Aus gegebenen Anlass

Theodor. W. Adorno in:

Minima Moralia

Reflexionen aus dem beschädigten Leben

 

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Kind mit dem Bade. – Unter den Motiven der Kulturkritik ist von Alters her zentral das der Lüge: daß Kultur eine menschenwürdige Gesellschaft vortäuscht, die nicht existiert; daß sie die materiellen Bedingungen verdeckt, auf denen alles Menschliche sich erhebt, und daß sie mit Trost und Beschwichtigung dazu dient, die schlechte ökonomische Bestimmtheit des Daseins am Leben zu erhalten. Es ist der Gedanke von der Kultur als Ideologie, wie ihn auf den ersten Blick die bürgerliche Gewaltlehre und ihr Widerpart, Nietzsche und Marx, miteinander gemeinsam haben. Aber gerade dieser Gedanke, gleich allem Wettern über die Lüge, hat eine verdächtige Neigung, selber zur Ideologie zu werden. Das erweist sich am Privaten. Zwangshaft reicht der Gedanke an Geld und aller Konflikt, den er mit sich führt, bis in die zartesten erotischen, die sublimsten geistigen Beziehungen hinein. Mit der Logik der Konsequenz und dem Pathos der Wahrheit könnte daher die Kulturkritik fordern, daß die Verhältnisse durchaus auf ihren materiellen Ursprung reduziert, rücksichtslos und unverhüllt nach der Interessenlage zwischen den Beteiligten gestaltet werden müßten. Ist doch der Sinn nicht unabhängig von der Genese, und leicht läßt an allem, was über das Materielle sich legt oder es vermittelt, die Spur von Unaufrichtigkeit, Sentimentalität, ja gerade das verkappte und doppelt giftige Interesse sich finden. Wollte man aber radikal danach handeln, so würde man mit dem Unwahren auch alles Wahre ausrotten, alles was wie immer ohnmächtig dem Umkreis der universellen Praxis sich zu entheben trachtet, alle schimärische Vorwegnahme des edleren Zustands, und würde unmittelbar zur Barbarei übergehen, die man als vermittelte der Kultur vorwirft. Bei den bürgerlichen Kulturkritikern nach Nietzsche war dieser Umschlag stets offenbar: begeistert unterschrieben hat ihn Spengler. Aber die Marxisten sind nicht davor gefeit. Einmal vom sozialdemokratischen Glauben an den kulturellen Fortschritt kuriert und der anwachsenden Barbarei gegenübergestellt, sind sie in ständiger Versuchung, der »objektiven Tendenz« zuliebe jene zu advozieren und in einem Akt der Desperation das Heil vom Todfeind zu erwarten, der, als »Antithese«, blind und mysteriös das gute Ende soll bereiten helfen. Die Hervorhebung des materiellen Elements gegenüber dem Geist als Lüge entwickelt ohnehin eine Art bedenklicher Wahlverwandtschaft mit der politischen Ökonomie, deren immanente Kritik man betreibt, vergleichbar dem Einverständnis zwischen Polizei und Unterwelt. Seitdem mit der Utopie aufgeräumt ist und die Einheit von Theorie und Praxis gefordert wird, ist man allzu praktisch geworden. Die Angst vor der Ohnmacht der Theorie liefert den Vorwand, dem allmächtigen Produktionsprozeß sich zu verschreiben und damit vollends erst die Ohnmacht der Theorie zuzugestehen. Züge des Hämischen sind schon der authentischen Marxischen Sprache nicht fremd, und heute bahnt eine Anähnelung von Geschäftsgeist und nüchtern beurteilender Kritik, von vulgärem und anderem Materialismus sich an, in der es zuweilen schwer fällt, Subjekt und Objekt recht auseinander zu halten. – Kultur einzig mit Lüge zu identifizieren ist am verhängnisvollsten in dem Augenblick, da jene wirklich ganz in diese übergeht und solche Identifikation eifrig herausfordert, um jeden widerstehenden Gedanken zu kompromittieren. Nennt man die materielle Realität die Welt des Tauschwerts, Kultur aber, was immer dessen Herrschaft zu akzeptieren sich weigert, so ist solche Weigerung zwar scheinhaft, solange das Bestehende besteht. Da jedoch der freie und gerechte Tausch selber die Lüge ist, so steht was ihn verleugnet, zugleich auch für die Wahrheit ein: der Lüge der Warenwelt gegenüber wird noch die Lüge zum Korrektiv, die jene denunziert. Daß die Kultur bis heute mißlang, ist keine Rechtfertigung dafür, ihr Mißlingen zu befördern, indem man wie Katherlieschen noch den Vorrat an schönem Weizenmehl über das ausgelaufene Bier streut. Menschen, die zusammengehören, sollten sich weder ihre materiellen Interessen verschweigen, noch auf sie nivellieren, sondern sie reflektiert in ihr Verhältnis aufnehmen und damit über sie hinausgehen.

 

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Rot

Hier liegt Ann Carsons ROT in der Übersetzung von Anja Utler. Natürlich habe ich schon reingelesen, auch wenn das Buch im Grunde noch etwas warten müsste, weil anderes zuvor …,

Aber der Text entfaltet schon beim ersten Versuch einen entsprechenden Sog, und ich bin gewiss nicht altphilolologisch geschult. Allgemeinbildung halt. Und mein Urgroßvater, Industrietischler, las mir Schwabs Sagenversionen vor. Wie andere Märchen auch.

Umso mehr überraschen mich die ersten Rezensionen, die von einer schwierigen Lektüre sprechen. als wollten ihre AutorInnen nicht, dass jemand sich am bürgerlichen Bildungsgut vergreift. Das ist herrschende Ideologie Leutschings. Lest also, egal welchen Abschluss Ihr habt, Carsons Texte. Wissen ergibt sich, wenn man es braucht. Man kann Nachschlagen usw. Schlagt also alle Warnungen in den Wind!!!!

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Aus aktuellem Anlass

oder schlag nach (bei) Adorno:

„Denn wo immer Ästheik auf den Dualismus von Inhalt und Form sich stützt, ohne in der ausgeführten Analysis der Formen gleichwie der Inhalte ihr wechselfältiges Durch-einander-produziert-Sein evident zu machen, setzt notwendig für die Theorie der Primat des Formalprinzips sich durch.“

in: Th.W. Adorno: Kirkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. Ffm 2003. S.28

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Trakl hören

Die Bücher steckten in Schubern, Tische in den Kneipen unter Tischdecken. Weiße! Kapitulation vor der Trunksucht? O Reinheit. Er sah dem Kellner zu, hörte zugleich auf das Gedicht, das zu ihm herüber klang, stoßweise, die Verse eher versehentlich als Verse gesprochen. Stoßseufzer waren es nicht. Im Gegenteil. Er hörte: der Sprecher, schon einiges intus, gab sich Mühe, den Alkoholpegel auszugleichen. Mondnacht, du bleiche Mönchin. Aber statt deutlicher zu artikulieren, wurde er nur immer lauter die Luft, die er angestrengt zwischen den Lippen herauspresste, von Speicheltropfen begleitet. Er hörte, hörte die Tropfen wie einen entfernten Regen, er bildet sich ein, dass er sie hörte. Er hörte, hätte es nicht sehen mögen. Im Schnee. Im Regen eher. Und wahrscheinlich ist auch erst November gewesen. Das Schuljahr im Gang, die Zeit aber, die kommende, schien endlos, selbst in diesem Jahr. Endlos zum Abitur, denn er wollte der Schuber des Sozialismus sein, eine Gratisbeigabe der Geschichte im Weltbuchhandel. Die Anwesenheit der Texte in Büchern Versprechen:

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Nietzsches Aphoristik

Kofman schreibt knapp, aber treffend über Nietzsches Aphoristik. Und die Figur Nietzsche übersteht das in meinen Augen nicht ganz unbeschadet, da sie in seinem Elitismus ganz gut getroffen ist. Und ich selbst sehe auch die Ambivalenz diese Nietzscheanischen Haltung, die Populismus von vornherein ausschließt.

„Keine Lektüre ohne Interpretation, ohne Kommentar, das heißt ohne eine neue Schreibweise, welche den Sinn der ersten leicht verschiebt, die Perspektive des Aphorismus in eine neue Richtung treibt, ihn bei sich selbst ankommen lässt. Jede Lektüre gebiert einen anderen Text, schafft eine neue Form: Das ist er, der Effekt der Kunst.
Sarah Kofman: Nietzsche und die Metapher. Berlin 2014. S. 169

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„Es gibt ein Bild von Klee …“

So beginnt Benjamins neunte geschichtsphilosophische These. Dieses Bild gibt es und es hat in den Wirren der Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Weg zurückgelegt, der mehr als nur ein Roman ist.

Benjamin hatte das Bild, als er vor den Nazis nach Paris floh, in Deutschland lassen müssen, Freunden aber gelang es, den Engel Mitte der Dreißiger nach Paris zu bringen. Nachdem sich Benjamin auf weiterer Fluch den Nazis durch Selbsttötung entzog, versteckte Bataille es nebst einigen Manuskripten in der Pariser Nationalbibliothek. Später gelangte das Bild zu Adorno in New York, der es dann Gershom Scholem übergab, wie Benjamin in einem Testament verfügt hatte.

Hier die IX. These

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb‘ ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück.
Gerhard Scholem, Gruß vom
Angelus

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

 

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Falbs Geospekulationen

Es ist das Buch zur Zeit, und es hat eine doppelte Bedeutung für mich. Einerseits begründet es eine notwendige Sichtweise über das Unmittelbare hinaus. Hier eröffnet es die Möglichkeiten im Bezug auf Kant. Und das ist dahingehend notwendig, um eine politische Handlungsoption zu entwickeln.

„Andererseits scheinen es solche Regimes genau zu erfordern, dass die generationalen Lebenden kognitiv in ihre posthume Welt ausgreifen, und aktiv mit Bezug auf Dinge zu handeln, die nur dort, nicht aber in ihrem Leben existieren.“ (S. 215)

Das ist im Grunde eine dramatische Bemerkung, da wir hier gefordert sind, in Bezug auf Zustände zu handeln, die zwar mit unserem Zutun zustande kommen, von denen wir aber selbst nicht betroffen sind. Deshalb das Insistieren auf Spekulation. Hier kommt Verantwortung in einem ganz speziellen Gefüge zum tragen, aber eben auch der Begriff der Sterblichkeit, und das nicht weiter existieren des Individuums in den Folgen seines Handelns, weil das Leben eben gegrenzt ist und endet.

Vieles, was die Schülerinnen und Schüler von Fridays for Future vielleicht intuitiv begreifen, findet in diesem Buch eine Philosophische Begründung.

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