Postindustrie

Fenster waren da, Glasfronten und je nachdem wie das Licht fiel, waren sie durchsichtig oder spiegelten das, was hinter mir lag und natürlich mich selbst. Allem Anschein nach Sommer: schlieriges Wasser im Putzeimer. Ich trug einen roten Overall mit dem großen Firmenzeichen auf dem Rücken. Ein Zeichen meiner Zugehörigkeit. Bald würde hier eine Ausstellung eröffnet werden. „Der Schritt. Stahlskulpturen und Objekte.” Im Osthafen zwischen den alten Baracken, den Schleppdächern, den inzwischen leeren Lagerhallen, unter den Schienen der Laufkatzen. Alles Brauchbare war ausgelagert, um Platz zu schaffen für die Kunst. Sie folgte der Industrie nach, die sich im Ostasiatischen Raum neu organisierte. In alten Gasspeichern gab es Tanzperformances, Off-Theater residierten in einer stillgelegten Fabriken, das Ballett in einem Straßenbahndepot und im Osthafen zeigte sich die bildende Kunst, die sich nach den Materialien nun der Gebäude bediente, die die Produktion hinterlassen hatte. Es entstanden Tresen, die wie provisorisch aussahen und windige Garderobenständer, die im Sommer ohnehin niemand brauchte, denn diejenigen, die ihre Jacken auszogen, legten sie sich lässig um die Schulter, oder die Schulter einer Begleiterin, die trotz des lauen Abends an ein wenig fröstelte. Mein Wagen stand auf einem riesigen Platz neben der obligatorischen Pommesbude, die auf einem kleinen Betonsockel thronte. Rindswurst und Pommes rot weiß. Darin ein gelangweilter Verkäufer. Die Haut so fettig wie sein Käppi. Diese Bude würde niemals verschwinden. Man stellte sich hier auf jede Kundschaft ein. Die Upperclass verstand sie als Schnittstelle und ein echter Gourmet weiß eine gute Rindswurst zu schätzen.

Hier im Osthafen konnte ich mich unauffällig bewegen und würde aufgrund meiner Montur von den wenigen anderen Arbeitern nicht beachtet. Wenn wir aufeinander trafen, dann grußlos, wir verlangsamten unsere Schritte ein wenig, wahrten aber den Abstand auf Rufweite und riefen nicht. Hier war niemand auf Hilfe angewiesen. Bewusstlose blinde Agenzien, wie Engels im Antidüring schreibt, zu einer Zeit als das begann, was nun langsam hier endet.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Kunst, Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s