Arendts Marx

Erstaunlich viel Marx im Denktagebuch Hannah Arendts. Ein sehr schöner Eintrag:

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Marx‘ verzweifelter Versuch „Materialist“ zu werden, ist in Wahrheit nur der sehr ehrenwerte Versuch, der Herrschaft der Logik (in ihrer höchsten, d.h. der hegelschen Gestaltung) zu entkommen. Die Flucht aus der Logik in die Geschichte. Was Marx ebenso übersah wie Hegel, ist die „Wirklichkeit“.

Hannah Arendt: Denktagebuch. Bd. 1. Seite 94

München 2016

 

 

 

 

 

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am Abend ein zwei Stunden Anders lesen

„Die Musik entreißt in der Zeit dem Leben sein eigentümliches Medium und seine Bewegungskraft, hält sie außerhalb ihres historischen Zusammenhanges und außerhalb des Kontinuums ihrer Motive, hält sie dennoch in ihrem Produkt am Leben, ja stimmt sie, als wäre sie unübernommen, parasitenhaft zu ihrem eigenem Medium und zur Bewegungskraft des Produktes um, und lebt nun auf Kosten des in Zeit sich realisirenden Lebens ein Nebenleben.“

Günther Anders: Musikalische Situationen. In: Musikphilosophische Schriften. München 2017. S. 48 f.

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Nach den Tieren

Nach den Tieren

Es sind die Tage, an denen ein kurzes Gedicht

mich überfordert, gerade wenn es um Katzen

sich dreht.

Ich sollte mich wieder dem Japantext zuwenden

oder den kryptischen Versen Christine Lavants.

Als gäbe es einen Gott ohne Schrein, einen Agypter

mit gespitzten Ohren, meine Klage zu hören.

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Zur Kritik der Kritik der Kritik

Heute im Wiener Standard ein Artikel der folgende Passage enthält:

„Jedes Buch ist das Dokument eines intellektuellen Unterwegsseins, das sich seit der ersten Veröffentlichung nachvollziehen lässt. Mit jedem Buch verändert sich einer, der schreibt, und bleibt doch ein Individuum, das seine Vorgeschichte dringend braucht.“

Das mag alles stimmen, aber wenn ich einen Text lese, dann ist da zuerst einmal nur der Text, und die Welt, die er aufbaut, die vielleicht der Welt, der er entspringt, ähnelt. Und klar verändert sich der Autor mit dem Text, er verändert sich so, wie sich ein Fensterputzer mit jedem geputztem Fenster verändert hat, und im Fenter spiegelt sich Realität, und für einen Moment vielleicht der Fensterputzer, von dem ich als Betrachter nichts weiß.

Thuswaldners Artikel enthält viel Richtiges, aber wenn er sagt, Kritik ziele auf Autor und Werk, zielt er am Ziel vorbei. Sowohl der Autor mit seiner Geschichte, als auch sein „Werk“ sind dem Gegenstand der Kritik äußerlich, das Wissen um sie zufällig. Im Werk spiegelt sich nix, was in ihm nicht vorhanden ist.

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Lyrikbuchhandlung während der Leipziger Buchmesse

roughblog

Es ist eine schöne Tradition geworden, um die sich der hochroth Verlag und seine Leute verdient machen: Leipziger Messezeit ist Lyrikbuchhandlung:

http://www.lyrikbuchhandlung.de/

https://www.facebook.com/Lyrikbuchhandlung-167241813374300/

http://www.hochroth.de/verlag/autoren-co/veranstaltungen/

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Oswald Egger lesen

aktuell: Harlekinsmäntel und andere Bewandtnisse (Matthes & Seitz 2016)

Bislang sah ich in der Leibnizschen Monade eher eine Blase, aber sah sie von außen, und was sich in ihr spiegelte, spiegelte sich nicht in ihr, sondern auf ihr, auf ihrer Hülle, also auf der Blase. Doch die Blasenanalogie ist falsch.

Die Monade denken. In sich schlingend alles Spiegelungen und Kontakt. Spiegelkontakt.

Von Innen denken. Reim und Erkenntnis Erkenntnisreim. Reimnis?

Die Monade als Bastelanleitung

Bausatz ist ein Satz, der Orientierung verspricht in der Konstruktion

Construieren und Construieren bleiben zeitlich ungetrennt.

Das Konstrukt ist die Konstruktion. Kunstdruck?

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alte Texte — Husserl

Flucht

Was nun die Erinnerung anlangt, so ist sie keine so einfache Sache und bietet schon verschiedene Gegenstänlichkeitsformen und Gegebenheitsformen ineinader verflochten. Edmund Husserl

Ein Gott braucht kein Erinnerungsvermögen, denn was er denkt, geschieht im Augenblick, da er es denkt, und würde er an Vergangenes Denken, wäre es zugleich Gegenwart.

Um meiner Vergangenheit auf die Schliche zu kommen, bin ich außer auf meine Erinnerungen, auch auf Berichte anderer angewiesen und auf Dokumente wie Fotografien und die alten Super-8-Filme meines Vaters. Oft merke ich dann, daß die Situationen auf den Fotos und Filmen in meiner Erinnerung fehlen, oder daß ich sie ganz anders im Kopf habe, und ich versuche die Bilder mit mir in Einklang zu bringen.

Ein kleiner Junge von ungefähr zwei Jahren sitzt auf Schiefersteinplatten und spielt mit einer Plastiktasse. Obwohl das Foto schwarz-weiß ist, scheint es mir eine rote Tasse zu sein. Der Junge spielt in einem Garten am Chemnitzer Küchwaldring. Das kann man auf dem Foto natürlich nicht erkennen, aber ich weiß es. Meine Mutter hat es mir gesagt, und der kleine Junge auf dem Foto bin ich. Daneben liegt ein Bild, auf dem ein Soldat zu sehen ist. Er sieht traurig aus, scheint aber stolz wirken zu wollen. Die Krawatte, die zur Uniform gehört, sitzt tadellos. Unterm Arm trägt er irgendein Buch, und er hält einen Strauß Blumen in der Hand. Wahrscheinlich hat er beides nach der Vereidigung überreicht bekommen. Auch das bin ich.

Die Fotos, die vor mir auf dem Tisch liegen, zeigen Zeiten und Momente, die ich einmal erlebt haben muß. Sie sind mir beim Aufräumen in die Hände gefallen. Und die Bilder sind untrügliche Beweise für ein Leben, das gelebt wurde. Für mein Leben. Wenn man meinen Namen unbeachtet läßt, scheint es zwischen dem Jungen und den Soldaten keine Gemeinsamkeit zu geben. Da ist zwar bei beiden ein Leberfleck links am Kinn. Aber das kann Zufall sein. Und die Haarfarbe eines Menschen ändert sich mit den Jahreszeiten und über die Jahre. „Der Junge mit der Tasse ist jetzt Soldat“, könnte man sagen, um eine Beziehung zwischen den Personen herzustellen. Während ich diesen Satz denke, stelle ich mir vor, wie das Kind in der Soldatenuniform steckt. Die Jacke ist viel zu groß und irgendwo im Ärmel ist die rote Plastiktasse verschwunden.

Ich habe beide Fotos beim Aufräumen in meinem Schrank gefunden: das ist ihre einzige Gemeinsamkeit momentan. Der Junge ist der Junge, und der Soldat ist Soldat. Soldat in einer Armee, die es auch schon nicht mehr gibt. Zwei Personen auf dem Tisch, zwei nebeneinander. Zwei Leben. Ich trage den Namen dieser beiden Personen, betrachte sie. Ich bin weder der Junge mit der Tasse noch der Mann in Uniform. Und doch bin ich es. Auch wenn ich wollte, könnte ich mir kein anderes Leben erfinden. Es ist Dokument geworden. Es gibt Zeugen und Akten. Und Fotos.

Ich begegne mir also auf Papier und in Schilderungen von Angehörigen. „Kannst du dich erinnern, wie du in Sopot vor den dicken Mauern der Burg gestanden und gestaunt hast?“ fragt mich meine Oma jedes Mal, wenn ich sie besuche. Ich kann es nicht. „Doch, doch.“ sagt meine Oma. „Du hast vor den dicken Mauern der Burg gestanden, und hast richtig gestaunt.“ Ich kann mich wirklich nicht erinnern, jemals in Sopot gewesen zu sein. Aber ich war da. Mit drei Jahren, meinen Eltern und den Eltern meines Vaters.

Mein Lebenslauf ist mir immer ein wenig der eines Fremden, den ich manchmal beneide, weil er schon in Sopot war, und manchmal bedauere, weil er in unsinnigen Situationen, als Soldat zum Beispiel mit irgendeinem Buch unter den Arm, Stolz zeigen wollte.

(aus: Platon und die Spülmaschine)

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