Sachsen

Heute Morgen hat mich Nikola Richter auf dieses Buch, das in ihrem Verlag erschienen ist, hingewiesen, und ich wollte nur einmal kurz reinschauen. Das hat natürlich nicht geklappt, und ich habe mich festgelesen. Aus verschiedenen Gründen. Es ist die erster Schilderung eines Studierenden mit ausländischen Wurzeln über sein Leben in der DDR und zeichnet knapp aber treffend die Borniertheit und Feindlichkeit auf die er stieß. Was ich bislang ahnte, bekomme ich hier geschildert. Und das Irre ist: an den zugigen Baracken, in denen die Deutschkurse für ausländische Studierende stattfanden, fuhr ich jeden Tag mit dem Bus vorbei (Linie 31) wenn ich zur Schule fuhr. Das war in Karl-Marx-Stadt.

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Anfang

Der Lektüre nach beginnt das Jahr ziemlich gut, nämlich zweimal mit Zwetajewa. Da ist zunächst das bei Molokoprint erschienene Treppengedicht, im Original und Ingolds doppelter Übersetzung. Und da ist der Band mit Prosa in der neuen Zwetajewaausgabe des Suhrkamp Verlages. Ich hatte ein wenig mit mir gerungen, weil ich ja die Volk und Welt Ausgabe schon kenne. Aber bis auf Elke Erb finden sich hier andere Übersetzerinnen, und diese Ausgabe ist wesentlich umfangreicher.

„Vor kurzem bekreuzigte ich mich unvermutet vor einer Eiche in Kunzewo. Offensichtlich liegt der Ursprung des Gebets nicht in der Furcht, sondern im Entzücken.“ (Zwetajewa: Ich schicke meinen Schatten voraus. S. 173)

Als ich mit Leidenschaft zu lesen begann, tat ich das nicht mit Romanen, es waren die kleineren Formen, die mich faszinierten, Kurzprosa und Kürzestprosa und das, was man, weil es sich der Kategorisierung entzieht, als Aufzeichnung bezeichnet. Auch deshalb ist es für mich ein Glück, in diesem Zwetajewaband zu lesen.

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Keith Waldrop

https://www.978-3.com/verlagsveroeffentlichungen/gravitationen-1

es war ein gutes Jahr. Eine Grundlage gelegt.  Und weiter geht’s.

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/keith-waldrop/david-fruehauf-jan-kuhlbrodt/gravitationen-2

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Ernte 2018

stockholm

als Mitherausgeber und Mitübersetzer

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Mitherausgeber und Nachwort:

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Unknown

Vorwort:

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Der Mann, der in den Weltraum flog

Mitte der Neunziger sehe ich eine Installation des russischen Künstlers Ilja Kabakov. in Hellerau bei Dresden, im Festspielhaus, das notdürftig für eine Ausstellung hergerichtet wurde. Erbaut war es  in einer fiebernden Vision des Aufbruchs. Symbol des Ying Yang in einem runden Erkerfenster. Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts grüßte sein Ende. Dazwischen lagen wir, Bewohner und Besucher, Beginn und Ende betrachtend von Holzstiegen aus, die an provisorisch zusammengezimmerte Bootsstege erinnerten. Rohes Holz, wahrscheinlich Fichte. Das schnelle Wachstum hatte für splitternde Oberflächen gesorgt.

Wir waren dem gleichen Utopischen Kosmos entsprungen wie Hellerau und der Phantastische Roman Alexei Tolstois, die Sowjetunion und der Nationalsozialismus. Utopien, die uns dazu verleiten sollten, sie für das Ziel der Geschichte zu halten, ihr Ende und den Anfang des Glücks. Es ist unglaublich, wie viel Ewigkeit in ein Jahrhundert passt und wie es dann doch an den schieferigen Rändern ausfranst..

Kabakovs Installation. Ein Ort der durch die Zukunft hindurch ins Gegenwärtige ragt. „Der Mann der in den Weltraum flog.“ Ein Ensemble von breiten starken Gummis aus einem Material, das mich an die Hosenträger beim Militär erinnert, hängt so im Raum, als hätte es einem Menschen als Katapult gedient, ein Loch ist in der Decke. Sehnsucht, seine Zeit zu verlassen? Illusion? Technisches Unvermögen? Aber der Mann ist fort. Das Kunstwerk zeigt nur das Wie und nicht das Wohin. Zurück bleibt das Zeugnis seiner Anwesenheit und seines Abgangs. Menschenleer. Und wir als Betrachter.

Ein Jahrhundert, ein Muster.

Und hatte ich nicht auch von einem solchen Loch geträumt? Im Plattenbau auf dem Sofa liegend., während Hauptmann Lange langsam die Straße abfuhr auf der Suche nach meinem Hauseingang, und Sven seine Oma, wenn es sie denn gab, in Grünhainichen besuchte.

Im Grunde gab es gar keine Gegenwart, zumindest nicht für mich und nicht in Mitteleuropa. Ich hatte ja alles. No present. Die Zukunft, dass heißt in meinem Fall der Kommunismus; war in unerreichbare Fernen gerückt, war auch theoretisch von der ESG, der entwickelten sozialistischen Gesellschaft ersetzt worden, die es nun aufzubauen galt, und in der die Vorstufe verfestigt werden sollte. Herrschaft arbeitet nicht an ihrer Abschaffung. Nie! Und die Arbeiterklasse überzog ihre Pausen auf schmutzigen Werkshöfen und wartete auf Material. Bei ihr herrschte die Langeweile, zumal Farbfernseher teuer und nicht in ausreichendem Maße lieferbar waren, wie die Rennpappe genannten Autos, die offiziell Trabant hießen, Begleiter für eine Fahrt ins Blaue.

Der Sozialismus erblühte und starb zeitgleich zur Rockmusik, die, Ironie des Schicksals, nur mit enormer Verspätung durch den eisernen Vorhang drang. Man könnte einwenden, dass die Rockmusik überlebt habe, aber auch der Sozialismus lebt fort, als überzeitliche Illusion, als Untoter, als Stimme in einer Konserve, als übergroßes Foto.

Müßig von einem Wahrheitsgehalt zu sprechen, der der Kunst angeblich innewohnt. Die Wahrheit der Kunst ist maximal ein zur Hälfte vertrockneter und zur anderen angeschimmelter Avocadokern. Be careful with the age Eugene. Das war so etwas wie ein signalhafter Verhörer. Ich kannte die Platte allerdings nur von Kassette, hatte das Cover nur abfotografiert gesehen und Careful with the axe, Eugene, nie zu Gesicht bekommen.

 

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Schaabe

Dazwischen ein schmaler Streifen Sand, mit Kiefern bewachsen, zum Meer hin Dünen, Strandhafer. Akkurat abgesteckt, abgegrenzt mit Draht, alle fünfzig Meter ein Durchgang und an jedem dritten Durchgang ein Klo unter den ersten Bäumen, das aussieht wie ein Hochbunker, aber anders riecht. Nach Chlor nämlich.

Zelte zwischen den Bäumen. Die meisten Blau oder Rot, verweigerten die Tarnung und stachen zwischen den Nadeln hervor wie achtlos verstreute Papierreste. Chlorgeruch vermischte sich mit dem von Tang. Manchmal Reste von Toilettenpapier im niederen Gesträuch. Wehten dahin wie Fahnen an Lanzen.

Aber nachts werden die Strände von Scheinwerfern abgesucht. Sie sollten dem Flüchtigen den Weg auf die Schiffe versperren, die wie regungslos am Horizont stehen. Starre Versprechen, die die Illusion vermitteln, die Erde sei rund, und da wäre noch etwas am Ende der Welt. Und offene See.

Manchmal genügt Licht, um einen am Gehen zu hindern, und das, was die Lampe verheißt. Spritzende Einschläge im ruhigen Ostseewasser. Ich kannte so etwas aus Filmen vom Krieg.

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Waren- und Begriffsfetischismus

Marx beginnt „Das Kapital“ mit einer begrifflichen Analyse der Ware und der Entwicklung der Wertformen. Gebrauchswert, Tauschwert, Geldwert etc. Diese kulminiert im Kapitel über Fetischcharakter der Ware, welches zeigt, wie sich soziale Verhältnisse als Verhältnisse von Dingen darstellen. Interessant in diesem Zusammenhang ist das Kapitel 6 in Kofmans „Nietzsche und die Metapher“ mit dem Titel: Genese des Begriffs und Genese der Gerechtigkeit. Man könnte an dieser Stelle eine Beziehung von Marxschem Warenfetishismus und Nietzscheanischen Begriffsfetischismus konstruieren. Kofman in Rekurs auf Nietzsche:

„Alles vollzieht sich so, also ob vom Übergang von der Gerechtigkeit als Tausch zur Gerechtigkeit als Pflicht und im Übergang von der Metapher zum Begriff sich eine Verflüchtigung der Konstitutiven Elemente; eine Sublimation vollzöge; nur das Ergebnis wird bewahrt, der Prozess der Entstehung ist verdunkelt.“ a. a. O  S.72

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