Hannah Arendt. Autonomie und Kontext

Im letzten Jahr erschien bei Piper ein Band mit Gedichten von Hannah Arendt. Die  Texte waren verschiedenen Schriften, wie Tagebüchern und Briefen entnommen also dekontextualisiert. Die Aufnahme war eher schwierig. In verschiedenen Rezensionen   wurden die Gedichte mehr oder weniger verrissen. Die Dekontextualisierung hatte also zu einer Ablehnung geführt.

Etwas später aber erschien bei Transkript aber ein Buch von Anne Betheau. Hannah Arendt und die Dichtung. und leistet etwas Außergewöhnliches. Sie entfaltet den Kontext von neuem, gibt somit den Texten Hintergrund und Landschaft und ihnen damit auch ein Stückweit (paradoxerweise) ihre Autonomie zurück. Wenig Spannenderes derzeit auf dem Literaturmarkt.

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Ökonomie und Gedicht – Debora Vogel

Lese eine Reihe von Balladen im Band von Debora Vogel. (Es wird schwierig Die Geometrie des Verzichts zu besprechen, das Buch ist irre vielschichtig. Also vorab eine Reihe Notizen) Einmal nimmt sie direkt Bezug auf Brechts Dreigroschenoper (Und wozu gerade ein Schiff mit acht Segeln). Aber was bei Brecht verklausuliert daherkommt, wahrscheinlich traute er seinem ökonomischen Verständnis nicht.) bringt Vogel auf direkte Weise. Alles Verklärende fällt weg, aber auch die von Brecht vorgeschützte Raubeinigkeit, die mir in der Postpubertät so imponierte. Die ästhetischen Qualitäten ökonomischen Denkens werden hier bei Vogel sichtbar. (Parallele zu R. Waldrop.) Und es ist nicht Affirmation die in der Ästhetik liegt. Im Gegenteil. Aber eben auch kein Fundamentalismus. Und letztlich ist sie viel klarer als Brecht, analytischer.

Man konnte nicht glauben, daß das Geld

angehäuft brach liegen kann

wie Krumen fetter Erde.

 

(im Original sind die Texte Jiddisch. Ich hätte gern, dass man sie mir vorträgt.)

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erster Moment

Gerade bekam ich ein Buch von Debora Vogel, die ich nicht kannte, bis ich ihren Namen in der Verlagsankündigung des Arco Verlags las. Sie wurde 1942 von den Nationalsozialisten ermordet. Beim ersten Durchblättern hatte ich das gleiche Gefühl der Euphorie wie damals, als ich vor ca. 30 Jahren zum Mal einen Band von Bruno Schulz aufschlug. Wenn Konservativismus Bewahren heißt, dann will ich in einem bestimmten Sinn konservativ sein: es geht darum Alternatven zu bewahren, die vom gnadenlosen Gang der Geschichte verschüttet werden.

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Alte Texte

aus: Platon und die Spülmaschine

Tiere auf Rolltreppen

Trotz unserer Unkenntnis über die Wege der Natur … kennen wir doch die einfachen und allgemeinen Gesetze, nach denen die Körper sich bewegen. d’Holbach in „System der Natur“

Tempo und Bequemlichkeit sind der Kern der Mobilitätsvorstellung des modernen Menschen. Er hat sich eine Menge Hilfsmittel ausgedacht, um die Fähigkeiten der Tiere, die er sah, nachzuahmen und sogar zu vervollkomnen. Der erste Gedanke war simpel. Sitzt man auf dem Rücken eines Pferdes, ist man so schnell wie ein Pferd.

Da Vinci sah die Vögel, wurde traurig, und machte sich daran, eine Flugmaschine zu entwickeln. So ging es über Lilienthal bis zum Airbus, von Ikarus bis zur Mondrakete.

Wir sind heute schneller als die schnellsten Pferde und fliegen höher hinaus als die Vögel.

Und wir haben uns Fortbewegungsmittel geschaffen, um die uns Tiere, wenn sie denken können, vielleicht beneiden. Rolltreppen zum Beispiel wie die in einer Unterführung in Frankfurt am Main.

Dieser Fußgängertunnel verbindet den Hauptbahnhof mit dem angrenzenden Rotlichtviertel. Es ist schon spät, und die wenigen Passanten, die noch unterwegs sind, beeilen sich, die letzte Straßenbahn nicht zu verpassen. Ein paar Obdachlose haben es sich in Nischen vor verschlossenen Türen bequem gemacht. Sie trinken Schnaps aus Flaschen, die sie in Zeitungspapier gewickelt haben. Mag sein, sie schämen sich ihrer Trunksucht, viel eher aber wollen sie den Alkohol vor ihren Leidensgenossen verstecken. Das ist allenfalls ein leeres Ritual, den jeder der Obdachlosen weiß, was die anderen in dem Papier versteckt halten.

Alles ist ruhig. Die Zugluft treibt Pollen durch die Unterführung, und einer der Penner niest. Plötzlich wird die Lichtschranke an der Rolltreppe am Ausgang ausgelöst und die Motoren setzen sich mit einem tiefen, schabenden Geräusch in Bewegung. Auf der Rolltreppe ist niemand zu sehen. Ich bin etwas verstört. Wahrscheinlich ist ein Kontakt locker, denke ich, und nun arbeitet die Rolltreppe einfach ins Leere hinein.

Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich einen kleinen Hund auf der Fahrtreppe stehen. Souverän reckt der Hund seinen Kopf in die Luft, als merke er, daß er sich gerade einer Errungenschaft der menschlichen Zivilisation bemächtigt. Die treibenden Pollen stören ihn nicht. Eine Promenadenmischung. Oben angekommen, springt der Hund rüber auf die Steinstufen und rennt nach unten, um dann die Rolltreppe erneut in Gang zu setzen. Er scheint Spaß daran zu haben und erinnert mich an die Kinder aus Kleinstädten, die ihre Mütter nur zum Einkauf in die Stadt begleiten, weil sie dann so oft Rolltreppe fahren können.

Wieder oben angekommen, schnüffelt der Hund an einem metallenen Abfalleimer, setzt seine Duftmarke und geht seines Weges. Ich schaue ihm nach. Es ist die Rolltreppe des Hundes, denke ich, nachdem ich die Treppen daneben hinaufgestiegen bin.

Wir meinen die Tiere, die einst unsere Vorbilder waren, weit zurückgelassen zu haben. Doch halten wir in unserem Tempo inne und blicken uns um, so merken wir, daß sie uns folgen. Und die Hunde sind nur ihre Spione.

 

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Zweite Natur

Interessanter (und treffender) als der Begriff des Anthropozäns scheint mir der Begriff zweite Natur. Vielleicht oute ich mich damit als konventioneller Marxist, aber mir  erscheint es evident, dass der Mensch als soziales Subjekt schon lange, beginnend mit der Transformation seiner Produkte und seiner Arbeitskraft (die auch Produkt ist) in Ware, in zweite, von ihm selbst geschaffene Natur verstrickt ist, und vielleicht ist das die Basis für den dramatischen Eingriff, für die Veränderungen der ersten Natur, wie sie von den Theorien des Anthropozän konstatiert werden.

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Auszug: Der Rumäne

Der Dickgesichtige ist kein Ausländer, kein Russe und auch kein Rumäne. Zuerst dachte ich, es könnte sich um einen Chinesen handeln, aber sein Gesicht ist lediglich aufgeschwemmt.

Wer sind die anderen, die hier leben? Könnte es sich um meinen Entführer handeln, ist dies das Versteck meines Entführers, und ist der Dickgesichtige vielleicht sein Chef?

Ich werde ihm eine Falle stellen.

Wie kommen sie denn mit den Rumänen aus?

Rumänen? fragt er.

Rumänen, Menschen die aus Rumänien kommen, sage ich.

Ich kenne keinen Rumänen sagt der Dickgesichtige. Ich und die anderen, wir kennen keinen Rumänen.

Aha! Warum leben sie denn hier unten, haben sie gegen ein Gesetz verstoßen, dass sie das Tageslicht fürchten, müssen sie fürchten, erkannt zu werden?

Der Dickgesichtigte sieht mich fragend an.

Warum leben sie hier, wiederhole ich.

Es ist bequem sagt der Dickgesichtige.

Bequem?, frage ich.

Ja bequem. Hier unten herrscht die ganze Zeit eine relativ gleichbleibende Temperatur. Das Wetter ändert sich nicht und wir sind vor der Missgunst der Menschen geschützt. Niemand beneidet uns um unser Leben, kaum jemand kennt es.

Schroth, sage ich.

Schroth? fragt der Dickgesichtige.

Ja ,Schroth kennt ihr Leben. Seit einigen Tagen verfolge ich ihn in der Pause, er kommt immer in das Haus in dem der Eingang zu diesem Keller ist. Schroth hat mich gewissermaßen hierher geführt.

Ich weiß nicht, wer Schroth ist, sagt der Dickgesichtige, vielleicht habe ich ihn hier unten schon gesehen, aber ich kenne seinen Namen nicht. Wir sprechen uns aber hier auch nicht mit Namen an.

Wie sprechen sie sich an?, frage ich. Nach körperlichen Eigenschaften, sagt er, mich zum Beispiel nennen die anderen den Dickgesichtigen.

Schroth könnte der Große heißen, denn Schroth ist groß, denke ich.G ibt es unter ihnen

einen, den sie den Großen nennen?  Nein, antwortet der Dickgesichtige.

Ich werde Schroth genau betrachten, denke ich, vielleicht finde ich heraus, wie man ihn nennt.

Wie lang sind sie schon hier unten? frage ich.

Wie lang?  der Dickgesichtige scheint die Frage nicht zu verstehen.

Wie lang leben sie schon hier, Wochen Monate, Jahre?

Wir messen die Zeit nicht in Stunden, Tagen usw, sagt der Dickgesichtige. Hier unten gibt es keine Sonne und die Lampen sind immer eingeschaltet. Das ist, so könnte man sagen, eine noble Geste der Stadtverwaltung.

Aber, frage ich, wie messen sie die Zeit? Wir könnten, sagt er, die Wassertropfen zählen,die von den Stahlrohren fallen. Es hat eine gewisse Regelmäßigkeit. Wir könnten die Zeit in Zehntropfenintervalle segmentieren, sagter. Die Vorstellung, man messe die Zeit in Tropfendekaden beunruhigt mich. Und tun sie das? frage ich. Nein, antwortete der Dickgesichtige. Wir müssen, sagt er, die Zeit nicht messen:

Was aber tun sie hier?

Ich sitze meist auf dieser Kiste und denke.

Sie denken? Ja, zum Beispiel denke ich darüber nach, wie man ohne Uhr und Sonne die Zeit messen könnte wenn man es bräuchte. Aber das ist nur ein Beispiel, es gibt viele Dinge mit denen man sich beschäftigen kann.

Wer man ist und wie man heißt, und ob die Stadtverwaltung von ihnen weiß, sage ich.

Ach was. Vor einer Weile habe ich versucht, mir vorzustellen, es gäbe keine Schwerkraft, sagt derDickgesichtige. Dann würden wir fliegen, sage ich. Das war auch mein erster Gedanke, sagt er, aber er ist oberflächlich. Wie hätten sich unsere Gliedmaßen entwickelt, und wären wir nicht eher rund dann, statt langgezogen, vielleicht diente uns auch unter solchen Bedingungen die Nase zum riechen und steuern und nicht die Beine zum tasten und gehen. Fragen über Fragen, man findet kein Ende. Wir könnten die Zeit messen in der Dauer der Beantwortung von Fragen.

Warum und von wem bin ich entführt worden?

Bitte?

Warum und von wem bin ich entführt worden? Ich artikuliere prägnanter jetzt und spreche lauter.

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Das Umschlagen

ich werde von nun an konsequent an einem regionalkrimi arbeiten, der auf engstem raum in meiner küche unmittelbar vor der balkontür spielt, also direkt zwischen dem kühlschrank und dem napf unserer katze, auf den kartzenfutterresten, die sie, wie es ihre gewohnheit ist, neben dem tröglein fallen und antrocknen lässt. derart lokal wird das werk sein, dass stadt und land keine bedeutung mehr haben. nicht einmal der kontinent spielt eine rolle, so dass aus dem lokalkrimi ein universalkrimi wird. ein allgemeiner tod, ganz ohne akzent.

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