Vielleicht

Ich lese gerade etwas in Ingolds Endnoten (Ritter Verlag). Nicht systematisch, sondern eher so, wie man durch  ein Stadtgebiet flaniert. Eine Stadt, die man lang schon kennt, aber man geht eben durch ein neues Viertel. Und vielleicht, denke ich, gibt es ja doch so etwas wie ein Werk im übergreifenden Sinn als Gesamtheit dessen, was einer oder eine geschrieben hat, ein Werk mit einer inneren Logik, die aber nicht die des Lebens selbst ist, dem man das Werk zuschreibt.  Eher dahingehend eine Einheit, dass der Autor, die Autorin so etwas wie ein Nadelöhr bildet, den Einsatz Teigpresse, durch die der Stoff hindurchgeht, hindurch gedrückt wird, und die ihm seine Form aufdrückt. Über die Jahre verändern sich die Öffnungen, aber nicht zur Unkenntlichkeit, und sie bleiben auch an der gleichen Stelle, und der Text, das Gebäck sind mehr formale Erinnerungen als Abgüsse der Urform, die mit dem ersten Gebrauch schon von sich abweicht.

 

 

 

 

 

 

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Adorno in seiner Schrift: Kierkegaard

Die Konstruktion des Ästhetischen.  Im Kapitel III unter dem Stichwort Soziologie über das Ineinandergreifen gesellschaftlicher Hierarchien und Unterdrückungsverhältnisse:

Die autonome Ethik der absoluten Person jedoch bezeugt in ihren Sachgehalten deren Relativität auf die bürgerliche Klassenlage. Das konkrete Selbst ist für Kierkegaard mit dem bürgerlichen Identisch: „Es ist nicht bloß ein persönliches, sondern ein soziales, ein bürgerliches Selbst.“ Damit jedoch setzt es gerade solche „Differenzbestimmungen“, wie die Allgemeinheit des Sittengesetzes sie ausschließen sollte. Deren Grund ist Klassenbewußtsein. An Negern und Sängerinnen hat bei Kirkegaard die ethische Allgemeinheit ihre Grenze. In den Stadien heißt es: „Denn ein Schwarzer, der nicht wohl das Geistige repräsentieren kann …“ von Othello; in einem Brief an Boesen, den Schrempf mit Recht anführt: „An einer Sängerin ist im Allgemeinen nicht viel verloren.“

(Th.W. Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. Frankfurt am Main 2003. S. 72 f.

Adorno zeigt sich in dieser frühen Schrift schon sensiblisiert für Rassismus und Sexismus im europäischen Gedankengebäude, und spürt sie auch in Kierkegaards Nebensätzen auf.

 

 

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Erinnerung an Peter S.

Peter S. aus meiner Abiklasse, ein Musterschüler, aber echt netter Kerl, Architekt heute, damals in allen Künsten bewandert, gab mir ein Beispiel für Verdichtung, an das ich noch heute manchmal denke. Das Gedicht besang den Kirschsaft, der in einem Glas „zur Ruhe quillt.“

Und einmal habe ich ihn im Sportunterricht beim Boxen aus Versehen entgegen unserer Abmachung fast k.o. geschlagen.

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Aus gegebenen Anlass

Theodor. W. Adorno in:

Minima Moralia

Reflexionen aus dem beschädigten Leben

 

22

Kind mit dem Bade. – Unter den Motiven der Kulturkritik ist von Alters her zentral das der Lüge: daß Kultur eine menschenwürdige Gesellschaft vortäuscht, die nicht existiert; daß sie die materiellen Bedingungen verdeckt, auf denen alles Menschliche sich erhebt, und daß sie mit Trost und Beschwichtigung dazu dient, die schlechte ökonomische Bestimmtheit des Daseins am Leben zu erhalten. Es ist der Gedanke von der Kultur als Ideologie, wie ihn auf den ersten Blick die bürgerliche Gewaltlehre und ihr Widerpart, Nietzsche und Marx, miteinander gemeinsam haben. Aber gerade dieser Gedanke, gleich allem Wettern über die Lüge, hat eine verdächtige Neigung, selber zur Ideologie zu werden. Das erweist sich am Privaten. Zwangshaft reicht der Gedanke an Geld und aller Konflikt, den er mit sich führt, bis in die zartesten erotischen, die sublimsten geistigen Beziehungen hinein. Mit der Logik der Konsequenz und dem Pathos der Wahrheit könnte daher die Kulturkritik fordern, daß die Verhältnisse durchaus auf ihren materiellen Ursprung reduziert, rücksichtslos und unverhüllt nach der Interessenlage zwischen den Beteiligten gestaltet werden müßten. Ist doch der Sinn nicht unabhängig von der Genese, und leicht läßt an allem, was über das Materielle sich legt oder es vermittelt, die Spur von Unaufrichtigkeit, Sentimentalität, ja gerade das verkappte und doppelt giftige Interesse sich finden. Wollte man aber radikal danach handeln, so würde man mit dem Unwahren auch alles Wahre ausrotten, alles was wie immer ohnmächtig dem Umkreis der universellen Praxis sich zu entheben trachtet, alle schimärische Vorwegnahme des edleren Zustands, und würde unmittelbar zur Barbarei übergehen, die man als vermittelte der Kultur vorwirft. Bei den bürgerlichen Kulturkritikern nach Nietzsche war dieser Umschlag stets offenbar: begeistert unterschrieben hat ihn Spengler. Aber die Marxisten sind nicht davor gefeit. Einmal vom sozialdemokratischen Glauben an den kulturellen Fortschritt kuriert und der anwachsenden Barbarei gegenübergestellt, sind sie in ständiger Versuchung, der »objektiven Tendenz« zuliebe jene zu advozieren und in einem Akt der Desperation das Heil vom Todfeind zu erwarten, der, als »Antithese«, blind und mysteriös das gute Ende soll bereiten helfen. Die Hervorhebung des materiellen Elements gegenüber dem Geist als Lüge entwickelt ohnehin eine Art bedenklicher Wahlverwandtschaft mit der politischen Ökonomie, deren immanente Kritik man betreibt, vergleichbar dem Einverständnis zwischen Polizei und Unterwelt. Seitdem mit der Utopie aufgeräumt ist und die Einheit von Theorie und Praxis gefordert wird, ist man allzu praktisch geworden. Die Angst vor der Ohnmacht der Theorie liefert den Vorwand, dem allmächtigen Produktionsprozeß sich zu verschreiben und damit vollends erst die Ohnmacht der Theorie zuzugestehen. Züge des Hämischen sind schon der authentischen Marxischen Sprache nicht fremd, und heute bahnt eine Anähnelung von Geschäftsgeist und nüchtern beurteilender Kritik, von vulgärem und anderem Materialismus sich an, in der es zuweilen schwer fällt, Subjekt und Objekt recht auseinander zu halten. – Kultur einzig mit Lüge zu identifizieren ist am verhängnisvollsten in dem Augenblick, da jene wirklich ganz in diese übergeht und solche Identifikation eifrig herausfordert, um jeden widerstehenden Gedanken zu kompromittieren. Nennt man die materielle Realität die Welt des Tauschwerts, Kultur aber, was immer dessen Herrschaft zu akzeptieren sich weigert, so ist solche Weigerung zwar scheinhaft, solange das Bestehende besteht. Da jedoch der freie und gerechte Tausch selber die Lüge ist, so steht was ihn verleugnet, zugleich auch für die Wahrheit ein: der Lüge der Warenwelt gegenüber wird noch die Lüge zum Korrektiv, die jene denunziert. Daß die Kultur bis heute mißlang, ist keine Rechtfertigung dafür, ihr Mißlingen zu befördern, indem man wie Katherlieschen noch den Vorrat an schönem Weizenmehl über das ausgelaufene Bier streut. Menschen, die zusammengehören, sollten sich weder ihre materiellen Interessen verschweigen, noch auf sie nivellieren, sondern sie reflektiert in ihr Verhältnis aufnehmen und damit über sie hinausgehen.

 

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Rot

Hier liegt Ann Carsons ROT in der Übersetzung von Anja Utler. Natürlich habe ich schon reingelesen, auch wenn das Buch im Grunde noch etwas warten müsste, weil anderes zuvor …,

Aber der Text entfaltet schon beim ersten Versuch einen entsprechenden Sog, und ich bin gewiss nicht altphilolologisch geschult. Allgemeinbildung halt. Und mein Urgroßvater, Industrietischler, las mir Schwabs Sagenversionen vor. Wie andere Märchen auch.

Umso mehr überraschen mich die ersten Rezensionen, die von einer schwierigen Lektüre sprechen. als wollten ihre AutorInnen nicht, dass jemand sich am bürgerlichen Bildungsgut vergreift. Das ist herrschende Ideologie Leutschings. Lest also, egal welchen Abschluss Ihr habt, Carsons Texte. Wissen ergibt sich, wenn man es braucht. Man kann Nachschlagen usw. Schlagt also alle Warnungen in den Wind!!!!

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Aus aktuellem Anlass

oder schlag nach (bei) Adorno:

„Denn wo immer Ästheik auf den Dualismus von Inhalt und Form sich stützt, ohne in der ausgeführten Analysis der Formen gleichwie der Inhalte ihr wechselfältiges Durch-einander-produziert-Sein evident zu machen, setzt notwendig für die Theorie der Primat des Formalprinzips sich durch.“

in: Th.W. Adorno: Kirkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. Ffm 2003. S.28

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Trakl hören

Die Bücher steckten in Schubern, Tische in den Kneipen unter Tischdecken. Weiße! Kapitulation vor der Trunksucht? O Reinheit. Er sah dem Kellner zu, hörte zugleich auf das Gedicht, das zu ihm herüber klang, stoßweise, die Verse eher versehentlich als Verse gesprochen. Stoßseufzer waren es nicht. Im Gegenteil. Er hörte: der Sprecher, schon einiges intus, gab sich Mühe, den Alkoholpegel auszugleichen. Mondnacht, du bleiche Mönchin. Aber statt deutlicher zu artikulieren, wurde er nur immer lauter die Luft, die er angestrengt zwischen den Lippen herauspresste, von Speicheltropfen begleitet. Er hörte, hörte die Tropfen wie einen entfernten Regen, er bildet sich ein, dass er sie hörte. Er hörte, hätte es nicht sehen mögen. Im Schnee. Im Regen eher. Und wahrscheinlich ist auch erst November gewesen. Das Schuljahr im Gang, die Zeit aber, die kommende, schien endlos, selbst in diesem Jahr. Endlos zum Abitur, denn er wollte der Schuber des Sozialismus sein, eine Gratisbeigabe der Geschichte im Weltbuchhandel. Die Anwesenheit der Texte in Büchern Versprechen:

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