64. Meine Anthologie: Villons berühmtester Vierzeiler

ein Eintrag der schon eine Weile her ist, den wieder zu lesen aber immer Freude bereitet. und weil ich in meiner Freizeit etwas detektivisch nach Parallelen zwischen Brecht und Pound suche, komme ich zwangsläufig auf Villon.
„Ein unübertroffener Könner. Dessen Fertigkeit gleichfalls aus der Provence stammt.“ Pound in ABC des Lesens

Lyrikzeitung & Poetry News

XIII. [Quatrain]
Le Quatrain que feist Villon quand il fut jugé à mourir

Je suis Francoys, dont il me poise,
Ne de Paris empres Pontoise,
Et de la corde d’une toise
Scaura mon col que mon cul poise.

Vermutlich November 1462

François (sein Vorname) und Français (Franzose) wurden zu seiner Zeit gleich ausgesprochen, so daß der Anfang doppeldeutig ist: Ich bin François und Ich bin Franzose…

Ich bin Franzose, was mich bitter kränkt,
geboren in Paris, das bei Pontoise liegt,
an einen klafterlangen Strick gehenkt,
und spür am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt.

Deutsch von K.L. Ammer, in: Die sehr respektlosen Lieder des François Villon. Leipzig: Reclam 1968, S. 21

Vierzeiler, den Villon nach der Verkündung seines Todesurteils schrieb 

Ich bin Franzose, was mir gar nicht passt,
geboren zu Paris, das jetzt tief unten liegt;
ich hänge nämlich meterlang an einem Ulmenast
und spür am Hals, wie schwer mein…

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Über den Umgang mit Grimms Märchen

Die Rezeption der Märchen der Gebrüder Grimm in Frankreich überrascht mich durch seine Verspieltheit und Frische. Ich kann natürlich nicht von der breiten Rezeption erzählen, weil ich sie nicht kenne, aber ich kann auf zwei Autoren verweisen, deren Aneignung diametral unterschiedlich aber gleich spannend (und lustvoll) ist. Zum einen ist da Éric Chevillard, der eine Version des Tapferen Schneiderleins vorgelegt hat, in welcher er das Märchen streckt, durch Abschweifungen, aberwitzige Reflexionen, Suberzählungen usw., dass es nur so eine Freude ist.

Und auf der anderen Seite der Lyriker und Philosoph Phillippe Beck in Populäre Gesänge, der Grimmsche Märchen eindampft, auf ihre Substanz prüft, und auf kürzester Wegstrecke auch noch kommentiert.

Er studiert den Schnitt der eis- oder/ holzflächen in der Kunst, vielleicht./ Auf der erde, die hält.

(aus: Musik nach: Der wunderliche Spielmann)

 

 

 

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Notiz zu Philippe Beck

Didaktische Gedichte

„Das Gedicht/Objekt mit seinem Stoff und seinem Unterricht ist nicht das Gedicht, das auf die Quintessenz der in allen Sträußen fehlenden zurückgeführt wird; es ist im Gegenteil das Gedicht in der Multiplizierung all seiner Zustände: das erweiterte, rezensierte, kommentierte, interpretierte, parodierte Gedicht.“ (Ranciere: Die Furche des Gedichts. Zu Philippe Beck. Matthes & Seitz 2018

Kaum vorstellbar, dass jemand im deutschsprachigen Raum seine Dichtungen didaktisch nennen würde. Zu negativ wirkt dieses Wort: Didaktisch: der Text, so meint man, schreibe vor, wie er zu lesen sei, wie zu lesen sei im Allgemeinen. Zu viel Vorschrift.

Vielleicht aber gibt es einen unbedingten Willen zur Schönheit, der einem unbedingten Willen zum Wissen verbunden ist, vielleicht sind sie Geschwister wie Schönheit und Güte bei Augustinus.

Es gibt auch hierzulande dichtende Theoretiker, doch achten sehr darauf, die Genres zu trennen, was ihre Dichtung banal werden lässt und ihre Theorie ungestalt.

„Die „progressive Universalpoesie“ ist nicht der Schwindel eines durchgeknallten Signifikanten, sondern die Kunst, die erdrückende Arbeit der Worte an Worten, aus der das Geschichte genannte Gewebe besteht, zu punktieren.“ Ranciere a. a. O S. 22.

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Nach langer Pause weiter

Guldin/Bernardo zitieren in ihrer Biographie einen Brief Flussers von 1990:

„Ich habe auch als Jude und als jemand, der sich für die Werte der Linke engagiert hat, versagt. Vielleicht fällt meine Aktivität als Essayist ein bisschen positiver aus, aber ich wage kaum, es mir zu erhoffen. Die Auseinandersetzung mit dem Tod hat dies als Positives: er zwingt einen dazu, sich im Spiegel anzuschauen.

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Fail better

Seit Wochen lese ich in diesem Buch, und darin immer wieder diese Stelle:

Es ist ein bedauerliches Missverständnis, ein Erbe des Rationalismus, dass die Wahrheit nur eine Wahrheit sein kann, die sich aus allgemeinen Momenten zusammensetzt, dass die Wahrheit einer These genau das Wiederholbare, Konstante daran ist, dass zudem das Allgemeine und Identische (das logisch Identische) prinzipiell, die individuelle Wahrheit hingegen künstlerisch-verantwortungslos ist, d.h, die gegebene Individualität isoliert. Dieses Missverständnis führt im Materialismus zur theoretischen Einheit des Seins. Es ist ein beständiges sich selbst gleiches Substrat, eine vollständig gegebene stumpfe Einheit, oder ein sich selbst gleiches Gesetz, ein Prinzip, eine Kraft. Im Idealismus führt es zur theoretischen Einheit des Bewusstseins: Ich bin wie ein mathematisches Prinzip der Einheit der Bewusstseinsreihe, weil es vor allem ein von vornherein identischer, sich selbst gleicher Begriff sein muss.

M. Bachtin. Zur Philosophie der Handlung. Dt. von Dorothea Trottenberg. Matthes und Seitz Berlin 2011 (Einleitung und Anmerkungen von Sylvia Sasse.

 

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Nachtrag

Eine mir naheliegend scheinende Interpretation ist, dass ich mir die Notizbücher von Peter Weiss, neben zwei Schallplatten (Hendrix und Reed) im Dezember 1989 von meinem Begrüßungsgeld in Westberlin gekauft habe, damit wäre auch der partielle Erinnerungsverlust erklärt. Ich muss ziemlich aufgeregt gewesen sein.

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Was ich vergessen habe:

Wie bin ich und wann zu den Notizbüchern von Peter Weiss gekommen? Ich habe sie parallel zur Ästhetik des Widerstands gelesen, scheint mir, und ich habe sie leichter gelesen, als das Mammutwerk. Aber wann? Ende der Achtziger, also noch in der DDR, aber wie habe ich sie bekommen? Wer hat mir die Suhrkampteile besorgt? Oder habe ich beides, also Notizbücher und Ästhetik, erst Anfang der Neunziger gelesen, und sie mir selbst gekauft, als ich schon in Frankfurt war. Es ist merkwürdig: Bei fast allen anderen Büchern ist mir Zeit und Art der Aneignung präsent.

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