Schaabe

Dazwischen ein schmaler Streifen Sand, mit Kiefern bewachsen, zum Meer hin Dünen, Strandhafer. Akkurat abgesteckt, abgegrenzt mit Draht, alle fünfzig Meter ein Durchgang und an jedem dritten Durchgang ein Klo unter den ersten Bäumen, das aussieht wie ein Hochbunker, aber anders riecht. Nach Chlor nämlich.

Zelte zwischen den Bäumen. Die meisten Blau oder Rot, verweigerten die Tarnung und stachen zwischen den Nadeln hervor wie achtlos verstreute Papierreste. Chlorgeruch vermischte sich mit dem von Tang. Manchmal Reste von Toilettenpapier im niederen Gesträuch. Wehten dahin wie Fahnen an Lanzen.

Aber nachts werden die Strände von Scheinwerfern abgesucht. Sie sollten dem Flüchtigen den Weg auf die Schiffe versperren, die wie regungslos am Horizont stehen. Starre Versprechen, die die Illusion vermitteln, die Erde sei rund, und da wäre noch etwas am Ende der Welt. Und offene See.

Manchmal genügt Licht, um einen am Gehen zu hindern, und das, was die Lampe verheißt. Spritzende Einschläge im ruhigen Ostseewasser. Ich kannte so etwas aus Filmen vom Krieg.

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Waren- und Begriffsfetischismus

Marx beginnt „Das Kapital“ mit einer begrifflichen Analyse der Ware und der Entwicklung der Wertformen. Gebrauchswert, Tauschwert, Geldwert etc. Diese kulminiert im Kapitel über Fetischcharakter der Ware, welches zeigt, wie sich soziale Verhältnisse als Verhältnisse von Dingen darstellen. Interessant in diesem Zusammenhang ist das Kapitel 6 in Kofmans „Nietzsche und die Metapher“ mit dem Titel: Genese des Begriffs und Genese der Gerechtigkeit. Man könnte an dieser Stelle eine Beziehung von Marxschem Warenfetishismus und Nietzscheanischen Begriffsfetischismus konstruieren. Kofman in Rekurs auf Nietzsche:

„Alles vollzieht sich so, also ob vom Übergang von der Gerechtigkeit als Tausch zur Gerechtigkeit als Pflicht und im Übergang von der Metapher zum Begriff sich eine Verflüchtigung der Konstitutiven Elemente; eine Sublimation vollzöge; nur das Ergebnis wird bewahrt, der Prozess der Entstehung ist verdunkelt.“ a. a. O  S.72

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Trakl 4 ever

IV

Einmal in einer der Mehrzweckkneipen, in der wir in der Woche das Schulessen verweigerten und Samstags die Abende verbrachten, weil die Diskotheken überfüllt im VZ jedenfalls, zitiert ein aus meiner Sicht älterer Mann, er muss so Mitte Zwanzig gewesen sein, eben jenes Gedicht aus dem Gedächtnis. Es war also da. Anwesend. Vielleicht war der Mann im Tunnel gewesen, vorbeigekommen, als Impe es vorgetragen. Oder er kannte den Text, weil er ihn kannte.

Die geliehene Erfahrung führt weiter. Fühmann in seinem Essay über Trakls Gedicht Untergang:

Es prophezeit, was schon da ist, man sieht es nur nicht; in seinem Gedicht tritt es ins Bewusstsein, aber dies „es“ ist kein lokalisier- oder datierbarer Fakt. – Sein Gedicht meint nichts, es ist keine Allegorie, es sagt ein Modell des Untergehens, einen Prozess, nicht Ergebnis,…

Vielleicht war es genau diese Erfahrung, die wir uns erträumten.

VI

Schuberzeit

Im Schnee

NACHTERGEBUNG 1. Fassung

Ich bin mir nicht sicher, ob die anderen mehr kannten als ich, als dieses eine Gedicht,

auf dem Schuber gedruckt. Im Schnee. Ort und Umstand des Todes? Was soll ich wissen, um einen Autor zu kennen, über die Verfasstheit des Landes? Was noch? Nichts vielleicht, oder etwas, von dem ich nicht weiß, dass ich es wissen muss, das mich vom Holzweg meiner Unkenntnis auf den ausgetretenen Pfad einer Wissenschaft zurückführt. Aber vielleicht besteht ja der Zauber vor allem in der Unkenntnis, oder einer anderen Kenntnis, also in der Begegnung, im Kontakt mit einer Vorstellung von Wahrheit, die noch nicht die meine ist?

 

VII

Eine knapp bemessene Hülle, in der die Bücher eher klemmten als steckten. Und ich weiß nicht, ob ich dieses Gedicht Im Schnee bereits kannte, weil ich es gelesen hatte, vom Schuber abgelesen, im Buch danach gesucht oder irgendwo anders gelesen, vielleicht wurde es mir offeriert, von Impe aufgesagt, bevor ich das Buch gekauft, oder wurde von dem Angetrunkenen am Nachbartisch rezitiert, während der Kellner mit einer kleinen Bürste die Asche von der Tischdecke fegte, sehr akkurat, wie es ein Kellner nur mit dieser speziellen Bürste tat, Asche, die aufgrund ihrer Leichtigkeit nie ganz und gar im Aschenbecher zur Ruhe kam. Die Bücher steckten in Schubern, Tische in den Kneipen unter Tischdecken. Weiße! Kapitulation vor der Trunksucht? O Reinheit. Ich sah dem Kellner zu, hörte zugleich auf das Gedicht, das zu mir her klang, stoßweise die Verse eher versehentlich als Verse gesprochen. Aber Stoßseufzer waren es nicht. Im Gegenteil. Man hörte, der Sprecher schon einiges intus, gab sich Mühe, den Alkoholpegel auszugleichen. Mondnacht, du bleiche Mönchin. Aber statt deutlicher zu artikulieren, wurde er nur immer lauter, die Luft, die er angestrengt zwischen den Lippen herauspresste, von Speicheltropfen begleitet. Ich hörte, hörte die Tropfen wie einen entfernten Regen, ich bilde mir ein, dass ich sie hörte. Ich hörte, ich hätte es nicht sehen mögen. Im Schnee. Im Regen eher. Und wahrscheinlich ist auch erst November gewesen. Das Schuljahr im Gang, die Zeit aber, die kommende, schien endlos, lang selbst in jenem Jahr. Endlos zum Abitur, denn ich wollte der Schuber des Sozialismus sein, eine Gratisbeigabe der Geschichte im Weltbuchhandel.

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Sarah Kofman

Es ist eine Art Ausgleichslektüre: Nietzsche und die Metapher. Erschienen ist das Buch vor einigen Jahren im Wolff Verlag. Und wenn ich auf Sätze wie folgenden stoße, bin ich zumindest für einige Zeit angeregt und beglückt.

„Als metaphorische ist die Sprache ausgesprochen ‚ungerecht’/ ‚unrichtig‘ (injuste), selbst, wenn einzig diese Ungerechtigkeit/Unrichtigkeit (injustice), als Ausgleich der Differenzen, die Gerechtigkeit und soziale Ordnung erlaubt.“ a.a.O S. 60

Vielleicht ist alle Philosophie nach Kant, entweder der Versuch, Kant zu entkommen, oder eine Kapitulation, und der Versuch, mit Kant zu leben.

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Valéry und Benjamin

Wenn Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz (Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit) vom Verlust der Aura spricht, dann nicht im Sinne eines konservativen Geheuls, sondern um darauf zu verweisen, welche anderen Möglichkeiten in der Veränderung liegen. Eingangs zitiert er Valery:

Die Begründung der schönen Künste und die Einsetzung ihrer verschiedenen Typen geht auf eine Zeit zurück, die sich eingreifend von der unsrigen unterschied, und auf Menschen, deren Macht über die Dinge und die Verhältnisse verschwindend im Vergleich zu der unsrigen war. Der erstaunliche Zuwachs aber, den unsere Mittel in ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer Präzision erfahren haben, stellt uns in naher Zukunft die eingreifendsten Veränderungen in der antiken Industrie des Schönen in Aussicht. In allen Küsten gibt es einen physischen Teil, der nicht länger so betrachtet und so behandelt werden kann wie vordem; er kann sich nicht länger den Einwirkungen der modernen Wissenschaft und der modernen Praxis entziehen. Weder die Materie, noch der Raum, noch die Zeit sind seit zwanzig Jahren, was sie seit jeher gewesen sind. Man muß sich darauf gefaßt machen, daß so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern.

Benjamin zitiert Valery vor dem Hintergrund der Revolutinierung der technischen Produktionsmittel zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Geschichte aber war immer auch eine Verlustgeschichte ist, dieses Bewusstsein prägt auch Benjamins Verständnis, gerade vor dem Hintergrund der Erfahrung des ersten Weltkrieges und des drohenden zweiten. Es genügt jedoch nicht, den historischedn Prozess zu betrauern. Der Medientheoretiker und Philosoph Villém Flusser schreibt:

Der wahre Tribut, den man den Toten schuldet, besteht darin, sie so zu behandeln, als ob sie noch am Leben wären.

Technik hat immer etwas Janusköpfiges, denn sie entsteht unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen und wird in ihnen gebraucht/benutzt. Man kann mit Drohnen beispielsweise dringend benötigte Dinge an abgelegene Orte transportieren, aber auch Waffen und Sprengstoff. Man kann mit den neuen technischen Möglichkeiten, die Drohnen steuern. Man kann die medialen Mittel zur Überwachung der Menschen einsetzen, aber auch zur Kommunikation innerhalb Aufständischer und Demokratiebewegungen. Man kann die Speicher nutzen, Verbrechen zu begehen, oder an Verbrechen zu erinnern,  an die Opfer zu erinnern.

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Notat zu Valéry

Auch Valéry bedient sich in seiner Antrittsvorlesung am COLLÉGE DE FRANCE ökonomischer Begriffe und begründet dies:

„Ebensosehr durch ihre Ähnlichkeit wie durch ihre verschiedenartigen Anwendungen machen uns diese gleichnamigen Begriffe bewußt, daß in zwei scheinbar weit auseinanderliegenden Tatsachenbereichen die gleichen Probleme der Beziehungen der Personen zu ihrem sozialen Milieu auftreten.“ Paul Valéry: Zur Theorie der Dichtkunst, Frankfurt am Main 1975, S.203

Man kann von einer List des Schriftstellers Valéry sprechen, wenn man bedenkt, wie er sich, unter Kenntnis des alles beherrschenden Marktstrukturen, durch ein ‚Anerkennen‘ dieser, die Möglichkeit einer genuinen künstlerischen Erfahrung erringt. Dabei wird sein Augenmerk auf die künstlerische Technik und tätige Auseinandersetzung gelenkt, in Abgrenzung zur traditionellen Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte.

Etwa in der Art, wie es Valéry in seinen Bemerkungen über den Fortschritt beschreibt: „Angenommen, die maßlose Umwandlung, deren Zeugen wir sind, die wir erleben und die uns umtreibt, entwickle sich so weiter, richte vollends zugrunde, was noch an Bräuchen übriggeblieben ist, bringe Bedürfnisse und Mittel des Lebens in völlig anderen Fug – dann wird das zu etwas ganz Neuem gewordene Zeitalter bald Menschen in seinem Schoße austragen, die durch keinerlei Gewöhnung des Geistes mehr mit der Vergangenheit verbunden sein werden.“ Paul Valéry: Über Kunst, Frankfurt am Main 1959, S.123

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Gropiusstadt

Wenn ich in den Siebzigern und Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts mit der Eisenbahn von Karl-Marx-Stadt nach Berlin fuhr, war es nicht der Fernsehturm, den mein Blick suchte, sondern die Silhouette der Gropiusstadt, die man, nachdem der Zug Schönefeld passiert hatte, in der Ferne sah. Unerreichbar. Verlockend. Eine Modernität ausstrahlend, nach der ich mich sehnte.

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