Genesis

„Einen absoluten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel.“ fällt mir bei der Lektüre von Raoul Schrotts Erste Erde Epos ein; aber ich würde diesen Satz Horkheimers gar nicht gegen Schrotts Projekt in Stellung bringen wollen, da der Versuch, eine Genesis ohne Gott zu konstruieren, zumindest immer pantheistische Züge annimmt. Selbstschöpfung verzichtet ja nicht auf einen Schöpfer. Er wird gewissermaßen der Schöpfung nur implantiert. Vor dem Urknall ist nach dem Urknall. Da das Innerste sich nach außen wendet, und Zeit zu aller erst entsteht.
Schrott:
und reden von einem big bang als wäre er der schlag auf einen gong
nicht das o vollkommener stille / ein unaussprechlicher monophtong
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alte Texte, die ich langsam verstehe

oder zu verstehen meine. aus „Verzeichnis“

Vertrautheit

Als gäbe es diese und keine Postkartentexte.
Als gäbe es eine Regie
Und alles sei
(Noch nicht im Wörterbuch,

Ein altes Programm und nicht mehr)
Zu verwenden.
Und wie wir die Sprache behandeln

Als gäbe es diese Mütter nicht
Neben den Wäschebergen
Weben sie meine Erinnerung.
Wie wars, ja ganz gut

Und ohne ein weiteres Wort
Wird das Hemd in die Trommel gestopft.
Der Thesaurus
Gefüllt bis zum Rand und blockiert

Im Eingang ein Splitter
Meteorit und unsere Hände
Kennen nur Umgang mit Lappen.
Und Frauen die träumen.

Von den Korsagen
Erhoffe sie sich eine kleine
Milderung ihrer Schmerzen im Rücken
Die Schmerzen im Wirbelbereich.

Und Maschinen übernehmen
Die schwerere Arbeit.
Wie wir die Sprache behandeln

Männer die von Frauen träumen
Und tragen sie mal
Ein Klavier in die dritte Etage.
Da werden sie sehen

Was so ein Klavier
Ist und wie gesagt in die dritte
Etage will alles gelernt sein.
Und wie wir die Sprache behandeln

Wie frisches Gras im April
Fast zärtlich bilden wir Sätze
Um unser Vertrauen, versehen
Um uns zu verstehen

Als gäbe es dieses System
In der Weite mit flacheren Grenzen und Sand
Am Rand bis zur Wade
Am Ufer im Fluß

ein Arzt, Spezialist, Linguist
Ein Schönheitschirurg.
Und Frauen träumen von Männern
Die von Frauen träumen

Wie sorgsam wir doch mit ihr umgehen.
Und seien sie unbesorgt die Sache
Sieht wesentlich schlimmer aus
Der Sprechakt ist hörbar doch
ohne Geruch

Und vielleicht nehmen wir auch
Hier und da etwas weg und legen
Ein wenig Besseres an und
Wie zärtlich wir mit ihr umgehen

Genesung es klingt
Nach langer Erkrankung.
Von allen Leiden erlöst.
Die offenen Hautstellen.

Die Magermilchprodukte und
Worte des Jahres.
Und wie wir die Sprache behandeln
Als gäb es ein Hahnentrittmuster

Im Wortwitz als wären die Schatten
Schatten von etwas. Als gäb es
Liebe. Als gäbe es jenseits
Der Sprache ein Jenseits.

Und einen Flohmarkt für Worte
In Sprachmüllkippen
Organe zu Haufen
Ausgediente Klangkörper.

Das Stück für Cent 99.
Und Frauen träumen von Frauen
Und Männer von Männern
Und wie wir die Worte besetzen

Mit Stiefeltritt im April.
Und könnte das alles ein Trick sein.
Der seinen Zauber schon lange
Verloren im Blick und

Im Bewußtsein begraben.
Kinder spielen Gummitwist.
Die Stimmbänder haben sie
Um die Schenkel gelegt

Frisches Gras
Wo die Stadt auf den Wald trifft
Die Männer und Frauen lassen
Die Hunde bei Regen nur kurz

Aus dem Wagen und auf
Die Wiese und bleiben gleich
Sitzen bei laufendem Motor und ziehen
Im Spiegel die Lippen nach oder ein Bein

Wenn das Tier dann doch nicht zurückkommt.
Wie Sprache
Das Gras.
Als wäre ein Sinnsog im Rauschen.

Ein Strudel der alles verschlingt
Und an anderer Stelle wieder.
Hervorbringt.

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Verstehen

Interview mit Elke Erb in der Zeitschrift L’image (März 92)

Ist Poesie unerklärlich?

Erb: Ich bin gegen diese Behauptung. Ich erlaube sie nicht. Ich habe eine Regung, ich begegne dieser Regung aufmerksam, beobachte sie, folge ihr. Diese Regung entspringt doch aber einem ganz normalen Ich, ist doch nicht schon Poesie selber, Poesie ist nicht unerklärlicher als irgend etwas anderes Lebendiges. Hinter der Behauptung, sie sei unerklärlich, steckt der Anspruch einer tötenden Auflösung. Oder eine Diffamierung des Erklärens.

(in: Der wilde Forst, der tiefe Wald. Auskünfte in Prosa. Göttingen 1995. S. 222)

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mal wieder etwas nach Keith Waldrop

aus: Die Gestalt der Brücke (dt. von J.K.)

IV

Sie erzählte ihm was, egal was, erzählte eine Episode aus ihrem früheren Leben, in jeder Kleinigkeit. Dann sagte sie:

Was ich dir erzählt habe, erzählte ich noch keinem. Da kannst du mal sehen, dass…“

Die Geschichte wurde zögernd erzählt, mit Unterbrechungen. Jetzt wo alle Zweifel Vergangenheit sind, ist jedes Hindernis überwunden.

Da siehst du, dass ich dich liebe.“

Er fühlte sich in dieser Welt weniger aufgestellt, als gestrandet.

Was er zu Bewusstsein brachte — seine Wünsche, seine Wüste – was er auch anfertigte, in den Blick zog, anzog, der Gedanke, den er jetzt dachte, es war alles schon hier, ungedacht.

Unwiderruflich auf dem Tablett, gerade im Moment, da er es im Set auftauchen sieht.

Er ist ruhig trotz des himmlischen Affentanzes — DONNER UND BLITZ – und des irdischen Aufruhrs.

Er stellt sich eine Diskussion vor zwischen Hebräischen Propheten, die kein Wort für Körper haben, und Babylonischen Astrologen, denen das Wort für Mond fehlt.

Oder eine Kontroverse darüber, ob Gott zuerst die linke oder rechte Hand gemacht hat.

Jeder Stuhl hier hat ein zerfetztes Polster, eine zerbrochene Lehne oder ein schiefes Bein. Alle Türknäufe sind weg und die Fenster klappern.

Er hat sein Vertrauen in das Adagio gelegt, ein langsamer Fortschritt durch die Apotheose. Ein zarter leuchtender Brei, windbenetzt, überhaucht – die Blätter üppig in Licht getaucht, als gäbe es dies ohne Kampf.

V

Ich erwache plötzlich und stelle erst einmal fest, dass ich nicht mehr schlafe – dass keine Stille herrscht – dass mich ein Klang geweckt hat, ein ganz besonderer Klang, vertraut und doch überraschend.

In Paris, wie in anderen europäischen Städten, gibt es in Bussen ein ganz bestimmtes System der Bezahlung: man steckt seinen Fahrschein in den Rachen eines Entwerters, einer Maschine also, die den Fahrschein nicht nur locht, sondern auch Datum und Zeit aufstempelt. Wenn ein Kontrolleur in den Bus kommt, und man hat keinen Fahrschein mit den richtigen Datum, dann setzt es Ärger.

Dieses Entwerten macht großen Krach.

Aber die Maschine macht noch ein anderes Geräusch: sie hat eine eingebaute Uhr, die gelegentlich vorrückt, und ohne dass jemand ein Ticket einführt, ohne dass jemand sich zwangsläufig in der Nähe des Kastens aufhält, deutlich ein maschineller Ton erklingt – nicht wie wie beim Entwerten, sondern heller, dumpf zwar auch, aber etwas weniger dumpf.

Es ist dieses Geräusch, genau dieses Geräusch, das mich just in Providence, an einem ruhigen Morgen, weckt und irritiert.

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Hannah Arendt. Autonomie und Kontext

Im letzten Jahr erschien bei Piper ein Band mit Gedichten von Hannah Arendt. Die  Texte waren verschiedenen Schriften, wie Tagebüchern und Briefen entnommen also dekontextualisiert. Die Aufnahme war eher schwierig. In verschiedenen Rezensionen   wurden die Gedichte mehr oder weniger verrissen. Die Dekontextualisierung hatte also zu einer Ablehnung geführt.

Etwas später aber erschien bei Transkript aber ein Buch von Anne Betheau. Hannah Arendt und die Dichtung. und leistet etwas Außergewöhnliches. Sie entfaltet den Kontext von neuem, gibt somit den Texten Hintergrund und Landschaft und ihnen damit auch ein Stückweit (paradoxerweise) ihre Autonomie zurück. Wenig Spannenderes derzeit auf dem Literaturmarkt.

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Ökonomie und Gedicht – Debora Vogel

Lese eine Reihe von Balladen im Band von Debora Vogel. (Es wird schwierig Die Geometrie des Verzichts zu besprechen, das Buch ist irre vielschichtig. Also vorab eine Reihe Notizen) Einmal nimmt sie direkt Bezug auf Brechts Dreigroschenoper (Und wozu gerade ein Schiff mit acht Segeln). Aber was bei Brecht verklausuliert daherkommt, wahrscheinlich traute er seinem ökonomischen Verständnis nicht.) bringt Vogel auf direkte Weise. Alles Verklärende fällt weg, aber auch die von Brecht vorgeschützte Raubeinigkeit, die mir in der Postpubertät so imponierte. Die ästhetischen Qualitäten ökonomischen Denkens werden hier bei Vogel sichtbar. (Parallele zu R. Waldrop.) Und es ist nicht Affirmation die in der Ästhetik liegt. Im Gegenteil. Aber eben auch kein Fundamentalismus. Und letztlich ist sie viel klarer als Brecht, analytischer.

Man konnte nicht glauben, daß das Geld

angehäuft brach liegen kann

wie Krumen fetter Erde.

 

(im Original sind die Texte Jiddisch. Ich hätte gern, dass man sie mir vorträgt.)

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erster Moment

Gerade bekam ich ein Buch von Debora Vogel, die ich nicht kannte, bis ich ihren Namen in der Verlagsankündigung des Arco Verlags las. Sie wurde 1942 von den Nationalsozialisten ermordet. Beim ersten Durchblättern hatte ich das gleiche Gefühl der Euphorie wie damals, als ich vor ca. 30 Jahren zum Mal einen Band von Bruno Schulz aufschlug. Wenn Konservativismus Bewahren heißt, dann will ich in einem bestimmten Sinn konservativ sein: es geht darum Alternatven zu bewahren, die vom gnadenlosen Gang der Geschichte verschüttet werden.

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