Kritik der Rechte

Es reicht nicht aus, das Bestehende (die Demokratie) im jetzigen Zustand zu verteidigen. Die Angriffe aus dem rechten Lager (Pegida, Afd) zurückzuschlagen. Das führt, wie man an der Ausrichtung der Parteien sehen kann, letztlich zu sukzessiven Demokratieabbau. Es gilt, Konzepte zu entwickeln, Utopien, den Begriff Fortschritt zu füllen. Ein Versuch dazu ist Christoph Menkes Buch Kritik der Rechte. Gegen bürgerliches Recht und Kommunistisches, die auf ihre je eigene Art das Herr-Knecht Verhältnis fortschreiben, das sie zu überwinden suchten, setzt Menke den Aufstand der Sklaven. Keine einfache Lektüre. Zugegeben! Aber eine lohnende:

Das Recht politisch zu denken heißt, die Akte der Normierung (und Formierung) zu untersuchen, die es hervorbringen. Diese Akte sind Urteilsakte, und darüber, wie die Politik und das Recht verfaßt sind, entscheidet, wie das Urteilen verstanden wird, das politisch vollzogen und rechtlich verwirklicht wird. Darum geht es also, wenn der Aufstand des Sklaven affirmativ verstanden wird: um eine Revolution im Urteilen. (a.a.O S. 373)

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Vor

Vor ist ein Künstlerbuch der Leipziger Künstlerin Bea Meyer. Es ist im Frühjahr beim Verlag Spector Books erschienen. Eingangs finden Kalendernotate aus 15 Jahren Leben. Rastlose Notizen. Namen, Aufgaben, Notizen zu Arbeiten und Ausstellungen. Verflechtungen von Privatleben und Arbeit. In Kästen email-Texte, Kurze Geschichten, Situationen, Gesprächsfetzen. Im zweiten Teil Dokumentationen der Kunst, die sich im, durch oder trotz des Alltagswirrwarrs ergeben hat, die entstanden ist. Eine Transformation. Strukturen, die sich im anderen Material erst zu erkennen geben. Textile Texturen. Auf der Rückseite des Buches ein grandioser Text von Martina Hefter.

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Aufhebung

allein für diesen Satz lohnt sich schon die Lektüre:

„Das hat Hegel Aufhebung genannt: dem Konflikt eine Form zu geben, die ihn nicht neutralisiert.“

in Marcus Steinweg: Splitter. Matthes & Seitz. Berlin 2016. S. 102

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Zeit

Zeitkonzepte, die sich an einer rein numerischen Form des Ablaufs orientieren, sind wahrscheinlich die Grundlage autoritären Denkens überhaupt. Das spiegelt sich in Romanen, als auch in deren Rezeption. Wenn Inhalt immer nur als Ablauf gedacht wird, verweigert das Denken die Möglichkeit von Interferenzen. Lesen selbst wird eine öde Angelegenheit. Kausalitätsanmutung. Und das Schreiben solcher Texte macht auch keinen Spass.

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Republikanische Rede

Die Poesie ist eine republikanische Rede; eine Rede die ihr eignes Gesetz und ihr eigner Zweck ist, wo alle Teile freie Bürger sind, und mitstimmen dürfen. Friedrich Schlegel, Fragmente

Quelle: Republikanische Rede

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outtakes 2 ostseegedichte

Heiligendamm

 

Aufmärsche in teuren Kostümen

Kapuzenjacken, Sitzblockaden, Spaziergänge

an provisorischen Zäunen. Schlauchboote.

Rückkehr der Revolution aus dem Wochenbett.

Wenn ihnen daran gelegen ist, begleiten sie ihren Sohn

ein Stück auf dem Weg in die Normalität.

 

Die immer gleiche Reaktion

der immer gleichen Polizei. Das Heer

besorgter Eltern wartet stumm.

Auch das, auch das geht rum

wie eine Fahrt mit der Schmalspurbahn.

 

Eine Eskorte hockt in den Gräsern am Bahndamm

ein Trupp Fotografen, als erwarte er ein seltenes Tier

einen seltenen Staatsgast, eine Vorhut, aber nicht

einen Zug mit schnaubender Dampflokomotive.

 

Es sind Schriftsteller im Trupp mit einer PASSION

für den Modellbau, die zwanziger Jahre, mein Sohn

die Nickerbocker, das Leinenhemd, randlose Brille

aber die Kamera: halbautomatisch und halb digital

und wir, Zahlen und Material auf dem Weg

durch die Büsche, streifen Verbandsstoff

wechselwarmes Getier, hier oben schon als Kinder

Besuch eines Vaters, der sein Asthma kuriert.

 

Ostseewärts

 

ein paar Kilometer vorm Horizont

dort Schiffe stehen, die Flaggen

ohne Fernglas nicht zu erkennen.

Zwei Lager befreundeter Schulen

kein Sex in den Zelten.

 

Wenn hier ein Kriegsschiff abgeschossen wird

gerät es zum eigenen Denkmal, als würde

eine Vogelscheuche bis zu den Knien

im brackigen Brackwasser stehen.

 

Hilflos fuchteln wir gegen unsichtbare

Gegner, die nicht anreiten, die schießen

und die Esel ihrer Diener sind Flieger. Gestänge

verweht. Leichtmetall und mit ihm vergeht die Lust

auf Veränderung. Vorahnung steht hier im Raum

der ausnahmslos offen. Kadaver getroffen, Senhor.

 

Die zeitig torpedierten Schiffe. Zaungäste.

Am FKK beim Volleyball vibrierende Brüste.

Aber wir. In den Strand einen Zoo

in den Sand modelliert Krokodile

Schildkröten, Schlangen, Wüstenwarane

verloren, getrocknet oder vom Seewasser eliminiert.

 

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nach Leibniz

 

Ein trüber Bach, der nach und nach aufklart, aufgeklärt wird. Schon sammeln sich an den Staustufen Junglachse. Die Flüsse seien früher voll davon gewesen. Bachneunaugen. Die wir ausgestorben wähnten. Über Jahrzehnte nicht gesehen. Auch Wölfe. Und kommen noch neue Arten dazu, Nutria, Waschbär. Verrottete Zäune aufgegebener Pelztierfarmen. Als in den Neunzigern die Kanäle in Leipzig geöffnet wurden, um die Bach- und Flussläufe wieder ans Tageslicht zu bringen, habe man blinde hundertjährige Karpfen gefunden, las ich. Und ich muss an das Wespennest denken, das mein Vater, als die Welt noch in Ordnung war, mit einem Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch von der Schuppenwand spülte.

Mit den Tieren aber kamen die Kriege zurück.

Der Materialismus kommt immer zu spät. Er sitzt mit seiner Angel am Kai oder am Bachrand, oder er fischt mit künstlichen Fliegen, und hofft zu wissen, worauf er zu achten hat; aus der Situation des Wartens folgert er sein Überlegenheit. Lachs, ein Lachs, zappelt im Kescher. Wenn nichts passiert, meint der Materialist, er habe alles im Griff und ihm könne nichts passieren. Der Materialist meint sein Material zu beherrschen, seinen Lachs, und er beherrscht sein Material so, wie es ihn beherrscht.

Der Bach ist weit weniger abstrakt, als ich angenommen hatte. Er war nur übermauert. Jetzt ist er freigelegt, und man fand auch, als man die Röhren öffnete jene Karpfen vor, lebendig, ungenießbar, blind. Bleihaltige Ablagerungsfische.

Fortschritt ist, das, was einst als Fortschritt galt, wieder zu beseitigen. Mauern, Staaten, Religionen.

Show, don’t tell.

Ich habe mich immer für einen Materialisten gehalten, auch am Ende noch, auch noch gegen besseres Wissen. Und als Materialist hatte ich gegen besseres Wissen natürlich eine gewisse Arroganz entwickelt, gegen das Material, gegen den Lachs, auch wenn ich es selber war, der es besser wusste, zumindest es besser wissen musste. Das Bachneunauge ist nicht zu Angeln, mit der letzten Metarmorphose, zum Ende hin, zur Eiablage, büßt es sein Maul ein. Verhungert. Versprüht aber seinen Samen.

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