Alles (nach Pascal)

 

Wer bin ich denn dass ich mir zu urteilen anmaße ja wer

bin ich eine einschätzung zu treffen und dinge zu messen

mit den maßen einzig mir zuwachsend? Die skalen

sind kaum zu erkennen die strichlein unterteilend

die abstände zwischen den größeren strichen in holpernden

schritten. Was bleibt mir verdammt anderes übrig als das

zu benutzen was mir richtig erscheint im schwachen licht

dessen was ich für gerade erkennbar noch halte. Und ja

verdammt mich was nehme ich mir da eigentlich raus?

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Gleichnis (für U.)

Zwei Männer, vielleicht mittleren Alters, trafen sich öfters im Garten des Sanatoriums, in dem sie für ein halbes Jahr kurten. Ziel der Behandlung war nicht das Aufhalten der Alterung, aber vielleicht die Linderung der begleitenden Symptome wie dieses zunehmende Zittern in den Händen.

Über viele Jahre hatten die beiden im selben Betrieb gearbeitet, der eine etwas kürzer als der andere, und wie dem so ist, kreisten ihre Gespräche immer wieder um diese Arbeit und das Gelände, auf dem sie zu verrichten war. Die anderen Gartenbesucher, wir wollen sie dennoch auch Patienten nennen, teilten diese Gemeinsamkeit nicht, schafften oder schaffen in verschiedenen anderen Betrieben und folgten dem Gespräch mit einer Mischung aus Abscheu und Langeweile, aber auf eine merkwürdige Art doch interessiert.

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Kunerts Büchner um 1970

„Nachdem der Fieberanfall vorbei und sich der Kranke etwas beruhigt hat, gelabt von seiner sorglichen Pflegerin mit Tee, den sie ihm Löffel um Löffel sacht einflößt, erzählt er ihr mit schwerer Zunge, man habe ihn schon vor die Stadt gebracht, aber er habe auf dem Marktplatz eine große Rede gehalten, seinen Fall darzulegen, um die Auslieferung zu verhindern …“

Fiebernacht. In Günter Kunert: Vertrackte Affären. München 2016

(Der Band versammelt verschiedene Prosatexte aus verschiedenen Zeiten. Unter anderen auch diese kurze Erzählung von 1970, die einen sterbenden Büchner vorstellt.)

 

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Unversöhnt

„Wer zu Humpeln anfängt, findet bald darauf seine Gangart fast normal. Diese fatale Gewöhnung läßt uns überhaupt erst das Leben, eine ansonsten ziemlich unerträgliche Angelegenheit, ertragen.“

Günter Kunert: Tröstliche Katastrophen. Aufzeichnungen 1999-2011. Hanser 2013

Woher kommt eigentlich die unsägliche Forderung, man habe im hohen Alter mit dem Leben versöhnt zu sein. Rezensenten werfen dem Autor vor, die Welt zunehmend pessimistisch zu betrachten. Aber diese Rezensenten können auch noch nach der Straßenbahn rennen, oder sich ein Taxi leisten. Es bereitet ihnen aller Wahrscheinlichkeit  nach keine Mühe, sich die Socken über die Füße zu streifen. Vielleicht also kommt ihr Versöhnungsdrang nur aus einem Mangel an Erfahrung und Vorstellungsvermögen.

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Katharsis

Der Begriff kam mir heute unter. Warum ist er im Akademischen verschollen? Ist das noch der Schatten Brechts, dessen nichtaristotelisches Theater doch letztlich auf einem Mißverständnis beruhte, und der in seinen besseren Stücken dem kathartischen Effekt das Tor weit öffnete. Aber vor allem interessiert mich die Frage, ob man diesen Begriff nicht auch über das Theater hinaus auf andere Gattungen, der Lyrik z.B. ausdehnen kann. Vielmehr frage ich mich: Wie?

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Ein Hunderoman

Im Haus gegenüber, das ich trotz allem noch durch mein Fenster sehe, ich habe im letzten Sommer in einer enormen Kraftanstrengung die Scheiben geputzt, wohnt ein sehr altes Paar, das ständig neue Autos fährt.

Ich denke, dass sie die Wagen testen, denn Niemand könnte sich in einer derart raschen Folge Neuwagen leisten. Zumindest keiner, der hier in diesem Viertel wohnt, es sei denn, er sei hier her gezogen um seinen Reichtum zu verbergen. Aber auch er würde nicht ständig neue Autos fahren.

Bis vor einigen Jahren noch hatte also dieses autotestende Ehepaar auch einen Hund. Als der plötzlich nicht mehr auftauchte, waren meine Bücherstapel noch überschaubar, und ich dachte noch gar nicht daran, dass sie sich einmal derart auswachsen würden. Damals habe ich beobachtet, wie der Hund jeden Morgen ausgeführt wurde.

Sie gingen immer zu dritt, das Paar und der Hund. Keiner von den dreien lief schnell, und die Leine des Hundes hing durch. Langsam trottete er neben dem Paar einher, zeigte kein Interesse an seiner Umgebung, blieb nicht, wie ich es von anderen Hunden kannte, alle paar Meter stehen und schnüffelte an etwas herum, und wenn es nur die Geruchsspur eines fremden Hundes war, oder in Stück Lehm, in dem eine Regenwurm wohnte, ein leerer Joghurtbecher, oder eine Tüte, wie ich sie kürzlich im Park auf einem meiner seltenen Spaziergänge gefunden hatte. Eine Plastiktüte mit einem Frühstücksbrot darin, von dem ein Igel angelockt worden war, der in die Tüte hineingekrochen und sich darin verfangen hatte, in ihr gefangen saß. Ich musste ihn befreien, sonst wäre er erstickt.

Vielleicht änderte sich das Verhalten des Hundes ja auf der Hundewiese im nahegelegenen Park, wenn er von der Leine gelassen wurde und auf andere Hunde traf. Die Hundewiese, die direkt hinter dem Parkeingang lag, konnte ich natürlich von hier aus nicht sehen. Ich vermute aber, der Hund hat immer nur am Parkrand unter einen Baum geschissen, hat etwas an seinen eigenen Exkrementen gerochen, war zufrieden mit sich und seiner Leistung, und die drei sind dann umgekehrt, um das nächste Auto zu testen.

Seit der Hund nicht mehr da ist, fährt das Ehepaar mit dem jeweiligen Wagen direkt auf die Straße. Das Tor funktioniert automatisch und scheinbar gelangt man aus dem Haus in der Garage.

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in etwa so

Gott, war das in meinem Fall schief gegangen! Zwar hatten sich Gedanken in meinem Kopf überschlagen, aber aufs Papier brachte ich mehr oder weniger nur einen mittelgrauen Wurm vor einem violetten Hintergrund (das All), der die Raumstation darstellen sollte und zentral einen roten Krakel trug, in dem nur mit Vorwissen und gutem Willen ein fünfzackiger Stern erkennbar war. Als wäre das Papier, das das Symbol trug, nach langem Regen in einer Pfütze gelandet. Dabei hatten wir gerade diesen Stern über die Jahre heftig geübt. Aber der Umstieg von Buntstift auf Tempera wollte mir nicht gelingen und ging auf Kosten der Erkennbarkeit des Dargestellten von statten.

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