schnell noch ein gedicht aus verzeichnis

Sie gewähren Einlaß
Meter für Meter
an den Girlanden
der See mich emporzuschieben.
Ein Aal rutscht durch die Finger
Meine frei schwingende Hand.
Welch ein Empfang!

O welch Ankunft. Dieses Land
Ist ehrbar noch und wo
steht eigentlich der
Aschenbecher, Wein wird hier
in kleinen Schlucken getrunken.
Er liegt
auf der Zunge als handle es sich
um ein zärtliches Wort, das jeder
hier kennt und auch ausspricht.

Sie haben den immerwährenden
Kalender längst
umgedreht. Zu sehen
ist eine Bauanleitung
für angemessene Gedanken
und Tafeln
zur Berechnung ihrer Halbwertszeit.

Ein Schnittmusterbogen
Waren die schäumenden Landschaften
schließlich real,
und auch die Tür mit den neun Klinken
war nicht meine Erfindung.

Und sie standen in Mänteln
standen vor einem Regal
und behielten die Hüte
gleich in der Hand.

Bücher bandweise eingeschweißt. Das Brett
Echtholzverschnitt. und Jahresringe
unregelmäßig. Die Schilder
die Fluchtwege
und leeren Kleiderständer

Manche jonglierten Bälle und lernten
Gedichte zu schreiben dabei
über die Vielfalt des Sterbens und gern
auch zum Lob der Partei.

Ein Querschläger trifft
genau den Betrachter, und ich
vermied es
Mitglied zu werden
dieser lässig aufstrebenden Kaste.

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Zwetajewa — Majakowski

Marina Zwetajewa

Für Majakowski

 

Über Kreuze und Schlote geht

Getauft mit Feuer und Nacht

In schweren Stiefeln Erzengel

Wladimir. Gegrüßt, über Zeiten

 

Ist Kutscher und Ross zugleich

Zugleich unstet und konsequent

Jetzt spuckt er in die Hände, und los.

Vorwärts: Der Kutscher heißt Ruhm.

 

Rühme die Wunder des Marktplatz‘

Grüß dich, du stolzer Schlamm.

Was nehmen: Sibirischer Topas!

Nicht zu tauschen in Diamant.

 

Grüßt das Pflastergedonner.

Gähnt, ordnet die Flügel, winkt.

Deichsel des riesigen Karrens

Der Kutscher; der Engel.

 

dt. von Jan Kuhlbrodt

Mit der russischen Emigration steh ich schlecht, denn – ich steh außerhalb, lebe nur in meinen Heften und meinen Pflichten und wenn manchmal meine Stimme erklingt – so ist es immer Wahrheit, wie noch unlängst, als unser großer sowjetischer Dichter Majakowsky hier in Paris einen Vortrag hielt. Am anderen Tag schrieb ich ihm einen offenen Brief – das war ein Jubelruf – und am Tage darauf wurde ich aus der Zeitung, wo ich manchmal meine Verse drucken ließ (nein, wo man sie manchmal duldete) – entfernt wegen sowjetischen Sympathien.

Marina Zwetajewa in einem in deutscher Sprache abgefassten Briefentwurf vom Oktober 1930

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Zitieren

Flusser beherrscht die jüdische Kunst des Zitierens ohne Anführungsstriche. Das Zitat ist in der jüdischen Bibelexegese soweit Teil des eigenen Denkens geworden, dass kein Unterschied mehr gemacht wird, ob man mit der eigenen oder einer fremden Stimme spricht. Das Zitat wird dabei nie als Ornament oder Hinweis auf eine andere textuelle Autorität benützt. Durch den fast vollständigen Verzicht auf Zitate, Quellenangaben, Bibliographien oder Fußnoten möchte Flusser zudem seinen nomadisierenden, bodenlosen Denkstil in der äußeren Form des Textes sichtbar machen. Seine Texte sind ohne Verwurzelung. Das macht ihre Leichtfüßigkeit aus.

(Guldin/ Bernardo: Vilém Flusser. [transkript] 2017. S. 99)

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Die Tage nach Pound — Eine Erinnerung

I

Texte sind Texte und sie haben den Autor verlassen auf ihrem Weg zum Text, zum textlichen Sein, zur Textur und zu mir. Dem Leser im Zwischenbereich. Verstehen, nicht Verstehen, Erstaunen, dazwischen, ach Leser, ich lerne in meinem Leben nicht mehr Chinesisch.

Singsang am Rand einer Entscheidung, meiner Entscheidung, mich zu verweigern, war immer auch eine Option. Aber warum? Ein voller Topf Honig, mitten im Weg, hier verbindet sich Superlativ mit Superlativ. Canto

mit Canto.

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Roman

Das Blöde an vielerlei Prosa ist, dass Leerstellen, Brüche usw. mit Handlung zugeschüttet werden, weil die Risse nicht erträglich scheinen, gekittet werden, weil es ein Ganzes er geben muss.

Aber das Ganze ist eine Illusion, eine mutwillige und müßige Überformung des Fragmentarischen, die letztlich nur zu Langeweile führt.

Genau so übrigens, wie die Authentizitätsanmutung zu Langeweile führt, die verlangt im Text den echten Menschen/Autor zu entdecken. Zwei Seiten einer Medaille.

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Zwetajewas Schreibhefte

zwetajewas schreibhefte; kaum zitierbare passagen im sinne einer weltklugen aphoristik. sie enden fast alle im abbruch. staunen ist hilflos. befreit. diese vielleicht:
Das ganze Problem von Form und Inhalt: sie müssen gleichzeitig auf die Matte. Doch auch im Himmelreich — heiraten sie nicht.
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zur Freude und zur Information

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