Eine Moderation von Elke Erb

In seinem Roman Schneckenparadies, erschienen im Plöttner-Verlag Leipzig 2008, stellt Jan Kuhlbrodt die Frage nach dem richtigen Denken im Gleichnis der Schnecken, die Kinder in eine alte Zinkbadewanne mit gesammelten Blättern und Kräutern setzen, die Schnecken aber verschwinden über Nacht. Die Lehre ist: sie wollen ihre eigene Welt, kein künstliches vermeintliches Paradies.

Nach dem richtigen Denken fragt wohl alle Kunst. Das Buch aber sorgt sich, direkt und indirekt, politisch, gesellschaftspolitisch. Und mit einem besonderen Grund, nämlich der Behandlung eines Schadens, eines ideologischen Irrtums. Wenn man bedenkt, daß Ideologien nicht gleich Wahrheit sind, und aber ein Bestreben, an Richtlinien für das Allgemeinwohl zu denken, nicht gleich tadelnswert ist, kann man den Irrtum auch versuchte Orientierung nennen. Der Held des Romans geht nach der Wende nach Frankfurt am Main, um Philosophie zu studieren; aus den verschütteten Resten der DDR-Utopie, an die sich er und seine Freunde gehalten hatten in jugendlicher Romantik, folgt er neuen Freunden aus der Bundesrepublik in die ebenso verschlissene Rede der jugendlich-revolutionären BRD-Utopie, der linken studentischen Szene in Frankfurt. Er findet sich durchaus befangen in deren ideologischem Alltag wie auch in ihrem von materieller Existenzsicherung bestrittenen praktischen Alltag, und wir geraten mit ihm zusammen in beide hinein und haben so auch aus dieser Erfahrung herauszufinden. Der Bildungsroman ist in seinen verschiedenen Teilen vor allem zwei Freundschaften gewidmet. Der Protagonist der Frankfurter Freundschaft setzt, als der Held zurückkehrt aus Frankfurt, seinen Lebensweg ohne Verrat an seinen Idealen in einem Ort in England fort, so daß der Roman seinen Horizont über Deutschland hinaus erweitert. Die philosophische Ernte aber wird Kuhlbrodts Gedichtband „Verzeichnis“ verbal und existentiell durchleuchten. Erschienen 2006 bei Buch&media GmbH/Lyrik Edition 2000. Die Aktivität dieses Nachdenken möchte ich mit einem Zitat aus dem „Schneckenparadies“ andeuten: „Das Tragische hier ist, daß die Realisierung der Idee die Idee selbst vernichtet oder wenigstens unbrauchbar gemacht hat. Was würde Platon dazu sagen: Ein realer Tisch, der zugleich alle anderen Tische unwirklich werden lässt.“ (138) Platon hatte es umgekehrt gesehen, die Realitäten sind Vorexistenzen, die danach streben / zu streben haben, sich zu einer idealen Existenz heranzubilden.

Dem Gedichtband „Verzeichnis“ folgte 2007 ein zweiter, „Wagnis Warteschleife“, ereignisreich mit regen Denk-Sequenzen und gelebter Unruhe, Figur für Figur: „Heraus, heraus aus dem Haus. / Und mannshoch Hibiskus.“

Der Roman „Vor der Schrift“, Plöttner Verlag Leipzig, Okt. 2010 geht in die Kindheit zurück, die Vorschul-Kindheit, und ich erfahre staunend, welchen Gewinn es bringt, daß ich mich an der Seite des Autors dem, was er vermittelt, unwillkürlich zuwende mit meinem eigenen vorschriftlichen Leben, dem Kindlichen als einem gültigen gegenwärtigen Ganzen, nicht nur, wie ich es eher gewohnt bin, in der Weise rasch aufsteigender, überraschend aufsteigender nachfragender Erinnerungen.. Eben dieses, wie Jayne Ann Igel es wohl nennen würde, milchige Licht ermöglicht es, die Erwachsenenwelt unbeeinträchtigt von Vorwürfen gegen sie zu sehen, der Kindheitsblick als der gerechteste. Weder ist das Kind, das vorschriftliche Lebewesen, dort unreif und selber nichts, etwas, was erst werden muß, noch leben Papa, Mama, Tante, Onkel, Oma usw. schlechthin im Defizit, um sich selbst gebracht, Erwachsene verwelkt, verholzt. Da ist etwas anderes erreicht als der ständige Gegensatz zwischen heiler und unheiler Welt. Als hätten die Reihenfolgen sowie die Wertungen und Entwertungen erst mit der Schriftlichkeit begonnen, sich zu behaupten. der Blick der frühen Kindheit ist der gerechteste. Das von unmittelbarer Nähe Vertraute ist weit genug, das vergangene Leben und Dasein der Stadt Chemnitz wiederzubeleben, es im Leben und Dasein der Verwandten heraufzuholen in die Schreibzeit des Buchs und vom Buch aus die Fremde auch anderer Leben in jedem Sinn nahezubringen so, daß sie wie das Eigene ist. Nicht Aufgegebenhaben, nicht Aufgabe im Sinn Von Aufgegebenhaben, und auch nicht Aufgabe im Sinn von etwas, was zur Existenzberechtigung zu leisten gewesen wäre, denn es kann keine Aufgabe geben, die das Ich nicht leben läßt, in der Fülle seiner Möglichkeiten.

Der Gedichtzyklus, den Jan Kuhlbrodt. heute lesen wird, geht einen Schritt weiter, da er die Stadt vorstellt von einem Erwachsenen aus, dem Professor für Politische Ökonomie des Sozialismus, Stötzer, dessen kreatives Denken für ihn als Jugendlichen eine Vorbildfigur war am ideologischen Horizont.

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