Freiheit vom Körper

Die Peripatetiker, ist überliefert, legten alle Kleidung ab, bevor sie debattierend oder denkend ihre Wandelgänge vollzogen. Ob sie nicht wenigstens einen Lendenschurz trugen, ist nicht bekannt, aber anzunehmen. Nichts jedenfalls sollte ihnen die freie Ausbreitung ihrer Gedanken behindern, zumindest kein Kleidungsstück. Den Körper selbst nahm man wohl hin als notwendiges Übel. Aber wenn er beengt war, war auch der Gedanke beengt. Vollkommene Freiheit des Gedankens erlangte man also nur in jenen Momenten, da man den Körper nicht spürte. Und es ist der Gedanke, an dem Freiheit sich fest macht. Der Träger des Gedankens wäre also ideal als Wachkomapatient zu betrachten. Einzig am Flackern der Augen sieht man, dass die Maschine in Betrieb ist. Ein Zeichen für den Außenstehenden, den Denkenden jetzt nicht anzusprechen. Es ist uns nicht bekannt, ob das Sprichwort, welches besagt, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne, schon in Griechenland dazu benutzt wurde, die Kinder zu körperlicher Betätigung zu bewegen. Der Gedanke war da und auch der gegenteilige, wenn auch nicht zum geflügelten Wort geronnen. Und man muss nur die Plakate zu Rieffenstahlfilmen betrachten, um zu sehen, dass sich in den letzten dreitausend Jahren nicht viel geändert hat. Man könnte mutmaßen, dass Freiheit dem Griechen die Freiheit von körperlicher Beschränkung war. Der Körper stört nicht, so lang er sich nicht bemerkbar macht. Und wenn man ins Alter kam, träumt man sich, wie von Sokrates überliefert, in einen körperlosen Zustand. Der Überphilosoph sehnte den Tod wohl geradezu herbei, dass er sich vor versammelter Mannschaft den Schierlingsbecher schmecken ließ. Ein Verhalten, dass man heutzutage psychotisch nennen würde. Der Selbstmordattentäter mit Philosophischer Botschaft und als sein einziges Opfer. Ist der Tod also die einzige Möglichkeit, Freiheit zu erlangen? Alltagskommentare vor allem von jungen gesunden Menschen legen das nahe.“Eh ich mich nicht mehr regen kann, bring ich mich um.“ Solcherlei Volkssokratisches Geschwätz hört man aller Orten und am Zeitungsladen wird nicht nur Praline verkauft, sondern auch der Vordruck einer Patientenverfügung. Dass Sokrates, der hässlich gewesen sein soll, in bildlichen Darstellungen aber eher wirkt wie ein gealterter Trinker, wie ein Mann also, dessen Antlitz sich jenseits von hässlich und schön bewegt, dessen Körperlicher Verfall nicht mehr aufzuhalten ist, der ihn aber mit einer Spur von Humor in den Augen begegnet, dass dieser Sokrates einer war, dem man zugehört und geglaubt hat, war Nietzsche ein Rätsel, sei Hässlichkeit den Griechen doch schon eine Art Widerlegung gewesen. In der griechischen Welt, die eine Welt des kultivierten Rassismus und Sexismus war, muss Sokrates ein Fremdkörper im wahrsten Sinne des Wortes gewesen sein. Und gerade daraus, so scheint es, zog er Macht, Freiheit und Autorität. … Freiheit mag auch nach biblischer Überlegung die vollkommene Dominanz des Geistes über den Körper bedeuten. Bei Agamben (Das Tier / Das Offene) lesen wir, und sind nur einen Moment lang verwundert, dass man sich im Mittelalter den Penis Adams als vom Gehirn steuerbaren Muskel gedacht habe, der ähnlich handzuhaben gewesen sei, wie die Hand selbst. Mit dem Sündenfall habe der Mensch (Mann) diese Fähigkeit eingebüßt, und nicht nur dass er sich von nun an durch schweißtreibende körperliche Arbeit ernähren musste, kam auch noch die körperliche Begierde über ihn wie eine Naturkatastrophe.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Freiheit, Philosophie, Theorie abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s