drei

Vor meinem Fenster streiten zwei Frauen. Sie stehen
über den Kofferraum gebeugt zwitschern. Für mich
nicht erkennbar, ob gegeneinander oder gemeinsam
gegen ‘nen Dritten, den Besitzer des Wagens vielleicht.

Kein Wort mir verständlich. Es bleibt ein jedes Geräusch
und mein Wissen, dass wir eine gemeinsame Sprache besitzen,
wenn wir sprechen und denken. Lesen. Gegen die Scheibe.
Das, was uns trennt, ist reine Akustik. Sonst nichts.

Transkriptionen, das Video, auf zwei vierundzwanzig Youtube
die Reste des Films. Pasolini sieht schlecht aus. Pound nicht.
Ich kenne kein Bild Pasolinis auf dem er gesund wirkt und fröhlich.
Schon auf Jugendbildern meint man die Spur zu erkennen
ein Magengeschwür , das ihn Jahre später dann quält.
Der wird nicht alt. Ein Kommentar angesichts seiner Weise

der Welt sich zu öffnen, bei andern die Befürchtung der Tod
umkreise sie Jahre ohne einen Weg in die Häuser zu finden
in denen die Greise frivol, misanthrop oder einfach apathisch
vor sich hin altern, ohne zu sterben und eine Spur hinterlassen
eine Furche im Leben der anderen. Sie wechseln von Ehrfurcht
in Furcht, von Bewunderung in Besorgnis. Wer pflegt den Vater
nach dem Sohn wenn die Tochter gestorben? Wer tröstet

die Enkel angesichts des eigenen Todes? Wer verwaltet das Erbe?
Wer stirbt überhaupt, wenn schon gestorben muss werden?
Wer wäscht das Hemd, das der Sterbende trug in der hündischen Stunde?
Starker Kaffee, Zigaretten, das Leben in Städten so ungeschützt sorglos
als gäbe es nichts zu verlieren als Ketten und eine Welt zu gewinnen.
Das Hemd in der Trommel, der Tote längst Asche. Die Sonne. Na gut.

Doch jetzt auf Youtube trägt Pasolini Pound aus den Cantos vor
Untote allenthalben. Archiv eines jüngst vergangenen Lebens, kodiert,
konserviert, zweidimensional aufbereitet. Trockenpflaumen. Rosinen.
Vehement trägt er vor, Pasolini, und Pound staunt nicht, er blinzelt.
Das ist Leichenbeschauung im Computerzeitalter, sagt jemand.
Ich bin alleine im Raum, nur vor dem Fenster streiten die Frauen.

Es müsste ihm gefallen, die Art der Verehrung müsste ihm schmeicheln
auch wenn der andere nicht mehr ganz jung ist und attraktiv
in einem Sinne den er nicht mehr versteht. Aber Pound wirkt
wie einer. der nicht sonderlich viel von der Welt wissen will.
Meinen sie nicht, nein, das Werk bleibt und offen, nein, Blinzeln.
Kein Schwein, sage ich, kennt hier Konfuzius im Dorf. Dieser Satz

könnte von beiden stammen. Arroganz und Bedauern verteilt
auf den Schultern von Italiener und Wahlitaliener
wird aber dem jüngeren gut geschrieben. Offen gesagt sitzen
sie nicht am Grund eines Brunnens und wälzen ihr Leben aus Stein
hin und her. Nein, Blinzeln, nein es ist dies kein Brunnen kein Leben
mein Leben schon gar nicht; sind Dinge verstehen sie, Dinge;

der Regisseur versteht gar nichts und überhaupt: er hat einen
anderen Drehplan. Pound blinzelt. Schneegries. Man möchte
beide umarmen weil man keinen von beiden versteht
und beide werden bald sterben. Der eine am Alter, der andere
an Jugend. Die nicht vergeht. Am Lederjackenpathos und seiner Liebe.
Die Frauen haben sich versöhnt. Schauen jetzt mehr als zufrieden

über den Garten hinaus. Schauen nach Süden genau in die Richtung
in der die Reihenhäuser einen Durchblick gestatten auf Rasen
ein Eisengestell mit einer Schaukel, die noch etwas schwingt.

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