VERWORFENES gerade wiederentdeckt

Kammer nochmal rausholen

 

Eisler hören, schon früh

Manches wirkt versöhnlich, wenn im Hintergrund

Kampfmusik spielt.

Selbst diese zum Dromedar verbundenen kinderarmdicken

Rundstähle

die in knubbligen Nähten einander berühren.

Die Härte mein Lieber, die Stadt

ist zu allem geworden

nur nicht zur Wohnstatt. Sie hat

zu früh meine Zukunft verspielt

und diese Siedlung besteht nicht aus Dromedaren

die Grundfläche zu sechzig Prozent Parkplatz

Gitterdraht über dem Schotter

Und Schilder mit Nummern

Zum umklappen. Lustig

Auch die winzigen Schlösser

Zierschlösser Zierhagebutten und Zierzaüne

Denn Einbrüche sind hier selten, auch frühes Glück

Und die Gleichheit platzt aus allen Nähten. Friedlich

Wer noch gehen kann, bringt den andern Brötchen mit

Stimmen aus Betonpapierkörben dort picken die Vögel das Brot

heraus und verschwinden, im Hintergrund humpelt ein Rhythmus

als ob man die Märsche im Traum immer noch nachahmt.

 

Chemnitzer April

(Idyll im Yorckgebiet)

Auf dem Weg hinterm Haus werden Molche

eiskalt erwischt von einem späten Wintereinbruch

aber die Weiden vor Mutters Fenster

bewegen die frühgrünen Triebe als sei

Zeit ihnen keine Kategorie

Die Platten werden noch immer

Neubauten genannt und mit Recht

harren sie aus neben alten Zäunen am Kreppteich und Obstgehölz.

 

Aber im Winter,

ist die Wohnung so klein

Durchgangsstadium zwischen Draußen

und Draußen. Die feuchte Kälte,

sie perlt nicht, perlt nicht ab. Sie zieht ein

und setzt sich fest ohne Müh hier

wo wir nach Jahren versuchen

neben den Steinen selbst sesshaft

zu werden. Als Feind

zieht sie nicht wieder aus, aber wir

verbringen viel Zeit damit

ihr ähnlich zu sein.

 

 

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Vielleicht doch noch mal ein Versuch

zum Verhältnis von Aufklärung und Mystik. Auch weil ich gerade ein Buch über religiöse Praktiken im heutigen Neapel lese. Diese Vermischung aus Kult und Alltagstechnik. Dinge die mir zuweilen als Kitsch erscheinen mögen und Ausdruck kapitalistischer Massenproduktion verwandeln sich im Gebrauch, als bekämen sie eine Aura zurück. (Konjunktiv?)

„Die Lehre der Gleichheit von Aktion und Reaktion behauptete die Macht der Wiederholung übers Dasein, lange nachdem die Menschen der Illusion sich entäußert hatten, durch Wiederholung mit dem wiederholten Dasein sich zu identifizieren und so seiner Macht sich zu entziehen. Je weiter aber die magische Illusion entschwindet, um so unerbittlicher hält Wiederholung unter dem Titel Gesetzlichkeit den Menschen in jenem Kreislauf fest, durch dessen Vergegenständlichung im Naturgesetz er sich als freies Subjekt gesichert wähnt.“1

1Dialektik der Aufklärung, S. 34

 

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aus: Keith Waldrop

Die Gestalt der Brücke:

VI

Erinnerungs-Palast im
Verfall, aber

vor der endgültigen
Verdunklung

(genau das, was ich mit „Brücke“ meine)

geht durch eine
Phase, in der vergangene
Bilder noch
an Bahnhöfen stehen, doch


als schiefe Sequenz in
seltsamen Winkel ragend

(manchmal gebrochene Perspektiven)

von Gestalten so ratlos
wie die Hände vertraut, aber

jetzt eine Ebene, jetzt
ein öffentlicher Weg

in einer verpfuschten
Gestalt

(Erhebung)

dt. JK

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so, fertig. etwas zu früh

das eigentliche (eine erzählung)

beim friseur, übrigens, ließ sich marx nur die spitzen schneiden, obwohl engels ihm auch einen messerformschnitt und eine rasur spendiert hätte. in diesem punkt schließlich war er konsequent. außerdem hatte er eine heidenangst vor der brennschere.

die besten ideen aber, sagte marx, habe er nicht in der Bibliothek oder beim barbier gehabt, dass sei ein mythos, sondern vielmehr in einer londoner squashhalle, als er zumeist umsonst auf einen brauchbaren gegner wartete. engels sei beim squash, obwohl er die gebühr für die halle übernahm, echt eine flasche gewesen. und weitling? naja, das könne man sich selbst denken

und es brachte marx fast um den verstand, dass engels, während sie warteten, mit den fingerknöcheln knackte, er es aber nicht konnte. inständig hoffte er, dass weder weitling noch lasalle diese kunst beherrschten.

sein eigentliches problem aber, sei es, sagte marx, einen guten fernschachpartner zu finden. nicht einmal weydemeyer tauge in dieser sache. und weydemeyer sei doch nicht blöde.

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Hommage á Herr Renner

Fachlehrer für Geschichte und Staatsbürgerkunde an der EOS Dr. Theodor Neubauer in Karl-Marx-Stadt um 1980. Bürge und Förderer des verwirrten Genies J.K.

Die Bourgeoisie hat im Klassenkampf zwar die Schiedsrichter bestochen, aber gewonnen ist gewonnen.

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Übung bei Schellinglektüre

Wenn wir beginnen, über Freiheit zu sprechen, beginnen wir zugleich im Nebel zu stochern, warum also nicht da, wo er am dichtesten ist, wir meinen die Sphäre, des subjektiven Idealismus, meinen Fichte und Schelling, nicht natürlich, um den Nebel an dieser Stelle zu lichten, das mögen die Kollegen der Akademie erledigen. Aber ist es nicht so, dass gerade das momentan Unverständliche die meiste Attraktivität besitzt und die Gedanken in Bewegung versetzt, während der zugängliche Text zu nichts anderem drängt, als zum Referat und damit zu seiner Verfestigung? Wenn wir aber über Freiheit nachdenken wollen, braucht der Gedanke eine gewisse Beweglichkeit, um nicht zu sagen Freiheit.

Und wenn wir Schelling richtig verstanden haben, dann ist das ICH etwas, das ins Unendliche drängt, sich aber selbst begrenzt, also die Tür ist, durch die es selber geht. Wir wollen uns aber nicht über Schelling lustig machen, wollen unsere Verständnislosigkeit nicht hinter einem Witz verstecken.

Das ICH ist seine eigene Grenze. Und es braucht sich als Grenze um sich anschaulich zu werden, mithin zum Sein für andere und somit auch zum Selbstsein.

2

Man sollte, wenn man über Freiheit sprechen will, zuerst über ihre Begrenztheit sprechen, und es muss die Frage erlaubt sein, ob die Freiheit nicht genau diese ihre eigene Begrenztheit ist. Wenn Freiheit zum Beispiel da aufhört, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

Vielleicht spricht Schelling ja, wenn er vom ICH spricht, von diesem einen Aspekt, der Freiheit des Ichs und verhält sich damit komplementär zur Foucaultschen Sorge um das Selbst.

Ist Freiheit also nur ein Akt der freiwilligen Selbstbeschränkung? Das hieße wohl, dass ich nur dann frei bin, wenn ich mir selbst Zwang zufüge, wenn das ICH sich unterwirft unter das SElbst, einer Überzeugung unterordnet, die es hervorgebracht hat, wobei die Hervorbringung ein Nachvollzug ist, es sich also um übernommene Überzeugungen handelt, die es nachvollzieht. Ist Freiheit also nur etwas, das den Zwang vorwegnimmt, um ihn zu mildern?

3

Der Philosoph und die Philosophin sind verwirrte AnarchistInnen, ihre Theorien sind gleichzeitig philosophisch und politisch, weil sie immer zugleich eine Handlungsethik formulieren. Dem müssen wir uns stellen, ob wir wollen oder nicht. Aber wo ist dann die Freiheit? Wie unterscheidet sie sich von Willkür.  Wenn das ICH an sich ins Unendliche drängt, wäre diese Grenze einzig mögliche Existenzform und Selbstbeschränkung einzig mögliche Freiheit. Wenn das Ich als Tür sich zuschlägt, ist es gleichzeitig innen und außen. Gefangen und frei.

4

Es gibt eine Erzählung von Cortazar, in welchre der Icherzähler vor einem Terrarium steht und Olme beobachtet. Unmerklich ändert sich im Fortgang des Textes die Perspektive und am Ende ist es ein Olm, der den Betrachter aus dem Inneren des Terrariums heraus anschaut. Ist Freiheit eine Frage der Perspektive? Und wer ist frei? Der Beobachter?

Was wäre dann aber, wenn das ICH sich in einem Akt vorauseilendem Gehorsams kleiner macht, als die „objektiven“ Begrenzungen es verlangen. „Ich bin niemand.“ Der erste Akt des zivilisierten Subjekts und nach der Kritischen Theorie der erste Schritt zur Instrumentellen Vernunft. Sich selbst verleugnen um die Freiheit zu erlangen während man am Bauch eines Schafes. Dem Voraus geht aber eine Tat, die zur Blendung des Zentauren führt. Nur die blinde Natur lässt sich derart betrügen.

6

Wenn wir Freiheit wollen, müssen wir sie so definieren, dass wir sie auch wollen können. Andernfalls oder wenn das nicht geht, ist Freiheit abzulehnen. Das versteht sich von selbst.“

Rudi Dutschke könnte das gesagt haben, als er mit seinem Sohn und dem nahezu blinden Ernst Bloch auf einer Wiese herum rollte. Und überhaupt Ernst Bloch!

Ist Freiheit nicht ein fast mythisches Versprechen. Freiheit oder Tod. Entsteht der Gedanke an Freiheit nicht im Moment großer Bedrohung, im Moment da man sich einem überlegenen Feind konfrontiert sieht? Das Freiheitslied ist ja schon eine eigene Gattung und immer ein Gefangenenchoral. Ist der Gedanke an Freiheit das Resultat knechtigen Bewusstseins? Und wie viel davon haben wir abgelegt, vierzig Jahre nach den Schüssen auf Dutschke und wie viel an knechtigem Bewusstsein haben wir uns wieder eingehandelt mit jedem weiteren Schuss auf Schleyer, Buback, Heerhausen etc. Oder zielt diese Frage in eine ganz andere Richtung?

8

Ist Freiheit ein dem Menschen innewohnendes Vermögen oder ist sie herstellbar? Ist Freiheit ein räumliches Phänomen, also das, was um Gefängnismauern herum existiert, also die Unendlichkeit, in der der Mensch gewissermaßen kleine Inseln der Unfreiheit errichtet hat, sei es zum Zwecke der Strafe oder der Zwangsarbeit.

9

Ist Freiheit, wie Marx formulierte, nicht zuletzt eine Sphäre jenseits von Fron und Lohnarbeit und nur als freie Tätigkeit zu denken?

10

Ist der Gedanke an Freiheit ein freier Gedanke, oder wie wir befürchten ein Anhängsel des Zwangs, der Beschränkung der Freiheit. Was bringt oder Zwingt uns dazu, über Freiheit zu reden?

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George III

In einem Bändchen, das mir Günter Plessow schickte, und das einige Übersetzungen von Gedichten von Shelley enthält, und natürlich auch die Originaltexte, fand ich das Gedicht England 1919.

Es beginnt:

An old, mad, blind, despised, and dying King — / Princes, the drags of their dull race, who flow/ Through public scorn — mud from a muddy spring ;

Plessows Übersetzung:

Ein König, altersschwach, verwirrt, verschmäht, — / Prinzen, die ein Gespött sind, ein Geschmeiß/ ein Abschaum, Schmutz, wie er im Schmutz entsteht ;

jedenfalls fiel mir eine Stück von Peter Maxwill Davis ein, zu dem ich, seit ich zum ersten Mal eine Aufnahme davon hörte, ein recht ambivalentes Verhältnis habe. Es ist nicht schön, aber es zieht mich in den Bann. Ich höre es, wenn ich es höre, in einer Art Schockstarre. Verhalte mich ähnlich, wie angesichts einiger Bilder von Francis Bacon.

 

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