Stötzer in Chemnitz

Erhabenes Handwerk

oder

Stötzer in Chemnitz

Eins

Diese Stadt weist in jegliche Richtung

sagt Stötzer und ist doch immer nur eine

Durchgangsstation

Das Zentrum des Universums eben

und wenn wir uns sehen, sehen wir uns wie wir

uns voneinander entfernen

was wir für Trauer halten mein Lieber

dabei ist die Haltung des Kopfes.

Ein Schwan beim Fressen.

Aber bei ihnen, sagt Stötzer, ist es wohl effektiver.

Zwei

Er fühlt sich

weit weniger abgeworfen hier

als gelandet.

Fast heimisch könne er sagen.

aber zerstückelt

in dieser Geschichte liegt

die Stadt

geflickt und diesseits der Berge

die als Berge erkennbar

nur dem Heimkehrer sind.

Von hier aus war der Treck gestartet

Nach Übersee und heimgekehrt war er

aus Heimweh sagt Stötzer

Unterm Fenster lagen Wollsocken aus

Chemnitz und Felswasser in Beuteln.

Drei

Als gäbe es Wege nur um der späteren Mühsal Willen

als habe man sich durch Fortbleiben dem eigenen Schicksal

entziehen können. Durch Ausharren in Chicago zum Beispiel

Doch Urgroßmutter sah Dresden brennen

und ein paar Wochen später, so wollte es die Kessellage

war sie auch ausgebrannt

Sie stapft in den Schuhen der Städter über die Äcker,

die sie einst verlassen und sie erkennt diesen und jenen

der sein Gesicht vor ihr versteckt doch am Gang.

Sie wollten nichts geben,

Warum auch, sagt Stötzer, hatte man doch die Jahre genutzt

Kartoffeln und Mais angebaut

wie immer. Großmutter in den Schuhen der Städter

war leicht zu erkennen gewesen.

Nützte ja nichts, die ersten Jahre

waren sie alle gleich

hatten das Ideale der Gleichheit erfahren

Dass man sich erkennt, hat auch sein Gutes.

Vier

Wer wollte da von Häuserzeilen sprechen.

Die Stadt als Luftbild im Ganzen aber verschüttet

Die Straßen schlängeln sich zwischen Schotterhügeln

man ist, weil man geht und sitzen bleiben nur jene,

die etwas zum Tausch aus dem Kinderwagen ziehen.

Nichts als Überreste sagt Stötzer und wühlt in den Taschen

schaut sich um, als wäre auch das eine Art Hoffnung

zu suchen. Die Geradlinigkeit

der Magistralen verliert sich am Saum

sagt er und diese Einkaufsklötze und Stötzer

schluckt. Zeitlichkeit.

Fünf

Was einmal elegant war, beschwingt fast

bildet ein Ende und wird auch

Museum heißen zum Schluss.

Der Wiederaufbau kann das Vergessen

nicht überdecken. So viele

freie Plätze. Zu viel für einige Jahre

Vergangenheit, sagt Stötzer.

Ihn erinnere die Stadt in ihrer wirren Linienführung

an einen gefalteten Kleiderschnitt, vielleicht

eine knielange Hose.

Und schlängelt sich ein Flüsschen durch

ein Baukastensystem. Die Zeit

will es universell und Kriege bekommt man

nur noch aus großer Entfernung zu Gesicht.

So spricht Stötzer und nickt

als hätte er sich selbst überzeugt.

Angesichts dieser Stadt

sei der Wunsch

nach Einbauküchen aus Eiche und Chrom wie der Wunsch dieser Stadt

nach sich selbst. Eine Sehnsucht nach eigner Vollendung.

Insofern verständlich

Doch zuviel liegt schon in der Zukunft

zuviel und versandet. Sagt Stötzer.

Sechs

Geradewegs vom Hauptbahnhof ist er

zum Theaterplatz gelaufen und bedauert

zum hundertsten Mal das Verschwinden

der breiten Freitreppe. Dort vor der Oper

hat man sie durch ein gewundenes Treppchen ersetzt

und dadurch Platz geschaffen

für einen Eingang zum Parkhaus.

Und nun ist der Platz wie die Stadt, die Zeit

ohne Ausgang und Abschluss die Geschichte

bleibt Sackgasse. Wie hatte man Thälmann

dort gefeiert. Und das Blech aus den Trichtern.

Jetzt bewegt man sich tänzelnd im Ballkleid.

Nicht schlecht, doch nicht alles.

Auch in Innenstädten sollte man auf Treppen sitzen können

ohne wesentlich den Verkehr zu behindern

ohne Risiko. Und wer wisse schon

vom Ort einer Gründung.

vom Ort einer ersten Erfahrung. Etwas

aber etwas schwelt immer, sagt Stötzer.

Sieben

Irgendwo südwestlich im Vogtland erzählt man

kam einst ein Raumfahrer zur Welt

dieser Raumfahrer trug eine Uniform und ein Lächeln so schön

wie einzig Raumfahrer lächeln.

dort im Südwesten steht ihn zu ehren

ein Jagdflugzeug auf einem Sockel.

Das habe so manchen dazu bewegt

eine Zukunft als Flieger zu planen

weiter hinaus als des Sozialismus Fingerzeig weist.

Und der Raumfahrer spricht

wie Raumfahrer sprechen von einem Planeten

ganz in der Nähe und er lächelt verschmitzt

blinzelt uns zu und lobt den Planeten

(der Raumfahrer spricht noch

ein ernstes Gesicht noch) Diesen Planeten

müsse man schützen um jeden Preis.

Und: Stötzer in Hochform: Der Zusammenhang

Raumflug und Potenz, ruft er, überleg dir das Mal

was da einer von Verletzlichkeit faselt

ein Pistolero ist er, sagt Stötzer, und kein Kosmonaut.

in der Hand die Pistoleund laut die geringe Dichte

bedauernd der menschlichen Epidermis. Pah!

und er drückt dennoch ab stockt und weint.

Drückt noch einmal ab und weint noch immer.

Mensch Meier! ruft Stötzer :

was uns befähigt dem Ende ins Auge zu sehen

befähigt uns auch bis an dieses Ende zu gehen.

Gottverdammichnocheinmal.

Im Tschaika fährt der Raumfahrer durch die Stadt

mit offnem Visier durch ein Spalier

aus Schultern und Unterrichtsausfall

Feiern die Schüler wie Forscher die Raumfahrt.

Moderne und Gegenmoderne, sagt Stötzer

dazwischen ein Krieg. Ein Kreis.

Und im Heckertgebiet ein Zeißplanetarium.

Acht

Die Stadt, die Bewohner voll Stolz

Auf die Leistung der Industrie,

die sich von Beginn hier angesiedelt

und Gregor Bauer

der sich Agricola nannte

schrieb hier im sechzehnten Jahrhundert

eine der ersten Abhandlungen über den Abbau

von Erzen.

Man merke es dieser Stadt an, sagt Stötzer

Dass sie auf barocke Süßlichkeit verzichtet. Stattdessen

Am textilfarbenen Flusslauf. Aus Tradition

baut man noch immer Maschinen und hat

kleine Kupplungen in die Fenster gestellt.

metallener Stolz. Wanderer und Diamant

Winter und Demut. Funktionen

Funktionäre. Die Leichtbauweise.

Versteinerte Bäume dagegen, aus dem Carbon

Vor Millionen Jahren unter die Stadt in den Schlamm gefallen,

da wars hier noch warm, und jetzt

aufgerichtet im Museum für Naturkunde

in dem stündlich ein Vulkanausbruch simuliert wird.

Neun

Wann ist etwas Bach

Und wann Strom, eine Frage, zu der

Ihm noch immer die Einstellung fehle.

Sagt Stötzer. Die Erlensamen prasseln

gegens Krankenhausfenster

waren so etwas wie sein erster Krieg .

Und vom Herbststurm erzählt er.

Und an den Wochenenden besuchten

seine Verwandten die Front.

Mit kleinen Panzern aus Plastik.

Der T34. Der hatte Hitler besiegt.

Und im Nachbarzimmer der Junge

die Krankheit den Scharlach.

Er musste durch einen eigenen Eingang

die Schleuse ins Krankenhaus kommen.

Zehn

Meist sind es Blätterund Eicheln, die ihn bewegen

Schwarze Erlengeschosse gegen Krankenhausfenster.

Unsere noch jungen Sinne werden

von Anfang mit Bildern belegt.

Raumfahrerkacheln karminrote

Welten gerade entdeckt von Militärs,

die sich für fortschrittlich halten.

Krieger also, denen

der Krieg als solcher nichts gilt.

Das Symbol dieser Stadt wäre Kohle

Reste von etwas, die uns zum Zeichnen dienen

all dessen, was einst verbrannte.

In den Regalen Memoiren

Gedanken an schlimmere Zeiten und bessere

Ach wie jung alle waren.

Elf

Kameniza, die Steinige, ja

Das könne er nun wieder verstehen.

Und dieser Klang.

Der Aufschlag, sagt Stötzer, sei schon

Nach wenigen Schritten vergessen.

Die Schmerzen im Knie erinnerten ihn

Nur noch an seine eigenen Schmerzen im Knie.

Und Stötzer hebt an und beginnt

Ganz leise ein Lied.

Der Text habe eine slawische Note.

Einen slawischen Einschlag, sagt Stötzer

Und er zwitschert wie eine Meise,

will heißen, er lacht.

Es habe keine besondere Bewandtnis

mit ihm und mit der Stadt Chemnitz, sagt Stötzer.

Und wenn man ihn fragte, dann sei das Zentrum

noch immer so unglaublich leer.

Eine große Wiese, sagt Stötzer.

Hier zeigt sich das Loch in der Geschichte als Weite,

aber das sei, nur eine Illusion und hinten am Ende

die Magistrale heißt Straße der Nationen.

Zwölf

Stötzer kramt in seiner Jacke

Und zieht eine alte Postkarte raus.

An jeder Ecke ein wenig geknickt,

in verblasstem Schwarzweiß.

Eine Stadt zwischen den Kriegen.

Und Stötzer scheint sich zu ärgern

Stötzer schüttelt den Kopf

Und Stötzer ballt eine Faust

Und Stötzer schaut gegen die Wand

eines Gebäudes, das vormals Bezirksleitung war (SED).

Die Zeit spült alles weg, das aber, sagt Stötzer

ist ein Denkmal des Krieges (World War II)

Und es wird halten solang

wir uns an die Bomben erinnern.

Und solang jene leben, die sich an uns erinnern.

Dann zitiert er die Inschrift:

Proletarii fsjech stran sojedinjaitjes

Und Stötzer zieht über den Platz

Nein, er geht nicht, er zieht, wie ein Volk

über einen steinernen Platz zieht

an seinem Herrscher vorbei zieht

nach einem gewonnene Krieg

oder einer Weltmeisterschaft

zum Denkmal des Mannes, der einst

ihm einiges bedeutet hatte.

Und er klemmt die Ansichtskarte

auf der die Innenstadt von Chemnitz

noch als Häusermeer erkennbar ist

zwischen zwei Steine im Sockel.

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