Stötzers Problem

1

Die Schwierigkeit, sagt Stötzer, bestehe darin, dass er bei der Arbeit seine Kopf- oder Denkstimme hört, also das Tempo der Arbeit nach ihr ausrichten müsse. Ihr Klang sei sein Maß. Im Vortrag aber spreche er laut und nach außen, was einer völlig anderen Stimme bedürfe, mit einem wiederum eigenen Klang. Wer sei nicht schon vor Tonbandaufnahmen seiner eigenen Stimme erschrocken. Wer kenne sich schon am Klang seiner eigenen Stimme auch wieder. Es gelte also darum, den Charakter der Texte zu wahren, mit der Sprechstimme die Denkstimme so gut es eben geht nachzuahmen.

 2

Stötzer (direkt): mit etwas Speichelim Wortfluss: Du unterschätzt was sich in meinem Kopf alles abspielt, während ich denke, Geräusche sind Melodien. Der Turmbau zu Babel als Chorwerk, verstehst du, zumal ich auch nicht alle Stimmen, die da erklingen, verstehe. Und er beugt sich zu mir, dass ich seinen Atem spüre und winzige Tropfen kurz nach dem Schall meine Ohren berühren.

3

Und es gäbe keinerlei Garantie, dass deine Gedanken sich für Fremde genau so anhören, wie für dich selbst. Stötzers Nicken im Takt seiner Worte. Als ob der Prozess, in dem ein Wort produziert wird, sich genau so anhören müsse, wie das Wort selbst, das Wirken der Wirklichkeit eben. Einer Buchstabensuppe nicht unähnlich, das Eingehen der Sprache in die Physik und das Entlassen des Sinns aus dem Stoff, wie auch immer. Wenn man sich das vorstellt. Anhaltendes Meisenlachen. Diesen Prozess hörbar zu machen! Vielleicht ergäbe sich dann, sagt Stötzer, einfach ein Rauschen oder ein Sound, der an den Gesang der Wale erinnert.

4

Kürzlich habe man, sagt er plötzlich, die Umdrehungsgeräusche des Saturns hörbar gemacht und ins Internet gestellt, was schon eine merkwürdige Sache gewesen sei, zumal sich der nächste Mensch zum Zeitpunkt der Entstehung der Geräusche Millionen Kilometer von ihrer Quelle entfernt aufgehalten habe und sie erst Stunden später als elektronisches Signal hat empfangen und aufzeichnen können. Er musste mit Hilfe einer Maschine, sagt Stötzer, zurückübersetzen, was eine Maschine kodierte. Darüber hinaus sei der Vorgang, da er ja im Internet abzurufen und somit wiederholbar, multiplizierbar sei, der Zeit also enthoben. Aber wo keine Zeit ist, da ist auch kein Ort. Auch kein Saturn. Gleichzeitig, vielleicht ein wenig, unmerkbar, zeitlich versetzt könnten Millionen Anwender die Daten herunterladen und die Geräusche hören, wiederholt abhören, Endlosschleifen generieren. Die Geräusche des Saturns bei seiner Umdrehung als Grundrauschen unserer Zivilisation. Soweit wolle er dann doch nicht gehen, sagte Stötzer. Aber immerhin, der Gedanke sei da. Was hat man also wahrgenommen, als man die Daten aus dem Internet herunter geladen und abgespielt hatte? Die Töne hätten sich, wenn er recht nachdenke, wie Gedanken angehört. Wie Gedanken, die sich ein Forscher über die Geräusche bei der Umdrehung des Saturns unter Einbeziehung der Vorstellung seiner Ringe gemacht hatte. Ein wenig klangen sie auch nach dem, was man als Walgesang identifiziere. Er frage sich nun, worin der Ursprung des Sounds liegt. Vielleicht sei es ja eine Art Anpassung gewesen. Dann würde das Denken, sich wenigstens vom Geräusch her an seinen Gegenstand schmiegen. Ein akustisch ge- und erfülltes Erkennen. Aber sicherlich sei es auch in diesem Punkt so, dass das Geräusch des Gedachten im Denkakt erst hervorgebracht werde und dass es ein Ur-Geräusch gebe, das aber mit dem Gehörten nur schwerlich in Einklang gebracht werden könne. Kurz gesagt: Essig, sagt Stötzer.

5

 Stötzer knallt den Handrücken auf einen Kaffeetisch. Marmoriertes Plastik im Hintergrund, ein Amor aus Gips zielt auf einen Punkt in der Ferne. Gläser klirren. Aber gar nichts fällt um. Eine solch kalkulierte Bewegung hätte ich ihm nicht zugetraut. Er lässt den verschütteten Kaffee aus seiner Untertasse zurück in die Tasse tropfen. Und das Krepppapier darin von dem her uns ein Mohrenkopf anblickt, als habe es die Sechziger und Siebziger Jahre nicht gegeben, mit wulstigen Lippen und großem Ohrring, rollt er zwischen Daumen und Ringfinger zu kleinen Kugeln, die er in einem Oval vor sich auf den Tisch legt. Die Figur, ist gerade so groß, dass Stötzers Sonnenbrille genau hinein passt. Kein einziges Mal lässt er den Blick über die anderen Tische gleiten. Nicht einmal kurz schaute er sich um, nach den Kellnerinnen, die mit Gläsern herumspringen, als wären sie Nichts oder aus Stein, Metall oder Plastik.

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