sprach der Häuptling der Apachen. Hough.

 (Rezitativ): Natürlich gehen wir an dieser Stelle/ etwas hoch rein, will sagen: erhoben/ starben die meisten Kaiser doch/ eines natürlichen Todes, beim Schwimmen/ auf dem Weg in den Senat oder auch/ nach der Schlacht, als das Herz ihnen brach2.Vivat

1 Hier folgt die Funktion der Form. Es ist jedenfalls kein Karottenmord überliefert. (Karotte, Garotte, Schafotte)

2 Faszinierend auch die Selbstbeobachtung während der Produktion. Die Motive ziehen sich an und das Speisen lagert unmittelbar neben Tod und Liebe. Da hilft auch Gähnen nicht. Man bekommt diese Bezüglichkeit niemals weggegähnt. Da muss man durch. Durch die Küche in die Bibliothek oder durchs Schlafzimmer. Vielleicht durch den Garten. Aber es gibt keinen direkten Weg. Und überall liegen Sterbende (Kaiser, Geliebte, Verschmähte, und nur im Märchen genügt es den Apfel (!) wieder auszuspucken). Will heißen: Wir schreiben Gedichte, die allesamt schon geschrieben sind. Selbst wenn wir uns die Elementarphysik zum Gegenstand machen oder die Molekularküche, die Art des Kochens also, in der man Geschmack unabhängig von seiner Gestalt oder fast unabhängig von seiner Gestalt formiert. Kleine Autos aus Schokolade, die wie Schokolade und nicht wie Autos schmecken, gab es ja schon immer, zumindest so lange ich denken kann, und die Schokolade, die die Hohlkörper bildete, war meist mindere Qualität. Wahrscheinlich ging es gar nicht um die Schokolade, sondern darum, dass die Schokolade etwas anderes war, oder einen Raum ergab, der etwas anderes abbildete. Die Schokoladigkeit wurde von bunt bedrucktem Staniol überdeckt, worauf zu lesen stand: Schokoladenhohlkörper. Vielleicht ist genau das Inversion. Wenn nicht, dann hört sich das Wort Inversion so an, als würde sie diesen Zusammenhang von Schokolade und Repräsentanz beschreiben. Noch schöner wäre es allerdings gewesen, man hätte im Inneren der Hohlkörper erst die Verpackung gefunden, die die Identität des Gegenstands beschrieb. In der DDR gab es Schokoladenholkörper, die, je nachdem womit sie eingewickelt, entweder Weihnachtsmänner oder Osterhasen waren. Universelle Festtagsformen. Manchmal waren sie aus weißer Schokolade. Dann freute ich mich. Heute kann man kleine grüne Würfel kosten, die einem den geschmacklichen Eindruck vermitteln, man äße halbgares Rindfleisch. Wenn sich aber der Geschmack von der Gestalt löst, könnte man nicht auch die Semantik vom Klang losen. Wenigstens den vorgestellten Inhalt vom vorgestellten Klang. Wahrscheinlich nicht. Weil dass Kommunikation unmöglich machen würde, dass heißt die kollektive Erfahrung einer Einheit von Inhalt und Klang. Und alles Ausbrechen bleibt darauf bezogen. Das Gefängnis Sprache. Unsere Fußfesseln erinnern uns nach dem Ausbruch an unsere Herkunft. Aber: Die Sprache ist ein goldener Käfig. Oder ein Käfig, den wir auf dem Rücken tragen. Wir sind nicht vollständig darin gefangen. Aber wir können ihn auch nicht abwerfen.

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2 Antworten zu Schokokaiser

  1. Weberin schreibt:

    Sprachlos wären wir Gefangene des Bestehenden. Mittels der Sprache sind wir fähig, Änderungen zu imaginieren, mitzuteilen und letztendlich auszuführen. Sprache ist die Befreiung, nicht das Gefängnis.

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