Kunst und Technik

man kann es als die Einleitung zum 2. Kapitel lesen und ich bin ganz zufrieden damit: dennoch erkennt man mit einigem Abstand einen Reststalinismus in der Formulierung und den Versuch, eine unumstoßliche Wahrheit zu formulieren.

In seiner Schrift „Ohne Leitbild“, die sich gegen eine zyklisch auftretende Forderung richtet, dem einzelnen Kunstwerk äußerliche Kriterien für Kunst im allgemeinen zu entwickeln, an welche die Künstler in ihrer Produktion sich halten können und müssen, und durch die auch der Rezipient die Mittel zur Einschätzung von Kunst in die Hand bekommt und der Kunst eine Funktion im arbeitsteiligen Gefüge der Gesellschaft zugewiesen wird, formuliert Adorno:

„Die Sphäre aber, in der über richtig und falsch zwingend, doch ohne Rekurs auf trügerische Leitbilder sich entscheiden läßt, ist die technische.“1

Um das Mißverständnis zu vermeiden, daß mit diesem Kriterium der Entscheidbarkeit, das bruchlose sich Fügen des einzelnen Kunstwerkes in die Einheit des Stils gemeint sein soll, verweist Adorno darauf, daß das sich Halten an die aus der Einheit des Stiles ergehenden Forderung zu nichts weiter führte, als zur Kopie des Vorhandenen, also Entwicklung und subjektiven Ausdruck ausschließe.

Wenn in der Vergangenheit große Kunstwerke sich darstellten als geschlossen und in der Sprache einfach identisch, so sei dies nur ein Phänomen ihrer Oberfläche. In Wahrheit seien sie „Kraftfelder, in denen der Konflikt zwischen der anbefohlenen Norm und dem ausgetragen wird, was in ihnen Laut sucht.“2 Je energischer dieser Konflikt ausgetragen wird, um so höher rangieren sie.

Stil ist demnach ein Produktionsverhältnis, das die künstlerische Produktion hemmt und fördert. Mit dem Wegfall der „anbefohlenen Norm“ scheint nun ein Zustand erreicht, der in absolute Beliebigkeit ausartet. Es könnte angenommen werden, daß der subjektiv künstlerische Ausdruck ungehemmt ins Freie tritt.

Dieses Moment des Ungehemmtseins würde aber Ausdruck im emphatischen Sinne unmöglich machen, die Momente des Werkes auf willkürliche Gefühlsäußerungen reduzieren und mit der Einheit des Werkes dieses selbst auflösen. Der Wegfall des Widerständigen des Materials und der Anstrengung, dieses zu überwinden, suggeriert angesichts gesellschaftlicher Totalität eine Freiheit, die nur durch das sich Fügen des Einzelnen ins Allgemeine erkauft würde und somit keine wäre. Das Verleugnen der eigenen Vermitteltheit, Suggestion von Unmittelbarkeit zeitigt nur die Fratzen gesellschaftlicher Herrschaft als Idole.

Trotzdem will Kunst ihrem Gebilde ein Moment von Unmittelbarkeit zusetzen.

Kunst darf sich diesem Konflikt nicht entziehen. Sie kann ihm nur begegnen, wenn sie auf Durchbildung des einzelnen Werkes geht, eine innere Rationalität entwickelt, durch die jedes einzelne Moment des Werkes bestimmt ist. Diese innere Rationalität läßt sich nicht durch der Kunst äußere Normen bestimmen. Erst im Vollzug ergibt sie sich und macht dieses zu einem in sich dynamischen Phänomen im Stillstand, das nur dem Zugang gestattet, der die innere Dynamik bereit ist nachzuvollziehen. Dieser Nachvollzug wäre Aufgabe der Rezeption.

Die Beliebigkeit der zeitgenössischen Kunst ist demnach eine scheinbare.Im Material wird der Künstler auf Geschichte verwiesen, denn Material ist „sedimentierter Geist.“3 Der Künstler hat dem Materialstand gerecht zu werden, er hat Veraltetes und Brauchbares von einander zu scheiden und somit einen Ausdruck zu ermöglichen, der zugleich subjektiv, aber in seiner Subjektivierung als objektiver sich bewährt. Dies ist nicht durch universelle feste Normen zu erreichen. In der geschichtlichen Veränderung verändert sich die Produktion. Einzig im hier und jetzt ist über das Verfahren zu entscheiden. Jedoch macht sich das Vergangene in der Auseinandersetzung als Subjektivität geltend.

„Der fortgeschrittenste Stand der technischen Verfahrungsweise zeichnet Aufgaben vor, denen gegenüber die traditionellen Klänge als Clichés sich erweisen.“4

Adorno bringt hier einen Begriff von Technik ins Spiel, der sich von dem der Dialektik der Aufklärung grundlegend unterscheidet. Während dort Technik zwischen dem Zweck der Produktion, der außerhalb der unmittelbaren, in der Ordnung des Eigentums begründet ist, und den gegenständlichen Bedingungen der Produktion vermittelt und unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktion die Subjektivität versachlicht wird, wird künstlerische Technik zu einem Kriterium für Richtigkeit und ästhetische Verbindlichkeit, die sich auf die Sache selbst richtet, und in ihrer Versachlichung Subjektivität freilegt. Anhand einer Konfrontation der Begriffe künstlerischer und außerkünstlerischer Technik soll deren gegenseitiger Verwiesenheit nachgegangen werden. Dieses Kapitel befragt deshalb Kategorien, in denen sich das Verhältnis von künstlerischer und außerkünstlerischer Technik in seiner Einheit und somit auch in seinem Widerspruch zeigt.

1Theodor W. Adorno: Ohne Leitbild, Frankfurt am Main 1967, S.17

2a.a.O.: S.11

3cf. Theodor W. Adorno: Philosophie der neuen Musik, Frankfurt am Main 1976, S. 39

4 a.a.O.: S.40

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Eine Antwort zu Kunst und Technik

  1. amruthgen schreibt:

    Es gibt m.E. technische Erfordernisse – ein Kühlschrank funktioniert eben nur dann, wenn seine Teile in einem bestimmten Zustand sind – aber der Mensch unterläuft diese technischen Erfordernisse: Israelische Handwerker kommen mit zwei Schrauben aus, wo andere drei brauchen (Kishon). Kunst braucht ‚können‘, denke ich, aber auch das hat Bandbreiten: „Das sieht aus, als hätte das ein Kind gemalt!“, meinte mal eine Sechsjährige vor einem Paul-Klee-Bild. Grundschüler mögen Paul Klee. Ich denke, dass jedes menschliche Tun seiner eigenen Dynamik folgt, wenn man den Menschen lässt. Die ‚Müsse‘ unserer Kultur – das musst du so machen – gehen von etwas Statischem aus, das den Blick auf weitere Möglichkeiten verstellen kann. Ist manchmal ganz praktisch, wenn einem ein anderer zeigt, wie was geht. Ein ‚muss‘ macht dann Sinn, wenn es mit einem ‚wenn‘ verbunden ist, habe ich bei Rolf Reinhold gelernt. „Ich muss morgens spätestens um halb acht aus dem Haus, wenn ich pünktlich in der Schule sein möchte.“ Das lässt mir die Freiheit unpünktlich zu sein und die Konsequenzen zu tragen. „Ich muss Wörter verwenden, die meine Schüler kennen, wenn ich möchte, dass sie kapieren, was ich sage.“ Ihnen unbekannte Wörter muss ich erklären, wenn ich möchte, dass sie die kapieren.
    Manchmal vollziehen wir Menschen Gratwanderungen, um das Eigene zu tun. Manchmal sind wir für andere völlig unkapierbar! Es lässt mich nicht unberührt, wenn andere über mich den Kopf schütteln. Dass einer den Kopf schüttelt, habe ich nicht in der Hand.

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