Nachtrag zu Claus

erschienen in poet Nr. 9

Nachtrag
in Frankfurt am Main:

… im Anlauf auf eine Erkenntnis, die in den Straßenzügen der Städte liegt, in ihrer Beschreibung, ausladende Sätze, ausladende Balkons und Spuren in Regenrinnen, Plastik, Bordsteinen, und in den Spuren der Spur, etwas, das der Reinigung entkommt, und etwas, das sich um dieses Widerständige herum ansiedelt…

… waren die Anläufe schon die Erkenntnis selbst: wenn ich zum Beispiel in Frankfurt am Main aus der Kleinmarkthalle kommend den Weg Richtung Zeil einschlug und zum wiederholten Mal einen Kiosk passierte, an dem ich irgendwann einen Hamburger hatte, der der Hamburger schlechthin war.

… das geordnete Auftreten der Platanen. Im Karee. Die Stämme über den Wurzeln in eiserne Gitter gefasst. Zum Mitwachsen. Rostig vom Hundeurin. Bäume nach denen ich mich sehnte, seit ich Anna Seghers gelesen hatte. Das siebte Kreuz. Schullektüre im Osten. Eine Flucht über den Rhein nach Holland. Den faschistischen Schergen entkommen.

Bäume, die ich in Chemnitz nicht sah, (warum?) und Bäume, die sich in Leipzig vor mir versteckten, weil ich sie nicht kannte, Kunststück, obwohl die Stadt voll von ihnen war.

Bäume von denen ein letzter stets leer blieb und die im Jahr nicht nur die Blätter verlieren, deren Rinde sich abschält im Sommer (die Blattform ließ mich an Ahorn denken) Platanen. Platanen.

… wie verwundert ich war, dass hier alles ganz nah ist. Im S-Bahnbereich: Wiesbaden, Mainz, Offenbach, Gießen. Die Siedlungen zwischen den Siedlungen. Wohnburgen hinter den Gleisen, zwischen den Gleisen und am Ende der Gleise. Zeltplanen, Steine in Rahmen, Beton und edlere Materialien, die an die Vergangenheit des Wohnens erinnern. Aufgereiht die Museen selbst wie Bilder in einer Galerie.

Ich würde eine Ulme nicht erkennen, auch wenn sie direkt vor mir stünde. Die Ulme ist mir ein theoretischer Baum wie die Platane mir einst ein theoretischer Baum war.

Telekommunikation. Architektur. Film. Völkerkunde und mehr. Masken. Mauern. Maserungen. Ein Skulpturengarten. Liebigkaffee. Eiserner Steg, Holbeinsteg, die Friedensbrücke und ihre Bewohner. Das MMK als Bestandteil der eigenen Ausstellung. Rhein-Main- Gebiet, wie eng. Jesus, der Unipenner.

Im Modernen Antiquariat an der Kleinmarkthalle kaufte ich an diesem Tag ein Buch: „Das Wort auf der Zunge“. Konkrete Poesie. Carlfriedrich Claus und Franz Mon. Inliegend einige Reproduktionen der Clausschen Sprachblätter auf Transparentpapier, unter anderem der Eulenspiegelkomplex. Angesichts dieser Arbeiten missglückten meine Versuche, Schrift zu entziffern. Blickwendung.

Eine Nase also eine Lupe, krauses Buchstabenhaar. Kara Te. Ein anderes Blatt. Auch meine Mutter zeichnete Körper aus Buchstaben und Zahlen. Als sei die Schrift unseren Körpern gewachsen. Blickwendung. Und der weiche Händedruck. In aller Friedfertigkeit.

… die kabbalistische Interpretation von Körper, als ob es eine Volkskabbala gäbe. Eine jüdische Mystik als Insel jenseits der Schrift, als körperlose Erinnerung vor der Schrift. Durchs Schlüsselloch bis zu meiner Mutter gedrungen. Dennoch das Staunen über die Schrift und darin über wortlose Erkenntnis trotz Schrift.

Dass Sz und das Zeichen für „und“, dass man, wenn man es schrieb, erkannte, woraus dieses Wort ist. Volkstümliche Latinisierung. Ich aß nie mehr einen Hamburger, weil ich genau wusste, dass dieser Geschmack sich nie wieder einstellen würde.

… und unter dem Gebäude der Stadtwerke die Reste des alten Judenviertels. Ausgegraben und konserviert die liberale Vergangenheit der Stadt, sichtbar in liberaler Gegenwart, in der Erkenntnis und erkennbar an den zwei Polizisten die Bubis‘ Haus im Westend beschützten. Dennoch war sie fassbar, wie eine marginal höhere Körpertemperatur. Einzig Frankfurt hatte seinerzeit um die Rückkehr der Emigranten gebeten.

Das Erhellende kommt ohne papierne Nebenexistenz aus. Es ist individuell, einzigartig, nicht reproduzierbar. Erst die Einengung des Handlungsrahmens und der Bewegungsmöglichkeiten macht den Text notwendig. Er tritt an die Stelle der Handlung, des Spaziergangs, des Gespräches und verwandelt sich nach und nach in das Eigentliche.

Das erste Mal einen westdeutschen Supermarkt riechen. Eine mittlerweile unstillbare Sehnsucht.

Der Text ist die Form geistiger Sesshaftigkeit, und die Beweglichkeit kehrt darin wieder als Wunsch. Als Traum. Als Utopie. Ich möchte sagen: nur als Utopie, denn nichts kann Beweglichkeit ersetzen, auch der Text nicht. Dass es angesichts eines Textes dennoch hin und wieder so etwas wie Glück gibt, liegt an der Transzendenz.

Der Text ist das Gegenteil von Etwas. Der Text ist kein Hamburger. Und Hamburger ist nur ein Wort, und die Vorstellung, der Text käme ohne Hamburger aus, ist eine Illusion, denn an einem anderen Kiosk hatte ich einmal einen Hot Dog, der der Hot Dog schlechthin war.
(Hauptbahnhof, Dynamic Food.)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Demokratie, Philosophie abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Nachtrag zu Claus

  1. jayne schreibt:

    der text erscheint mir immer auch als der versuch einer übersetzung; schreiben heißt für mich, zu übersetzen, und überzusetzen in eine andere wirklichkeit …

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    novalis in blütenstaub

    Übersetzungen

    68.

    Eine Übersetzung ist entweder grammatisch, oder verändernd, oder mythisch. Mythische Übersetzungen sind Übersetzungen im höchsten Stil. Sie stellen den reinen, vollendeten Karakter des individuellen Kunstwerks dar. Sie geben uns nicht das wirkliche Kunstwerk, sondern das Ideal desselben. Noch existiert wie ich glaube, kein ganzes Muster derselben. Im Geist mancher Kritiken und Beschreibungen von Kunstwerken trifft man aber helle Spuren davon. Es gehört ein Kopf dazu, in dem sich poetischer Geist und philosophischer Geist in ihrer ganzen Fülle durchdrungen haben. Die griechische Mythologie ist zum Teil eine solche Übersetzung einer Nationalreligion. Auch die moderne Madonna ist ein solcher Mythus.

    Grammatische Übersetzungen sind die Übersetzungen im gewöhnlichen Sinn. Sie erfordern sehr viel Gelehrsamkeit, aber nur diskursive Fähigkeiten.

    Zu den verändernden Übersetzungen gehört, wenn sie echt sein sollen, der höchste poetische Geist. Sie fallen leicht ins Travestiren, wie Bürgers Homer in Jamben, Popens Homer, die Französischen Übersetzungen insgesamt. Der wahre Übersetzer dieser Art muß in der Tat der Künstler selbst sein, und die Idee des Ganzen beliebig so oder so geben können. Er muß der Dichter des Dichters sein und ihn also nach seiner und des Dichters eigener Idee zugleich reden lassen können. In einem ähnlichen Verhältnisse steht der Genius der Menschheit mit jedem einzelnen Menschen.

    Nicht bloß Bücher, alles kann auf diese drei Arten übersetzt werden.

  3. Pingback: 125. Netzfund « Lyrikzeitung & Poetry News

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s