Zeitgenossenschaft als Rettung (These)

Im modernen Tanz wird der Körper aus seiner Zurichtung der täglichen Arbeit enthoben, während er im klassischen Ballett durchaus auf eine einseitige Form Konditioniert wird. Man könnte sagen: das klassische Ballett nehme den Tänzer nich wahr jenseits seiner Funktionalität und Materialität.Es richtet ihn zu und ab. Die Bewegungen der Tänzer erscheinen eher gekünstelt als künstlerisch (wenn sie nicht als offene Anspielungen von den verschämten Bildungsbürgern als Pornographieersatz herhalten müssen), da die Wahrnehmung geprägt ist von Arbeit und unterdrückter, normierter Sexualität, welcher der Körper als Material dient und die, ideologisch erklärt, die „normale“ Bewegung des Körpers repräsentiert bzw tabuisiert.

Der zeitgenössische Tanz ist sich dessen bewußt. Und die Anstrengung in den Bewegungen beim Tanz zeigt auch, was für einen Körper möglich wäre, so er in seiner Körperlichkeit frei wäre. Die Verwunderung und das Staunen entspringt eben jener Differenz der eingeprägten Arbeit unter dem Bann der Selbsterhaltung, und der Möglichkeiten freier Betätigung.1

1Die portugiesische Tänzerin und Choreographin Vera Mantero äußert sich zu dieser Erfahrung in einem Interview:“Die Existenz von Tanz ist fast eine Unmöglichkeit. Das habe ich erfahren und ich kann es auch nicht ändern. Aber ich hoffe noch immer, daß ich eines Tages eine andere Erfahrung machen werde. Für die gegenwärtige Zeit ist es aber so, wie es ist. Je mehr man tanzt, umso mehr sieht man, daß es unmöglich ist zu tanzen. Das ist eine gute Sache, denn je mehr man daran glaubt, daß es trotzdem möglich ist, zu tanzen, umso unmöglicher ist der Tanz den man kreiert.“ (Zitiert nach dem Programm des Mousonturm, Frankfurt, April 1994) Die von Mantero formulierte Erfahrung bringt die Antinomie moderner Kunst zum Ausdruck, daß diese sich den Materialen der Realität bedienend, etwas ihr anderes schaffen will..

Von dieser Erfahrung war ihre Choreographie „Sob“ durchdrungen. Die schmerzhafte Erfahrung der Grenzen körperlicher Bewegung fand im Abtasten dieser Grenzen eindringlich Ausdruck, wie die Beschränktheit des Isolierten, bzw zur Gleichförmigkeit getrimmten Individuums in seiner Konsequenz darauf verwies, was möglich wäre, wenn Individuen sich in Gemeinschaft frei entwickelten. Die Dynamik des Gleichförmigen wirkt bedrohlich, birgt jedoch eine ungeheure Kraft, eine abgestimmte und doch nicht erzwungene Gemeinschaftlichkeit ist jedoch zu Figuren fähig, die die Einbildungskraft des Einzelnen weit übersteigen und die Kräfte der gemeinsamen Aktion der Einförmigkeit potenziert. Im Tanz wird das ersichtlich.

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