ein wenig war ich doch in kassel

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Reisen

aus: Verzeichnis

Ex Archia

 

Wie weit wir doch von der Welt entfernt sind

Die Schmerzen im Knie unbestimmt und ich weiß

Wenn ich hinter mich blicke nicht einmal

Über welchen Stein ich eben gestolpert bin.

 

Das Bild,

Bild vom Bild,

der Klang

Und irgendwas holpert

künstlich Schikanen.

Geräusche

Noch nicht getrennt.

Kein Satz,

der zitierbar wäre.

 

Geruch

und Geschmack,

Gegen die Wand.

Das Wasser im Glas ein Nebel

mit Schlieren.

 

Die Töne, mein Lieber. Geräusche

Bis zur Wirklichkeit dämmen.

Ein Vorgang außerhalb der Geschichte.

White Noise. Am Nachbartisch

Leute mit Büchern,

Gedanken

als Ware.

In Zeitungspapier eingeschlagen,

die Ware als Wache.

 

Als hörte ich die Welt, sagst du,

Zum ersten Mal. Stimmen und Instrumente.

Vereinzelt Motoren in der Fußgängerzone.

Frischfisch und Brote und Flaschen

Gegeneinander. Dinge

Des täglichen Bedarfs. Abends drängen

Durch das verschlossene Fenster

Die Autoscheinwerfer ins Zimmer

Schatten über dem Stuck.

 

Was endet

an stillgelegten Gleisanlagen?

Die Restlaute Explosionsverwehung,

Stimmen des Krieges

Geschichte in Obertonwelten.

Zwischen den Buchstaben lesen.

Als schöpfe die Sprache

aus dem Vollen.

Den Wolken, ein Arsenal

Wendung, Semantik, Gefühl.

 

Abspachteln, Zahnschmelz, am Nebentisch

Stimmengewirr griechisch sagst du

Und mußt es ja wissen denn du

Trägst einen Reiseführer in deiner Tasche

Und kennst dich hier aus.

 

Nachtrag

Die Bücher liegen ungerührt, alte Tapete

Ach Liebste, wie viel liegt mir an dieser Sekunde

Ein Alibi. Hammer, der Kopf und die Wand,

Putz, Mörtel, Ziegel und Restrauschen.

Ziegel Putz Mörtel und durch die Tapete

Durch die Farbschicht ein gedehnter Vokal,

Eine RauhfaserAnomalie, Geschichte

In Obertonreihen. Dazwischen die Sieben

Arten Konsonanten zu bilden,

Ein Kratzen

Ein Zischen und Krächzen, Röcheln und Hauchen

Und Schnalzen, ein Schaben. Die Töne

Zu Wirklichkeit dämmen. Und Rauschen

Zu Worten nicht mehr getrennt.

Kindhaftes Lauschen.

 

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Arendt

Ich wollte nur eben mal kurz ein paar Sätze in Hannah Arendts Denktagebuch lesen und stoße auf einen Eintrag vom April 1951. Weltgeschichtlich. Er endet:

„Politisch hatte Hegel dadurch, dass er die Gegenwart notwendigerweise als das Ende der Geschichte begreifen musste, seine weltgeschichtliche Betrachtung bereits diskreditiert und widerlegt, als Marx sie benutzte, um mit ihrer Hilfe das eigentlich tödliche anti-politische Prnzip in der Politik einzuführen.“

Harter Tobak. Der Generalangriff gegen den messianischen Kern der Geschichtsphilosophie? Woher aber dann Arendts Nähe zu Benjamin? Müsste man hier nach die Betrachtung von Politik trennen? Wie gestaltet sich dann aber das Verhältnis von Philosophie und Politik. Was wäre mit dem eingreifenden Denken?

Ein paar Zeilen vorher:

„So empörend Hegels Zufriedenheit mit den gegenwärtig erschienenen Zuständen erscheinen mochte, so richtig war sein politischer Instinkt, seine Methode in dem zu halten, was rein kontemplativ erfassbar ist, und sie nicht zu benutzen, um den politischen Willen Zwecke zu setzen oder die Zuknft für ihn scheinbar aufzubessern.“

Dialektik also als Gegenwartsinstrument, dass nicht über Gegenwärtiges hinausweist und auch die Utopie ist nur gegenwärtige Negativität. Bestimmt den heutigen Freiheits- bzw. Unfreiheitsgrad?

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Tasten nach Waginow

 

O, ziehen wir uns zurück auf der Gnome Inseln
Um dort einen prächtigen Kristallpalast zu errichten
Lassen wir auf den Stufen Löwen und Tiger winseln,
Und beobachten von dort die Wolkenschichten.
Lasst uns musizieren in silbernen Pavillons,
Und auf den Alleen lasst singen die Geigen,
Vögel lasst in goldenen Käfigen jubilieren
Unsere Gesichter wie Lilien weiß sich zeigen
In Gärten veranstalten wir Maskeraden
Singen Lieder, deklamieren Gedichte
Glück wird langsam, die Trauer verladen
Auf kurze Stakkatoworte verzichte. Denn
Mit überschlagender Stimme spricht man vom Herrn
Wie von einem kranken und einsamen Clown.
Und auf ihm prangt dann des Monats Gehörn
Den Monat mit gehörnter Krone zu schaun
Schwächlich pastellen leuchtet der Himmel
Und klingelt mit den Schellen am Hut
Seines Körpers Atome sind wir
Dinge wie Bäume so gut und nicht besser
Als Backsteine, Rohre, auch nicht,
Besser als vergessene Brücken übers Gewässer.
Wir werden höflich bleiben angesichts solcher Trauer
Vor Qual nicht zusammenpressen die Hände
Demütig werden wir Glocken läuten, ein Schauer
Einsam sind an der Gnome Inseln die Strände.
Wir werden sie nicht mit unseren Stimmen schocken
Die Menschen mit ihren rosigen Ohren im Roggen.
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Utopie

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systemversuche, also diesen östlichen eher feudalen als emanzipatorischen Ordnungen, wähnte man sich in einem postutopischen Zeitalter. Zeichen dafür waren z.B. die Ausfälle Joachim Fests gegen Ernst Bloch. Fests Generalthese war seinerzeit, dass utopisches Denken geradzu zwangsläufig zu autoritären Strukturen führe. Mit dem Neoliberalismus schien das Ende der Geschichte erreicht.

Parallel zum liberalen Utopieverzicht erstarkten allerdings religiose Fundamentalismen. Und ihnen hatten die westlichen Gesellschaften kaum etwas entgegenzusetzen, außer wirtschaftliche Erfolge. Allerdings kamen diese Erfolge auch in den westlichen Gesellschaften nicht allen zu Gute. Vielmehr differenzierten diese sich weiter aus, Armut wuchs gleichermaßen wie Reichtum.

Statt eines neoliberalen Paradieses wuchsen die Flüchtlingsströme.

Es wird also Zeit, sich auf unser utopisches Vermögen zu besinnen, das heißt Visionen zu entwickeln, die über das Bestehnde hinaus weisen.

In der Edition Nautilus erscheinen seit geraumer Zeit historische Utopien. Texte, die  in der Vergangenheit utopische Versuche formuliert haben. Aus diesen Versuchen können wir lernen, selbst über das Bestehende hinaus zu denken. Es scheint mir bitter nötig.

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Übersetzen

Immer wieder wird die Frage gestellt, ob Übersetzen eigentlich möglich ist. Dass es notwendig ist, liegt auf der Hand. Schließlich kann man ja nicht jede Sprache lernen, will aber alles wissen, zumindest geht es mir so. Außerdem bringen Übersetzungen zuweilen großartige Texte hervor, wie immer diese sich auch zum Originaltext verhalten. Und die Oberlehrer unter uns werden ohnehin meckern, weil sie wissen, dass man alles ganz anders machen müßte.

Manchmal aber bedankt sich die Zielsprache mit einer sprachlichen Möglichkeit, die nur ihr selbst eignet. Beispielsweise in der Übersetzung Ostashevskys DER PIRAT, DER VON PI DEN WERT NICHT KENNT durch Monika Rinck und Uljana Wolf:

The author awoke famous. He had the parrot strangled.

Über Nacht wurde der Verfasser berühmt. Er ließ den Papagei erdrosseln.

(Eugene Ostashevsky: DER PIRAT, DER VON PI DEN WERT NICHT KENNT. kookbooks 2017)

 

 

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eine Fußnote von 94

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch so sehe, damals aber sah ich das so:

Literatur, welche mit dem Stempel Postmoderne versehen wird, wie zum Beispiel die von Pynchon oder Eco, ist dadurch nicht im mindesten erklärt. Beiden eignet in bestimmten Romanen (Eco in „Das Foucaultsche Pendel“ und Pynchon in „Die Versteigerung von No. 49“) ein bestimmter Umgang mit Geschichte, der diese als gegenwärtige den Protagonisten, durch subjektive Konstruktion, bedrohlich werden läßt, in den Tod oder Wahnsinn treibt.

„Ich habe alles begriffen. Und die Gewißheit, daß es da nichts zu begreifen gab, müßte meine Zufriedenheit und mein Triumph sein. Doch ich bin hier, der ich alles begriffen habe, und sie suchen nach mir, weil sie meinen, ich sei im Besitz der Offenbarung, die sie dumpf begehren. Es genügt nicht, begriffen zu haben, wenn die anderen sich weigern weiterzubohren.“ Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel, München 1992

„Und dabei hatten sie alle ihre Chance gehabt, früher, und die Möglichkeit, sich zu entfalten. Wie hatte es nur so weit kommen können? Jetzt war es, als ginge man zwischen den Matritzen eines riesigen Digitalrechners spazieren, über einem und vor einem hingen symmetrisch geordnet, nach links und rechts genau ausbalanciert wie Mobiles, die Nullen und Einsen, dick und fett, vielleicht endlos weit. Entweder es verbarg sich irgendein transzendenter Sinn hinter diesen hieroglyphischen Straßen, oder es war nur einfach Erde da, am Ende der Wege.“ Thomas Pynchon: Die Versteigerung von No.49, Berlin 1985, S.159

Sowohl bei Eco als auch bei Pynchon gerinnt Geschichte zum Kriminalfall. Das Tasten nach Sinn, nach Aufklärung reißt immer tiefere Löcher. Einzelne Linien sind zu erkennen, daß ganze jedoch wird durch eben jene Linien immer weiter verstellt, wird zum Dschungel. Gesellschaft stellt sich dar wie bedrohliche Natur, chaotisch verworren, in der das Individuum sich verirrt.

Bedrohlich für jenen, der ihre Sinnlosigkeit erkannt hat, weil er in ihr, um seine Existenz bangend, keinen Ausweg sieht, der ihm diese garantiert. Einsicht ist keine Zuflucht.

Dies verweist aber eher auf die Geschichtslosigkeit und Vereinsamung des Subjekts in der modernen Welt, als auf die Unmöglichkeit objektiver Geschichtsschreibung überhaupt, wie es postmoderne Theoretiker gern verkünden.

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