Wunder

Ich lese Petrow und in diesem Zusammenhang etwas in den Tagebüchern von Charms. Das sollten alle ab und an tun. Und ich denke dabei naturgemäß über Wunder nach. Einerseits weil Petrows Buch „Wunder“ heißt, andererseits weil Charms in Erwartung eines Wunders lebte, und natürlich weil morgen Ostersonntag ist.

Nun ist die gängige aufklärerische Position zum Wunder, dass uns etwas als solches erscheint, weil wir an einem Mangel an Information leiden, und mit der Zunahme des Wissens das Wunder sich als natürliches Phänomen herausstellen würde. Das mag theoretisch stimmen, aber, da wir nie über die gesamte Information verfügen werden, nicht als Individuum und auch nicht als Menschheit, wird es immer wieder Phänomene geben, die uns als Wunder erscheinen.

PS: „Im Sommer geschehen häufiger Wunder, als im Winter.“ Das ist der erste Satz aus Petrows Prosastück „Valerian“.

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Paul Dessau

Die Familie, in der ich aufwuchs, kann man durchaus als kommunistisch orthodox bezeichnen. Das hatte natürlich einige dramatische Ablösungserscheinungen in den Achtzigerjahren zur Folge. Einerseits die von der Familie aber andererseits auch die von Überzeugungen, in die ich hineingewachsen bin, und die ich teilte, die ich gewissermaßen als natürlich und richtig ansah (nicht alle waren falsch; aber in der Orthodoxie verschwimmt auch das Richtige.) Jedenfalls brachte mir diese Herkunft recht frühe Begegnungen mit Kompositionen von Eisler und Dessau ein, und auch Kurt Weill. Und gerade Kompositionen von Dessau waren es, die sich nicht vollständig in der kommunistischen Zuversicht erschöpften, als wäre darin zumindest eine gewisse Skepsis implantiert und als würden sich die Arbeiten einer bedingungslosen Schönheit verweigern, um deren Bedingtheit zu zeigen. Gerade in den Bühnenkompositionen und Liedern tritt das zu Tage, bei Dessau viel mehr noch als bei Eisler. Vielleicht erlaubte mir das einerseits den wenn auch schmerzhaften Abschied vom Kommunismus, aber auch den Weg in die Neue Musik (auf dem Umweg über Schoenberg und die Neue Wiener Schule.)

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Bus (Queneau und Petrow)

es ist schwer, wenn nicht unmöglich, eine geschichte zu lesen, die in einem bus handelt, ohne an queneaus stilübungen zu denken, schon gar nicht, wenn darin von einem hut die rede ist. nun aber lese ich eine geschichte von wsewolod petrow (Die Schönheit), die in einem bus handelt, und denke, dass oulipo vielleicht näher an oberiu ist, als die sogenannten absurden, also beckett z.b., und frage mich, ob nicht petrows busgeschichte recht eigentlich die mutter aller busgeschichten ist, in denen ein hut zur sprache kommt.

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Heimat Erde

Eigentlich wollte ich über Cacciari schreiben, unter anderem über seine Interpretation/Auslegung der Figur des Torwächters bei Kafka, und das kommt sicher noch. Das Leben begrenzt leider die Zeit, die es frisst. Doch ich will mich nicht beirren lassen und will mich gern auf Abwegen verirren, zumal dieses Heimatthema mich seit längerem umtreibt. Und vielleicht hat es ja auch etwas mit dem Torwächter zu tun.

„Denn die Erde nährt, aber sie bindet auch, und wo ein Volk den Boden der Heimat mehr liebt, als das eigene Leben, da hängt stets die Gefahr über ihm – und sie hängt über allen Völkern der Welt –, daß, mag neunmal jene Liebe den Boden der Heimat gegen jenen Feind retten und mit dem Boden das Leben des Volkes zugleich, doch ein zehntes Mal der Boden als das Mehrgeliebte bleibt, und das eigne Leben des Volks auf ihm verströmt. Wer das Land erobert, dem gehören zuletzt auch die Leute; es kann gar nicht anders sein, wenn eben die Leute mehr am Land hängen als an ihrem Eigenleben als Volk. So verrät die Erde das Volk, das ihrer Dauer die seine anvertraut ; sie selbst dauert wohl, aber das Volk darauf vergeht.“
(Rosenzweig: Stern der Erlösung. 332 f.)

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Weiter Cacciari – Wüste

Eine faszinierende Engführung von Rosenzweig, den ich endlich lese, Freud, den ich lange nicht gelesen habe, und Kafka, den ich eigentlich immer lese:

„Auch bei Kafka gehört man nur der Stimme an, die weniger wird, also einem etwas, das entschwindet. Noch tiefer gehört man dem Schweigen an, von dem das Wort eine verzweifelte Spur ist. Indem Freud Moses die Identität der Sprache nimmt, vollzieht Freud nicht nur jenen initialen Akt der Entstellung, von dem aus seine Analyse in den Abgrund stürzt, er weist auch auf die Sehnsucht nach dem Schweigen in der Figur der Gründung hin. Das, was die Sprache gegeben hat (die heilige und unzerstörbare bei Rosenzweig), offenbart sich als Figur des Schweigens – das Schweigen steht in der Identität jener Sprache, es ist deshalb nicht das alleinige Schweigen der Antwort, sondern die Dimension des Fragens – ein Halt im Fortschreiten. Und daher: Zu diesem Fortschreiten-Halt, zu diesem Wort-Schweigen gehören wir – besser zu dem Wüstenraum (entblößt von jener Möglichkeit eines Bildes) des Zugs, der trennt-vereint, zu dieser Wüste gehören wir unbesiegbar: ‚Aber in der Wüste seid ihr unbesiegbar …’“

in: Ikonen des Gesetzes. Massimo Cacciari. Ikonen des Gesetzes. München 2019. S.123

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Lesen und Lesen. Kafka und Cacciari

Das erste Kafkabuch, das ich las, war: „Beim Bau der chinesischen Mauer“. Texte aus dem Nachlass, zuerst erschienen 1931 bei Verlag Gustav Kiepenheuer. Der ostdeutsche Kiepenheuerverlag brachte einige Ausgaben in den Achtzigerjahren in Neuauflage. Darunter auch dieses. Ich war damals Oberschüler und massiv beeindruckt von diesen Texten, die gegen alles standen, was ich bis dahin zu Wahrnehmung empfohlen bekam. Und ich wusste damals nix von Kabbala und Judentum. Allein diese Texte berüherten mich und ich dachte nicht lange darüber nach, warum. Die Konstruktionen einer Kafkaschen Parallelwelt funktionierten, waren lustig und verstörend.

Aber natürlich kann man auch auf eine andere Art lesen. Dazu muss man letztlich eine gewisse Unschuld abstreifen, lässt sich auf Lektüren ein, die sich um die Lektüre ergeben. Der Originaltext bildet dabei ein leeres nicht interpretierbares Zentrum im Gewirr der Interpretationen.

„Aber die anderen, die in ihren sich selbst vergewissernden Schmeicheleien gegenüber der göttlichen Vorhersehung, sie machen aus der Stille eine Götze, sie enden damit, diese abergläubig und barbarisch als Antwort-auf-die-Schuld, als supplicium, zu erfassen.

Dagegen rebellieren die Figuren Kafkas: K., der Hund, die Bewohner des Baus, die Hungerkünstler, sie widerstehen gegenüber dem Schweigen; auch wenn sie dazu verdammt sind, eigensinnig zu versuchen, das Schweigen zu überschreiten, aus ihm ein Wort zu machen. “ M. Cacciari: Die offene Tür. in Ikonen des Gesetzes. S. 83.

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Walter Benjamin

Irgendwann  in den Achtzigern geriet mir eine Benjaminausgabe unter die Hände: Allegorien kultureller Erfahrung. Das kam einer Befreiung gleich: Ein Denken, das sich öffnet, aber keine Gefolgschaft verlangt.

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