Zu den Tieren

Das liegt mir dann doch am Herzen: In meinem Text, der sich gerade in der Druckerei befindet, ergibt sich die DDR und deren Ende als Material. Unter anderem die DDR. Das ist für mich naheliegend, weil sie und ihre Trümmer, also eine historische Trümmerlandschaft eine vorherrschende in meinem Gedächtnis sind. Es geht im Text aber nicht um den Wiederaufbau eine Frauenkirche, es geht mir nicht um die Rekonstruktion eines historischen Zustandes: á la GENAU SO IST ES GEWESEN. Vielmehr geht es um den Umgang mit Gedächtnis und Gedachtem. Und um das Um- und Neuordnen der Steine, um ein kaleidoskopisches Umordnen von Gedächtnis- und Gedankensplittern. Es ist ein Wandeln in Trümmern. Vielleicht wird das anhand der Zeichnungen von Klaus Walter deutlich.

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Rückkehr

Jetzt kann mans schon hier bestellen:tiere

 

 

 

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Illias — Auerbach und Bespaloff

Erich Auerbachs Buch „Mimesis“ (soll man es epochal nennen? für mich war es das) begann mit einer Reflexion auf die Wunde bei Homer. Die Ilias gewissermaßen als Geburtsmoment abendländischer Kultur in ihrer Zerrissenheit. Zerrissenheit von Beginn an.

Und ungefähr zur gleichen Zeit wie Auerbach an seinem Mimesisbuch arbeitete Rachel Bespaloff an ihrem Buch „Die Ilias“, das gerade bei Matthes & Seitz erschienen ist und sich mir beim Lesen des ersten Kapitels als ebenso notwendige Lektüre darstellt. Beide, Auerbach und Bespaloff arbeiten an ihren Texten im Exil, knapp der Ermordung entkommen. Auerbach in Istambul und ohne nennenswerte Bibliothek, Bespaloff war nach Amerika entkommen.

„Als Tochter der Bitternis stellt sich die Philosophie der Ilias dennoch gegen die Verbitterung, denn ihre Wurzel liegt vor der Scheidung von Natur und sein. In ihr ist das Ganze kein Gefüge kaputter Einzelteile, die von der Vernunft mehr schlecht als recht verklebt wurden, sondern der aktive Ursprung der Gegenseitigen Durchdringung aller Teile aus denen sie besteht,“ Rachel Bespaloff: Die Ilias. Berlin 2019. S. 17

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Vielleicht

Ich lese gerade etwas in Ingolds Endnoten (Ritter Verlag). Nicht systematisch, sondern eher so, wie man durch  ein Stadtgebiet flaniert. Eine Stadt, die man lang schon kennt, aber man geht eben durch ein neues Viertel. Und vielleicht, denke ich, gibt es ja doch so etwas wie ein Werk im übergreifenden Sinn als Gesamtheit dessen, was einer oder eine geschrieben hat, ein Werk mit einer inneren Logik, die aber nicht die des Lebens selbst ist, dem man das Werk zuschreibt.  Eher dahingehend eine Einheit, dass der Autor, die Autorin so etwas wie ein Nadelöhr bildet, den Einsatz Teigpresse, durch die der Stoff hindurchgeht, hindurch gedrückt wird, und die ihm seine Form aufdrückt. Über die Jahre verändern sich die Öffnungen, aber nicht zur Unkenntlichkeit, und sie bleiben auch an der gleichen Stelle, und der Text, das Gebäck sind mehr formale Erinnerungen als Abgüsse der Urform, die mit dem ersten Gebrauch schon von sich abweicht.

 

 

 

 

 

 

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Adorno in seiner Schrift: Kierkegaard

Die Konstruktion des Ästhetischen.  Im Kapitel III unter dem Stichwort Soziologie über das Ineinandergreifen gesellschaftlicher Hierarchien und Unterdrückungsverhältnisse:

Die autonome Ethik der absoluten Person jedoch bezeugt in ihren Sachgehalten deren Relativität auf die bürgerliche Klassenlage. Das konkrete Selbst ist für Kierkegaard mit dem bürgerlichen Identisch: „Es ist nicht bloß ein persönliches, sondern ein soziales, ein bürgerliches Selbst.“ Damit jedoch setzt es gerade solche „Differenzbestimmungen“, wie die Allgemeinheit des Sittengesetzes sie ausschließen sollte. Deren Grund ist Klassenbewußtsein. An Negern und Sängerinnen hat bei Kirkegaard die ethische Allgemeinheit ihre Grenze. In den Stadien heißt es: „Denn ein Schwarzer, der nicht wohl das Geistige repräsentieren kann …“ von Othello; in einem Brief an Boesen, den Schrempf mit Recht anführt: „An einer Sängerin ist im Allgemeinen nicht viel verloren.“

(Th.W. Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. Frankfurt am Main 2003. S. 72 f.

Adorno zeigt sich in dieser frühen Schrift schon sensiblisiert für Rassismus und Sexismus im europäischen Gedankengebäude, und spürt sie auch in Kierkegaards Nebensätzen auf.

 

 

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Erinnerung an Peter S.

Peter S. aus meiner Abiklasse, ein Musterschüler, aber echt netter Kerl, Architekt heute, damals in allen Künsten bewandert, gab mir ein Beispiel für Verdichtung, an das ich noch heute manchmal denke. Das Gedicht besang den Kirschsaft, der in einem Glas „zur Ruhe quillt.“

Und einmal habe ich ihn im Sportunterricht beim Boxen aus Versehen entgegen unserer Abmachung fast k.o. geschlagen.

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Aus gegebenen Anlass

Theodor. W. Adorno in:

Minima Moralia

Reflexionen aus dem beschädigten Leben

 

22

Kind mit dem Bade. – Unter den Motiven der Kulturkritik ist von Alters her zentral das der Lüge: daß Kultur eine menschenwürdige Gesellschaft vortäuscht, die nicht existiert; daß sie die materiellen Bedingungen verdeckt, auf denen alles Menschliche sich erhebt, und daß sie mit Trost und Beschwichtigung dazu dient, die schlechte ökonomische Bestimmtheit des Daseins am Leben zu erhalten. Es ist der Gedanke von der Kultur als Ideologie, wie ihn auf den ersten Blick die bürgerliche Gewaltlehre und ihr Widerpart, Nietzsche und Marx, miteinander gemeinsam haben. Aber gerade dieser Gedanke, gleich allem Wettern über die Lüge, hat eine verdächtige Neigung, selber zur Ideologie zu werden. Das erweist sich am Privaten. Zwangshaft reicht der Gedanke an Geld und aller Konflikt, den er mit sich führt, bis in die zartesten erotischen, die sublimsten geistigen Beziehungen hinein. Mit der Logik der Konsequenz und dem Pathos der Wahrheit könnte daher die Kulturkritik fordern, daß die Verhältnisse durchaus auf ihren materiellen Ursprung reduziert, rücksichtslos und unverhüllt nach der Interessenlage zwischen den Beteiligten gestaltet werden müßten. Ist doch der Sinn nicht unabhängig von der Genese, und leicht läßt an allem, was über das Materielle sich legt oder es vermittelt, die Spur von Unaufrichtigkeit, Sentimentalität, ja gerade das verkappte und doppelt giftige Interesse sich finden. Wollte man aber radikal danach handeln, so würde man mit dem Unwahren auch alles Wahre ausrotten, alles was wie immer ohnmächtig dem Umkreis der universellen Praxis sich zu entheben trachtet, alle schimärische Vorwegnahme des edleren Zustands, und würde unmittelbar zur Barbarei übergehen, die man als vermittelte der Kultur vorwirft. Bei den bürgerlichen Kulturkritikern nach Nietzsche war dieser Umschlag stets offenbar: begeistert unterschrieben hat ihn Spengler. Aber die Marxisten sind nicht davor gefeit. Einmal vom sozialdemokratischen Glauben an den kulturellen Fortschritt kuriert und der anwachsenden Barbarei gegenübergestellt, sind sie in ständiger Versuchung, der »objektiven Tendenz« zuliebe jene zu advozieren und in einem Akt der Desperation das Heil vom Todfeind zu erwarten, der, als »Antithese«, blind und mysteriös das gute Ende soll bereiten helfen. Die Hervorhebung des materiellen Elements gegenüber dem Geist als Lüge entwickelt ohnehin eine Art bedenklicher Wahlverwandtschaft mit der politischen Ökonomie, deren immanente Kritik man betreibt, vergleichbar dem Einverständnis zwischen Polizei und Unterwelt. Seitdem mit der Utopie aufgeräumt ist und die Einheit von Theorie und Praxis gefordert wird, ist man allzu praktisch geworden. Die Angst vor der Ohnmacht der Theorie liefert den Vorwand, dem allmächtigen Produktionsprozeß sich zu verschreiben und damit vollends erst die Ohnmacht der Theorie zuzugestehen. Züge des Hämischen sind schon der authentischen Marxischen Sprache nicht fremd, und heute bahnt eine Anähnelung von Geschäftsgeist und nüchtern beurteilender Kritik, von vulgärem und anderem Materialismus sich an, in der es zuweilen schwer fällt, Subjekt und Objekt recht auseinander zu halten. – Kultur einzig mit Lüge zu identifizieren ist am verhängnisvollsten in dem Augenblick, da jene wirklich ganz in diese übergeht und solche Identifikation eifrig herausfordert, um jeden widerstehenden Gedanken zu kompromittieren. Nennt man die materielle Realität die Welt des Tauschwerts, Kultur aber, was immer dessen Herrschaft zu akzeptieren sich weigert, so ist solche Weigerung zwar scheinhaft, solange das Bestehende besteht. Da jedoch der freie und gerechte Tausch selber die Lüge ist, so steht was ihn verleugnet, zugleich auch für die Wahrheit ein: der Lüge der Warenwelt gegenüber wird noch die Lüge zum Korrektiv, die jene denunziert. Daß die Kultur bis heute mißlang, ist keine Rechtfertigung dafür, ihr Mißlingen zu befördern, indem man wie Katherlieschen noch den Vorrat an schönem Weizenmehl über das ausgelaufene Bier streut. Menschen, die zusammengehören, sollten sich weder ihre materiellen Interessen verschweigen, noch auf sie nivellieren, sondern sie reflektiert in ihr Verhältnis aufnehmen und damit über sie hinausgehen.

 

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