Anfänge

 

Triptychon-Projekt als Doppelmonolog von Frankenstein und Eckermann

1.

Stille,

Licht aus.

Straßengeräusche,

Überlagerung der Straßengeräusche durch gesungene Vokale (o,i,o)

Spot auf Frankenstein

Frankenstein über die Vokale: Wo bin ich hier?

Licht aus

2.

Eckermann, sachlich, wie in einem Dokumentarfilm:

Es geht letztlich um die Zukunft. Wer war der Produzent und wer ist der Produzent, Biologie oder Geist. Die Biologie ist ein Prinzip und der Geist ist ein Prinzip. Agent der Biologie ist der Techniker und Agent des Geistes ist der Chronist. Allein bisher war der Geist das beherrschende Prinzip, doch die Biologie schickt sich an, den Geist zu verdrängen. Sie erscheint im Gewande der Lüge, tarnt sich als Geist und versucht, diesen zu verdrängen.

So war der Techniker der Diener des Produzenten. Wenn das Produkt sich aber vom Produzenten emanzipiert, verschwindet das helfende Prinzip der Biologie im Produkt und das beherrscht den Geist.

3.

Vokale, Maschinengeräusche

Frankenstein:

Warum bin ich hier, warum steckt man mich in eine Zwangsjacke? Warum bindet man mich am Stuhl fest?

Und sie, wer sind sie? Ich bin ein freier Mann, oder vielmehr: ich sollte es sein. Ich verlange, daß man mich sofort befreit. Ich verlange, daß man mich sofort losbindet. Sofort! Es ist unerhört! Und wo sind wir hier?

Der Raum: er ist schrecklich, der Raum.

Weiß ist der Raum, schrecklich weiß.

Dieses Licht. Wer gibt ihnen das Recht? Dieses Licht

ist schrecklich. Wer gibt ihnen das Recht, mich hier festzuhalten? Woher nehmen sie das Recht, mich hier festzubinden? Wer gibt ihnen das Recht, mich in diese Zwangsjacke zu stecken? Wer erlaubt ihnen, mich so

zu beleuchten? Es ist schrecklich, das Licht. Bin ich denn ein Verbrecher, nur weil ich die Wahrheit sage, nur weil ich mein Recht eingefordert habe, nur weil

ich der Schöpfer dieser Kreatur bin, der Hersteller, ich?

Nur weil ich…. Halt, ja, Wahrheit, wir sind in einem Irrenhaus. Die Wahrheit macht mich irre, weil sie sonst alle andern irre machte, außer Eckermann vielleicht und

außer die, die wissen vielleicht und sicher außer ihn, der ist, was er ist und mich irre macht, weil ich weiß, was er ist.

Eckermann, du Schwein, du hast mich ausgenutzt, du Schwein!

Sehen sie mich nicht so forschend an! Ich bin nicht krank. Sehen sie mich nicht so an, und binden sie mich los.

Das ist kein Mensch, das ist ein Pavian, sehen sie sich nur die Pranken an! Bleib ganz ruhig, Pavian! Ja, so ists gut Kollege, zeigen sie ihm, daß er sich beruhigen soll! Und jetzt lassen sie ihn meine Fesseln lösen, ich bin Doktor Frankenstein!

Ich bin ein Arzt wie sie. Ich weiß selber, wann ich krank bin, und jetzt bin ich gesund. Gesünder bin ich, als je zuvor.

Jetzt, da ich alles weiß. Oh, dieses Licht ist eine Frechheit!

Und der hat die Stein bekommen.

Alles habe ich für sie gemacht, und alles hat der eingesteckt, und der hat die Stein bekommen.

Und was ich scharf war auf die Stein, und Eckermann

hat mich hereingelegt, und Goethe hat die Stein gekriegt. Warum glaubt mir niemand?!

Am Ende war doch die Geschichte mit der Stein ganz meine Geschichte und nicht die seine, und er hat die Stein gekriegt, und es ist seine Geschichte, weil ich scharf war auf die Stein.

4. Eckermann:

Ich, der Chronist Johann Peter Eckermann, der einstige Schöpfer, werde Sekretär, bin schon Sekretär.

5. Frankenstein, Licht, vielleicht leise Kriegsgeräusche:

In Ingolstadt, da lebte wohl ein sprödes Volk. Die Frauen nichts, und nach dem Krieg, die Körper waren schlecht.

Der Krieg ist übel für die progressive Anatomie , da braucht man unversehrte Leiber, von Geköpften und Gehenkten, doch niemals die der Ehrenvollen, die im Feld sich schlachten ließen, ohne Zeit und mit wenig Blick für die Organe, hastig einfach hingeschlachtet. Und der Fürst steckte alles in den Krieg, jeden Mann und jede Mark, und nichts mehr in mein Labor. Die Instrumente setzten Rost an und das Glas war Bruch.

So stand ich auf dem Schlachtfeld und sichtete die Leichen. Hier und da fand sich ein Körperteil, welches noch zu brauchen war.

Da kam ein Typ mit einer Staffelei und fragte mich nach meiner Arbeit.

Dieser Mann war Eckermann, das Schwein. Mit ihm fing alles an. Mein Leben war nicht das beste, auch die Frauen, wie gesagt, in Ingolstadt warn spröde, waren Kriegerfrauen, waren treu und waren scharf auf Kriegerwaden nur.

Und als er, das Eckerschwein, mir mit dem Himmel drohte, kam die Hölle.

Die Hölle, das ist, wenn du alles hast und doch nichts kannst. Die Hölle, das ist, wenn deine Geschöpfe auf dich spucken und du darfst sie nicht mal mehr erschießen, denn das wäre Mord. Sie verstehen?

Die Hölle ist nicht, wenn du deine Angebetete nicht bekommst. Die Hölle ist, wenn du denkst du hast sie, und du bist es nicht, der sie hat.

6. Eckermann und Frankenstein teilweise simultan:

Bei ihnen ist das sicher anders. Sie machen ihre Leute so zurecht, daß niemand mehr an ihnen Anstoß nimmt, daß sie sich einfügen und unauffällig gehen unter anderen. Und sie werden niemals spucken, wenn sie ihnen begegnen, Herr Kollege; Vielleicht werden sie an manchem Orte leugnen, bei ihnen gewesen zu sein, aus Angst, doch niemals werden jene sie verunglimpfen. Und die, die widerspenstig sind, die bleiben eben hier. Doch ich, ich gehöre nicht hierher. Alles, was ich sage, ist die Wahrheit, ob sie es glauben oder nicht. Ich habe Goethe gebaut.Da war also dieser Kauz mit Staffelei und zwischen Leichen.

Braune Erde, hier und da ein Bein in den Furchen, die Granaten aufgewühlt hatten. Kein Bauer hätte den Acker besser pflügen können und die Saat

 

Sie wissen, was ein Mensch ist? Sie wissen was ein Charakter ist

oder sein Charakter oder der Charakter eines Menschen? Sie wissen was die Größe eines Menschen ausmacht? Sie wissen, was die Leistung eines Menschen ausmacht? Sie meinen, es zu wissen. Sie wissen es im Grunde auch.

Allerdings erscheint es ihnen als etwas Natürliches. Sie sprechen von der Natur eines Menschen. Seine Größe scheint angeboren. Menschengröße – es ist schon merkwürdig, wie man versucht,

verteilen, als in den Furchen lagen gut verteilte Eisensplitter und dazwischen Menschenteile. Nur mit Menschen ist das anders als mit dem Getreide. Sie wachsen nicht im Feld, Menschenwachsen nur im Reagenzglas. Vielmehr sie wachsen nicht, das habe ich noch nicht gelöst, wiewohl ich auf dem besten Wege war. Sie wachsen nicht, so mußt ich Fertigteile nehmen.Ich versuchte Menschen herzustellen.

Ich setzte sie zusammen aus alten Teilen und gab ihnen Leben ein mit Strom, den ich aus einem Blitz gewann und dann in Kohlenstoff und Zink und Säure aufbewahrte. Sie wissen das Gehirn funktioniert mit Elektrizität?! Aber sicher wissen sie, ich seh ja die Geräte hier.

Bis ich ihn traf,

war es mir noch nicht gelungen,

einen Menschen

Elemente derphysikalischen Ordnung für geistige Erhabenheit zu benutzen. Die Größe eines Menschen legt ein Maß nahe, doch zeichnet einen großen Menschen gerade die Maßlosigkeit in einigen Belangen aus. Grenzenlose Intelligenz so wie maßlose Disziplin. Auch wenn Disziplin zunächst jede Maßlosigkeit auszuschließen scheint, so ist es gerade diese Disziplin, die ins Grenzenlose reicht, um dieses zum Kristall der Genialität zu begrenzen. Die sich selbst begrenzende Maßlosigkeit, welch Widersinn, doch wer will schon behaupten, er hätte Genialität begriffen?

Nur einer, der sie hervorgebracht hat. Nicht in dem Sinne, daß er selbst genial

 

herzustellen, der richtig funktionierte.Meine Prototypen waren schwer zu kontrollieren, und sie kontrollierten sich nicht selbst, so mußte ich sie erschießen. wäre, die meisten Genies wissen nicht um ihre Genialität, nein, er muß der Schöpfer einer genialen Person sein.Groß ist der Schöpfer, versteckt groß jedoch, Genialität aber leuchtet im Lichte des Publikums und seiner Anbetung. So verkehrt diese Bewunderung die Religion, da sie nicht dem Schöpfer, sondern dem Produkte huldigt.

Die Menschen macht der Chronist. Der Chronist schreibt die Geschichte, die die Menschen macht.Er schafft die Tat, die Realpoesie. Ich bin der Schreiber, Hervorschreiber. Ich habe ihn erschrieben, erdacht,hervorgebracht. So dachte ich.

 

8. Frankenstein: blaues Licht im ganzen Raum, Gräusche

Eckermann bedeutete, daß seine Studien sich erledigt hätten, da er mich getroffen habe und bot mir an,

ihn nach Weimar zu begleiten. Und ich tat’s. Denn:

Dort richtete er ein Labor für mich ein; er hatte einen bürgerlichen Geldgeber aufgetrieben und besorgte Körpermaterial aus der örtlichen Justiz. Man war zu der Zeit mit Todesurteilen geradezu verschwenderisch und vollstreckte massenhaft.

Und dann gab es da diese Frau, vor der mich Eckermann zwar warnte, doch schlug alle Warnung fehl.

Zuerst erforschte ich dann mein Labor, das vorzüglich war.

Die Arbeit ging voran. Alles war sauber und neu, es machte mir Spaß. Nur dann und wann kam Eckermann und schaute mir zu, um zu lernen, wie er vorgab. Ach jetzt weiß ich, er kam nicht zum Lernen, er wollte sehen, wie es um meine Fertigkeiten steht und ob er mich nun für sich nutzen könne.

Licht aus

9. Eckermann:

Oh ja, es ist mir jetzt, als wär es gestern gewesen.

Goethe erwachte, als wäre er erschreckt von seiner Phantasie und sah mich verwundert an, als hätte ich seine Worte gesprochen; und nach einer Weile schrie er: Ich bin ewig! Bin ich ewig?

Dieses Erwachen erinnerte mich an sein erstes Erwachen und wie er vor uns lag, vor mir und Frankenstein. Er lag da, feucht noch, und Frankenstein beugte sich über ihn und sagte: Du Goethe, ich Frankenstein. Und Goethe: Du Goethe, ich Frankenstein. Frankenstein versuchte es nochmals, bekam aber als Antwort immer nur das, was er sagte. Ich Frankenstein, du Goethe. Goethe schien gefallen zu finden an diesem Spiel, zumal Frankensteins Minenspiel vom feinsten war, der Mensch, an sich schon mehr als häßlich setzte die grauenhaft-komischsten Masken auf, und Goethe entlockte sich die irrwitzigsten Töne: Du Goethe, Tröte blöde Tröte Goethe Trottel und so weiter. Frankenstein brach darauf in sabberndes Geschrei aus, daß man nicht mehr wußte, wer hier eben das Licht der Welt erblickt hatte. Er wollte sich auf sein Produkt stürzen. So mußte ich einschreiten. Ich brachte Goethe in Sicherheit und erklärte Frankenstein, daß er mit der Hülle zwar beachtliches geleistet hätte, daß ein Genie aber nicht Hülle ist. Seine Arbeit sei nun beendet. Er hätte den Menschen erschaffen, ich erschüfe nun das Unsterbliche am Menschen. Von da an gab ich Goethe alles zu lesen und schrieb, bis zu besagtem Dösen, jedes der Worte auf, das er sprach.

10. Frankenstein, wieder blaues Licht

Und eines Tages sah ich diese Frau. Ganz zufällig, ich war unterwegs mit Eckermann zur Leichenschau, da kam sie aus dem Haus des Richters, und ich sah sie in ihrer vollen Pracht. Es war ein Tag voll Sonne.

Ja wahrlich, Eckermann hatte mich gewarnt, doch was nützte die Warnung ange­sichts dieser Frau. Man könnte meinen, er hätte es gewußt. Doch warum ist er ihr nicht verfallen? Diese miese Ratte ist noch so mies und kann der Schönheit trotzen. Ein Prachtstück aber, dieses Weib.

Ja, ich war einer der unglücklichen Rivalen, die lauerten, jeder auf den anderen, ganz ohne Grund und Chance, je diese Frau zu erei­chen, und der Eckermann hat mich hereinge­legt, hat meiner Liebe Gier schamlos ausgenutzt, hat behauptet, wenn ich einen Goethe baute, wäre ich ihr nahe. Ich sei zu häßlich um sie zu erreichen. Doch mein Humunkulus, der könnte Punkte machen bei der Stein, denn alles, was mir fehle, könne ich ihm geben, und wär ich es nicht selbst, der sich zu ihr legte, wenn mein Geschöpf es tut?!

Und ich tats und gab mein bestes und eines Tages…

Du bist Goethe, ich bin Frankenstein. Bla Blaä Wolfgang, Johann Goethe, ich Frankenstein, du Frankenstein, du Arschloch, dummes Schwein, hast du mich gehört?! Und sie Kollege, kannst du mich verstehen, ich bin Frankenstein, Erschaffer, Quatsch, Schöpfer dieser Kreatur. Du bist Goethe, verstehn?!

Was habe ich da erschaffen? Einen Dieb, einen Hochstapler, eine Lüge aus Fleisch und Blut. Und wenn Fleisch und Blut vergangen sind, wird bleiben diese Lüge. Ich war nur der Anfang. Was heißt hier nur? Im Anfang war die Stein und dann war Tat. Ach was! Am Anfang war der Eckermann und dieser Krieg, der mir die Leiber nahm. Ich Frankenstein, du Goethe. Und die Wahrheit macht mich irre. Bin ich denn der Einzige, der die Wahrheit glauben kann. Sind denn alle anderen meschugge? Oder ist das alles nur ein Traum? Wo bin ich? Ist das mein Labor in Ingolstadt? Nein hier ist alles hell und sauber. Stellen sie doch dieses schreckliche Licht ab!

Noch bin ich Arzt und kann Gesundheit von der Krankheit trennen, meine ich.

Da lag sie, diese Kreatur und dachte sie sei ich. Lag da und sagte: ‘Du bist Goethe ich bin Frankenstein.’ Ich wollte sie erschlagen, wie die anderen, die auch nichts wußten und so unkontrollierbar waren. Völlig leer ist das Gehirn, wenn sie erwachen. Mag sein, ich bin ein schlechter Pädagoge, doch sehen sie, es sind erwachsene Männer und benehmen sich wie Babys und ich habe sie erschaffen, wer soll da nicht verzweifeln. Doch Eckermann ging mir dazwischen und nahm ihn mit. Der Mann, den ich erschaffen, ging mit Eckermann, der zu ihm Johann Wolfgang sagte und ihn behandelte ganz wie ein Kind und nicht wie einen Mann.

Doch er war mir gut gelungen, dieser Goethe, so gar kein Kind, vielmehr ein Mann, ganz stattlich, zumindest äußerlich.

Von nun an schrieb der Eckermann jedes Wörtchen auf, was Goethes Maul entfleuchte und fütterte ihn auch mit jedem Wort, was ihm zu Händen war. Aus Goethe wurde eine Denkmaschine, die Sätze produzierte in einzigartiger Anzahl. Und jeden schrieb er mit, der Eckermann. Und dann, nach einer Weile, hat er sie geordnet und Cotta sie gedruckt.

Jetzt wurde sie bewundert, meine Kreatur, und ich sah meinen Morgen dämmern. Der Cotta würde reich und ich beliebt, ich, der Schöpfer dieser einzigartigen Kunstperson. Die Stein würde mir zu Füßen liegen.

Doch sie lag mir nicht zu Füßen. Vor dem Kunstprodukte kniete sie und hörte, was er sagte und war wie Wachs in seinen Händen, die ich gemacht und die doch nicht meine Hände waren.

Hatte nicht der Eckermann gesagt, daß das, was Goethe besitze, auch mir gewissermaßen gehöre?! Gewissermaßen ja, doch hatte ich nichts davon. Wenn er bei der Stein lag verspürte ich keine Befriedigung, und keinen Stolz verspürte ich wenn er bewundert wurde für seine Leistung, denn niemand wußte ja, daß ich ihn geschaffen hatte, und als ich es bekanntgab…. Sie sehen selber wo ich jetzt bin. Niemand glaubt mir, und ich seh in ihren Augen, sie auch nicht.

Ich beschwerte mich bei Eckermann, der wenigstens als Sekretär und Freund des Hauses an Goethes Ruhm partizipierte und so zu Eckermann erst wurde, sie verstehen. Vorher war er nichts, jetzt ist er Goethes Eckermann.

Er sagte, das sei meine Tragik. Mein Produkt übersteige mich um einiges, und niemand würde glauben, ein Affe könne Philosophie betreiben und so könne auch niemand glauben, mein Produkt sei Schöpfer eines Faust. Goethe gehöre lang schon nicht mehr mir, sondern der Gemeinschaft, und er partizipiere nur an Goethens Ruhm, weil er beide, Gemeinschaft und Goethe, vermittele, und ich sei viel zu sehr ans Irdische gebunden; ich hätte zwar den Mann gemacht, doch er das Genie.

11. Eckermann:

Und die Frage nach der Ewigkeit.

Ich wußte zunächst nicht, worauf er hinaus wollte.

Ich verwies ihn auf die Haltbarkeit der Bronzen, welche seinen Namen tragen, auf die Bücher und ihre Wirkungen und auf seine beständige Verjüngung durch neue Rezeption. Aber das wollte er nicht hören. Er wollte den Unterschied sichtbar machen zwischen ihm und mir, wollte mir zeigen, daß er mich, seinen Schöpfer, längst überstiegen hatte.

Er verlangte, daß ich ihn nunmehr mit ‘Euere Exzellenz’ ansprechen solle.

Erstaunt erst und dann erzürnt entgegnete ich:

Jetzt hast du also dein pluralis majestatis durchgesetzt, ist das das Ziel deiner Wünsche? Ich, dein Schöpfer, bin nunmehr noch dein Sekretär, und mehr nicht, ich bin gerade jener Trottel, der deine Schreibmaschine spielt und die Manuskripte ordnet.

Und er fragte, was ich ohne ihn wäre. Alles! entgegnete ich. Und er: Nichts!

Nichts ist alles, sagte ich, Herr Geheimrat, Ihr seid Dichter und berühmt, doch seid Ihr Dichter, sagte ich. Eure Scheiße ist nicht mehr Eure Scheiße, sondern die Scheiße des Dichters, sagte ich. Euer Blut ist das Blut des Poeten und Euer Wort hat Gewicht. Jeder Furz ist öffentlich und ich sorge dafür, daß er auch bekannt wird, sagte ich, jeder Furz. So habt Ihr mich überstiegen, aber nur durch mich, sagte ich. Ich verbreitete die Kunde Eurer baldigen Anwesenheit, sagte ich, und öffnete somit Euch die Türe zur Welt und der Welt Eure Tür. Und indem auf Euch geschaut wird erst seid Ihr, sagte ich, und seid mehr als ich, der da zeigte und zeigend zeugte. Mag sein, daß Cotta mich ignorieren würde, aber Ihr seid nicht mehr würdig, ignoriert zu werden.

Auch wurde sein Wort gehört, sprach er, und es sei mit Schweiß geschrieben. Aber, sagte ich, was es beschreibt, ist nicht Euer Schweiß. Der Schweiß der Anderen wird zum Diamant auf Eurem Hals und dem der Organisatoren. Die

Muskel wird zur Zahl auf Euren Konten, und dafür setzt es noch Bewunderung der Genialität. So schreib ich nur mit Tinte, sagte ich, und ich bin froh darüber. Sicher, ich hab Euch erschaffen, sagte ich, und so auch mich, doch paßt auf, wenn eines Tages ich mir nicht genüge, sagte ich.

Ach, man sei sich nie genug, sprach er, immer unstet sei der Mensch und sucht sich selbst und seinesgleichen.

Das sei sein Glück, sprach er, denn niemand sei sich gleich. Der Arme sei nicht immer arm, der Reiche sei nicht immer reich. So bleibe er ewig, wie er sei und sei doch nicht zu fassen. Er sprach es und ich war an jenem Tag erledigt. Ich war nurmehr sein Sekretär.

12. Frankenstein: Licht blau ins Grüne gehend

Seitdem reicht es mir, und ich verbreite, wo ich geh und steh die Wahrheit über Goethe mich und …

Eckermann, du Schwein, wozu hast du mich getrieben?! Er hat sich alle meine Träume erfüllt und ich habe nichts davon. Du haßt mich, auch ich hab mich selbst betrogen, ich habe ihn ja gemacht. Lassen sie mich los, ich bring die beiden um. Ich mach dich fertig. Eckermann, du Schwein. Und Goethe, du wirst eingestampft, denn über mein Produkt bestimme ich!

Nein, bleiben sie weg mit der Spritze! Was haben sie vor?

Ich bin ganz ruhig. Aber glauben sie mir doch, nicht ich bin verrückt, die Welt ist es.

Jetzt erwarten sie sicher, daß ich ihnen mein Leben erzähle, aber das werde ich nicht tun, mein Leben

tut hier nichts zur Sache. Mein Leben geht niemanden etwas an, und was ich erzähle, bestimme ich.

Meine Biographie ist keine Krankengeschichte.

Aber Herr Kollege, so bleiben sie weg und pfeifen sie diesen Pavian zurück! Pfeifen sie ihn zurück! Geh weg!

Machen sie mich los. Bitte sagen sie ihm doch, er soll mich losmachen. Sehen sie, ich bin ganz ruhig. Ich bin ganz ruhig, Herr Doktor. Ihr macht mich kaputt. Macht mich bitte nicht kaputt. Die Spritze. Was ist da drin? Sie wollen mich wieder menschlich machen? Aber ich bin doch Mensch, der Goethe ist ein Kunstprodukt. Ich bin nicht verrückt! Nur ein Beruhigungsmittel? Hat der Eckermann euch geschickt. Ich will in mein Labor. Ich habe ihn erschaffen. So verstehen sie doch! Nein!!!!

13. Video Eckermann:

Vielleicht entspringt der Siegeszug der Biologie auch der Hybris, als Chronist nicht nur den historischen Menschen schaffen zu wollen, sondern den aktuellen und sich dabei des Geldes und der Biologie zu bedienen, es nicht dabei belassen zu wollen, schreibend das Geschehene zu gestalten, sondern handelnd das Geschehen. Doch dacht ich niemals an die Bedrohung durchs Produkt, immer nur an seinen Nutzen. Einzig Sorge machte Frankenstein.

Er fühlt sich betrogen um den Ruhm und um die Stein. Wohl mehr um die Stein als um den Ruhm. Und ich hatte ihn gewarnt, schon als ich ihn in Ingolstadt zum ersten Male traf.

14.Frankenstein Licht grün:

Kreisläufe, wunderbare Kreisläufe. Natur: Eines ergibt sich allmählich aus dem Anderen. Eines wird zum Anderen und findet sich am Ende wieder selbst. Aber am Ende ist der Anfang, also: das Ende ist kein Ende sondern der Anfang. In der Puppe entwickelt sich der Falter, um Eier zu legen, denen Raupen entschlüpfen, welche sich verpuppen, die Raupe enthält den ganzen Falter und die Puppe die Raupe und so weiter. Alles ist in allem.

Als ich Kind war, war es Gott, der alles geschehen ließ. Doch dann kam der Tod. Er nahm mir meine Mutter, und ich wußte, daß es Gott nicht gibt. Nur die Natur kennt keine Reue und ist das, was wir grausam nennen. Ich hätte ihr soviel noch zeigen können an Wunderbaren der Natur. Doch nahm die Natur mir meine Mutter und es war nicht wunderbar, es war grausam. Erst Jahre später sah ich in der Stein ein Weib, das meiner Mutter gleichkam, und ich wollte die Natur verbessern für die Stein, ich wollte ihr das Wunderbare schaffen, aus meinem Wissen.

Allmählich? Nein, am Wasser ist ein Gleichnis.

Und das Wasser?

Was war das Wasser? Was ist mit dem Wasser? Es muß den Zustand geben, da das Wasser, wenn es gefriert, eine zähflüssige Masse bildet. Sie verstehen? Das Wasser! Erst ist es flüssig, dann ist es fest. Es muß einen Zwischenzustand geben, vielmehr unendlich viele Zwischenzustände, wenn das Wasser gefriert, könnte man denken, muß man denken. Aber das Wasser ist nicht zähflüssig, ist flüssig oder fest nur, ist Wasser oder Eis. Das Wasser ist Revolution. Wenn es gefriert, springt es ins feste, verfestigt sich nicht, vereist nicht, ist Eis, wie es Wasser war, ist Wasser, wie es Eis war, erstarrt im Moment, in dem es zerfließt.

Und der Geist? Ist er Geist? Erstarrt Natur zu Geist? Wo aber ist der Gefrierpunkt? So fragte ich, schon kein Kind mehr, der Krieg hatte mich nach Ingolstadt verschlagen.

Wo ist der Gefrierpunkt?

Erstarrt Natur zu Geist oder ergießt sie sich in Geist? Und wenn ein Mensch stirbt, erstarrt er dann nicht zu Natur? Oh ja, im Krieg verläßt der Geist die meisten und läßt sie erstarren und dann sind sie nur noch Material.

Es mußte also so sein, daß Natur sich in Geist ergießt. Und Elektrizität ist fließende Natur, ist Bewegung ohne Stoff, nur am Stoff, und Elektrizität in Form ist Geist. Ich mußte also Formen haben, die die Elektrizität eindämmen, daß sie sich in Form ergieße und nicht im Kosmos sich verliere. Körper mußte ich Schaffen und sie mit Elektrizität zusammenbringen, die ich aus einem Blitz erlangte, und dieser Blitz durchzuckte ihn und er hob die Augenbraue.

Eckermann hat mir angetragen, einen solchen Mann zu schaffen, der die Welt für sich gewinnen könnte, und mit ihm gewönne dann auch ich sie; dies sei mein Vorteil und mein Lohn. Und ich wollte nicht die Welt, ich wollte nur ein sauberes Labor und diese Frau, die meinen Kopf besetzte, kaum das ich sie sah. Vielleicht schlug Goethe deshalb auch so bei ihr ein, bei dieser Frau, und ich mußte mit ansehen, wie er sie um den Finger wickelte. Ich habe Goethe für die Stein gebaut, gewissermaßen, und meine Tragik ist das ich die Stein niemals mit meinem Produkt gewann, sondern sie an es verlor und mit der Stein die Welt. Einen schönen Menschen hatte ich erschaffen, schön und würdig.

Und wie er dalag mit erhobner Augenbraue, umstrahlt von einem blauen Licht. Und sicher, eine Arroganz war schon zu sehen. Ach dieses Licht.

Oh dieses Licht, es ist eine Frechheit dieses Licht. Wo bin ich hier. Ach ja, und wieder dieser Pavian. Eckermann du Schwein, Betrüger du! Du hast mich hierher gebracht, in dieses Licht. Machen sie das Licht aus, schnell, ich halte das nicht aus!

Und nicht schon wieder so eine Spritze!

15.Eckermann:

Doch dann kam der scheinbar unglückselige Tag, der sich dann doch als Glück herausstellte, nur nicht für Frankenstein.

Dieser war auf den Heimweg in sein Labor, welches natürlich auch sein Zuhause war. Er kam vom Scharfrichter, kam von der Leichenschau und hatte sich manch unversehrtes Körperteil ausgewählt für seine Monsterwerkstatt. Sie kam aus dem Gericht, sie hatte irgendwen besucht und stand auf der Vortreppe, umstrahlt von Frühlingssonne als Frankenstein vorbeieilte. Frankenstein stockte und…, sie kennen den Anblick eines Rabenkopfes, wenn dieser scheinbar ungläubig etwas beäugt, solchermaßen stieß Eckkermann den Kopf vor und zuckte zurück, mal das linke, mal das rechte Auge zugekniffen und das jeweils andere auf das Objekt gerichtet. Das ging so eine Weile, bis seine Hand Halt in der Luft suchte, da er zu schwanken anfing und sich seitwärts neigte. Sie fand ihn nicht, den Halt, so daß Frankenstein, in kleinen Schritten, seinem Körper folgend, sich immer weiter seitwärts beugte, bis er mit einem staubigen Klang vor der Treppe lag. Er erntete einen belustigten Blick der Stein, erhob sich hölzern und wankte heimwärts, diesmal wie ein betrunkenes Huhn. Kurz: Es war um ihn geschehen. Von nun an sah sein Labor wüst aus und er bastelte unnütze Dinge. Ich machte ihm klar, daß er die Stein nie besitzen würde, daß aber, sollte er einen Homunkulus, einen Goethe schaffen, der bei der Stein lande, dies doch fast das Gleiche wäre. Was sein Produkt besitze, das gehöre gewissermaßen doch auch ihm.

Er sah mich ungläubig an, doch er war in einer erbärmlichen Stimmung, so daß er alles, was auch nur die geringste Chance bot, ihn der Stein näherzubringen, gierig aufsog. So blickte er zwar ungläubig, machte sich aber sofort ans Werk. An erlesenen Materialien mangelte es ihm nicht. Und, als wäre seine steinige Liebe eine Erleuchtung, entstand unter seinem fieberigen Blick, mit fahrigen Händen ein Meisterwerk.

Ich führte Goethe weg und stellte ihn der Stein vor.

Ja Goethe und die Stein, da wußte ich plötzlich, was Mimesis ist. Wie er vor ihr kniete und seinen Kopf in ihren Schoß legte, Verzweiflung und Trauer spielte, so überzeugend, daß ihm bald echte Tränen in den Augen standen. Er wickelte die Stein um den Finger. Er bedeutete ihr, daß er nur für sie lebe und schrieb, und es war nur eine Frage der Zeit, daß er sie für sich gewann. Frankenstein hatte ihn ja für die Stein gebaut.

Doch merkte er bald, daß aus Goethes Vergnügen ihm keine Befriedigung entsprang. Er mußte Stille halten und sah, wie seine Produktion des Menschen an allen Stellen angewendet ward. Doch hat er es nie begriffen. Was sich seiner Hand entzieht, erkennt Frankenstein nicht. Der Staat bastelt sich ein Volk, die Industrie bastelt sich die passenden Lohnarbeiter, die Medizin sich die Patienten. Er, der ewige Mechanist, sieht den Goethe immer noch als sein Produkt, nur weil er diesen physiologischen Organismus zusammengezimmert hat, mit etwas zu kurzen Beinen, und denkt, das genüge schon für ein Genie. Die Hülle war leer, ich hab sie angefüllt und aus den groben Händen Schreiberhände gemacht und aus dem Kopf den Dichterkopf. Ich hab den Rohling geformt, die Welt in ihn gesetzt. Jetzt strömt sie uns zurück.

Der nunmehr aggressive Frankenstein rannte durch die ganze Stadt und brüllte rum, er hätte Goethe erschaffen, erntete nur Hohn und Spott, wurde letztlich aufgegriffen und ins Irrenhaus gesperrt.

Was bleibt aber, bestimmt der Chronist. Der Chronist ist es, der die Helden schafft. Frankenstein wird kein Held, Frankenstein wird eine Figur. Frankenstein ist unwirklich wie die Natur, die hinter ihrem Bild zurückbleibt. So geht er ein in die Vergangenheit und lebt nur als gefühlvolle Erinnerung und als Makel, den der Wissenschaftler, der dem Helden nicht gesonnen ist, am Helden findet.

16. Frankenstein, Licht rot:

Mein Körper… Mein Körper… Oh, diese Präparate, wie Drähte an meinen Schläfen, fühle ich Nadeln. Nadeln in der Luft. Blitzzucken, durchschlagen Nadeln meine Schläfen, Nägel fast, und mein Bauch. Ein Tumor, mir träumte von einem Tumor. Krebsgeschwür unter meiner Bauchdecke. Ich konnte es fühlen und mit beiden Händen umfassen, das Krebsgeschwür. Es war rund wie eine Kugel. Es war kugelrund, eine Krebskugel. Ich hielt es erst fest, bis ich entdeckte, die Krebskugel ließ sich bewegen, lag wie ein Fremdkörper in meinem Bauch. Ich bewegte den Krebs. Ich bewegte die Kugel, bewegte sie erst nur hin und her. Mir kam der Gedanke eines Ausgangs. Ein Ausgang aus meinem Körper, nur für die Kugel, wenn nicht für mich. Mir wurde schwindelig. Vielleicht, dachte ich, vielleicht bin ich ja die Kugel. Vielleicht bin ich ja der Krebs, vielleicht bin ich ja die Krebskugel. Ich suchte also nach einen Ausgang, indem ich die Kugel durch meinen Körper bewegte, so gut es ging, so gut meine Hände es konnten, an Orte die meine Hände erreichten. Ich suchte die undichte Stelle in meiner Haut, die Stelle, um die Kugel und vielleicht auch mich aus meinen Körper zu befreien. Ich suchte das Loch in der Haut des häßlichen Körpers, der bisher Frankenstein war. Allein es gab da kein Loch. Der Körper war in dieser Hinsicht vollkommen, vollkommen dicht. Es verließ mich der Mut. Es verließ mich der Mut, mich von der Kugel, mich von mir zu befreien. Es verließ mich der Mut. An die Stelle des Mutes trat Verzweiflung. Sie hatte immer schon hinter den Mut gelauert. Schwer wurde die Kugel. An die Stelle des Mutes trat Gewalt, die Gewalt der Verzweiflung. Schwer wurde die Kugel. Die Hände stellten die Suche ein. Die Hände ließen die Kugel fallen. Schwer fiel die Kugel in die Eingeweide. Der Schmerz wurde der Gewalt zur Nahrung. Der Schmerz hielt an und fütterte die Gewalt, und die griff nach den Händen.

Die Hände, von der Gewalt ergriffen, versuchten die Bauchdecke zu öffnen. Sie krallten sich in die Haut der Bauchdecke. Sie zerrten die elastische Haut der Bauchdecke auseinander. Sie ließen von der elastischen Haut der Bauchdecke ab. Die Bauchdecke zog sich in sich zusammen wie eine Nacktschnecke. Sie zog sich schmerzhaft zusammen. Sie zog sich zusammen wie ein zertretener Regenwurm. Der Schmerz fütterte wiederum die Gewalt und diese ergriff erneut die Hände, welche sich in die noch schmerzende Bauchdecke krallten. Der dauernde Schmerz ließ die Gewalt dauern. Der Schmerz pulsierte. Die Hände zerrten im Rhythmus des Pulses der Schmerzen. Wieder und wieder und wieder. Es zeichneten sich die Blutspuren geplatzter Äderchen ab. Ein reißender Schmerz ließ die Gewalt sich bäumen. Die Bauchdecke gab den Händen nach und die Bauchhöhle frei. Zwischen den Därmen lag die Kugel, die sich nun entrollte wie ein Gürteltier, aber zunehmend menschliche Gestalt gewann. Ich sah die Gestalt, sich aus dem Gedärm wühlend, herausarbeiten. Ich sah die Gestalt, wie sie meinen Körper verließ. Ich sah die Gestalt. Es war nicht ich. Es war – Goethe.

Die Gestalt bewegte sich von mir fort, geführt von Eckermanns Schatten. Sie bewegte sich auf eine andere Gestalt zu, die soeben in meinen Gesichtskreis trat. Ich konnte die Gestalt einer Frau erkennen. Ich konnte die Gestalt einer schönen Frau erkennen. Ich konnte die Idealgestalt einer Frau erkennen. Ich konnte die Gestalt meiner Mutter….

Mutter! Aber meine Mutter war tot. Aber meine Mutter war auferstanden in meinem Traum. Meine Mutter, der ich die wunderbaren Seiten der Natur zeigen wollte, war auferstanden in meinem Traum, aber nicht für mich. Sie war auferstanden für mein Geschöpf, und beide, mein Geschöpf und meine Mutter zeigten mit den Fingern auf mich und lachten. Und sie lachte das Lachen der Stein.

Eckermann, du Schwein. Eckermann, du Schwein hast mich hereingelegt. Eckermann, du Schwein.

17. Eckermann:

Allerdings wird auch niemand angesichts der Geschichte an den Chronisten denken. Aber der Chronist wird sein, solange es Geschichte gibt. Mit dem Chronisten würde Geschichte verschwinden und fände sich nur noch als Zeichen, als Sockel, verstehen sie, als in Kupfer getriebene Anwesenheit, als der Vergängnis verfallende Ewigkeitsheuchelei, verstehen sie?!

Er war ja meine Lüge. Und jetzt ist die Lüge ewig. Nicht Fleisch und Blut sind Lüge. Lüge sind Name und Geschlecht, Individualismus und Biographie, mächtige Lügen, und ich dachte, ich hätte alles im Griff, könnte sozusagen die Lüge auskontern. Ich hatte ihn erschaffen und sie haben ihn genommen, wie er sich selbst.

Ich dachte, ich hätte alles im Griff, erhalte mich am Leben, indem ich ihm zu Leben verhalf, zu Leben und Ruhm. Mich am Leben erhalten heißt, präsent sein als Gedanke. Aber der Ruhm frißt seinen Vater, oder vielmehr, der Ruhm depotenziert seinen Vater. Ich will keine Dankbarkeit, ich will Gerechtigkeit. Verdammt, ich bin kein Sekretär, ich bin der Vater seines Ruhms, der Vater, verstehen sie, der Vater des Ruhms bin ich.

Sie kommen über Euch, ihr werdet es sehen, sie kommen über euch. Ewigkeit! Sie sind überall, Frankensteins Geschöpfe. Sie wollen den Chronisten ersetzen. Sie wollen den Geist durch die Biologie ersetzen. Der erste Schritt war Goethes Emanzipation von seinem geistigen Vater. Als Väter bleiben dann noch die erfundenen Biologischen. Wir haben sie nicht mehr im Griff, die Geschöpfe. Ich hatte alles so gut geplant.

Die Ratten wachsen zu Menschengröße.

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