Ostern

4

 Unsere Existenz oder das, was wir so nennen, so zu nennen gewohnt sind, sagt Stötzer, sei doch zu sehr vom Nichtexistenten bestimmt. Das Nichts, und da brauche er Sartre gar nicht erst lesen, habe all die Hebel in der Hand. Es ragt uns ins Sein und dominiert es.Die vielen Toten, die vielen Ungeborenen. Und Stötzer schlägt sich nur halb in gespielter Pose die Hände vor das Gesicht.

4.1

 Allerdings, sagt er weiter, sei das kein Wunder, wenn man bedenke, dass es wesentlich mehr Phänomene gebe, die es im Grunde nicht gibt. Und andere, die wegen ihrer Vergänglichkeit bald dem nicht Existenten zuzuschlagen sind, also denen, die es schon gegeben habe oder noch geben werde. Nicht zu reden von jenen, die obgleich sie denkbar nie eine reelle Qualität beanspruchen können. Mir wurde ein wenig schwindelig. Und ich lehnte mich mit meinem Stuhl gegen die Wand. Und auch an Zeit sei wesentlich mehr vergangene und kommende vorhanden als gegenwärtige. Unsere Angst vor dem nicht Existieren sei die Rache des nicht Existierenden am Seienden, sagt Stötzer, ein Ausdruck von Neid. Eines Neides, und das sei letztlich doch das Perfide, den das Existierende schon in sich trägt.

5

Stötzer war bereits tot, als man ihn fand, er habe, so schrieb man, in einem schwarzen Ledersessel gesessen und gewirkt, als ob er schliefe. Auf einem Beistelltisch stand eine angebrochene Flasche Rotwein, ein Buch lag daneben. Um welches Buch es sich handelte, stand nicht in dem Brief. Und auch nichts von Stötzers Kladden, die sich irgendwo in der Wohnung stapeln mussten. Für einen Moment kam mir der Gedanke, Stötzer selbst habe den Brief geschrieben, er selbst sei es gewesen, der über seinen Tod informierte.

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