Chemnitz

Diese Stadt weist in jegliche Richtung

sagt Stötzer und ist doch immer nur eine

Durchgangsstation

Das Zentrum des Universums eben

und wenn wir uns sehen, sehen wir uns

wie wir uns voneinander entfernen

was wir für Trauer halten mein Lieber

dabei ist die Haltung des Kopfes.

Ein Schwan beim Fressen.

Aber bei ihnen, sagt Stötzer, ist es wohl effektiver.

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die Anfänge

Dieses Erwachen erinnerte mich an sein erstes Erwachen und wie er vor uns lag, vor mir und Frankenstein. Er lag da, feucht noch, und Frankenstein beugte sich über ihn und sagte: Du Goethe, ich Frankenstein. Und Goethe: Du Goethe, ich Frankenstein. Frankenstein versuchte es nochmals, bekam aber als Antwort immer nur das, was er sagte. Ich Frankenstein, du Goethe. Goethe schien gefallen zu finden an diesem Spiel, zumal Frankensteins Minenspiel vom feinsten war, der Mensch, an sich schon mehr als häßlich setzte die grauenhaft-komischsten Masken auf, und Goethe entlockte sich die irrwitzigsten Töne: Du Goethe, Tröte blöde Tröte Goethe Trottel und so weiter. Frankenstein brach darauf in sabberndes Geschrei aus, daß man nicht mehr wußte, wer hier eben das Licht der Welt erblickt hatte. Er wollte sich auf sein Produkt stürzen. So mußte ich einschreiten. Ich brachte Goethe in Sicherheit und erklärte Frankenstein, daß er mit der Hülle zwar beachtliches geleistet habe, daß ein Genie aber nicht Hülle sei. Seine Arbeit sei nun beendet. Er hätte den Menschen erschaffen, ich erschüfe nun das Unsterbliche am Menschen. Von da an gab ich Goethe alles zu lesen und schrieb, bis zu besagtem Dösen, jedes der Worte auf, das er sprach.

http://postkultur.wordpress.com/die-anfange/

http://www.page-hertzsch.de/gestaltungssystem/pages%20gestaltungssys/projekt/index.html

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für kim jong il (Passendorf)

Eins

Vielleicht hat man einfach vergessen, daß dort einmal ein Sumpf war. Es ist kaum noch vorstellbar. Eher hügelig, hügelig trocken würde man das Gelände beschreiben. Grautrockner Rasen und Goldruten hier. Ein wenig karstig vielleicht aber nur, wenn man sich noch nie an den Stränden Jugoslawiens gesonnt hat. Vorbei ist vorbei. Dies nun sei der letzte Kommentar eines vorlauten Erzählers, der sich manchmal in Zeiten zurücksehnt in denen man von Tito und von Faschismus sprach. Es geht hier um Stötzer und wie er sich selbst sehen könnte: Dreiteiler, offene Jacke die Daumen im Ärmelausschnitt der Weste verhakt. Standbild. Stötzer als Lenin vielleicht.

Zwei 

Auf den Brachflächen neben dem Tunnelbahnhof wächst Kraut. Schotterkraut, als sei es mit dem Zug gekommen, als hätte sich der Samen in den Jacken der Arbeiter bis hierher an den Rand des Wohngebiets Halle Neustadt gerettet, an den Rand der Geschichte. Die Vorstellung von einem Sumpf erinnere ihn doch allzusehr an eine naive Betrachtung der Natur; sagt Stötzer und doch sei hier einmal ein Sumpf gewesen.

Drei

… dann stellt er sich Barbaras Namen vor. Das Blonde im preußischen, ein harter Klang. der an eine Laubharke erinnert mit beweglichen Zinken, eine Harke, die Kinder benutzen, um das Spielen auf einer Harfe zu imitieren. Der Name paßt weder zu ihr, noch paßt er nicht. Wenn sie vor ihm stünde vielleicht, wenn sie sich versonnen eine Locke drehte. Barbara. Die Fremde.

Platte machen

Oder man hat einfach nicht damit gerechnet, dass sich etwas ändert, denn Utopien wollen das Finale, sagt Stötzer, den Abschluss, die Ewigkeit, deshalb hätten wir ihnen vertraut. Wir waren es einfach gewohnt, ihnen zu trauen. Keiner will schließlich spurlos verschwinden Himmelsdom, Sternenzelt, und auch der Stadtraum. Wer habe da noch irgendwelche Zweifel am Kommunismus haben können. Selbst Parkbänke wollte man beheizen, einen kleinen Abzweig schaffen aus Fernwärmeleitungen, diesen grauen Ungetümen, hin zu den Ruheplätzen für Rentner und Halbwüchsige, nachts in wachsender Landschaft.

Fünf

Nur dass er kommen würde, war gewiss. Wir standen an einer Schwelle. Hinter der verglasten Front des Tunnelbahnhofes und hinter dem Eingang verlieren sich Rolltreppen im Schacht. Sie laufen nicht. Alles hier ist stumm und sieht aus, als wäre es neu. Als müsse nur einmal richtig geputzt und benutzt werden. Bilderbuchwetter. Aber Utopien wollen die letzte Veränderung sein, sagt Stötzer und blickt sich um. Er zeigt auf eine Efeuranke, die von einem Balkon wächst im siebenten Stock und die Ranke hat den Boden fast erreicht. Das macht sie so konservativ, sagt Stötzer.

Sechs

Im Kies vor dem Einkaufszentrum verstauben Reifenspuren. Double Fantasy in Leuchtbuchstaben über einem Jeansladen. Hinter der Schaufensterscheibe tote Wespen. Mindestens sieben. Als kämen sie ohne Bewegungen aus, sagt Stötzer. Lange schon haben die Auslagen nicht mehr gewechselt. Der Staub, und die ausgebleichten Stoffe, das handgemalte Schild mit Ausrufungszeichen. Paradies. Arbeiterparadies, Stötzer muß lachen. Im Paradies gäbe es keine Zeit. Wer hätte gedacht, dass diese Platten altern könnten, in einer Zeit, einer Neubaublockzeit. 

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alte texte zur lage 2

Ex Archia
Wie weit wir doch von der Welt entfernt sind
Die Schmerzen im Knie unbestimmt und ich weiß
Wenn ich hinter mich blicke nicht einmal
Über welchen Stein ich eben gestolpert bin.

Das Bild,
Bild vom Bild,
der Klang
Und irgendwas holpert
künstlich Schikanen.

Geräusche
Noch nicht getrennt.
Kein Satz,
der zitierbar wäre.

Geruch
und Geschmack,
Gegen die Wand.
Das Wasser im Glas ein Nebel
mit Schlieren.

Die Töne, mein Lieber. Geräusche
Bis zur Wirklichkeit dämmen.
Ein Vorgang außerhalb der Geschichte.
White Noise. Am Nachbartisch

Leute mit Büchern,
Gedanken
als Ware.
In Zeitungspapier eingeschlagen,
die Ware als Wache.

Als hörte ich die Welt, sagst du,
Zum ersten Mal. Stimmen und Instrumente.
Vereinzelt Motoren in der Fußgängerzone.
Frischfisch und Brote und Flaschen
Gegeneinander. Dinge
Des täglichen Bedarfs. Abends drängen
Durch das verschlossene Fenster
Die Autoscheinwerfer ins Zimmer
Schatten über dem Stuck.

Was endet
an stillgelegten Gleisanlagen?
Die Restlaute Explosionsverwehung,
Stimmen des Krieges
Geschichte in Obertonwelten.

Zwischen den Buchstaben lesen.
Als schöpfe die Sprache
aus dem Vollen,
Den Wolken, ein Arsenal
Wendung, Semantik, Gefühl.

Abspachteln, Zahnschmelz, am Nebentisch
Stimmengewirr griechisch sagst du
Und mußt es ja wissen denn du
Trägst einen Reiseführer in deiner Tasche
Und kennst dich hier aus. 

(aus: Verzeichnis. Gedichte. München 2006)

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Silvester

Ob er die Stadt liebe, habe ich Stötzer gefragt. Es war um die Jahreswende 2000/2001 und ich erinnerte mich daran, wie wir als Studenten zu Silvester Briefumschläge mit unseren Erwartungen in eine alte Geldkassette gesteckt hatten, um sie ein Jahr später wieder hervorzuholen. Stötzer machte eine weit ausladende Armbewegung, als wolle er alles um uns herum in diese Geste einbeziehen. Eine erste Regung, die abrupt abbrach, und er bedachte mich mit einem Seitenblick, in dem etwas lag, was ich nicht einzuschätzen wußte, was aber ein wenig wie Weisheit aussah. Die Stadt sei immer öfter eine andere geworden. Er brauche zwar noch keinen neuen Stadtplan, aber er könne sie wieder und wieder durchstreifen und etwas entdecken, woran er bislang nicht einmal gedacht habe, und das sei doch das Wichtigste. Dabei, im Umherschweifen also, habe er, ein Verhältnis zur Stadt entwickelt, das vielleicht an eine Freundschaft erinnere, eine tiefe Freundschaft, wenn mann so wolle. Denn Freundschaft heißt doch so etwas wie das Wiederentdecken des Vertrauten im Fremden. Er nickte zwei, drei Mal, als würde er sich selbst bestätigen. Trotzdem, sagte er, je länger er darüber nachdenke, ja, er liebe die Stadt.

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alte Texte 1

Es trieb schon, eisig kalt, matschige Schneeflocken in sein Gesicht. Immer wieder griffen seine Hände in den Stapel Flugblätter, den er unter der Jacke trug. Er verteilte sie nach allen selbsterdachten Regeln der Konspiration. Mathias sicherte nach den Seiten. Der Karl-Marx-Platz stand voller Leute, eine Menschenmenge, die man sonst nur zu Fußballspielen oder offiziellen Festen der Partei sah, deren Verkaufsstände sonst rare Ware versprachen. Bisher war der Protest reichlich unartikuliert. Wir bleiben hier, war das Statement, das man allerorten hörte.Kaum hatte er das erste Flugblatt unter seiner Jacke hervorgeholt, sah er sich in eine dichte Traube gedrängt. Er sah seine Hände, die die Flugblätter reichten und die Hände, die danach griffen. Manchmal griffen zwei gleichzeitig zu. Da der Regen das Papier schnell aufweichte, riss es und die Hände die gleichzeitig zugegriffen, ließen es gleichzeitig fallen. Es tat ihm leid um jedes zerrissene Flugblatt. Die hundert Stück, die er unter der Jacke hatte, schienen angesichts der Menschenmenge mehr als lächerlich. In wenigen Minuten war alles Papier verteilt, er hatte versäumt, ein Exemplar für sich zu behalten. Der Demonstrationszug setzte sich in Bewegung. Stasi in die Volkswirtschaft! Schnitzler in den Tagebau! Wir sind das Volk! Einige Leute schimpften in eine Kamera. Er ging an der Seite von Mathias. Die Stimmung verweigerte ihm das Denken. Das einzige, was in seinem Kopf Platz hatte, war ein diffuses Gefühl von Gemeinsamkeit. Die Leute, die ihn umgaben, waren nicht die, die er bis dato auf den Straßen dieses langweiligen Landes gesehen hatte. Er machte einige Versuche, mit ihnen mitzuschreien. Wir sind das Volk! Dieser Sprechchor setzte sich durch. An der Wahrheit des Satzes hatte er keinen Zweifel, doch seine Versuche, ihn zu rufen, endeten meist nach der ersten oder zweiten leisen Wiederholung der Worte.

 

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Erste Rezeption

Das Zimmer hat eine Tapete, die in den fünfziger Jahren schön gewesen wäre. Aber auch die vertrauten Motive an den Wänden können seine Beklemmung nicht lösen. Das ist also das berühmte Zimmer 103. Alle wissen von seiner Existenz und erwähnen es beiläufig. Manchmal aus Spass. Pass auf oder du musst in die Hundertdrei zum Vaunuller. Als käme von da niemand zurück, zumindest nicht so, wie er hinging. Ein Ort der Verwandlung. – Er selbst hatte nie damit gerechnet, das Symbol des Ministeriums für Staatssicherheit im Holzrahmen hier in eben jenem Zimmer zu Gesicht zu bekommen. Das Bild des Generalsekretärs ist das gleiche, das im Speisesaal für Unteroffiziere und im Fernsehraum hängt. Es ist etwas älter als das im Clubhaus. Honecker über Presspappe gezogen. In Gedanken beißt er sich auf die Lippen. Am Tisch aus den fünfziger Jahren sitzt ein etwas jüngerer Hauptmann. Dieser Mann, heißt es, habe mehr Macht als der Regimentskommandeur. Grüß dich, hört er ihn sagen. Er ist verwirrt über den vertraulichen Ton. Ob er rauche, wird er gefragt. Er steckt sich eine Zigarette an. Das Streichholz springt neben den Aschenbecher. Der Hauptmann nimmt es auf und schnipst es in den Papierkorb. Er zittert mehr als sonst. Das Interieur des Zimmers unterscheidet sich nicht von dem anderer Amtsstuben. Das Tonband aber auf dem Tisch ist ein sowjetisches Mira mit eingebautem Mikrofon. Könnte in jede Jackentasche passen. Es läuft auf Aufnahme. Der Hauptmann erzählt von der internationalen Lage. Es fänden gerade die Herbstmanöver der NATO statt, sagt er, in unmittelbarer Grenznähe. Grenznähe! Der Krieg könne jeden Augenblick beginnen. Ob ihm an der Stimmung der Truppe irgend etwas aufgefallen sei, wird er gefragt. Er weiß nicht, was Irgendetwas ist und verneint. Der Hauptmann legt ihm ein Papier vor. Er erkennt seine eigene Schrift. Ein Gedicht aus der Zeit, als er Offiziersschüler war, sechs Wochen lang, bis er aufgab. Er hatte es niemanden gezeigt. Man könne das analysieren lassen, sagt der Hauptmann.

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