noch Utopie

Ohne ein Anderes worauf es zielte, was es auch selbst sein kann, indem es sich äußerlich, also Gegenstand wird, verlöre sich der Anlass des Denkens, und es würde in diesem Sinne hohl, weder Erkenntnis noch Konstruktion. Es bliebe also auf der Ebene des bereits als möglich Erkannten und würde diese Ebene im weiteren untersschreiten. Mithin wäre Denken bloße Verlaufsform, und würde sich selbst unterbinden. Bloße theoretische Reproduktion des zu Erkennenden wäre Abbildung/Widerspiegelung, mechanisch. Dieses Verfahren produziert „Reibungsverluste“. Darin liegt die Unterschreitung des Objektbereiches, der Verlust an Wissen begründet (und auch die Unmöglichkeit von Archiv und Enzyklopädie im Sinne einer 1:1 Wiedergabe vorhandenen Wissens).

Das hier grob umrissene Überschreitende des Denkens sucht seinen Ausdruck in konkreten Denkprodukten. Utopie, als in diesem Sinne Ausdruck des Überschreitenden lässt sich mithin darstellen als produktiver Umgang, Utopieverzicht hingegen als destruktive Selbstbeschränkung des Denkens.

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23 Antworten zu noch Utopie

  1. amruthgen schreibt:

    Utopisches dürfte sich am Konkreten entzünden. Utopie könnte sein, Urmenschliches finden zu wollen – jenseits aller bekannten Setzungen: damit handeln anders bzw. besser funktioniert.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      wie würden sie ein urmenschliches beschreiben, als vorgesellschaftliches, als enthropologische konstante?
      zum anderen:
      ich glaube auch, dass utoie sich am konkreten entzündet, am nichtbegrifflichen. aber epistemologisch gedacht, denke ich, dass auch der begriff oder das begriffliche denken als konkreter gegenstand zu betrachten ist, und das in der differenz des begriffes zum begriff und zum begriffenen ein raum für utopie ist.
      das zu spezifizieren, wäre mein philosophisches programm.

      ps: das wäre auch der inhalt meiner dissrtation gewesen, ich sah mich aber im akademischen umfeld vor 15 jahren außer stande, es zu erfüllen.

  2. amruthgen schreibt:

    Ihre Eingangsfrage ist sehr schwierig zu beantworten, weil Urmenschliches schwer fassbar ist. Es ist eher ein ‚empfinden‘ von mehr oder weniger angenehm, das sich bei mir einstellt, wenn ich mein oder das Verhalten anderer erlebe. Im Zuge meiner beruflichen Sozialisation als Lehrerin habe ich mich immer weiter davon entfernt und dafür zunehmend Unbehagen empfunden, wenn ich mein Lehrerverhalten reflektierte, das aber offiziell, nach Ansicht meiner Ausbilder, Kollegen und Vorgesetzten völlig in Ordnung war. Mein Unbehagen führte mich zu der Idee, meinen Beruf an den Nagel zu hängen. Weil ich zu einer Lehrerin geworden war, die ich eigentlich nicht werden wollte als ich anfing – und es auch nicht war. Die Ideale meines jungen Lehrerinnenlebens sind so etwas wie fassbares Urmenschliches. Ich sehe sie als Hinweise auf Urmenschliches. Urmenschliches könnte sich möglicherweise in unseren Eingeweiden, den dort ablaufenden Prozessen und Aktivitäten verbergen, vermutlich auch evolutionär erworben und genetisch verankert – sehr spekulativ ist das alles -, das sich bei Menschen dann regt, wenn das geschieht, was man gemeinhin als Unrecht oder menschenverachtend bezeichnet. Ich denke ohne diese Basis des Urmenschlichen dürfte es selbst den Klügsten nicht gelingen, den Menschen Menschlichkeit beizubringen. Das Kriterium für Menschlichkeit dürfte im Menschlichen des jeweiligen Menschen zu finden sein. Ich meine, dass Menschen mit Menschen ein lebenswertes – am Urmenschlichen orientierten – Leben leben möchten – auch wenn unsere gegenwärtige Freizeit- und Geldkultur den Irrtum des individuellen Genusses propagiert.

    Möglicherweise sind meine Ideale Ihrem Thema gemäß: “ das in der differenz des begriffes zum begriff und zum begriffenen ein raum für utopie ist“. Ich tue mich mit dem Begreifen von Begriffen schwer, könnte mir aber vorstellen, dass ich von Ihnen da etwas lernen kann.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      ich denke darin liegt ein kern: Ich tue mich mit dem Begreifen von Begriffen schwer. der begriff, so wie er uns begegnet, behauptet eine vollständige durchdringung des begriffenen. aber vollständigkeit ist schlechterdings nicht möglich, da es sich bei den uns umgebenden sachverhalten stets um dynamisch handelt, selbst ein stein ist in seiner scheinbaren ruhe veränderlich. ein begriff kann dem nur gerecht werden, wenn er selbst veränderlich, das heißt aber auch immer vorläufig ist. und vielleicht ist der bergiff des urmenschlichen deshalb so schwer zu fassen, weil dem urmenschlichen eine besondere dynamik eignet, wie der mensch ja auch das veränderlichste tier ist, und somit kaum zu bestimmen. die abgrenzungsgeschichte, die eine geschichte der menschlichen selbstabgrenzung vom tier ist, spricht da bände, und es ist der wissenschaft auch nie gelungen, eine feste trennlinie zu ziehen. erst gestern wurde wieder vermeldet, dass das genom von mensch und orang utan nahezu identisch ist.
      ich habe mir gestern übrigens auch ein buch von derrida bestellt „das tier, das ich also bin“ und bin schon sehr gespannt.
      aber lassen sie uns noch etwas über das urmenschliche nachdenken, vielleicht kann man daran ja festmachen (oder besser flüssigmachen), wie sich begriff und gegenstand in ihrer jeweiligen dynamik befeuern.

  3. amruthgen schreibt:

    Ich mache gern mit: Ideale könnten auch Wünsche heißen: Ich habe viele davon und ich freue mich über jeden der in Erfüllung geht.
    Diese Wünsche beziehen sich auf Menschliches.
    Menschliches ist für mich das, was ein Mensch als angenehm empfindet.
    ‚empfinden‘ heißt für mich ’sensorieren‘ bzw. ‚wahrnehmen‘.
    Ich habe vor wenigen Tagen in dem Buch „Traumfänger“ von Marlo Morgan herumgelesen. (Ich lese meist in Büchern herum: Mal da, mal dort …) Sie beschreibt Faszinierendes, das mit Urmenschlichem zu tun hat. Ich habe meinen Viertklässlern daraus vorgelesen: Sie reagierten neugierig, überrascht, irritiert …
    Ich bin schon froh, dass ich das Wort „Urmenschliches“ kenne, auch wenn ich das, was ich damit bezeichne, nicht begreifen kann.
    Die Geschichte vom ‚Barmherzigen Samariter‘ hat für mich bereits als Kind „Urmenschliches“ symbolisiert. Da kümmert sich einer ‚einfach so‘ (ohne viel Aufhebens zu machen) um einen anderen, der von anderen niedergemacht wurde.
    Es gibt Menschen, die verkörpern für mich auf ihre Weise „Urmenschliches“.
    Die Vermutung es gäbe „Urmenschliches“ ermutigt mich Ideale zu produzieren.

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ich habe etwas erlebt/beobachtet, das vielleicht in ihre richtung weist. vor einiger zeit gab ich an einer grundschule einen kurs in dem wir gedichte schrieben. meine aufgabe als kursleiter war es im grunde nur, die arbeit anzuschieben, dann entwickelte sich spass und freude ganz von selbst, die lustigsten texte entstanden, und die eltern hatten tränen in den augen, als wir vortrugen. die schule lag in einem sozialen brennpunkt, wie man so schön sagt, und einige der eltern hatten in der schule zum letzten mal ein buch in der hand, und können sicher nichts mit lyrik anfangen, aber angesichts der produktion ihrer kinder waren sie ergriffen, und wäre die zeit vorhanden, hätten sie sicher auch etwas von ihnen gelernt. der kurs ging über drei jahre und ich konnte beobachten, wie die kinder in der ersten zeit immer souveräner und freier wurden in ihrem umgang mit der sprache. als es aber in der vierten klasse an die selektion ging (gymnasium oder mittelschule) brach bei einigen die freiheit ein. kontrolle und selbstkontrolle nahmen zu, der spaß ab. (einige werden sich erinnern, andere den spass später wiederfinden, aber es wird auch kinder geben, die später vielleicht nie mehr ein buch anfassen werden, wenn es nicht irgendeinen praktischen zweck erfüllt, ihrer instrumentellen vernunft dient)
    wenn es etwas urmenschliches gibt, dann scheint es das spiel und die freie kreativität zu sein (was wir, denke ich, mit den primaten teilen), das menschlich/gesellschaftliche wäre dann die kanalisierung dessen in konventionen, was an sich noch kein drama ist, aber eins werden kann.

  5. amruthgen schreibt:

    Möglicherweise sind Kinder die ‚eigentlichen Menschen‘ und so dem Urmenschlichen näher als genormte Erwachsene. Darauf könnte auch das hinweisen, was Sie erzählten. (Toll, dass Sie das gemacht haben.) Konventionen haben den Nachteil, dass sie vor allem spontanes, situationsorientiertes (kreativ, frei) Verhalten von außen (heteronom) kanalisieren wollen. In der Regel werden Kindern Konventionen nicht erläutert, sondern sie werden darauf verpflichtet. Ich möchte Konventionen als veränderbare Umgangsformen verwenden und auch meinen Schülern ermöglichen herauszufinden, welche Konventionen sie mitmachen möchten. Im Schulalltag haben Konventionen einen viel zu hohen Stellenwert, der Kinder irritiert und verunsichert und der ihnen m.E. gar nicht zukommt. Für mich sind meine Grenzen die Grenzen der anderen. Darauf mache ich meine Schüler aufmerksam: Merken, wo man andere irgendwie beeinträchtigt, verletzt, beleidigt … Sich fragen: Gefällt mir das, was ich anderen antue? Für dieses ‚merken‘ scheint mir ‚Urmenschliches‘ die Basis zu sein. Darüber nachzudenken, sich auszutauschen, das können schon Erstklässler und noch Kleinere. Kinder spüren noch stärker, was sie bewegt, was sie empfinden … Die Regel-Schule tut dagegen so, als hätten Kinder keine Ahnung.

  6. amruthgen schreibt:

    Noch eine Anmerkung dazu: Unter Konventionen zähle ich auch schulisches Lernen.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      man sollte auch darüber nachdenken, in welchem kontext schule steht. die selbstauskunft in der ddr war, sie bilde sozialistische persönlichkeiten heran, in praxis hieß das, der mensch sollte auf ein staatsbürgerliches mass zusammengekürzt werden. in dieser hinsicht sind wir heute natürlich wesentlich freier. aber ich meine, dass schule heute, so wie sie organisiert ist, soziale unterschiede zementiert. und das bedeutet druck. einerseits der versuch, seine lebensbedingungen zu verändern und die kinder aufs gymnasium zu drücken, weil sie mit einem hauptschulabschluss chancenlos blieben. und andererseits, der enorme nicht unwesentliche druck, der von der besitzstandswahrung ausgeht, und dessen ziel in leipzig oft thomasgymnasium heißt, weil es die schule eines weltberühmten knabenchores ist. dabei sollte man bei dem wort knabenchor eigentlich schon zusammenzucken. so rein der klang, so rein der zwang. und ich habe bachkantaten auch schon von gemischten chören gehört und mir hat nichts gefehlt.
      klar, kinder sind allein nicht lebensfähig, zumindest bis zu einem gewissen alter nicht. daraus resultiert sicher soetwas wie eine natürliche autorität der erwachsenen. aber das darf nich heißen, das deren gewißheiten dogmata werden. zur natürlichen autorität siollte auch die fähigkeit zur selbstbefragung gehören und die fähigkeit, die fragen der anderen auszuhalten, und sich einzugestehen, dass man sie zuweilen nicht beantworten kann und seine position verändern muss.
      da kommt mir der gedanke, das urmenschlich bedeuten könnte, dass wir über flüssige idenditäten verfügen. dass wir uns nur aufgrund unseres wollens selbst verändern können, was wir anderen tieren voraus haben.

  7. amruthgen schreibt:

    Der Kontext in öffentlich gelernt und ausgebildet wird, ist aus meiner Sicht konsequent traditions- und normgeprägt. In dem Bedürfnis die Normen zu bewahren, wird traditionell mit Druck gearbeitet. Demokratisches – wie ich es mir wünsche – ist noch wenig ausgeprägt. In der DDR wurde mit Hilfe von Metternichprinzipien der Druck zur konkreten Existenzbedrohung.

    Die öffentliche Schule – so wie sie zurzeit funktioniert – und alle die daran beteiligt sind, dürfte jedem gesellschaftlichen Druck völlig wehrlos ausgesetzt sein. Denn sie dürfte aus Sicht der meisten Menschen ein Ort sein, an dem die nächste Generation möglichst optimal auf den allgemein praktizierten Lebenskurs gebracht wird. Dieser Lebenskurs dürfte gegenwärtig durch das Streben nach einem hohen materiellen Standard und die Freizeitorientierung geprägt sein. Das Abitur stellt einen guten Verdienst in Aussicht, mit dem sich hohe materielle Standards und Freizeitinteressen finanzieren lassen. Eltern wünschen sich ihre Standards und mehr davon für ihre Kinder und deshalb nehmen sie es in der Regel hin, dass ihre Kinder mit Druck unter die Besten gepusht werden. Das entwertet schulisches Lernen. Der Trend zur Formalisierung des Lernens scheint mir wahrnehmbar. Inhalte werden marginalisiert zugunsten guter Zensuren und Schüler zum Pauken veranlasst.

    Normendruck und Metternichprinzipien einschließlich funktionieren, weil Menschen akzeptierte Mitglieder ihrer Gemeinschaft sein möchten. Folglich akzeptieren sie, was sie nicht verhindern können. Dennoch bleibt Widerstand erfreulicherweise nicht aus. Denn alle Lebewesen, also auch Menschen – so behaupte ich inzwischen – möchten ihren eigenen Impulsen folgen können. (Ein Resümee von dem Philosophen Rolf Reinhold: Lebewesen möchten ihren eigenen Impulsen folgen können.) Dieser Widerstand könnte auch ein Hinweis auf Urmenschliches sein, das sich spontan zu Wort meldet. Ich führe diesen Widerstand – wie alles, was ein Mensch tut – auf die jeweilige momentane physische Disposition zurück. Diese ist aus meiner Sicht variabel. ICH – als Einheit Körper gedacht – ist also variabel. Identisches gibt es aus meiner Sicht nicht. ICH entscheidet – unter Einbeziehung aller möglichen Konsequenzen. ICH reagiert auf mein Nachdenken mit Änderungen.

  8. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    in leipzig gibt es freie schulmodelle, dass heißt man versucht in gemeinschaft zu leben, grunddemokratisch entscheidungen zu treffen etc. die lehrer an diesen schulen dienen mehr oder weniger der moderation. lernen funktioniert selbstbestimmt.
    aber: als ausnahmen bestätigen diese schulen die regel. norm wird letztlich doch als feste anerkannt, weil sie außerschulisch festgefügt ist. und die soziale schichtung an diesen schulen ist recht homogen. intelektuelle, gehobener mittelstand. schon mit sozialem gewissen, aber im grunde grundaffirmativ.

  9. amruthgen schreibt:

    Daran bin ich sehr interessiert. Gibt es darüber mehr?

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      http://www.freie-schule-leipzig.de/aktuelles/

      und in dieser schule lernt meine tochter
      http://www.nasch.de/

      es handelt sich um ein schulmodell was von lehrern während des umgruchs 89/90 entwickelt wurde und im einheitsvertrag festgeschrieben ist. die nasch ist eine kommunale schule also ohne schulgeld und der gleichen, seitens der politik aber immer von schließung bedroht. zum glück ist sie durch den einigungsvertrag juristisch gesichert. ähnliche modelle in sachsen wurden durch die schwarzgelbe regierung geschlossen. die schule ist nicht das gelbe vom ei, aber meiner meinung nach ein schritt in die richtige richtung.

  10. amruthgen schreibt:

    Mir scheint die Sachsen haben die Nase pädagogisch ganz vorn. So was gibt es in Hamburg weit und breit nicht.
    Was wünschen Sie sich noch für die nasch-schule?

  11. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    naja. ich hätte gerne neben klassenlehrern fachlehrer die ihr fach lieben, physiker, historiker geografen … die zeigen, dass der stoff im fluss ist. fragen lernen, nicht aussagen pauken. aber da geht es mit projekten schon in die richtige richtung. und mehr bewegung wäre gut. tanz und dergleichen.

    aber wie gesagt: wir verwalten in sachsen nur errungenschaften der 90er. die landesregierung würde solche projekte lieber heute als morgen stoppen.
    dazu kommt, dass das modell problemkindern zuträglich ist, dass sie dort besser lernen und sich einfügen, was eine gute sache ist. das müssten aber alle schulen leisten. sie tun es nicht und schieben die probleme sozusagen an die nasch ab. noch nimmt sie auf, doch irgendwann ist sie überlastet.
    diese schule wäre ein modell, wenn man zuließe, dass das modellhafte von andern schulen übernommen werden würde.
    wir können also nur auf die nächsten landtagswahlen hoffen, oder darauf dass sich in der jetzigen regierung was bewegt.

  12. amruthgen schreibt:

    Jan Kuhlbrodt: „… diese schule wäre ein modell, wenn man zuließe, dass das modellhafte von andern schulen übernommen werden würde.“

    Jau, das charakterisiert den institutionellen Umgang mit bildungspolitischen Anregungen. Man ermöglicht sie, schafft aber keinen Raum für deren Verbreitung über Lernforschung, Lehrerausbildung und -fortbildung.
    Im Gegenteil: Modelle werden verschwiegen oder bis an die Grenzen belastet.

    Ein weiteres Beispiel ist Rolf Robischen http://www.rolf-robischon.de/ , der sein Schulmodell in einem ländlichen Gebiet verfolgen durfte. Aber er durfte keine Referendare ausbilden, weil er nicht nach ausbildungsrelevanten Normen arbeitete, wie die Schulbehörde meinte. Dieses Denkverhalten folgt klassischen apriorischen Prinzipien, die zur Stagnation führen. Inzwischen ist er im Ruhestand und sein Schulmodell gestorben.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      Ich denke, und das korrespondiert auch ihrem erfahrungsbericht, das man über den gesellschaftlichen rahmen, die der schule zugedachten funktion nachdenken muss. mir scheint, dass schule lediglich der reproduktion der gesellschaft in ihrer jetzigen form zuträglich sein soll. es ist vom glück der kinder zwar die rede, es werden aber nur anpassungsfähige und willige als potentiell glücklich betrachtet. die dynamik einer gesellschaft wird ausgeblendet, weil wir ja deren ergebnis nicht vorwegnehmen können. so stehen die schulmodelle der gesamten historischen erfahrung der letzten 200 jahre vollkommen entgegen. nichts hat sich als dauerhaft erwiesen, was dauerhaftigkeit vorgab. und gerade eine demokratische gesellschaft sollte sich des flusses bewusst sein.

  13. amruthgen schreibt:

    Die Dynamik der Gesellschaft scheint vor allem der Dynamik der Menschen zu folgen, die mehr und mehr Geld verdienen möchten. Dies hat Marx vorausgesehen. Leider sind viele seiner klugen Resumees mit dem Scheitern sozialistischer Staaten aus dem Blick geraten. Die Dynamik von Sichtveränderungen, die m.E. Marx mit im Blick hatte, werden von dieser Dynamik überlagert. Politiker und Medien folgen mehrheitlich gleichfalls dem Mammon und können so andere Möglichkeiten Politik zu machen nicht in den Blick kriegen. Veränderungen in der Bildungspolitik hängen aber m.E. von der Offenheit ab, sich auf andere Sichtweisen von Lernen und auf die Dynamik des Lebens einzulassen.

    Auf dem Papier der Bildungspläne stehen viele kluge Worte über die Veränderungen, die in den Schulen eigentlich anstehen: Lernen sei ein indivdueller Prozess, Lehrer sollen begleiten, Lernsituationen schaffen und anleiten statt belehren. Der Präses der Hamburger Bildungsbehörde, Herr Rosenboom, redete vom Paradigmenwechsel des Lernens und Lehrens. Doch die Aussichten, die auf dem Papier eröffnet werden, werden mit der institutionellen Struktur (autoritätsorientiert), mit den alten Lernmodellen, dass Lehren identisch sei mit Lernen, mit der Lehrerausbildung wieder eingerissen. Hier wird Dynamik sogar verhindert, weil fast alle Beteiligten in ihren traditionellen Sichten festsitzen. Das alt Vertraute wird aufpoliert unter dem Motto: mehr desselben. Und wenn die Theorien nicht greifen, werden Maßnahmen eingesetzt. Es herrscht Einmütigkeit: Die Theorien sind in Ordnung, nur die Realität nicht. Die Konsequenz: disziplinieren, disziplinieren, disziplinieren … Dass öffentliche Schulen mit ihrem Lehrprinzip unzureichend arbeiten, wurde schon in Mesepotamien vor 3000 Jahren und in Rom vor 2000 Jahren festgestellt, aber das wird ausgeblendet. Vermutlich müssen die Miszstände dieses – wie ich meine – grundgesetzwirdrig arbeitenden Schulsystems noch offensichtlicher werden, wenn Dynamik freigesetzt werden soll. M.E. wäre z.B. ein Verzicht auf das staatliche Bildungsmonopol dringend nötig, damit andere Lernkonzepte quantitativ und qualitativ wirksam anderes Lernen sichtbar machen können.

  14. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    Aber das staatliche Bildungsmonopl bezieht sich doch nur auf die instututionelle Bildung. Hier wäre es, wenn es funktionierte, sinnvoll als Regulativ zu den familiären Unterschieden und Gegebenheiten, in die ein Kind letztlich hineingeboren wird. Man müsste also einen Weg finden, die Zufälligkeiten klein zu halten, die dem Kind in seiner freien Entwicklung im Weg stehen. Und man muss dem Kind die Materialien zur Verfügung stellen, die es braucht, um sich und seine Umwelt kennentzulernen. Bücher, Zeichenmaterialien, Sportgeräte usw. Und zwar unabhängig von den monetären Vorraussetzungen der Eltern. Bildung muss insofern ein ernst gemeintes Angebot sein.

  15. amruthgen schreibt:

    Leute, die Schulen gründen möchten, werden formal-rechtlich ausgebremst und müssen einen sehr, sehr langen Atem haben, um Aussicht auf eine eigene Schule zu bekommen. Meine Idee dreht sich darum, dass private Initiativen alternative Schulwirklichkeiten schaffen könnten, um die staatlichen anzuregen. Dazu gehörte m.E. auch ein gesellschaftsweiter Diskurs über Lernen, Bildung, menschliche Werte, der noch nicht einmal begonnen hat.
    Ich stimme Ihnen gern zu, dass eine gemeinsam verantwortete Schulbildung eine gemeinsame Aufgabe sein sollte – unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Es sollten schon für kleine Kinder „Lernorte in der Nachbarschaft“ eingerichtet werden, wo sie mit den Angeboten versorgt werden können, die in anderen Familien von den Erwachsenen bereit gestellt werden können.

    • jan schreibt:

      Da stimme ich zu. Vielleicht sollten wir Bildung auch vollkommen neu definieren. Die Gesellschaft ist schließlich nicht mehr in der Situation, nachschub für die Schwerindustrie liefern zu müssen. Dennoch ist der Bildungsbegriff ein Frühkapitalistischer, geht eher von der wirtschaftlichen Verwertbarkeit aus, als von unmittelbar menschlichen Bedürfnissen.

    • jan schreibt:

      Da stimme ich zu. Vielleicht sollten wir Bildung auch vollkommen neu definieren. Die Gesellschaft ist schließlich nicht mehr in der Situation, nachschub für die Schwerindustrie liefern zu müssen. Dennoch ist der Bildungsbegriff ein Frühkapitalistischer, geht eher von der wirtschaftlichen Verwertbarkeit aus, als von den Kindern. Als wollten wir sie in eine Schablone pressen. Ich merke das sehr deutlich an meiner großen Tochter, die sich abmüht den Vorgaben gerecht tu werden, aber aufgrund der einsetzenden Pubertät soviel anderes (wichtigeres) im Kopf hat. Als Vater bin ich da zuweilen recht ratlos.

      • amruthgen schreibt:

        Das sehe ich auch so. Lernen wird längst formalisiert und die geforderte Individualisierung wird mit formalen Methoden ein Mittel der Uniformisierung. Das fällt aber nur Leuten auf, die so wie Sie hinsehen und sich ihre Gedanken dazu machen.
        Zum Problem Ihrer ältesten Tochter hier ein Tipp, den ich selber auf alle ungeliebten Aufgaben anwende. Die Grundidee ist eine Art Reframing. Dadurch kann der schmale Fokus des schulischen Stoffes aufgewertet werden und er kann attraktiver werden und das was gelernt werden muss, lässt sich leichter aneignen.

        Dies könnte z.B. so aussehen: So wie ich dies virtuell einschätze, könnte es Ihnen gelingen – mit ihr zusammen, an dem Stoff, den sie pauken soll bzw. an den Aufgaben, die sie lösen soll, einen Anknüpfungspunkt zu finden, der sie interessiert. Diesen interessanten Anknüpfungspunkt können Sie mit ihr lernend weiter ausbauen. (D.h. Sie muss anderes und mehr lernen, aber dafür das, was sie interessiert. Häufig wird irrtümlich langweiliger Schulstoff von Lehrern und Eltern wiederholend geübt.) Einem 15jährigen Gymnasiasten konnte ich das Aufsatzschreiben dadurch interessant machten, dass wir nur an Themen arbeiteten, die ihn interessierten. Er neigte dazu, viel zu kurze Texte zu schreiben und rechtfertigte Lücken mit: „Das kann man sich doch denken!“ Er interessierte sich für Verbrechen, also schrieben wir gemeinsam Texte über Verbrechen. Mit der Zeit kam er auch mit schulischen Aufsatzthemen besser klar.

        Eine weitere Möglichkeit wäre einen Nachhilfelehrer zu engagieren, der durch seine Person der Sache einen anderen Rahmen gibt. Ich hatte im Alter Ihrer Tochter einen schon recht bejahrten aber agilen Franzöisch-Nachhilfelehrer, der Dolmetscher gewesen war. Der konnte interessante Geschichten aus seinem Dolmetscherleben erzählen und war sehr unkonventionell. Die Stunden mit ihm waren fröhlich und interessant. Er hat mir vieles über die französische Sprache erläutern können, was meine Lehrerin in der Schule nicht getan hat. Schon seine Ankunft war mit großer Heiterkeit verbunden. Er rief mit sonorer Stimme im Treppenhaus von unten in den zweiten Stock hinauf: „Bonjour, Madame!“ Er begrüßte damit meine Mutter, der das immer sehr peinlich war. ‚Was sollen denn die Nachbarn denken!‘ Innerhalb eines Jahres schaffte ich es von einer 5 auf eine 3.

        Wichtig ist für ein solches Lernprojekt, Ihre Tochter mit einzubeziehen. Sie könnten ihr eventuell erzählen, dass da eine Lehrerin in Hamburg eine Idee hat, mit der ihr schulisches Lernen besser gelingt …Sie können es aber auch als Ihre Idee anbieten. Das hängt von Ihrer Tochter ab. Wichtig scheint mir außerdem, sich ihren Unmut über die Schule freundlich und zugewandt anzuhören. Mein Franzöisch-Nachhilfelehrer hat zu Beginn der Stunde gefragt: „Na, was macht ‚la vieja bruja‘ (‚alte Hexe‘)?“ Er meinte damit meine Französischlehrerin. Als er dies zum ersten Mal fragte, meinte er: „Nur ich darf sie so nennen, du nicht!“

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