Lyrikbuchhandlung während der Leipziger Buchmesse

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Es ist eine schöne Tradition geworden, um die sich der hochroth Verlag und seine Leute verdient machen: Leipziger Messezeit ist Lyrikbuchhandlung:

http://www.lyrikbuchhandlung.de/

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Oswald Egger lesen

aktuell: Harlekinsmäntel und andere Bewandtnisse (Matthes & Seitz 2016)

Bislang sah ich in der Leibnizschen Monade eher eine Blase, aber sah sie von außen, und was sich in ihr spiegelte, spiegelte sich nicht in ihr, sondern auf ihr, auf ihrer Hülle, also auf der Blase. Doch die Blasenanalogie ist falsch.

Die Monade denken. In sich schlingend alles Spiegelungen und Kontakt. Spiegelkontakt.

Von Innen denken. Reim und Erkenntnis Erkenntnisreim. Reimnis?

Die Monade als Bastelanleitung

Bausatz ist ein Satz, der Orientierung verspricht in der Konstruktion

Construieren und Construieren bleiben zeitlich ungetrennt.

Das Konstrukt ist die Konstruktion. Kunstdruck?

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alte Texte — Husserl

Flucht

Was nun die Erinnerung anlangt, so ist sie keine so einfache Sache und bietet schon verschiedene Gegenstänlichkeitsformen und Gegebenheitsformen ineinader verflochten. Edmund Husserl

Ein Gott braucht kein Erinnerungsvermögen, denn was er denkt, geschieht im Augenblick, da er es denkt, und würde er an Vergangenes Denken, wäre es zugleich Gegenwart.

Um meiner Vergangenheit auf die Schliche zu kommen, bin ich außer auf meine Erinnerungen, auch auf Berichte anderer angewiesen und auf Dokumente wie Fotografien und die alten Super-8-Filme meines Vaters. Oft merke ich dann, daß die Situationen auf den Fotos und Filmen in meiner Erinnerung fehlen, oder daß ich sie ganz anders im Kopf habe, und ich versuche die Bilder mit mir in Einklang zu bringen.

Ein kleiner Junge von ungefähr zwei Jahren sitzt auf Schiefersteinplatten und spielt mit einer Plastiktasse. Obwohl das Foto schwarz-weiß ist, scheint es mir eine rote Tasse zu sein. Der Junge spielt in einem Garten am Chemnitzer Küchwaldring. Das kann man auf dem Foto natürlich nicht erkennen, aber ich weiß es. Meine Mutter hat es mir gesagt, und der kleine Junge auf dem Foto bin ich. Daneben liegt ein Bild, auf dem ein Soldat zu sehen ist. Er sieht traurig aus, scheint aber stolz wirken zu wollen. Die Krawatte, die zur Uniform gehört, sitzt tadellos. Unterm Arm trägt er irgendein Buch, und er hält einen Strauß Blumen in der Hand. Wahrscheinlich hat er beides nach der Vereidigung überreicht bekommen. Auch das bin ich.

Die Fotos, die vor mir auf dem Tisch liegen, zeigen Zeiten und Momente, die ich einmal erlebt haben muß. Sie sind mir beim Aufräumen in die Hände gefallen. Und die Bilder sind untrügliche Beweise für ein Leben, das gelebt wurde. Für mein Leben. Wenn man meinen Namen unbeachtet läßt, scheint es zwischen dem Jungen und den Soldaten keine Gemeinsamkeit zu geben. Da ist zwar bei beiden ein Leberfleck links am Kinn. Aber das kann Zufall sein. Und die Haarfarbe eines Menschen ändert sich mit den Jahreszeiten und über die Jahre. „Der Junge mit der Tasse ist jetzt Soldat“, könnte man sagen, um eine Beziehung zwischen den Personen herzustellen. Während ich diesen Satz denke, stelle ich mir vor, wie das Kind in der Soldatenuniform steckt. Die Jacke ist viel zu groß und irgendwo im Ärmel ist die rote Plastiktasse verschwunden.

Ich habe beide Fotos beim Aufräumen in meinem Schrank gefunden: das ist ihre einzige Gemeinsamkeit momentan. Der Junge ist der Junge, und der Soldat ist Soldat. Soldat in einer Armee, die es auch schon nicht mehr gibt. Zwei Personen auf dem Tisch, zwei nebeneinander. Zwei Leben. Ich trage den Namen dieser beiden Personen, betrachte sie. Ich bin weder der Junge mit der Tasse noch der Mann in Uniform. Und doch bin ich es. Auch wenn ich wollte, könnte ich mir kein anderes Leben erfinden. Es ist Dokument geworden. Es gibt Zeugen und Akten. Und Fotos.

Ich begegne mir also auf Papier und in Schilderungen von Angehörigen. „Kannst du dich erinnern, wie du in Sopot vor den dicken Mauern der Burg gestanden und gestaunt hast?“ fragt mich meine Oma jedes Mal, wenn ich sie besuche. Ich kann es nicht. „Doch, doch.“ sagt meine Oma. „Du hast vor den dicken Mauern der Burg gestanden, und hast richtig gestaunt.“ Ich kann mich wirklich nicht erinnern, jemals in Sopot gewesen zu sein. Aber ich war da. Mit drei Jahren, meinen Eltern und den Eltern meines Vaters.

Mein Lebenslauf ist mir immer ein wenig der eines Fremden, den ich manchmal beneide, weil er schon in Sopot war, und manchmal bedauere, weil er in unsinnigen Situationen, als Soldat zum Beispiel mit irgendeinem Buch unter den Arm, Stolz zeigen wollte.

(aus: Platon und die Spülmaschine)

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Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers

Als Leser sehe ich es gar nicht ein, mich auf eine bestimmte Art von Literatur festzulegen. Weder auf eine Gatung, noch auf einen bestimmten Stil. Weder bin ich Krimileser, oder Sachbuchleser, noch Lyrikleser oder irgend ein anderer Spezialleser. Das funktoniert nämlich bei komplexen organischen und geistigen Strukturen nicht so einfach mit der Triebbefriedigung. Von wegen: dieses Brötchen hat geschmeckt, ich ernähre mich von nun an nur noch von solchen Brötchen. Irgendwann wird alles fade, und man erinnert sich sehnsüchtig an den Moment, als der Geschmack neu und überraschend war.

Etwas anderes ist es für mich als Autor. Da halte ich an Stoffen fest und teste Formen aus, dass es den Anschein von Dogmatik haben könnte. Nicht nur den Anschein. Es ist dogmatisch, sich in einen Stoff zu verbeißen, alles aus ihm herauszupressen. Die Form als Schraubzwinge. Und es macht Spass.

Das Eine hängt, vermute ich, mit dem Anderen zusammen. Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers bedingen einander.

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Heimat; Wüste

Friedrich Nietzsche gab diesem Gedicht viele Titel: Aus der Wüste mag ich am meisten.

„Die Krähen schrei’n“ – „Vereinsamt“ – „Der Freigeist“ – „Abschied“ – „Heimweh“ – „Aus der Wüste“

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,

Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,

Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,

Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg‘, Vogel, schnarr‘
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck‘ du Narr,

Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –

Weh dem, der keine Heimat hat!

ein anderes Wüstengedicht von Tichon TSCHURILIN

 

Пустыня

 Монах да мох да холм да хомут.
 Тому да в омут ут_о_мой,
 Утонуть, - а то ну ото смут -
 Уд _о_ морь!
 Тому тонуть в песке вблизке.
 И с кем говорить? с рыбой?
 Вино иное йнеить в виске -
 А гол с голубой глыбой ?
 Обол лобовой, Бог с тобой,
 - Волной вольну голубой!

 1918

 

Die Wüste
Mönch ja Moos ja Höhe ja Humus

(darum)  ja herunter und her.

Sinken, – bis hier die Zuordnung ruht

Ruh_ort_o_mor.

(darum) treibe auf Treibsand.

Und mit wem du auch sprichst? Mit Fisch?

Wein weint weiter im Whisky –

und das Tor mit blauendem Knödel?

Gnade mir vor, Gott vertrau.

Welle wallendes Blau.

 

und hier noch ein 2. Teil des Nietzsche Textes

II. Antwort
Daß Gott erbarm‘!
Der meint, ich sehnte mich zurück
In’s deutsche Warm.
In’s dumpfe deutsche Stuben-Glück!

Mein Freund, was hier
Mich hemmt und und hält, ist dein Verstand,
Mitleid mit dir!
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!

 

und Hannah Arendt

Die Traurigkeit ist wie ein Licht im Herzen angezündet,

Die Dunkelheit ist wie ein Schein, der unsre Nacht ergründet.

Wir brauchen nur das kleine Licht der Trauer zu entzünden,

Um durch die lange weite Nacht wie Schatten heimzufinden.

Beleuchtet ist der Wald, die Stadt, die Strasse und der Baum.

Wohl dem, der keine Heimat hat; er sieht sie noch im Traum.

 

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Parallelen

Während Höcke am 17.Januar in Dresden seine faschistische Hetzrede hielt, wurden in Leipzig Mockau 400 Personen evakuiert, weil man eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden hatte.

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(Fürnberg)

(Fürnberg) Die Partei, die Partei, die …

dass die Partei immer Recht, oh Mann, und mein Onkel

ein anderes Lied vom gleichen Dichter, viel mehr,

melancholisch, Aussage einfach, die Sache liegt quer

Melancholie, keine Grenze zwischen Pathos und Trotz.

Inhalt ist Melodie. Mich holte es ab in Emphase.

Weil es eben ein anderes war, anders als die Gesänge

der andern. Das Label Aurora. Morgenröte, Panzerkreuzer,

auch meine Lieder, dabei gleich in der Zeit und auch nicht.

Es ist leicht, mit Vierzehn die Seite der Guten zu wählen,

überhaupt das Zauberwort: Anders. Und gut. Romantisch, Gefühl

angesichts des Wortes Schule. Schulhof. Gewühl.

Wir wollten Verdammte sein der Erde, unsere Verdammnis und die

der Andern endlich und endgültig beenden. Uns zu befreien. Erwachen.

Jeder Traum, jeder Tag, jeder Gedanke, da lag die Verschiebung

schon durcheinander. Parallelität, Verstrickung. Schlafen. Schlafen

Nicken. Träumen. Physikalisch unmöglich, politisch gewollt.

Gewusst. Wir banden uns ein, empfanden das aber nicht

als Verstrickung. Wer weiß, worin wir heute verstrickt sind.

II

Und Wissen. Was heißt das? Gewirr, Aufbietung von Kraft

Konzentration zu entwirren. Aber der Dichter umstellt

von Faschisten und von Genossen. Voll diese Welt

Und jeder Weg, jeder Gang, Flucht in jegliche Richtung.

Überall Feind. Da kann man angesichts eines Schlaganfalls

fast schon von Glück sprechen. Von Erlösung. Fürnberg;

Autor des Liedes, das zu beweisen den Stumpfsinn

der kommunistischer Kunst herangezogen mit Recht,

mit mit Billigung.

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