Die Quarantäneübungen — gesammelt

 

die ansteckung (1 coronagedicht)

einer mit
einer ohne
einer mit und einer ohne
einer mit
einer mit

 

die isolation (1 coronagedicht)

draußen alle krank
drinnen ich allein

 

ende des winters (1 coronahaiku)

ende des winters /draußen die luft ist schon warm/ wir tragen masken

 

(1coronalimerick)

es fuhr ein verleger in leipzig

fand leer in der halle den messtisch

dann musste er niesen

und hat sich nen fiesen

husten gefangen in leipzig

 

an den virus (1 coronaode, sapphisch)

virusinfekte bringen so manchen
um den verstand, er zittert im warmen
hält die arme verschränkt dort, mir aber
ist das viel zu heiß.

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Fragen des Genres – Fragen der Form

Fragen des Genres – Fragen der Form

Leider findet in diesem Jahr keine Buchmesse statt; jetzt gibt es auf absehbare Zeit auch keine Lesungen mehr und damit auch keine Gespräche danach. Wir, die im medialen Gedränge weniger präsenten Autorinnen und Autoren, können also nicht reagieren, unser Tun nicht rechtfertigen, Fragen nicht beantworten. Zwei Statements will ich aber los werden.

Meinen Romanen wird zuweilen vorgeworfen, dass sie im Grunde keine Romane seien. Wahrscheinlich sind sie das nicht, denn ihnen fehlt das Gefügte, das Abgerundete. Aber Fügsamkeit und Abrundung sind Momente des Zwangs, auf die ich gerne verzichte. Außerdem bergen sie ein Moment der Anstrengung, dem ich mich zu entziehen trachte, weil es eine Anstrengung zur Überlagerung der Brüche ist. Vielleicht aber kommt Kunst von Beugung. Dann bin ich eben kein Romancier, sondern ein Scharlatan.

Meine Gedichtbände verlieren sich zuweilen in Prosaausflügen, was ich bislang unter Zuhilfenahme von Fußnoten abfedern konnte. Reflexive und erzählerische Passagen fanden im Text unterm Text Platz. Im neuen Band habe ich nicht so trickreich gearbeitet. Aller Text bleibt oben, an der Oberfläche, denn die Oberfläche ist der angestammte Spielplatz der Kunst.

Alles ist Essay. Ohnehin.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Die Umbenennung

Ich bin in einer Straße in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, die Fritz-Schmenkel-Straße hieß. Die liegt in einem Neubaugebgiet, das 1972 eingeweiht wurde, hat also keinen alten Namen. Sie wurde 1990 dennoch in Zeisigwaldstraße umbenannt, deren Verlängerung sie darstellt. Die Stadt, die die Straße umschloss, wurde wieder zu Chemnitz.

Fritz Schmenkel war ein Wehrmachtssoldat der 1941 desertierte und sich in den Wäldern von Smolensk den Partisanen anschloss. Er geriet in deutsche Gefangenschaft und wurde von Deutschen erschossen. Die Straße hätte weiter so heißen können und müssen, auch oder gerade weil Fritz Schmenkel in den Augen einiger Arschlöcher ein Verräter war.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Zu den Tieren

Das liegt mir dann doch am Herzen: In meinem Text, der sich gerade in der Druckerei befindet, ergibt sich die DDR und deren Ende als Material. Unter anderem die DDR. Das ist für mich naheliegend, weil sie und ihre Trümmer, also eine historische Trümmerlandschaft eine vorherrschende in meinem Gedächtnis sind. Es geht im Text aber nicht um den Wiederaufbau eine Frauenkirche, es geht mir nicht um die Rekonstruktion eines historischen Zustandes: á la GENAU SO IST ES GEWESEN. Vielmehr geht es um den Umgang mit Gedächtnis und Gedachtem. Und um das Um- und Neuordnen der Steine, um ein kaleidoskopisches Umordnen von Gedächtnis- und Gedankensplittern. Es ist ein Wandeln in Trümmern. Vielleicht wird das anhand der Zeichnungen von Klaus Walter deutlich.

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Rückkehr

Jetzt kann mans schon hier bestellen:tiere

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Illias — Auerbach und Bespaloff

Erich Auerbachs Buch „Mimesis“ (soll man es epochal nennen? für mich war es das) begann mit einer Reflexion auf die Wunde bei Homer. Die Ilias gewissermaßen als Geburtsmoment abendländischer Kultur in ihrer Zerrissenheit. Zerrissenheit von Beginn an.

Und ungefähr zur gleichen Zeit wie Auerbach an seinem Mimesisbuch arbeitete Rachel Bespaloff an ihrem Buch „Die Ilias“, das gerade bei Matthes & Seitz erschienen ist und sich mir beim Lesen des ersten Kapitels als ebenso notwendige Lektüre darstellt. Beide, Auerbach und Bespaloff arbeiten an ihren Texten im Exil, knapp der Ermordung entkommen. Auerbach in Istambul und ohne nennenswerte Bibliothek, Bespaloff war nach Amerika entkommen.

„Als Tochter der Bitternis stellt sich die Philosophie der Ilias dennoch gegen die Verbitterung, denn ihre Wurzel liegt vor der Scheidung von Natur und sein. In ihr ist das Ganze kein Gefüge kaputter Einzelteile, die von der Vernunft mehr schlecht als recht verklebt wurden, sondern der aktive Ursprung der Gegenseitigen Durchdringung aller Teile aus denen sie besteht,“ Rachel Bespaloff: Die Ilias. Berlin 2019. S. 17

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Vielleicht

Ich lese gerade etwas in Ingolds Endnoten (Ritter Verlag). Nicht systematisch, sondern eher so, wie man durch  ein Stadtgebiet flaniert. Eine Stadt, die man lang schon kennt, aber man geht eben durch ein neues Viertel. Und vielleicht, denke ich, gibt es ja doch so etwas wie ein Werk im übergreifenden Sinn als Gesamtheit dessen, was einer oder eine geschrieben hat, ein Werk mit einer inneren Logik, die aber nicht die des Lebens selbst ist, dem man das Werk zuschreibt.  Eher dahingehend eine Einheit, dass der Autor, die Autorin so etwas wie ein Nadelöhr bildet, den Einsatz Teigpresse, durch die der Stoff hindurchgeht, hindurch gedrückt wird, und die ihm seine Form aufdrückt. Über die Jahre verändern sich die Öffnungen, aber nicht zur Unkenntlichkeit, und sie bleiben auch an der gleichen Stelle, und der Text, das Gebäck sind mehr formale Erinnerungen als Abgüsse der Urform, die mit dem ersten Gebrauch schon von sich abweicht.

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen